Efeu - Die Kulturrundschau

Wenn historisch, dann richtig

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15.06.2015. Auf Zeit online erklärt Manfred Prasser, Architekt des Palasts der Republik, warum das neue Stadtschloss "Entschuldigung, Scheiße" ist. Die FAS steht ganz still in einer Ausstellung australisch-indigener Kunst. Im Standard erzählt der sardische Autor Gavino Ledda, wie ihn die Natur als achtjährigen Schafhirten Schreiben lehrte. Bei den Autorentheatertagen in Berlin flogen die Fetzen, meldet der Tagesspiegel. In der FAZ erzählt Maurizio Pollini, wie Beethoven arbeitete.

Architektur


Das Stadtschloss im Rohbau. Bild: Webcam des Fördervereins Berliner Schloss e.V.

Für ZeitOnline spricht Tilmann Steffen mit Manfred Prasser, der seinerzeit den für das Berliner Stadtschloss abgerissenen Palast der Republik entworfen hatte. Dass sein Bau entfernt wurde, findet er zwar "persönlich (...) nicht so schlimm" (auch wenn er dabei "knallharten Kommunistenhass" im Spiel sieht), dennoch wurmt es ihn, wie an dieser Stelle mit der Geschichte umgegangen wird: "Ich habe nichts gegen Architekten, die etwas Neues bauen wollen. Aber man kann keine Potemkinsche Fassade errichten und dahinter ein Stahlbeton-Skelett. Ein solches Schloss ist gesellschaftspolitisch und historisch, Entschuldigung, Scheiße. Wenn historisch, dann richtig."

In der Welt plädiert Dankwart Guratzsch anlässlich der Diskussion um Josef Thoraks Pferde und Arno Brekers Artelier dafür, etwas differenzierter mit der NS-Kunst umzugehen: "Wer heute vor den Flaktürmen im reizenden Wiener Augarten steht, für den muss ihre martialische Machtgebärde wie die aller europäischer Kultur hohnsprechende Hinterlassenschaft eines Pharao erscheinen. Und doch zählt ihr Architekt Friedrich Tamms zu den wichtigsten Nachkriegsbaumeistern Westdeutschlands - nicht nur ein Interpret des Führerstaates, sondern auch der Nachkriegsordnung, ein Monumentalist und Symbolist, der mit seinen gewaltigen Rheinbrücken die Verklammerung der Rheinbundlande mit dem jungen deutschen Bundesstaat auf dem langen Weg nach Westen schuf."

Brigitte Kramer unterhält sich für die NZZ mit den spanischen Architekten Fabrizio Barozzi und Alberto Veiga, über deren bekannteste Arbeit, die vielgepriesene Philharmonie in Stettin, und über ihre neuen Projekte. Zum Bauen in der Schweiz sagt Veiga: "Wenn man in der Schweiz etwas verbessern sollte, dann vielleicht die exzessive Standardisierung der Prozesse. Etwas, wofür es kein Protokoll gibt, ist nicht möglich."

Weitere Artikel: Wojciech Czaja besucht für den Standard das von querkraft architekten um mehrere Räume erweiterte, unterirdische Museum Liaunig im kärntnerischen Neuhaus. Bei der Berliner Veranstaltung "Interventionen" diskutierte man über "neue Wohnformen aus Kunst und Architektur als Alternativen zu Sammelunterkünften" für Flüchtlinge, berichtet Elise Graton in der taz. Besprochen wird die Ausstellung "Der Ring" im Wien Museum Karlsplatz (Presse).
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Kunst


Kunmanara Hogan, Tjaruwa Woods, Yarangka Thomas, Estelle Hogan, Ngalpingka Simms and Myrtle Pennington, Kungkarangkalpa (detail), 2013. © the artists, courtesy Spinifex Arts Project.

Tief beeindruckt verlässt Boris Pofalla (FAS) die Ausstellung australisch-indigener Kunst im British Museum: Hier werde den Bürgern der westlichen Welt nicht etwa eine vermeintlich rückständige Kultur vorgestellt; vielmehr erreiche und erfahre man die Grenzen der eigenen Kultur: Die Ausstellung führe "einen an die Grenzen der Welt, der Geschichte und des Verstehens. 10.000 Jahre, aufgehoben in Erinnerungen und Worten. Das kann man, gewöhnt an Inschriften und Steinmonumente, eigentlich nicht begreifen."

