Efeu - Die Kulturrundschau

Die raue Seite der Melancholie

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15.03.2016. Open Democracy stellt den sibirischen Fotografen Valery Klamm vor, der das Leben selbst in den russischen Provinzen festhält - ganz ohne pittoreskes Elend. Elektronische Musik von 1937 bis 2001 kann man jetzt bei Ubuweb hören. Mit dabei: Eine Komposition Olivier Messiaens für einen Vorläufer des Synthesizers. Alexander Kluge schlägt im Interview mit der Berliner Zeitung einen kühnen Bogen von der Backe eines Dinos zur hohen Wange einer Volkskommissarin. Zu viel Monolog seufzt die FR in Armin Petras' neuem Stück "I'm Searching for I:N:R:I".

Kunst


Fotografiert das Leben selbst: Valery Klamm

Auf Open Democracy unterhält sich Vladimir Itkin lange mit dem Fotografen Valery Klamm, der seit 2009 ein interessantes Fotoblog führt - mit Fotos aus den Provinzen Russlands, vor allem aus Sibirien, wo er geboren wurde. Dabei will er das Provinzleben weder überhöhen, noch auf seine skurrilen oder deprimierenden Seiten festlegen, sagt er: "Wenn man jenseits von Evaluation, Beurteilung, Klischees hinguckt, wenn man nicht den Exotismus sieht oder das 'Problemgebiet' oder die 'Rückseite der Welt', dann ist das Ergebnis recht einfach: Das Leben selbst. In diesem Jahr erklärte die Jury des World Press Photo Award, sie sei der Stereotypen müde. Fotografen gehen immer den selben Pfad: mehr Armut, mehr Ruinen, alle sind immer betroffen. Das hat mich schon bei meiner ersten Expedition nicht interessiert. Mein Blog hat von Anfang an einen anderen Ton: kein Alkoholismus und keine Verwüstungen in der Provinz, keine wackligen Zäune und keine Ruinen aus der Vergangenheit."

Weitere Artikel: Bei der ersten Kunstbiennale "Utopia = Reality" im kroatischen Labin gibt es "Beuys mit Andy Warhol, Beuys in einer Debatte mit seinen Studenten, Beuys mit dem toten Hasen, Beuys mit Fett und Filz, Beuys mit dem Kojoten" zu sehen, berichtet Tazler Alem Grabovac, der am Ende aber doch nur Augen für die pittoresken Qualitäten der Stadt hatte. Mit zwei Ausstellungen feiert das Metropolitan Museum in New York seinen Einstand im Exil des Breuer-Gebäudes, das das Whitney Museum erst vor kurzem verlassen hatte. Erleben könne man dabei mitunter, wie aus "eher zufälligen Genüssen ein ästhetischer Grundkonsens unserer Gegenwart wurde", erklärt Peter Richter in der SZ.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken des spanischen Impressionisten Joaquin Sorolla in der Münchner Kunsthalle (art magazin), eine Ausstellung von Felsenbildern im Berliner Martin-Gropius-Bau (NZZ), Ausstellungen von Arcangelo Sassolino und Regina José Galindo im Kunstverein Frankfurt (FR), Meike Hofmanns und Nicola Kuhns Biografie über Hildebrand Gurlitt (SZ) und ein Bildband von Elger Esser (SZ).
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Musik

Das Ubuweb stellt eine Kompilation mit 476 klassischen Werken der elektronischen Musik von 1937 bis 2001 ins Netz, meldet Josh Jones in openculture.com. Ganz oben auf der Liste Olivier Messiaens 1937 komponierte "Oraison" für Ondes Martenot, einen seltsam elegischen Vorläufer des Synthesizers.

Weitere Artikel: Auf Pitchfork erinnert Michaelangelo Matos an den Rockclub First Avenue in Minneapolis, der in den 80ern einen zentralen Ort für Indie America darstellte. Für den Tagesspiegel hat Frederik Hanssen sich erste Veranstaltungen der Berliner Maerzmusik mit Sophie Rois und Bernhard Lang angesehen. Das Kurt-Weill-Fest in Dessau erinnert in diesem Jahr an Ernst Křenek, berichtet Isabel Herzfeld in der FAZ. Helmut Mauró (SZ) und Jan Brachmann (FAZ) schreiben zum Tod des Komponisten Peter Maxwell Davies.

