Efeu - Die Kulturrundschau

Der Horizont knapp unter die Bildkante

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.12.2015. Die Kultur der Alten Meister ist weg, bedauert Gerhard Richter in der Zeit. Im Prado kann man in den Bildern von El Divino Morales immer noch sehen, was damit gemeint ist, verspricht die NZZ. Warum kann das Theater mit dem antiken griechischen Drama so viel mehr anfangen als mit der christlichen Dramatik, fragt die Welt. Die FAZ gibt im frisch renovierten Augusteum die Schnitzeljagd nach Meisterwerken auf.

Kunst


Gerhard Richter, BIRKENAU (937-1), BIRKENAU (937-2), BIRKENAU (937-3) 2014, Gerhard Richter Archiv, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, gerhard-richter.com

In der Zeit unterhält sich Stefan Koldehoff mit Gerhard Richter über Kulturgutschutz ("Horror. Bürkoratischer Unsinn"), seine in diesem Jahr erstmals gezeigten Birkenau-Bilder und das Scheitern der Malerei an der Geschichte: "Früher haben wir das gekonnt, heute können wir das nicht mehr. Es gibt wunderbare Bilder, die richtig Geschichten erzählen, Dramen und Morde. Die Kultur ist weg. Wir können Fotos abmalen, das ist schon dürftig genug. Das wird gar nicht mehr gelehrt, und das fing zu meiner Zeit schon an. Ich habe ja noch eine akademische Ausbildung mit Handzeichnen und Aktmalen und so. Aber trotzdem komme ich nie ran an all diese alten Meister."


Ausschnitt aus Luis de Morales' "La Virgen del huso", 1566, Madrid, Museo Nacional del Prado

Einem dieser alten Meister, Luis de Morales, Zeitgenosse El Grecos, widmet derzeit der Prado eine Ausstellung. Karin Hellwig hat sie für die NZZ besucht: "Antonio Palomino, sein erster Biograf, erwähnt ihn im 'Parnaso Español pintoresco laureado' (1724) als 'El Divino Morales, Maler [. . .], dessen wahrer Name unbekannt ist'. Antonio Palomino nennt zwei Gründe für den Namenszusatz: 'Er bekam den Zunamen 'el divino', weil er nichts als geistliche Subjekte malte, aber auch, weil er an Christusköpfen so meisterlich und so fein die Haare malte, dass auch die größten Künstler versucht werden, sie anzublasen, um sie zu bewegen.'"

Bersarin besucht für das Blog Aisthesis die Ausstellung "Zartrosa und Lichtblau. Japanische Fotografie der Meiji-Zeit 1869-1912" im Berliner Museum für Fotografie, die mit Fotos aus den Ethnologischen Sammlungen und dem Museum für Ostasiatische Kunst in Berlin bestückt ist: "Zu lernen und zu lesen geben diese Bilder - wie fast jede Fotografie - ohne einen erläuternden Kontext nichts, sofern wir sie als Dokument betrachten. Als Dokumente ließen mich diese Bilder kalt. Aber als Szenen eines Theaters regten sie mich an." (Bild: Ogawa Kazumasa: A Damsel - Maiko zur Kirschblütenzeit, um 1890. Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum)

In der NZZ schreibt die Kunsthistorikern Maria Becker über Edouard Manets Bild "L'Evasion de Rochefort", das die Flucht des Marquis de Rochefort-Luçay 1874 aus der französischen Strafkolonie Nouméa auf Neukaledonien zum Thema hatte. Wobei es ihm um die Flucht eigentlich gar nicht ging, meint sie, sie ist für Manet eher ein "Vorwand für ein metaphysisches, symbolhaftes Bild. Ungewöhnlich für eine Marine ist auch das Hochformat, in dem der Horizont knapp unter die Bildkante gesetzt ist. Das traditionelle Seestück bevorzugt breite, der Weite der Szenerie angemessene Formate. Durch die Vertikalität der Komposition klappt Manet das Bild in die Fläche und dynamisiert umso mehr die Erscheinung des Meeres." (Bild: Eduard Manet, "L'Evasion de Rochefort", 1880/81. Foto: AKG)

Besprochen werden weiter die Anselm-Kiefer-Retrospektive im Centre Pompidou (FR), eine dem Comiczeichner Joe Sacco gewidmete Ausstellung im Cartoon-Museum in Basel (taz) und eine Ausstellung über Giorgio de Chiricos metaphysische Malerei in Ferrara (SZ).
Archiv: Kunst

Film

Auf critic.de unterhalten sich Lukas Foerster (Perlentaucher), Ekkehard Knörer (Cargo) und Frédéric Jaeger im Podcast über "Mistress America", "Love 3D" und "Im Schatten von Frauen". Alexander Menden trifft sich für die SZ mit Schauspieler Ian McKellen.
 
