Efeu - Die Kulturrundschau

Ein gleichsam errötender Klang

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27.11.2015. Die taz porträtiert den russischen Performance-Künstler Pjotr Pawlenski, der mit seiner jüngsten Aktion eine Anklage wegen Terrorismus erzwingen will. Die Welt nimmt Abschied von einer japanischen Göttin: der Schauspielerin Setsuko Hara. Die NZZ besucht eine von Peter Nadas kuratierte Marbacher Ausstellung zu H. G. Adler. In der FAZ erklärt der französische Autor Mathias Enard, warum er Michel Houellebecqs Vision des Islam nicht ernst nimmt.

Literatur

Hannelore Schlaffer besucht für die NZZ in Marbach eine von Péter Nádas kuratierte Ausstellung zu dem Prager Exil-Schriftsteller und Fotografen H. G. Adler. Nádas hat vor allem Fotos mit Alpen-Motiv ausgewählt, die er in der Tradition der Romantik verortet. Doch damit ist Schlaffer nicht einverstanden: Gott sei hier nicht zu sehen. "Immer nämlich ist die Landschaft verhängt durch einen Vorhang aus Ästen, die wie Jalousien die Aussicht verstellen, aus Zweigen mit Tausenden kleiner, feiner Fichtennadeln oder aus Laubbäumen mit angenagten Blättern. Es sind dies die Spitzengardinen eines großbürgerlichen Wohnzimmers, aus dessen Geborgenheit heraus der Blick die Schatten und Schimmer einer erhabenen Landschaft genießt. Die Ferne ist nicht fern, sondern einfach anders als die Nähe des Zimmers."

In der FAZ spricht Lena Bopp mit dem aktuellen Prix-Goncourt-Preisträger Mathias Enard vor allem auch über den Blick des Westens auf den Islam und dessen Kultur. Seinen neuen Roman "Boussole" positioniert er nach eigener Aussage als "Anti-Houellebecq": "Man stellt sich die arabische Welt heute meist als einen Hort des Terrorismus und Salafismus vor, von dem man nur Gewalt erwartet. Aber 'Boussole' zeigt genau das Gegenteil, es zeigt, dass der Nahe Osten über große kulturelle Schätze verfügt, über eine enorme Vielfalt, der wir in Europa viel verdanken. ... [Houellebecqs] Vision des Islams und der Muslime ist ja eine Farce, zum Lachen! Sie ist so karikaturenhaft und idiotisch, dass man sie unmöglich ernst nehmen kann."

Weiteres: Ingeborg Waldinger stellt in der NZZ den von Suhrkamp-Lektor Raimund Fellinger mitgegründeten österreichischen Korrektur-Verlag vor, der sich ganz dem Kosmos Thomas Bernhard widmen will. Besprochen wird unter anderem António Lobo Antunes' "Mitternacht zu sein ist nicht jedem gegeben" (SZ).

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Kunst

Der russische politische Performance-Künstler Pjotr Pawlenski hat die Tür der Lubjanka in Brand gesetzt und damit eine Tat wiederholt, die der ukrainische Regisseur Oleg Senzow begangen hat - der dafür zu zwanzig Jahren Lagerhaft wegen Terrorismus verurteilt wurde, schreibt Sandra Frimmel in einem Porträt für die taz. Jetzt sitzt Pawlenski "in Haft, weil er sich weigert, eine Aussage zu machen, so lange sein Anklagepunkt nicht in Terrorismus umgewandelt wird." Und er sagt dazu: "Ich habe (die Senzow zur Last gelegte) Handlung wiederholt. Und dann muss man mich nach der Logik dieses Justizsystems nicht des Vandalismus verdächtigen, sondern des Terrorismus. Entweder ist es nach dieser Logik Terrorismus, oder es ist einfach eine Geste."

Weitere Artikel: In der taz gratuliert Ingo Arend der Zeitschrift Texte zur Kunst zum 25-jährigen Bestehen.

