Efeu - Die Kulturrundschau

Big Brecht Data

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24.12.2015. In der NZZ erinnert sich Michael Krüger an seinen ersten Weihnachtsbaum. In der nachtkritik schwingen Theatermacher schon mal den Dekonstruktionshammer gegen Bertolt Brecht. Die Berliner Zeitung tanzt Hula-Hoop mit einem animierten GIF. In der SZ verspricht Werner Herzog eine Herzog-Stiftung ohne Heroinorgien.

Literatur

Michael Krüger erinnert sich in der NZZ an seinen ersten Weihnachtsbaum: "Es war das Jahr 1947. Wir lebten in Sachsen-Anhalt und waren ganz einfach enteignet worden. Für mich war es eine wunderbare Zeit."

Mehr zu Weihnachten: In einer kurzen Weihnachtserzählung würdigt der uruguayische Schriftsteller Juan Carlos Onetti den Heiligen Josef. Und Wieland Freund hat für die Welt einen kleinen Weihnachtskrimi verfasst. Die FAZ spendiert ihren Lesern Katharina Hackers Erzählung "Heilige Nacht".

Eine neue Ausgabe von Polar Noir, dem von Krimikritikerin Sonja Hartl betriebenen Krimi-Onlinemagazin: Die Herausgeberin schreibt anhand des Films "Brighton Rock" über Graham Greene sowie den britischen Film Noir und spricht mit der südafrikanischen Schriftstellerin Malla Nunn, deren aktuellen Roman "Tal des Schweigens" auch Perlentaucherin Thekla Dannenberg gerade besprochen hat. Thomas Wörtche würdigt Joe R. Lansdale als "grandiosen Schriftsteller, irgendwo zwischen Horror und Noir."

Weiteres: Jan Küveler schreibt in der Welt zum 150. Geburtstag Kiplings. Klaus Nüchtern besucht für die Welt Grüffelo-Zeichner Axel Scheffler in London. Die taz bringt Philip Krömers Kurzgeschichte "der eine der andere", mit der der Autor den taz-Publikumspreis beim Berliner Open-Mike-Wettbewerb gewonnen hat. Mehr aus dem literarischen Leben im Netz gebündelt in unserem täglich aktualisierten Metablog Lit21.

Besprochen werden Stephan Wackwitz' "Die Bilder meiner Mutter" (Zeit), William Faulkners "Absalom, Absalom!" (SZ) und Amir Hassan Cheheltans "Der Kalligraph von Isfahan" (SZ).
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Bühne

2027 werden die Rechte an den Texten von Bertolt Brecht frei. Die Brecht-Tage haben schon mal bei Theatermachern nachgefragte, was sie dann tun wollen. Die Antworten, von der nachtkritik veröffentlicht, dürften den Brecht-Erben den Schweiß auf die Stirn treiben: So freut sich die freie Theatergruppe friendly fire bereits darauf, "dass Brechts Werk in 10 Jahren endlich ein/ein endliches Produktionsmittel werden kann: eine Toolbox, ein Werkzeugkasten, ein Laboratorium der Gesellschaft in dem das Jenseits des Copyrights erprobt werden kann". Alexander Karschnia von der Performancegruppe andcompany&Co schlägt vor, COLLABS (kollaborative Laboratorien) zu gründen, um den "BB CODE" zu hacken. Und der Regisseur und Autor Kevin Rittberger träumt von "Big Brecht Data. Verschlagwortung, Suchtreffercharts, Echt-Zeit-Rezeptionsgeschichte, Augmented Reality".

Am interessantesten ist der Vorschlag der Medienkunst- und Performancegruppe LIGNA. Sie möchte "ein Stück Bertolt Brechts endlich so zu spielen, wie es bisher nicht gegeben werden konnte: originalgetreu unvollständig. Es handelt sich um das 'Radiolehrstück', das unter dem Titel 'Der Lindberghflug' bei den Baden Badener Musiktagen 1929 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Das Stück findet auf die Frage, was mit dem Konzert oder dem Theaterstück passieren solle, wenn das moderne Medium Radio die Darbietung an unendlich viele Orte zerstreut, somit die einheitliche Rezeptionssituation im Konzert- oder Theatersaal zerteilt und zerstört und nur noch ein Abbild der künstlerischen Darbietung ausstrahlt, eine radikale Antwort: Es zerteilt auch das Stück selbst."

