Efeu - Die Kulturrundschau

Flut von Flausen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.03.2016. Die Welt lauscht betört den wohlig strömenden Ostinato-Bässen albanischer Sänger. Die NZZ erkundet Freiheitssphären auf den Kinderspielplätzen von früher. Yael Ronens Singer-Inszenierung "Feinde" im angesagten Gorki-Theater lässt die Kritiker stutzen: Ist das noch Einfühlungstheater oder schon Boulevard? Die FAZ erkennt: Details kehren in der Mode niemals zurück. Die SZ folgt den Spuren des Lebens in Mirós Wandbildern.

Bühne


Rausch und Ratio: Die "Bacchen" am Theater Basel. Foto: Simon Hallström.

In der NZZ ist Alfred Schlienger nicht unbedingt einverstanden mit Robert Borgmanns Interpretation von Euripides' "Bacchen", in denen sich Wahn und Vernunft in einem ähnlichen zerstörerischen Furor ergehen. Doch die Bildgebung dieser Inszenierung am Theater Basel überwältigt ihn: "Der flimmrige Schein ist kalt wie Eis. Dionysos und Pentheus, Rausch und Ratio, schlummern hier, jeder für sich, in den Brutkästen des Wahns. Dann fahren die Lampen hoch, beleuchten die ganze Szenerie, vereinigen den Gott der Fruchtbarkeit und den jungen König von Theben im gleichen fahlen Licht. Zwei Frauen robben lasziv zu den Nackten, schmiegen sich wollüstig an sie, locken weitere Figuren aus dem Halbdunkel, liebkosen sie, schütten kübelweise Blut über alle Körper, schmeißen weißen Staub (oder Koks) in die Luft, stacheln an zu Balz und Tanz, zu kollektiver Paarung und selbstvergessener Ekstase."


Geschichte einer Liebe: Yael Ronens Inszeneirung "Feinde" am Maxi Gorki Theater. Foto: Ute Langkafel.

Auch in Yael Ronens neuer, am Maxim Gorki in Berlin gezeigter Inszenierung geht es wieder um Geflüchtete, doch diesmal unter Rückgriff auf Isaac Bashevis Singers vor über 50 Jahren erschienenen Roman "Feinde", der von aus Deutschland fliehenden Juden erzählt. Dass Ronen bei ihrer Umsetzung auf Verfremdungseffekte verzichtet, lässt die Kritik stutzen: Zu sehen gibt es "dramatisch-dialogisches Einfühlungstheater pur", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel, und das "in entsprechend zeitgerechten Kostümen", alles in allem also "durch und durch konventionell" - doch immerhin bleibe Ronen ihrem typischen Humor treu. Katrin Bettina Müller von der taz fühlt sich unterdessen an "Boulevardtheater" erinnert. Dirk Pilz berichtet in der Berliner Zeitung dagegen von einem "überraschend süffigen Abend", bei dem er sich "auf hoher emotionaler See" fühlte. Wohltemperiert findet Wolfgang Behrens den Abend in der nachtkritik: "hier geht es weder an die Grenzen des Schmerzes, der Rührung noch an die des komischen Exzesses."

Weiteres: Für die Zeit hat sich Peter Kümmel mit Ulrich Matthes zum Filmabend mit Woody Allens "Manhattan" verabredet. Christiane Tewinkel berichtet in der FAZ vom Auftakt der Magdeburger Telemann-Festtage, zu dem es Aron Stiehls Inszenierung der Oper "Damon" in Form "Flut von Flausen" gab.

Besprochen werden die Autobiografie des Opernsängers Selcuk Cara (taz), Jossi Wielers Stuttgarter Inszenierung von Fritz Katers "Kriegsfuge" (SZ), eine Nürnberger Aufführung von Leoš Janáčeks Oper "Aus einem Totenhaus" (SZ), Markus Dietzes Inszeneriung der "Orestie" in der Fassung des "versierten Großstoff-Zusammendampfers" John von Düffel (nachtkritik) und Alexander Eisenachs Grazer Theaterfassung von Clemens J. Setz' Roman "Die Frequenzen" (nachtkritik).
Archiv: Bühne

Musik

Manuel Brug erkundet für die Welt in Tirana, warum Albanien gerade so viele gute Sänger hervorbringt. Liegt es am Gesangsstil der alten Skipetaren? "Bei der Iso-Polyphonie handelt es sich um eine besondere Art der Mehrstimmigkeit mit eigenständig geführten Soli. Und weil man diese kunstvoll-ruhige, witzig-beschwingte Musik erlebt haben muss, hat Professor Tole zum Treffen ein paar Sänger mitgebracht. Die sehen so gar nicht nach seriösen Vokalisten aus, bauen sich jetzt in Trainingshosen, Turnschuhen und Lederjacken im Kammermusiksaal des monströsen, maroden Kulturpalastes in Tirana auf und legen los: betörend zart die Solisten, auch mit komischen Trillern, ruhig und wohlig strömend der Ostinato-Bass. Fremd klingt das, aber auch sehr schön."