Weitere Artikel: In der NZZ berichtet Christian Saehrendt über den großen Auftritt des Iran bei der Biennale von Venedig. Im Tagesspiegel gratuliert Fabian Federl der Künstlerresidenz Villa Aurora zum 20-jährigen Bestehen. Brigitte Werneburg berichtet in der taz von der Berliner Tagung "Politik der Kunst". Schwermütig betrachtet Thomas Ketelsen (FAZ) Louis-François Cassas" im 18. Jahrhundert entstandene Zeichnungen von Palmyra, die vielleicht das einzige sein werden, was von der syrischen Ruinenstadt überdauern wird.
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Literatur

"Mein Vater hat mich als seinen persönlichen Besitz betrachtet. Ihm war es ebenso mit seinem Vater ergangen. So war es: Patriarchen haben als Kinder gehorchen müssen; als Erwachsene haben sie befohlen." Vor vierzig Jahren erschien Gavino Leddas Buch "Padre Padrone" (Mein Vater, mein Herr) in Italien. Der sardische Schriftsteller erzählte darin von seiner harten Kindheit und Jugend, die vom Vater beherrscht war. Mit sechs Jahren wurde er aus der Schule genommen, um zu Hause zu helfen. Mit acht Jahren saß er tagelang mutterseelenallein mit seinen Schafen draußen in der Natur. Dort, erzählt er Cordula Reyer, die ihn für den Standard auf Sardinien besucht hat, hat er das Schreiben gelernt: "Ich habe wenig geredet und habe mit mir selbst Dialoge aufgebaut, weil ich einsam war. Irgendwann war die Stille kein Schweigen mehr, sondern sie sprach zu mir. Als Kind habe ich mit dem Himmel und den Sternen gesprochen. Ich verstand und sprach alle Dialekte der Natur."

Weitere Artikel: Peter Münder schreibt in der NZZ zum 150. Geburtstag des irischen Nationaldichters William Butler Yeats. Gerrit Bartels hat sich für den Tagesspiegel mit Martin Walser getroffen. Außerdem hat die FAZ Katharina Teutschs Bericht von einer Kritikertagung in Tallinn, wo über vergessene Klassiker der Weltliteratur gesprochen wurde, online nachgereicht. Und die Zeit hat nun auch Iris Radischs Gespräch mit Volker Weidermann über dessen Rolle beim neuen "Literarischen Quartett" online gestellt.

Besprochen werden Astrid Lindgrens Kriegstagebücher (Zeit), Amanda Vaills "Hotel Florida" (Tagesspiegel), Hans Joachim Schädlichs "Narrenleben" (FAZ) und neue Comics von Marc-Antoine Mathieu (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie der FAZ stellt Mathias Mayer Goethes Gedicht "Todeslied eines Gefangenen" vor:

"Kommt nur kühnlich kommt nur alle
Und versammelt euch zum Schmause,
Denn ihr werdet mich mit dräuen,
..."
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Bühne

Beim Auftakt der Berliner Autorentheatertage flogen die Fetzen: "Die Gegenwartsdramatik sprüht vor Konfliktpotenzial", bemerkt süffisant Patrick Wildermann im Tagesspiegel, denn nicht etwa auf der Bühne gab es den Konflikt, sondern bereits vor dem ersten Stück, da der Theaterkritiker und Juror Peter Michalzik 17 kritische (nach Wildermann allerdings wohl auch recht lauwarme) Thesen zum Gegenwartstheater unters Publikum brachte. "Hätte man abhaken können. Wäre darüber nicht seinem Jury-Kollegen Ulrich Matthes der Kragen geplatzt. Der kündigte den allgemeinen Gute-Miene-Konsens auf und schoss coram publico gegen dieses schlecht gelaunte Grundrauschen, wobei Vokabeln wie "Plattitüde", "Binsenweisheit" oder auch "Blablabla" fielen. Das hatte die Qualität des legendären Disputs zwischen Rudi Völler und Waldemar Hartmann."