Weiteres: In der taz spricht Petra Schellen mit dem Hamburger Schauspieler Dan Thy Nguyen. Besprochen werden Giuseppe Verdis "La Traviata" und Claude Debussys "Pelléas et Mélisande" in Berlin (NZZ), Katie Mitchells Inszenierung von "Ophelias Zimmer" in Berlin (Freitag) und Simon McBurneys Bühnenbearbeitung von Stefan Zweigs Roman "Ungeduld des Herzens" an der Berliner Schaubühne (Tagesspiegel).
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Kunst

Als "Bild-Zombies" bezeichnet Tillmann Baumgärtel in der Berliner Zeitung die technisch eigentlich längst obsoleten, im Netz aber immens populären animierten GIF-Bilddateien, die derzeit in der Berliner DAM Gallery ausgestellt werden. Den "Gegensatz von Stasis und Bewegung" veranschaulicht in der Ausstellung etwa die russische Künstlerin Olia Lialina, die "sich selbst zu einer Art GIF-Hampelmann gemacht [hat]: In einem projizierten Triptychon sieht man, wie sie - zuckend animiert - im Kreis tanzt, einen Hula-Hoop-Reifen um die Hüften kreisen lässt und Akkordeon spielt - all das mit einer Energie, die etwas Posthumanes hat und daran erinnert, dass der Computers seine Subjekte unendlich weiter hüpfen ließe, wenn nicht irgendwann jemand den Strom abstellen würde."

Ach, Pussy Riot wollen in Montenegro ein Museum von und für Frauen gründen? SZ-Kunstkritikerin Catrin Lorch winkt müde ab: Dahinter könne ja wohl nur der Moskauer Kunstvermittler Marat Gelman stehen. Und der wisse wohl, "dass selbst der Import der gesamten dissidenten Kunstszene Russlands nicht so viel Publicity bringen würde wie die Verpflichtung der jungen schönen Pussy Riot-Frauen - als Markenbotschafterinnen eines exklusiven Dufts von Dissidenz." Was sollen die Leute sonst kaufen? Eine Flasche SZ-Redaktionsmuff?

Weiteres: Für die SZ lässt sich Charlotte Theile vom Schweizer Rechtspopulisten Christoph Blocher durch die Ausstellung seiner Kunstsammlung im Oskar-Reinhart-Museum in Winterthur führen. Besprochen wird die Retrospektive mit Fotografien von Anton Corbijn im C/O Berlin (NZZ).
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Film

In der SZ unterhalten sich David Steinitz und Fritz Göttler mit Werner Herzog unter anderem über dessen gerade gegründete Werner-Herzog-Stiftung, die sich um die Wahrung und Zusammenführung von Herzogs Werk kümmern soll und in ihrem Walten lediglich von der bayerischen Regierung empfindlich eingeschränkt wird: "Wenn ich einmal sterbe, was wohl unvermeidlich ist, dann soll dieses Werk nicht zerfleddern und in alle Richtungen zerstreut werden. Und es soll für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Der Sitz der Stiftung wird das Münchner Filmmuseum sein, die Aufsicht hat die Regierung von Oberbayern. Wenn wir also mit dem Stiftungsgeld im Filmmuseum Heroinorgien veranstalten und uns Prostituierte einladen, dann wird wohl der Staat eingreifen."

