Efeu - Die Kulturrundschau

Naturgesundes Fichtelgebirge

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28.11.2015. In der FAZ nimmt Swetlana Alexijewitsch den russischen Körper auseinander. Die Welt betrachtet fasziniert Bilder von Mitläufern, Sympathisanten oder auch nur kurz Verwirrten in der Nazizeit. Die taz feiert die postminimalistischen Skulpturen von Terry Fox. Die SZ hört die Kategorien des Anderen und des Unvereinbaren bei Beethoven und Schubert.

Kunst


Terry Fox, Virtual Volume (Smoke Exhalation), 1970. Foto: Barry Klinger, © Estate of Terry Fox, Köln

Zu Lebzeiten hat sich der 2008 verstorbene Künstler Terry Fox nie als Marke im Betrieb etablieren können, schreibt Tilman Baumgärtel in der taz. Immerhin bietet jetzt eine Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste die Möglichkeit, Fox wiederzuentdecken: Fox wollte "Kunst schaffen, die nicht mehr am verdinglichten und verkäuflichen Objekt hängt; keine 'Kunst, die wie Kunst aussieht', wie er es in einem Interview nannte, sondern Erfahrungen, die er zusammen mit dem Publikum machte. Dabei dehnte Fox en passant das Vokabular der postminima­listischen Skulptur aus. Die Fotos, die ihn mit aus seinem Mund strömenden Zigarettenrauch zeigen, sind ein Beispiel für solche Erweiterungen des bildhauerischen ­Formenkanons."


Karl Kunz (1905-1971): Deutschland erwache!, 1942. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie. © Wolfgang Kunz

Hoch inspiriert verlässt Hans-Joachim Müller die von der Berliner Nationalgalerie zusammengestellte Ausstellung "Die schwarzen Jahre" der deutschen Malerei von 1933-45 im Hamburger Bahnhof: so zwiespältig und gleichzeitig erhellend hat er dieses Thema selten behandelt gefunden, schreibt er in der Welt. Man betrachte nur Erich Heckel, "neben Kirchner der Kopf der Dresdener 'Brücke', Pionier des antibürgerlichen Expressionismus ersten Stunde. Was hält ihn in Berlin? Was bringt ihn dazu, am 18. August 1934 den 'Aufruf der Kulturschaffenden' zu unterzeichnen, der er dem 'Führer Gefolgschaft' schwört? Der Nationalgalerie gehört ein 'Frühlings'-Bild von 1918, das sich bis 1937 in der Sammlung halten konnte, eine mild gewellte Landschaft unter Sonnenstrahlen, die hinter der dunklen Wolke wie aus einer Granate platzen. Naturfriede ist das nicht."

In der NZZ porträtiert Ulrich M. Schmid den russischen Aktionskünstler Piotr Pawlenski. Drei Jahre Haft drohen ihm für das Anzünden der Tür zur Ljubljanka: "In einem ersten Interview aus der Untersuchungshaft bestätigte er, dass es ihm gutgehe. Es mache keinen Unterschied, ob man innerhalb oder außerhalb der Gefängnismauern lebe. Den engen Kontakt zu den Vollzugsbehörden nimmt Pawlenski nicht als Repression, sondern als ästhetische Chance wahr. Bereits bei früheren Verhaftungen hatte er die Einvernahmeprotokolle als künstlerisches Material publiziert. Dabei wurde deutlich, dass der Angeklagte und der Ermittler die Grenze zwischen gesellschaftlicher Wirklichkeit und politischer Kunst ganz unterschiedlich zogen. Einen ersten Erfolg konnte Pawlenski mit dieser Veröffentlichung bereits erzielen: Der Ermittler quittierte seinen Dienst bei den Strafverfolgungsbehörden."

Weiteres: In der SZ berichtet Jonathan Fischer von der Foto-Biennale in Mali. Besprochen wird Mark Reicherts Dokumentarfilm "Ostkreuz" über die gleichnamige Fotoagentur in Berlin (Berliner Zeitung).
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Bühne

Besprochen werden Peter Sellars' Inszenierung von Kaija Saariahos "La Passion de Simone" in Berlin (Tagesspiegel) und Jette Steckels Horvat-Abend am Hamburger Thalia Theater (Welt, FAZ).
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Film

In der taz berichtet Lea Fauth von einem Berliner Abend mit dem Filmessayisten Jonas Mekas. In der Welt liefern sich Hanns-Georg Rodek und Alan Posener ein Pro und Contra zur staatlichen Filmförderung in Deutschland: Rodek ist dafür, zumal Filmförderung inzwischen selbst in oberkapitalistischen Ländern wie den US, England und Australien üblich ist, Posener fragt sich dagegen, warum nicht auch Filmproduzenten mal ein unternehmerisches Risiko eingehen sollen. Und der Regisseur Gaspar Noé spricht im Interview über seinen neuen Film "Love" (hier unsere Kritik), den Sex im besonderen und die Liebe im allgemeinen.

Besprochen werden Marcel Gislers Dokumentarfilm "Electroboy" (ZeitOnline) und Ben Hopkins' "Hasret - Sehnsucht" (Filmgazette).

