Efeu - Die Kulturrundschau

Ohne abgespreizte Finger oder gespreiztes Gerede

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19.03.2016. Bei der Berliner MaerzMusik entlarvt die FAZ "Performation" als neuen Ausdruck für Hochstapelei. Mit äußerster Skepsis begegnet sie auch der Spiegel-These, Gottfried Benn habe von seiner Ehefrau Sterbehilfe in Anspruch genommen. Die Welt singt dem Reggae-Pionier Lee "Scratch" Perry ein Ständchen zum Achtzigsten. Die NZZ bestaunt in Paris Isabelle Huppert als Phädras. Und die SZ folgt beklommen dem körperlichen Verfall von Peter Kurth im Boxerdrama "Herbert".

Film


Dokumentarisch authentisch Verfallsprozess: Peter Kurth als "Herbert"

In der SZ schwärmt Christine Dössel von dem massigen Schauspieler Peter Kurth, den man vom Schauspiel Stuttgart her kennt, der aber gerade auch im Kino in Thomas Stubers Boxerdrama "Herbert" zu sehen ist. Unter vollem Körpereinsatz spielt er darin einen alternden Ex-Boxer, bei dem ALS diagnostiziert wird: Diese Herausforderung "bewältigt [Kurth] mit dreinschlagender Bravour - eine sensationelle Leistung. ... Wie der Körperschauspieler Kurth als ALS-Patient Hebert seine Körperfunktionen nach und nach verliert, ist beklemmend. Der Verfallsprozess wirkt so dokumentarisch authentisch, dass er einem quälend nahe geht. Der Muskelprotz wird zum lallenden Wackelpeter am Stock, schließlich zum Wrack im Rollstuhl, das gewaschen, gewindelt, gepflegt werden muss. Ein Zucken mit dem gelähmten Mund, ein Sehnsuchtsblick aus seinen wasserblauen Augen - mehr Regungen bleiben ihm am Ende nicht."

Besprochen werden der ZDF-Dreiteiler "Ku'damm 56" ("Man kann die Kostümbildnerin Maria Schicker für ihren strengen Unterwäscherealismus nicht hoch genug loben", schwärmt Eckhard Fuhr in der Welt), das Holocaustdrama "Son of Saul" von László Nemes (Standard, Tages-Anzeiger, Presse) und Lenny Abrahamsons "Room" (Standard, Presse).
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Bühne

Am Pariser Odéon-Theater ist Isabelle Huppert derzeit als Phädra zu sehen, genauer gesagt als Phädras im Performance-Triptychon "Phèdre(s)" von Krzysztof Warlikowski, berichtet Barbara Villiger Heilig in der NZZ: "Ob als Vamp in kurzem Pelzmantel und High Heels oder im hautfarbenen Négligé, ob mit blonder Rasta-Perücke oder hochgesteckter Intellektuellenfrisur, ob vor sich hin delirierend oder ihr zügelloses 'J'aime!' ins Universum hinausschreiend: Sie fasziniert. Eine filigrane Erscheinung von unerhörter Kraft; eine kehlige Stimme, deren spöttischer Unterton das streckenweise dominierende Pathos konterkariert. Huppert ... rettet den Abend jedenfalls vor dem sauren Kitsch, der gefährlich droht."

Weiteres: In der NZZ unterhält sich Michael Stallknecht mit dem Opernregisseur Stefan Herheim. Besprochen werden der Audiowalk "Remote Frankfurt" von Rimini Protokoll (FR), Cesare Lievis Inszenierung von Vicki Baums Roman "Menschen im Hotel" an den Wiener Kammerspielen (Presse) und Christoph Winklers Choreografie "Urban Soul Cafe" mit Aloalii Tapu im Ballhaus Ost in Berlin (taz).
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Musik