Für die FAS hat sich Antonia Baum mit den Neuköllner Rapperinnen von SXTN getroffen. Zum Tod von Keith Emerson von Emerson, Lake & Palmer schreiben Thomas Lindemann (taz), Christian Schröder (Tagesspiegel), Wolfgang Sandner (FAZ), Michael Pilz (Welt) und Volker Breidecker (SZ).

Besprochen werden ein Konzert von The Fall (taz), der Auftakt der Berliner MaerzMusik mit Marino Formenti (Tagesspiegel), ein Konzert von Lou Doillon (Tagesspiegel) und neue Tonträger, darunter eine DVD- und BluRay-Kombi-Edition von Jean Sibelius' Sinfonien (FAZ).
Archiv: Musik

Design

Beim Besuch der historisch aufgefächerten Mode-Ausstellung "Catwalk" des Rijksmuseums in Amsterdam drängt sich Lena Bopp in der FAZ eine Erkenntnis auf: "Silhouetten verändern sich langsam und kehren wieder, ganz gleich, ob man diese Wiederkehr als 'retro' oder 'neo-style' bezeichnet. Details aber, in Form von Stickereien, hand- oder maschinell gefertigter Spitze, Pailletten, Perlen, Ansteckblumen, Borten oder eingestickter Goldfaser, sind und bleiben häufig einzigartig." (Bild: Hochzeitskleid von 1759. Foto: Erwin Olaf / Rijksmuseum Amsterdam)
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Archiv: Design

Literatur

Roman Bucheli räsoniert in einem Essay in der NZZ über das literarische Lumpensammeln, unser Verhältnis zu den Dingen und die Vergänglichkeit: "Meine Großmutter kannte, so bilde ich es mir ein, nur zwei Sorten Abfall. Die eine brannte, die andere nicht. Die Beseitigung alles Brennbaren war einfach genug. In einer fernen Gartenecke wurde ein Feuer entfacht. Die Kunst bestand allein darin, die Flamme nicht zu ersticken. Ebenso einfach war der Umgang mit dem restlichen Abfall: Alles kam auf einen Haufen hinter dem Schuppen, manchmal warfen die Schwiegersöhne der Großmutter ein rostiges Gestänge auf eine wilde Deponie unten am Bach. Alles andere wurde in die Warenwirtschaft zurückgeführt"

Weitere Artikel: In der SZ porträtiert Peter Münch den homosexuellen iranischen Lyriker Payam Feili, der in Israel einen Asylantrag gestellt hat. Auf Zeit Online zu lesen ist jetzt das Interview mit Udo Lindenberg und Benjamin von Stuckrad-Barre, der in seinem (auf SpiegelOnline übrigens von Helene Hegemann besprochenen) literarischen Comeback "Panikherz" über seine überwundene Drogensucht schreibt. Der Tagesspiegel bringt Holger Heimanns Eindrücke von der Buchmesse in Kuba, wo die Verleger zwar über regelmäßigen Papiermangel klagen, aber immerhin unter allgemeinem Erstaunen eine Wiederveröffentlichung von George Orwells "1984" angekündigt ist. Für The Quietus spricht Sean Kitching mit Joe R. Lansdale.

