Efeu - Die Kulturrundschau

Wer spielte sonst so metaphysische Pausen?

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20.03.2015. Die Musikkritiker sind euphorisch: Kendrick Lamars neues Album ist ein Meisterwerk voller ultra-informierter Monstertracks. Die NZZ stellt die römische Occult-Psychedelic-Szene vor. Zeit online sieht mit J.C. Chandors Politthriller "A most violent year" eine Renaissance von "New Hollywood" erblühen. Der Freitag beklagt die Ignoranz gegenüber dem Theater in der Provinz. Der Standard beobachtet, wie die Zeit an der Mode nagt.

Musik

Selten hat ein Album die Popkritiker zuletzt so elektrisiert wie "To Pimp A Butterfly", das zweite Album des Rappers Kendrick Lamar, das allseitig mit Superlativen überhäuft wird und überdies binnen eines einzigen Tages den bisherigen Rekord des am häufigsten gestreamten Albums auf Spotify brach. Markus Schneider (Berliner Zeitung) etwa sinkt vor Lamars souveräner, zwischen Gangsta- und Politrap, zwischen Soul und Funk lässig wechselnder Polyglossie auf die Knie: "Bei all diesen auseinanderdrängenden, unübersichtlichen Motiven wirkt das Album dennoch wie aus einem Guss, in all seiner Bewegtheit von einem inneren Puls oder Vibe oder Swing zusammengehalten. ... Ich wüsste nicht, wann ich zuletzt ein derart komplettes, intelligentes, eloquentes, zungenbrecherisches und musikalisch reiches Rap-Album gehört habe. Man kann das natürlich auch kürzer sagen: Dies ist ein Meisterwerk."

Fatma Aydemir von der taz geht da locker mit: "Mal flowt Lamar unbeschwert, mal schreit er sich die Seele aus dem Leib über das theatralisch arrangierte Beat-Set. Mal droppt er fesselnde Geschichten von Gut und Böse zwischen rotierenden Jazz-Momenten und bläserlastigen Funk-Grooves." Jens-Christian Rabe (SZ) taucht unterdessen tief ein ins komplexe Referenzsystem des Musikers, damit wir als Leser überhaupt nur eine Ahnung davon bekommen, "was hier in einem einzigen Song eigentlich los ist. Und von diesen irrsinnig anspielungsreichen und pophistorisch so ultra-informierten Monstertracks gibt es (...) noch 15 andere auf dem Album. ... So komplette, narrativ so dichte Pop-Alben wie diese gibt es nur alle paar Jahre einmal. Wenn überhaupt. Kendrick Lamar möchte ja nicht einfach ein paar Geschichten abwerfen. Er will auf dem Album eine ganze komplexe Welt wieder in den Griff bekommen." Auch das meinungsbildende amerikanische Magazin Pitchfork hebt das Album mit einem Rating im 9er-Bereich in seinen "Best New Music"-Pantheon.

Olaf Karnik führt uns - mit vielen verlinkten Beispielen - in der NZZ in den multikulturell geprägten, oströmischen Stadtteil Pigneto, wo derzeit eine ganz eigene Musik gespielt wird, wie ihm der Label-Betreiber Toni Cutrone erklärt: Occult-Psychedelic. ""Ich weiß nicht, ob man sich jetzt mit der italienischen Tradition brüsten sollte, auf jeden Fall hat man angefangen, sich auf Dinge zu beziehen, die wir im Blut haben: auf italienischen Prog-Rock aus den 1970er und 1980er Jahren oder auf die vielen Soundtrack-Musiker. Es sind solche Einflüsse, die jetzt vermischt werden. So entsteht etwas, was besonders ist, was seine Wurzeln in unserem Land hat.""

Weitere Artikel: Von der Straße zum Kulturbetrieb: Vom "Festival für aktuelle Musik" hat sich die Berliner MaerzMusik in diesem Jahr zum "Festival für Zeitfragen" gewandelt. Im Gespräch mit Peter Uehling (Berliner Zeitung) erläutert der neue Festivalleiter Berno Odo Polzer das genauer. Für The Quietus hat sich Sharon O"Connell mit der Songer-Songwriterin Laura Marling unterhalten, die sich für ihre Musik problemlos gleichermaßen von den okkulten Filmen Alejandro Jodorowskys und Rainer Maria Rilkes Gedichten inspirieren lässt. Auf The Quietus führt Gary Suarez durch aktuelle Hiphop-Veröffentlichungen.