Schwierig findet Eleonore Büning in der FAZ den von Kurator Berno Odo Polzer bei der MaerzMusik in Berlin verfolgten Ansatz, diverse Grenzen (etwa Hoch-/Popkultur, Publikum/Bühne, Kunst/Leben) einzuebnen und die Musikdarbietungen ins Performative zu veschieben. Insbesondere vom Auftritt des Wiener Pianisten Marino Formenti zum Auftakt berichtet sie entgeistert: "Bedenkt man, dass dies ein Festkonzert sein soll in einer Stadt, wo regelmäßig die weltbesten Pianisten auftreten, kann 'Performation' nichts anderes sein als ein neuer Ausdruck für Hochstapelei. Oder für Unverfrorenheit? Frechheit? So kommt es immer wieder vor bei 'MaerzMusik', dass eine gerade eben noch entzückend altmodische Retro-Revoluzzer-Attitüde erschreckend schleunigst die Seite wechselt und sich billigstem Musikkonsumterror an den Hals wirft. Dazwischen, wie aus einem Kessel Buntes, kann man aber auch überraschend gute Musik herausfischen, mit Lust und Ernst musiziert, ohne abgespreizte Finger oder gespreiztes Gerede." Büning nennt etwa das Berliner Ensemblekollektiv unter Enno Poppe und Wolfram Sanders auf Grundlage schmelzenden Eises dargebotenes Konzert.

1968 schuf Lee "Scratch" Perry mit "People Funny Boy" den ersten Reggaesong der Geschichte, schreibt Harald Peters (Welt) in seiner Geburtstagshymne auf den morgen achtzigjährigen Musiker und Produzenten: "Weil Perry zur rhythmischen Akzentuierung auch die Aufnahme eines schreiendes Babys unter den Song gemischt hat, darf Perry sich außerdem als Erfinder des Samplings in der Popmusik bezeichnen. Ob sich Perry, wie mitunter behauptet, gleich hinterher auch noch den Dub ausgedacht hat, ist umstritten... Sicher ist allerdings, dass damals keiner diese Kunst, einen Song am Mischpult aufs Gerüst zu reduzieren, um ihn anschließend mit allerhand Halleffekten und diversen anderen Geräuschen anzureichern, derart ins Extrem getrieben hat wie er. Perry legte damit die wichtigsten Grundsteine für die Popmusik, wie wir sie heute kennen. Vieles führt auf ihn zurück, kaum etwas an ihm vorbei." In der FAZ gratuliert Dietmar Dath.



Weiteres: In der Welt schreibt Josef Engels einen Nachruf auf den Jazz-Klarinettisten Hugo Strasser. Besprochen wird die als Abschiedsalbum konzipierte Platte "Post Pop Depression" von Iggy Pop ("stark im Abgang", meint Jens Uthoff in der taz).
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Literatur

Mit großer Skepsis begegnet Friederike Reents in der FAZ der im aktuellen Spiegel anhand einer Briefabschrift abgewogenen These, Gottfried Benn könnte von seiner Ehefrau Sterbehilfe in Anspruch genommen haben: "Mit sehr guten Gründen haben die Herausgeber der Gesamtedition darauf verzichtet, die Abschrift in das Briefcorpus mit aufzunehmen. Sie taucht, unter starkem Vorbehalt, erst im Nachwort auf ... Editorische Vorsicht schützt jedoch vor Spekulationslust nicht. Auch wenn der Spiegel vergleichsweise zurückhaltend schreibt, 'der letzte Brief des Krebskranken liest sich, als ob seine Frau ihm Sterbehilfe leisten würde', so weist er an keiner Stelle auf die Unsicherheit des 'Sensationsfundes' hin."

Wie bereits in "Sandberg" und "Wolkenfern" kehrt die polnische Autorin Joanna Bator auch in ihrem dritten Roman "Dunkel, fast Nacht" in ihre Heimatstadt Wałbrzych zurück, wo sich, wie sie Carmen Eller im Interview (Literarische Welt) erklärt, die Vergangenheit in unsichtbaren Schichten unter der Oberfläche verbirgt: "Einmal durch ihre deutsche Geschichte, aber dann auch als Bergwerksstadt. Tatsächlich gibt es jede Menge Stollen. Außerdem natürlich die Tunnel, die in der Hitlerzeit gegraben wurden, im Rahmen des Projekts 'Riese'. Wałbrzych war von Anfang an die Stadt, in der nach Hitlers Schatz gesucht wurde. Die Nachrichten, wonach in Wałbrzych der angebliche Goldzug der Nazis gefunden wurde und dann aber irgendwie doch nicht, wiederholt sich geradezu zyklisch. Diese Geschichte beeinflusst mich, und man kann sagen, dass ich meinen Goldzug aus Wałbrzych ausgegraben habe."