Besprochen werden Philipp Felschs und Frank Witzels Gesprächsband "BRD Noir" (FAS), Marion Poschmanns "Geliehene Landschaften. Lehrgedichte und Elegien" (taz) und Juli Zehs "Unterleuten" (Tagesspiegel), Roswitha Quadliegs "Das kurze Leben des Giuseppe M." (Welt). Mehr im Netz aus dem literarischen Leben auf unserem Metablog Lit21.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Georg Paul Hefty über Sándor Petöfis Gedicht "Freiheit, Liebe":

"Freiheit, Liebe!
Die beiden brauche ich.
..."
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Architektur

In Berlin diskutierte eine Konferenz über das umstrittene Vorhaben, Mies van der Rohes Haus Wolf in Gubin zu rekonstruieren, berichtet Ronald Berg in der taz. Nikolaus Bernau (Berliner Zeitung), Wolfgang Schulz-Brauschmidt (Stuttgarter Zeitung) und Niklas Maak (FAZ) schreiben zum Tod des Architektur-Politikers Peter Conradi.
Archiv: Architektur
Stichwörter: Mies van der Rohe

Film

Für die Berliner Zeitung hat sich Ulrich Lössl mit Julie Delpy unterhalten, deren neuer Film "Lolo - Drei ist einer zu viel" diese Woche anläuft. Mit dem Hauptdarsteller Dany Boon sprach Fabian Federl für den Tagesspiegel. Rainer Gansera (SZ) und Christiane Peitz (Tagesspiegel) schreiben zum Tod des Hofer Filmfestivalchefs Heinz Badewitz.

Besprochen wird Owen Harris' auf DVD erschienene Musikindustrie-Satire "Kill Your Idols" (SZ).
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Kunst


Wer reingeht, muss auch wieder rauskommen. Foto: Kunsthalle Zürich.

Sehr instruktiv findet Gabriele Detterer in der NZZ die Schau "The Playground Project" in der Kunsthalle Zürich, die untersucht, wie sich Kunsttheorie und Menschenbilder in Kinderspielplätzen spiegeln: "So ist es kaum überraschend, dass ein erster 'Gerümpel-Spielplatz' 1943 im dänischen Emdrup entstand, hält doch der Erziehungsgedanke in der skandinavischen Welt das 'Learning by Doing'- Prinzip hoch. In der Schweiz verbreiteten sich 'Robinson-Spielplätze' nach dem Modell des 1953/54 in Zürich Wipkingen eröffneten Erstlings... Generell vertrauten die Initiatoren von Erlebnis-Gelände damals auf den Selbstschutzinstinkt der Kinder. Es war selbstverständlich, dass sie in aufgestelzte futuristische Kugelschalen, die 'Spheres' des 1968 gegründeten französischen Group Ludic, sicher hinein- und aus ihnen wieder hinausfanden, ohne dass Erwachsene dabei halfen."

Joan Mirós großformatigen Bilder muss man in natura gesehen haben, versichert Gottfried Knapp in der SZ nach seinem Besuch der Ausstellung "Wandbilder / Weltenbilder" in der Frankfurter Schirn. Etwa die drei Bilder der "Peinture"-Variationen: "Wenn sie, wie jetzt in der Schirn, in einem Raum einander zugeordnet sind, multipliziert sich die Wirkung, und man begreift, warum Miró in seinem späteren Werk immer wieder sälebeherrschende Triptychen in Angriff genommen und die im kleinen Format erprobten Wirkungsmittel in quasi monumentaler Vergrößerung und Vereinfachung zu übersteigern versucht hat. Und noch etwas Zweites lässt sich aus den drei weißgrundigen 'Peinture'-Bildern ablesen: die lebenslange Faszination des Malers Miró von Wänden und den zufälligen Spuren des Lebens, die sich auf ihnen abzeichnen." (Joan Miró, Peinture, 1927, Fondation Beyeler, Riehen/Basel © Successió Miró)

Weiteres: Viele Künstler zieht es derzeit nach Los Angeles, berichtet Tobias Timm in seiner von der Zeit online nachgereichten Reportage.

Besprochen werden Michaela Meliáns Schau "Electric Ladyland" im Lenbachhaus in München (Freitag, die Hörspielversion der titelgebenden Klanginstallation kann man beim br nachhören), die Ausstellung "Maniera" im Städel (online nachgereicht von der Zeit), die Ausstellung "Nervöse Systeme" im Haus der Kulturen der Welt ("sehr ertragreich", lobt Sandra Rendgen in der SZ), Martin Roemers Fotoausstellung "Relikte des Kalten Krieges" im Deutschen Historischen Museum in Berlin (online nachgereicht von der FAZ) und Tobias Madisons Ausstellung "das blut, im fruchtfleisch gerinnend beim birnenbiss" bei der Kestnergesellschaft in Hannover (Till Briegleb bezeugt in der SZ einen "demonstrativ schäbigen Zeichenkosmos").
Archiv: Kunst