Besprochen werden Tomm Moores traditionell produzierter Zeichentrickfilm "Die Melodie des Meeres" (taz, Kino-Zeit, SZ), Hirokazu Kore-Edas "Unsere kleine Schwester" (SZ), Julia von Heinz' Verfilmung von Hape Kerkelings Megapilgerseller "Ich bin dann mal weg" (Welt, Tagesspiegel, taz) und der neue "Peanuts"-Film (Tagesspiegel, SZ, Welt, FAZ).
Archiv: Film
Stichwörter: Zeichentrickfilm

Bühne

In der Welt bedauert Matthias Kamann, dass Krippenspiele so selten von Erwachsenen aufgeführt werden: "Wenn man die Hingabe bedenkt, mit der sich die Theater den fatalen Ausweglosigkeiten der griechisch-antiken Dramatik widmen, dann kann man auf die Idee kommen, dass unsere Schauspieler und Regisseure den Sinn verloren haben für die spezifisch christliche Dramatik. Für eine Dramatik, in der Gottes Eingriffsmacht einhergeht mit großen Entscheidungsspielräumen von Menschen, die in der eigenartigen Schwebe dieser Geschichten zwischen Gut und Böse den göttlichen Willen auf eigene Faust dynamisieren."

Dass die semikonzertante, von Simon Rattle dirigierte Aufführung von Claude Debussys "Pelléas et Mélisande" in der Berliner Philharmonie SZ-Kritiker Wolfgang Schreiber so zusagte, lag nicht zuletzt an Peter Sellars' Raumgestaltung: "Die Philharmonie selbst wird, auch dank wechselnder Lichtkonstellationen und der Farbleuchtstäbe, zu einer Raumskulptur."

Besprochen werden eine konzertante Aufführung von Emmerich Kálmáns "Die Zirkusprinzessin" ("So üppig, so volltönig und prachtvoll ausgeleuchtet bekommt man Kálmán selten zu hören", schwärmt Frederik Hanssen im Tagesspiegel) und Leander Haußmanns Tschechow-Inszenierung "Drei Schwestern" am Berliner Ensemble (SZ, mehr dazu hier).
Anzeige
Archiv: Bühne

Literatur

Die Lyrikzeitung weist auf einen Streit zwischen den Dichtern Ann Cotten und Gerhard Falkner hin. Der Turmsegler liest Chaim Nolls DDR-Erinnerungen "Der Schmuggel über die Zeitgrenze" und Hans Sahls Gedichtband "Die hellen Nächte". Der SRF stellt Henry James' "Die Europäer" vor. Mehr im literarischen Meta-Blog Lit21.

Besprochen werden Lily Kings Roman "Euphoria" (NZZ), Christian Saehrendts Band "Gefühlige Zeiten" (NZZ), Dennis Lehanes Krimi "Das Ende einer Welt" (Welt), Maximilian Prinz zu Wied-Neuwieds "Reise nach Brasilien in den Jahren 1815 bis 1817" (SZ), Joachim Meyerhoffs "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" (ZeitOnline), Joan Sales' katalanischer Klassiker "Flüchtiger Glanz" (Zeit), Alan Rusbridgers "Play it Again" (Zeit) und Manfred Mittermayers Biografie über Thomas Bernhard (FAZ, mehr dazu hier).
Archiv: Literatur

Musik

Bei der FAZ sind Eleonore Bünings Klassik-Geschenktipps jetzt online zu finden. Besprochen werden ein Bruckner-Konzert der Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim (Tagesspiegel) und eine Berliner Hommage an György Kurtág (FAZ).
Archiv: Musik

Architektur


Die renovierte Galerie Alter Meister im Augusteum

In der FAZ lobt Andreas Kilb die Renovierung des Augusteum in Oldenburg, die nach zwei Jahren abgeschlossen ist: "Wenn man durch seine in abgetönten Grundfarben gestrichenen, durch Glastüren vor Zugluft geschützten Säle läuft, begreift man, dass es hier nicht um die übliche Schnitzeljagd nach Meisterwerken geht. Es geht um eine Schule des Sehens, in der das Auge durch die verschiedenen Stufen der abendländischen Malerei zwischen dem Ende des Mittelalters und dem Anbruch der Moderne geführt wird."

Sehr zufrieden ist Peter von Becker im Tagesspiegel mit der "erstaunlich kühnen Erweiterung", die Herzog & de Meuron für das Unterlindenmuseum in Colmar haben bauen lassen: "Das Unterlindenmuseum ist nun auch unter die Erde gegangen und unters Wasser des durch die Altstadt fließenden Canal de la Sinn. Eine völlig neu geschaffene Traverse mit unterirdischen Galerieräumen führt wieder hoch in ein dem alten Museum gegenüberliegendes ehemaliges Badehaus (erbaut um 1900), außen Neobarock, innen Art déco."
Archiv: Architektur