Und die Stücke des ersten Abends selbst? Immerhin, Ferdinand Schmalz" "Dosenfleisch" und Jan Friedrichs "Szenen der Freiheit" ließen "auf ihre jeweils eigene Art eine Erzählkraft leuchten (...), die in den Bann schlägt." Mehr zu den beiden Stücken bei der Nachtkritik.


Manfred Zapatka (Antonius) und Hanna Scheibe (Cleopatra). Foto: Matthias Horn

Guter Auftakt, zähes Ende: Von Thomas Dannemanns "Antonius und Cleopatra"-Inszenierung am Münchner Residenztheater ist SZ-Kritiker Egbert Tholl am Ende leider doch nur halb gebannt. "Knapp zwei der fast vier Stunden Aufführung sind furios. ...Doch dann saugt ein empfindsamer Stimmungsmelodiker, der Gitarrist Konrad Hempel, die Energie aus dem Geschehen, und den langen Zerfall schildert Dannemann als Zerfall aller Bühnenmittel. Das quält ein wenig, weil die kluge Wut, die hier lange herrschte, einfach so verpufft". Beeindruckend findet Tim Slagmann in der Nachtkritik dagegen gerade "die Momente der Stille, die es hier offenbar braucht, damit sich die strukturelle Gewalt der dargestellten Epoche herausschälen kann."

Weitere Artikel: In der taz empfiehlt Katharina Granzin die Reihe "Fluxus Reloaded" in der Berliner Staatsoper und hat bei der Aufführung von Karlheinz von Stockhausens "Originalen" Freude "an so dadaistischen Gesten, wenn der Pianist das Gesicht grün angemalt kriegt." Regine Müller berichtet in der taz vom Freie-Szene-Festival "Impulse". Aus Potsdam berichtet Jan Brachmann in der FAZ vom Auftakt der Musikfestspiele, wo Alessandro Scarlattis Barockserenade "Der Liebesgarten" und Bachs "Bauernkantate" gegeben wurden. Sandra Luzina spricht im Tagesspiegel mit der Schauspielerin Katharine Merling, die im am Berliner Renaissance-Theater aufgeführten Musical "Next to Normal" spielt. Lesen kann man in der NZZ Adolf Muschgs Eröffnungsrede für die Zürcher Festspiele. Christian Wildhagen schreibt über das Eröffnungskonzert mit Lionel Bringuier und Julia Fischer.

Besprochen werden Calixto Bieitos Mannheimer "Räuber"-Inszenierung (Nachtkritik, FR, FAZ), Milo Raus Performance "The Civil Wars" bei den Wiener Festwochen im Brut im Künstlerhaus (Presse), Joël Pommerats musikalischer Liebesreigen "La Réunification des deux Corées" im Wiener Museumsquartier ("Man ist nicht unbedingt klüger geworden nach Genuss dieser galligen Miniaturen. Aber ein paar Mal glaubt man, das eigene Herz wäre mitten entzweigebrochen", erklärt Ronald Pohl im Standard), Jorinde Dröses Frankfurter "Was ihr wollt"-Inszenierung (Nachtkritik, FAZ) und drei beim Regiestudiofestival in Frankfurt aufgeführte Inszenierungen, die laut Stefan Michalzik (FR) immerhin "hübsch possierlich" geraten seien.
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Film

Ganz Kino-Deutschland begeistert sich für Sebastian Schippers "Victoria": Auf Mojo kann man Nils Frahms Klaviersoundtrack dazu in voller Länge hören.

Besprochen werden die spanische Komödie "Acht Namen für die Liebe" (Tagesspiegel, SZ) und Bill Pohlads Beach-Boys-Film "Love & Mercy" (Standard).

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Stichwörter: Nils Frahm

Musik

In der Debatte um die mögliche Affinität zwischen Gangster-Rap und Islamismus plädiert der Kultursoziologe Marc Dietrich in der taz nach drei Punkten, die er den Warnern entgegen stellt (Dekontextualisierung von Rap-Passagen, Missachtung genre-typischer Rhetoriken und latenter Rassismus), insgesamt für mehr Gelassenheit: "Provokation gilt im Rap als Lieblingsstilmittel, Punchlines werden dadurch druckvoller. Der Flirt mit terroristisch-islamistischer Rhetorik liegt also nahe... Reflexhafte Großtheorien sichern kurzen Beifall - von der falschen Seite und von Leuten, die Pegida gar nicht so schlimm finden -, sie sind aber eine Ungerechtigkeit für Rapper und Akteure, die Rap und Islam nicht mit Hass und Vernichtungsambitionen deuten oder dafür einzuspannen suchen." Was doch im Endeffekt soviel heißt wie: Wer gerne mit druckvollen Punchlines provoziert, ist auf einmal sehr verletzlich und dies exakt bei Gegenwind.