Außerdem: In einem online nachgereichten Artikel aus der FAS schreibt Bert Rebhandl über die Filme von Naomi Kawase und Hirokazu Kore-Eda, deren aktuelle Filme fast zeitgleich in die deutschen Kinos kommen. Begeistert klickt sich FR-Filmkritiker Daniel Kothenschulte durch eine Curd Jürgens gewidmete Online-Ausstellung des Deutschen Filmmuseums, deren "großzügige" Aufbereitung des Nachlasses "wahren Reichtum" birgt. Kersten Augustin plaudert für die taz mit Filmemacher Sebastian Schipper, der die Frage danach, wie seinen One-Take-Film "Victoria" (unsere Kritik) gedreht hat, nicht mehr hören kann. In Berlin feiern die Kleinst- und Nischenkinos ein Comeback, freut sich Andreas Hartmann in der taz. "Golly Gumdrops!", seufzt Manuel Brug in der Welt, mit dem sechsten Christmas Special geht "Downton Abbey" zu Ende. Für die Berliner Zeitung porträtiert Anke Westphal die Schauspielerin Christina Große. Für die FAZ hat Stefan Locke produktionshistorische Hintergründe zum ewigen Weihnachtsfilmklassiker "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" recherchiert (hier alle Sendetermine im Überblick). Und Rochus Wolff gibt in seinem Kinderfilmblog allen stressgeplagten Eltern einen handverlesen zusammengestellten Programmplan für Weihnachtskinderfilme im TV an die Hand. Susan Vahabzahdeh (SZ) und Andreas Kilb (FAZ) gratulieren Michel Piccoli zum 90. Geburtstag. Besprochen werden außerdem neue Serien (Freitag).

Besprochen werden die Animationsfilme "Song of the Sea", "The Peanuts Movie" und "The Boy and the World" (NZZ), Edward Zwicks Biopic "Pawn Sacrifice" über den Schachweltmeister Bobby Fischer (NZZ) und Bill Condons Film "Mr. Holmes" (Welt).

Und obligatorisch:

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Musik

Der große Erfolg der auf Gitarrenkrachwände spezialisierten, herkömmliche Songschemata üblicherweise weit verfehlenden Drone- und Doom-Band Sunn O))) zählt zu den erstaunlicheren Phänomenen der jüngeren Popgeschichte, meint Jens Uthoff in der taz und hat bei der Band nachgefragt: "Ich glaube, die Leute suchen nach Erfahrungen, die sehr real sind. Was wir tun, geht so stark auf das Körperliche, dass ein solcher Effekt eintreten kann", spekuliert Gitarrist Stephen O'Malley. Die Kulturwissenschaftlerin Aliza Shvarts hat unterdessen in Brooklyn Rail "eine feministische Deutungsweise des Drone-Sounds der Band vorgeschlagen - ausgerechnet für ein Genre, dem oft Repräsentationsformen der Männlichkeit nachgesagt werden. Die Körperlichkeit des Sounds bewertet Shvarts als eine Befreiung unterdrückter (weiblicher) Körperlichkeit. In ihrer Interpretation reicht das bis zur Emanzipation von reproduktiven Tätigkeiten." Auf Bandcamp kann man sich das aktuelle Album anhören:



Peter Richter staunt in der SZ, dass das von Nicolas Roegs SF-Klassiker "The Man Who Fell To Earth" inspirierte David-Bowie-Musical "Lazarus" in New York unter beengten Bedingungen Off-Broadway aufgeführt wird. Dabei stelle es doch "die Wiederauferstehung von Bowie als Alien" dar. Ende Januar werde es auch schon wieder abgesetzt. "Wer das dann nicht irgendwo auf einer anderen Bühne nachmacht, kopiert und in Umlauf bringt, dem ist wirklich nicht zu helfen." Eine musikalische Kostprobe mit dem aus "Dexter" bekannten Hauptdarsteller Michael C. Hall (der am Mikro gar keine schlechte Figur als Bowie macht) gibt es auf Youtube:



Besprochen werden das neue Erdmöbel-Album "Geschenk +3" (Freitag), eine neu gemasterte Version des Albums "Idlewild South" der Allman Brothers Band (FR), das Weihnachtskonzert des Philharmonischen Chors in Berlin (Tagesspiegel) und Bachs Weihnachtskantaten mit dem Collegium Vocale Gent in Zürich (NZZ).

Und Abhilfe für alle, denen das Radio-Weihnachtsgedudel auch zum Hals raushängt: Mit diesem Funk- und Soul-Mix muss man für die weihnachtliche Stimmung auf gute Musik nicht verzichten.

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