Weiteres: Cornelia Zetzsche gibt in der NZZ einen Überblick über aktuelle indonesische Literatur, wo es auch nach dem Ehrengast-Auftritt auf der letzten Frankfurter Buchmesse noch einiges zu entdecken gibt. Für DeutschlandradioKultur hat sich Susanne Führer ausführlich mit Abbas Khider über dessen Roman "Ohrfeige" unterhalten. Fridtjof Küchemann fürchtet in der FAZ, dass eine totale Auswertung des Leseverhaltens auf Ebook-Readern zu einer "Umgebung [führt], die uns den eigenen Erwartungen gemäß mit nichts weiter als mit Erwartbarem beliefert." Mit einigem Interesse folgt Tim Casper Boehme von der taz der Leipziger Präsentation des Projekts "The Reader", das Menschen das Lesen nahebringen will. In der SZ lobt Christopher Schmidt, in der Literarischen Welt lobt Richard Kämmerlings die Leipziger Buchpreisjury dafür, Guntram Vespers Roman "Frohburg" ausgezeichnet zu haben.

Besprochen werden Ronja von Rönnes "Wir kommen" (FR), Shida Bazyars "Nachts ist es leise in Teheran" (taz), Andreas Mands "Der zweite Garten" (taz), Antonia Baums "Tony Soprano stirbt nicht" (taz, Zeit), Thomas Glavinics "Der Jonas-Komplex" (SZ, FAS) und Joachim Sartorius' Lyrikband "Für nichts und wieder alles" (Tagesspiegel, FAZ). Mehr Literatur im Netz in unserem fortlaufend aktualisierten Metablog Lit21.
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Design

SZlerin Laura Weißmüller begrüßt es sehr, dass das Vitra Design Museum in Weil am Rhein mit einer große Ausstellung zur Wiederentdeckung des bis in die 70er Jahre gefeierten Designers Alexander Girard einlädt: "Eine Moderne, die steril, standardisiert und allzu kühl daherkam, kurz: ziemlich genau so war wie das Industriedesign seiner Zeit, lehnte er ab. Er wollte Räume schaffen, in denen sich Menschen wohlfühlen. Farbe war ihm dabei das wichtigste Kommunikationsmittel." (oben: Der von Rudi Gernreich und Girard designte Poncho für das Restaurant La Fonda del Sol in New York, 1961. Foto: Charles Eamesl)
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Kunst

Bei der sechsten Biennale von Marrakesch wird Samuel Herzog mehr von den Gerüchen und Eindrücken der Stadt überwältigt als von der ausgestellten Kunst, bekennt er in der NZZ: "Die große Veranstaltung, neben der Biennale von Dakar wohl der wichtigste Kunstanlass auf dem Kontinent, bespielt zwar einige der schönsten Paläste der Stadt, gibt sich aber widerborstig und macht kaum Konzessionen an die Erwartungen der Touristen, die in den Suiten der Prinzessinnen und Prinzen wohl lieber Märchenhaftes sähen als Videos über die Rhetorik afrikanischer Staatschefs (Manthia Diawara), Skulpturen aus schimmelndem Brot (Khlalil El Ghrib), Recherchen über westliche und nichtwestliche Psychiatrie (Kader Attia) oder das Filmchen eine Mannes, der seine Schuhe zu fressen versucht (Khalil Rabah)."

"Kunst ist ihrem Wesen nach anarchistisch": Die FAZ bringt einen Auszug aus dem wütenden (demnächst bei Merve erscheinendem) Manifest "Der bürokratische Krampf und die neue Ökonomie politischer Kunst" des russischen Künstlers und Aktivisten Pjotr Pawlenski, der von der russischen Obrigkeit gerade in die Psychiatrie eingeliefert wurde.

Besprochen werden die Ausstellung "Zeit der Unruhe" im Haus der Kulturen der Welt in Berlin (Tagesspiegel), die Ludwig-Meidner-Ausstellung im Museum Giersch (FR) und die Ausstellung "27 Künstler, 209 Werke" mit Stücken aus der Sammlung Zander in Bönnigheim (FAZ).

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