Besprochen werden ein Konzert von Sleater-Kinney (womöglich "Amerikas beste Rockband", schwärmt Nadine Lange im Tagesspiegel), das neue Album von Courtney Barnett (Freitag, siehe auch dieses Feature auf Pitchfork), Andy Stotts "Faith in Strangers" (taz), ein Konzert der Jazzsängerin Buika (Tagesspiegel), John T. Guests "Excerpts" (The Quietus), das zweite Solo-Album von Joanne Robertson (Spex), das neue Album von Dagobert (Spex), ein Konzert des Vijay Iyer Trios in Berlin (Tagesspiegel), eine DVD mit TV-Auftritten von DDR-Rockbands (Berliner Zeitung), ein Konzert der Geigerin Hilary Hahn (SZ) und eine vom Odessa Streichquartett eingespielte Aufnahme von Kompositionen von Felix Blumenfeld und Theophil Richter (FAZ).

Und: Martin Meyer huldigt heute in der NZZ dem großen Swjatoslaw Richter, der heute Hundert geworden wäre: "Wer spielte sonst so metaphysische Pausen?" In der Welt stellt Manuel Brug Grigory Sokolov als den musikalischen Erben Richters vor. Unbedingt empfehlenswert: Bruno Monsaingeons großartiges Porträt Richters mit Film- und Tondokumenten aus seinem Leben:



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Bühne

Theater aus der Provinz hat beim Theatertreffen kaum eine Chance. So verkündete es kürzlich Juror Till Briegleb im DRadio Kultur. Martin Eich findet das im Freitag völlig unverständlich. Wo doch überhaupt nur noch in der Provinz radikales Theater stattfindet! Das hat Folgen auch für die Großstädter: "Aus Selbstvergleichgültigung erwächst Selbstreduktion. Das klassische spanische, das elisabethanische, das attische Theater, sie konnten zu Welttheatern werden, weil sie als Provinztheater nur auf ihr Publikum wirken wollten und aktuelle Bezüge herstellten. Als Aischylos" Tragödie "Die Perser" 472 vor Christus am Fuß der Akropolis uraufgeführt wurde, lag es nur acht Jahre zurück, dass diese von den Invasoren zerstört worden war. Und heute?"

Weiteres: Susanne Lenz (Berliner Zeitung) porträtiert den Regisseur Peter Atanassow, der mit Gefängnisinsassen Knasttheater macht.
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Film

Mit seinem in den 80er Jahre spielenden Thriller "A most violent year" begeistert J.C. Chandor die Filmkritik. Für Oliver Kaever von ZeitOnline zeichnet sich in diesem und vergleichbaren Filmen der letzten Jahre eine Art Renaissance von "New Hollywood" und den Polit-Thrillern der 70er Jahre ab: "Der Unterschied ist, dass Hollywood damit heute nichts mehr zu tun hat. Die großen Studios verharren tatsächlich in ihrer kreativen Starre. ... Bennett Millers "Foxcatcher", Ramin Bahranis "Um jeden Preis", Dan Gilroys "Nightcrawler" und eben Chandors "A most Violent Year" eint ein Unbehagen an der US-amerikanischen Auslegung des kapitalistischen Systems. Ihre Filme leisten keine Kritik im Sinne politischer Stellungnahme; aber sie erzählen von seiner Brutalität und von seinen Verheerungen in den Seelen der Protagonisten." In der FR bespricht Daniel Kothenschulte den Film.