Und ein Streamingtipp mit wärmster Empfehlung der Perlentaucher-Filmkritiker Thomas Groh und Lukas Foerster : SpiegelOnline zeigt derzeit Ivette Löckers Dokumentarfilm "Nachtschichten" (mehr zu dem Film hier, hier und bei Cargo).
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Archiv: Film

Literatur

Auf ein großes FAZ-Gespräch hat sich Kerstin Holm mit der Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch getroffen. Dabei geht es viel um die aktuelle politische Lage, aber auch um ihr Verhältnis zu Russland, um ihre Position innerhalb der russischen Kultur. "In Russland gelte ich jetzt als fünfte Kolonne. Die Literaturnaja gaseta nennt mich 'Bandera-Anhängerin', weil ich den ukrainischen Reformkurs unterstütze. ... Russland ist einfach zu groß, daher bringt es regelmäßig Super-Ideen hervor, die den Menschen zum Objekt machen, ihn sich unterwerfen, Individuen zum kollektiven Körper verbacken. Ich nehme diesen kollektiven Körper auseinander und untersuche seine Einzelteile."

Weiteres: Felix Philipp Ingold erinnert in der NZZ an den vor 200 Jahren gestorbenen Schriftsteller, Forschungsreisenden, Ethnografen und Diplomaten Jan Graf Potocki. Sieglinde Geisel besucht das Museum für die Brüder Grimm. Hundertvierzehn bringt die vierte Episode von Thomas von Steinaeckers und Barbara Yelins Webcomic "Der Sommer ihres Lebens". Cathrin Kahlweit porträtiert für die SZ den ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan. In der Welt stellt Richard Kämmerlings uns eine verführerisch bebilderte, bisher nur auf Englisch erschienene Enzyklopädie des Zuckers vor. Elmar Krekeler deutet den Trend zum gastrosexuellen Cop. Montaigne-Übersetzer Hans Stilett macht uns mit Montaignes, in den Essais beschriebenen Ansichten zum Essen vertraut: "Mir würde alle Esslust genommen, wenn ich mich nach ärztlicher Vorschrift mit täglich drei, vier magren Mahlzeiten abquälen müsste …" Und die FAZ veröffentlicht die deutsche Übersetzung eines 1923 auf Dänisch publizierten Gesprächs zwischen dem Journalist Emil Bønnelycke und Arthur Schnitzler.

Besprochen werden Briefe Sidonie Nádhernýs an Václav Wagner (NZZ), Will Eisners Comic "Ich bin Fagin - Die unerzählte Geschichte aus Oliver Twist" (FR), Bov Bjergs "Auerhaus" (Zeit), Zaza Burchuladzes "Adibas" (Tagesspiegel), Raoul Schrotts "Die Kunst an nichts zu glauben" (taz), neue Hörbücher (taz), Richard Yates' "Cold Spring Harbour" (SZ) und Annette Pehnts "Briefe an Charley" (FAZ).

Außerdem bringt die FAZ heute noch eine Literaturbeilage. Den Aufmacher widmet Martin Mosebach Michail Ossorgins wiederentdecktem Roman "Eine Straße in Moskau".
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Design

Laut Tazlerin Brigitte Werneburg, die einige neue Publikationen zum Thema gelesen hat, formiert sich in den Geisteswissenschaften derzeit eine Modewissenschaft.
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Stichwörter: Mode

Musik

IS-Terror, Flüchtlingskrise - wie lässt sich bei dieser Lage ästhetischer Genuss noch rechtfertigen? Indem man die Motorhaube hebt und tief ins Getriebe der Kunst blickt, antwortet Reinhard J. Brembeck in der SZ und gibt ein Beispiel dafür vor, wie lohnenswert es bei klassischer Musik sein kann, Ahnung von Noten und Partituren zu haben, gerade auch im Fall "der Wiener Klassiker, die einst als 'absolut' und 'erhaben' gedacht wurden, als aller Diesseitigkeit entrückt. An zwei zentralen, berühmten Beispielen, Ludwig van Beethovens 'Eroica' und Franz Schuberts Streichquintett, lässt sich nachweisen, wie dort die Kategorien des Anderen und des Unvereinbaren, die derzeit auch die Diskurse über die Flüchtlinge und den IS-Terror bestimmen, die Voraussetzung sind, um große und neuartige Kunstwerke zu schaffen."

Weiteres: Für die Berliner Zeitung plaudert Katja Schwemmers mit Guy Garvey. In der SZ porträtiert Andrian Kreye den Gitarristen Carl Carlton. Mit sichtlichem Genus berichtet Jan Brachmann in der FAZ von der Leipziger Uraufführung von Thomas Larchers neuer Komposition "Alle Tage": Diese "Musik spricht: zur Gegenwart ebenso, wie sie untergründig korrespondiert mit der neunten Symphonie von Anton Bruckner in der zweiten Hälfte des Konzerts. Bei beiden schwingt die Lust am eigenen Grauen mit". Besprochen wird ein Konzert mit Werken von Skrjabin, Karlowicz und Strauss in Bern (NZZ).
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