Besprochen werden eine Etrusker-Ausstellung in der Staatlichen Antikensammlungen München (Bild links, NZZ), eine der Expressionistin Gabriele Münter gewidmete Ausstellung in der Stiftung Ahlers in Hannover (FAZ), die Walker-Evans-Ausstellung im Josef Albers Museum Quadrat in Bottrop (FAZ) und die Ausstellung "Lady Hamilton: Eros und Attitüde" in der Casa di Goethe in Rom (FAZ).
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Film

In der Welt erinnert Uwe Schmitt schwärmerisch an die japanischen Schauspielerin Setsuko Hara, Star in Filmen von Kurosawa und Ozu, die sich 1963 radikal aus dem Film und der Öffentlichkeit zurückzog und jetzt im Alter von 95 Jahren gestorben ist. In keinem Film war sie so schön und ergreifend wie in Ozus "Tokyo monogatari", versichert Schmitt. "Wer das Glück hat, den Film in Japanisch zu sehen, muss hingerissen sein von der Demut, die sich in der Wiederholung eines einzigen Wortes verewigt: 'iie!', sagt sie immer wieder, beinahe schluchzend, wenn sie Lob und gute Wünsche abweist, 'aber nein', 'nicht doch'. Und abermals 'iie!', wobei sie das 'ii' in der Tonhöhe kurz absenkt und dann zum 'e' in fast koketter Strenge um mindestens eine Quinte emporschnellen lässt. Es ist ein gleichsam errötender Klang, nur Setsuko Hara vermag, ihm Würde zu geben. Gleichzeitig neigt sie unendlich anmutig den Kopf und schlägt die tränenschwimmenden Augen nieder auf die Hände, die auf ihrem Schoß gekreuzt sind, wie es sich ziemt. So sieht eine japanische Göttin aus, so und nicht anders."

Hier kann man sie in Ozus "Tokyo monogatari" in voller Länge auf Japanisch mit englischen Untertiteln bewundern, und hier erklärt sie ihrer Freundin, warum alles gut wird, auch wenn sie einen Mann mit Kind geheiratet hat:



Weitere Artikel: Silvia Hallensleben freut sich in der taz auf das cinephile Berliner Filmfestival "Around the World in 14 Films", das ein Best-Of der internationalen Filmfestivals präsentiert. Für München kündigt Elke Eckert auf Artechock eine Reihe mit Filmen von Pasolini und Francesco Rosi an. Christiane Peitz (Tagesspiegel), Fritz Göttler (SZ) und Jürg Altwegg (FAZ) gratulieren Claude Lanzmann zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden Ben Hopkins' Istanbul-Dokumentarfilm "Hasret - Sehnsucht" (Artechock,Tagesspiegel) und die neue RTL-Serie "Deutschland 83" (FR, FAZ).
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Stichwörter: Claude Lanzmann, RTL

Bühne

Besprochen werden Benedikt von Peters "Aida"-Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin (NZZ), Achim Freyers Wiener "Don Giovanni"-Inszenierung ("Freyer zeigt: Es steckt mehr Theaterspiellust in Mozarts Opern als moralische und politische Botschaft", schreibt Helmut Mauró in der SZ) und Gordon Kämmerers am Schauspiel Leipzig aufgeführte Inszenierung von Ferdinand Schmalz' "Der Herzerlfresser" (Christine Dössel stöhnt in der SZ über "knallende Licht-Ton-Effekte, wabernden Bodennebel, rüde Gags").
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Musik

Was für ein aufregendes Musikjahr, freut sich Philipp Rhensius in der taz. Und dann kommt zum Jahresende als Sahnehäubchen noch so ein Album wie "Garden of Delete" von Oneohtrix Point Never daher: "Mit all den unerwarteten Wendungen und Brüchen erinnert die Musik an den faszinierenden Wahnsinn von Internethypes, die nach dem nächsten Klick wieder verschwunden sind und für die verkümmernden Aufmerksamkeitsspannen stehen." Deshalb sei es "das beste Gegenbeispiel für all diejenigen, die Pop eine Fähigkeit absprechen, die kulturellen Eigenheiten des Zeitgeistes auch musikimmanent abzubilden." Hier das aktuelle und, nun ja, ziemlich sonderbare Musikvideo:



Weitere Artikel: Tobias Feld erzählt in der NZZ die Geschichte des Detroiter Graystone Ballroom, an den derzeit Ausstellungen und Alben erinnern. Ulrich Amling (Tagesspiegel), Reinhard Brembeck (SZ) und Gerhard R. Koch (FAZ) gratulieren dem Komponisten Helmut Lachenmann zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Laurie Andersons Filmsoundtrack "Heart Of A Dog" (NZZ), ein Konzert der Sopranistin Julia Lezhneva in der Tonhalle Zürich (NZZ), Little Simz' "A Curious Tale of Trials" (taz) und das neue Album von Enya (The Quietus). Außerdem hat die FAZ Heinrich Deterings hymnische Besprechung von Bob Dylans neuer "Bootleg Series"-Lieferung online nachgereicht.
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