Besprochen werden eine Konzert von Francesco Tristano (FR), das neue Album von Santigold (taz), Ayat Najafis Dokumentarfilm "No Land's Song" über das Musikleben in Iran (SZ) und ein Konzert von Claudia Barainsky in Begleitung des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin unter Tugan Sokhiev (FAZ).
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Film

Hanns-Georg Rodek schreibt in der Welt zum Tod des Kino-Pioniers Heinz Badewitz, der die Hofer Filmtage erfand: "Man kann in fast jede prominente Filmbiografie schauen, am Anfang wird man immer auf die Stadt Hof stoßen. Von Herzog bis Fassbinder, Wenders bis Praunheim, Dörrie bis Buck, Tykwer bis Wortmann - alle waren sie mit ihren ersten Filmen bei Badewitz."
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Literatur

Alexander Kluges jüngstes Buch "Kongs große Stunde" ist eine Chronik des Zusammenhangs - kleinste Teilchen, die über Jahrhunderte miteinander zusammenhängen. Im Interview mit der Berliner Zeitung gibt er eine Kostprobe, wie das funktioniert: "Bei einer Dinosaurierart, von der wir vermutlich abstammen, entstand neben dem Maul eine kleine Scheune, in dem der Koloss Gras lagern konnte. Das war der Ursprung der menschlichen Wange. Es berührt mich, dass Lenin im Jahre 1917 verliebt auf die hohen Wangen einer Volkskommissarin starrte. Er dachte, der Klassengegner hätte die junge Frau auf ihn angesetzt, um ihn zu verführen. In diesem Moment fiel ihm auf, dass er zum Verfolgungswahn neigte: Eine Einsicht. Eine Massenproduktion von solcher Erkenntnis hätte der russischen Revolution eventuell einen anderen Verlauf gegeben. Zwischen der Entstehung der Wange in der Evolution und einer Momentaufnahme in der Revolution gibt es einen langen Bogen."

Weitere Artikel: Flucht und Migration sind der Schwerpunkt der Leipziger Buchmesse, berichtet Joachim Güntner in der NZZ und stellt die einzelnen Programmpunkte vor. Auch in Österreich gibt es jetzt einen nationalen Literaturpreis, der im November zum ersten Mal verliehen wird, meldet die Presse. Für die taz hat sich Jens Uthoff mit der zusehends von Verlagen umgarnten, auf Facebook bloggenden Autorin Stefanie Sargnagel im Wiener Kaffeehaus verabredet. In der NZZ plaudert Orhan Pamuk im Interview mit Bernadette Conrad über das alte Istanbul und seinen Roman "Diese Fremdheit in mir". In der FAZ gratuliert Tilman Spreckelsen dem Dichter Kurt Drawert zum 60. Geburtstag.

Besprochen werden Heinz Strunks "Der goldene Handschuh" (FR), Simone Buchholz' Krimi "Blaue Nacht" (Welt), Kamel Daouds Roman "Der Fall Meursault (NZZ), Marion Poschmanns Gedichtband "Geliehene Landschaften" (NZZ), Susanne Gregors Roman "Territorien (NZZ), neue Bücher von Eric Schneider und Hella S. Haasse (taz), Guntram Vespers "Frohburg" (Zeit), der zweite Teil von Riad Sattoufs Comic "Der Araber von morgen" (Tagesspiegel), neue Bücher von Marion Poschmann (SZ) und eine dem argentinischen Comicmeister Hector Germán Oesterheld gewidmete Ausstellung im Stuttgarter Literaturhaus (FAZ). Zur Leipziger Buchmesse bringt die SZ heute zudem eine Literaturbeilage, die wir in den kommenden Tagen auswerten.
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Bühne


Szene aus "I'm searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge)" von Fritz Kater. Foto: Thomas Aurin

Am Schauspiel Stuttgart hat Intendant Armin Petras sein unter dem Pseudonym Fritz Kater verfasstes Stück "I'm Searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge)" von Jossi Wieler inszenieren lassen. Judith von Sternburg hat der Abend allerdings nicht überzeugt. In der FR konstatiert sie dem Autor zwar die Stärke, "der rauen Seite der Melancholie, dem Gefühl, auch einmal dem ironiefrei Triftigen Platz zu schaffen. ... Es ist auch faszinierend, jetzt mit Hilfe des Programmhefts nachzuvollziehen, wie der Autor sich für 'I'm searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge)' in der literarischen und filmischen Welt umgetan hat, wie die 13 Szenen Echo sind. Aber nun passiert doch Folgendes: Der Text selbst fällt irritierend zurück hinter die aufgelisteten Vorbilder, Böll und Seghers, Faulkner und Remarque. Das liegt vor allem an der fast durchgängigen Monolog-Form."

Weiteres: Am Berliner Ensemble hat Birgit Lahann ihre Biografie über Rolf Hochhuth präsentiert, berichtet Astrid Herbold im Tagesspiegel.

Besprochen werden Yael Ronens "Fremde" am Maxim Gorki Theater in Berlin (FR, SZ, FAZ, mehr im gestrigen Efeu), Markus Dietzes Inszenierung von John von Düffels "Großstoff-Zusammendampfung" der "Troerinnen" und der "Orestie" in Koblenz (nachtkritik), Dmitri Tcherniakovs Kopplung von Tschaikowskys "Jolanthe" mit dem "Nussknacker" in Paris (Welt), ein Boris-Vian-Abend mit der Postpunkband Messer an der Berliner Volksbühne (taz) und Jennifer Haleys "Die Netzwelt" an den Frankfurter Kammerspielen (FR).
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