Mit der Schauspielerin Shailene Woodley bietet der Science-Fiction-Film "Die Bestimmung - Insurgent" eine sensationellen Entdeckung, schwärmt Dietmar Dath in der FAZ: "Woodley spielt Widersprüche: Sie rennt müde, träumt hellwach, kämpft nachdenklich und weint emotionslos." Sophie Charlotte Rieger (Filmlöwin) findet den Film unterdessen auch aus emanzipatorischen Gründen großartig: Der Film ermuntere zur "selbstbewussten Ablehnung vorgegebener Rollen. Tris Prior ist eine Heldin, weil sie anders ist. Weil sie nicht nur das eine oder das andere, sondern alles sein will und kann. Dabei legt sie eine Stärke und - im wahrsten Sinne des Wortes - Schlagfertigkeit an den Tag, von dem sich so mancher Actionheld eine Scheibe abschneiden kann."

Besprochen werden Benoit Jacquots "3 Herzen" (Tagesspiegel, FR, Perlentaucher, mehr), die neue Netflix-Serie "Bloodline" (FAZ) und der Animationsfilm "Shaun das Schaf" (Tagesspiegel).
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Literatur

Ingrid Galster wirft für die NZZ einen Blick in die jetzt zugänglich gemachten Akten rund um die Diskussionen der Schwedischen Nobel-Akademie zu Sartre.

Besprochen werden Nina Bunjevacs Comic "Vaterland" (Tagesspiegel), neue Salinger-Veröffentlichungen (ZeitOnline), ein Auszug aus dem Briefwechsel zwischen Hans Henny Jahnn und seiner Frau (SZ) und Gustav Seibts "Mit einer Art von Wut - Goethe in der Revolution" (FAZ).
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Stichwörter: Hans Henny Jahnn

Kunst


Célio Braga, White Shirts, 2001/2002. Courtesy of Célio Braga and Hein Elferink Gallery © Célio Braga

Bei einem Gang durch die Ausstellung "Love and Loss" im Linzer Lentos lässt sich Standard-Autorin Anne Katrin Feßler von der Kuratorin Ursula Guttmann erklären, welche Rolle die Zeit in der Mode spielt, seit Rei Kawakubo 1981 erstmals Models in künstlich zerschlissenen Kleidern präsentierte: "Der Körper sei ein Ort, aus dem es kein Entrinnen gibt. Die Mode, vermutet sie, sei vielleicht ein Raum, wo man diese Begrenztheit überwinden kann. Oder sie wirkt wie ein Spiegel, in der der Mensch die eigene Sterblichkeit erblickt. ... Ums Zeitwidmen geht es auch Célio Braga in den "White Shirts" (2001/02): Begonnen hat es mit dem Hemd eines kranken Freundes, das er aus dem Krankenhaus mitnahm: Er bestickte und faltete es immer wieder, bis aus der Handarbeit wieder ein organisches Objekt wurde, das Schmerz, Sorge, Abschied in sich trägt."

Ein von schweren Zahnschmerzen geplagter NZZ-Rezensent Samuel Herzog liegt in seinem Hotelbett in Kiew, hört den Regen prasseln, fühlt den Zahn pochen und denkt über die Ausstellung "Helden - Eine Inventur" im Nationalen Kunstmuseum der Ukraine nach: "Ich nehme an, dass wohl auch Lenin dann und wann unter Zahnschmerzen gelitten hat - vielleicht verlieh ihm ja während der Oktoberrevolution eine Eiterbeule am Siebner die nötige Aggression. Ob die Kommunistische Partei wohl geduldet hätte, dass man den Begründer der Sowjetunion mit Zahnschmerzen zeigt? Wer weiß, vielleicht haben einzelne Künstler ja versucht, ihm einen nur für Eingeweihte erkennbaren Schmerz am Siebner ins Gesicht zu malen."

Weiteres: Bei der Verleihungszeremonie des Kunstpreises der Akademie der Künste hatte Marie Stumpf vom Tagesspiegel mit dem Schlaf zu kämpfen.

Besprochen werden Thomas Feuersteins Installation "Psychoprosa" im Innsbrucker Taxispalais (Standard), die Ausstellung "Tanz der Ahnen" im Berliner Gropius-Bau (Tagesspiegel), die Ausstellung "Das verschwundene Museum" im Bode-Museum in Berlin (Berliner Zeitung) und Ceija Stojkas Ausstellung "Wir leben im Verborgenen" im Heidelberger Kunstverein (taz).
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