Ljubisa Tosic unterhält sich für den Standard mit Gidon Kremer über den Komponisten Mieczyslaw Weinberg, dem gerade im Musikverein in Wien ein zweitägiger Schwerpunkt gewidmet war: "Kremer kannte Weinberg. Er war ab Mitte der 1960er in der Klasse von Geiger David Oistrach, und bisweilen saß Weinberg am Klavier. "Es ist auch nicht so, dass er nicht aufgeführt wurde. Letztlich landete er aber im Schatten seines Freundes Dmitri Schostakowitsch. Und sie waren Freunde, Weinberg war nicht Schostakowitschs Schüler! Weinbergs 10. Sinfonie etwa war vor der 14. Sinfonie Schostakowitschs geschrieben worden - nicht umgekehrt. Wenn man beide Werke hört, glaubt man: Da haben zwei Komponisten miteinander am Telefon Themen erörtert. Dann aber sind sie getrennt an ihre Komponiertische gegangen und haben eigene Lösungen gefunden. Sie haben nur gemeinsam gedacht.""

Für die taz plaudert Carla Baum mit Rocko Schamoni, der nach Ausflügen ins Theater und die Literatur mal wieder Musik gemacht hat: Auf seinem neuen Album interpretiert er vergessene Klassiker der deutschen Popgeschichte neu und bemüht sich dabei um Anschluss an die Klangästhetik der Filmsoundtracks der 60er und 70er Jahre: ""Nie wieder wurde so freies, irres, forschendes Kino gemacht wie zu der Zeit", erklärt Schamoni. "Die dazugehörigen Soundtracks klingen dementsprechend experimentell und ambivalent, weniger vorhersehbar als die Musik heutiger Produktionen."" Unter anderem covert Schamoni auch "Was kostet die Welt" von F.S.K. (Schamonis Version gibt es gleich zu Beginn dieser Ausgabe des br-Nachtmix):



In der FAZ spricht Jan Brachmann mit dem Pianisten Maurizio Pollini, der 40 Jahre Arbeit in seine Aufnahmen der Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven gesteckt hat. Dabei ließ er es an Rechercheaufwand nicht mangeln: Unter anderem ist er "in die Berliner Staatsbibliothek gegangen, um Beethoven-Handschriften zu sehen. ... Die neunte Sinfonie (...) war ziemlich aufschlussreich. Er hat die ganze Sinfonie mehrmals vom ersten bis zum letzten Takt aufgeschrieben. Und in diesem Prozess des Mehrfach-Aufschreibens wurde besonders das Thema im langsamen Satz immer einfacher."

Weitere Artikel: Im Interview mit dem Standard spricht der Komponist Thomas Adès, dessen Oper "The Tempest" gerade in Wien gespielt wird, über den Unterschied zwischen deutschen und englischen Komponisten und den Einfluss Henry Purcells auf sein Werk. Johannes von Weizsäcker war für die Berliner Zeitung beim Berliner Torstraßenfestival. In der FR schreibt Christian Thomas über die Kinks. "Yesterday" von den Beatles wird 50, meldet Volker Hagedorn im Tagesspiegel. Auf The Quietus schreibt Stewart Smith zum Tod von Ornette Coleman. Für den Bayerischen Rundfunk sprechen Norbert Lang und Thomas Meinecke über "sonische Landschaften". Meineckes dazu passendes br-Klangkunstfeature "On the Map" über das Verhältnis zwischen Klang und Ort gibt es hier zum Online-Nachhören. Michael Struck-Schloen porträtiert in der SZ den chinesischen Dirigenten Long Yu.

Besprochen werden ein von Iván Fischer dirigiertes Bartók-Konzert (Tagesspiegel), ein von Gustavo Dudamel dirigiertes Konzert der Berliner Philharmoniker (Tagesspiegel) und Dee Dee Bridgewaters neues Album (FAZ).
Archiv: Musik