Efeu - Die Kulturrundschau

Keine Collage, kein Blinzeln

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26.01.2015. Dem Standard wird beim Max-Ophüls-Festival in Saarbrück klar, dass Nachwuchs und Jugend nicht dasselbe sind. Im Tagesspiegel preist Regisseur Alejandro Iñárritu die klare, reine Leinwand. Die Berliner Zeitung tanzt bei der Club Transmediale zu ihre eigenen Klanghalluzination. Die Berliner Zeitung erklärt das Erfolgsmodell von Barrie Koskys Operetten. Im Buchmarkt brandmarkt Jörg Sundermeier mangelnde Intellektualität und Haltung in der Literaturkritik.

Bühne

In der Berliner Zeitung staunt Peter Uehling über den Erfolg, den die Komische Oper Berlin in den vergangenen Jahren nicht nur bei der Kritik, sondern vor allem auch beim Publikum verzeichnen konnte: Diese liege vor allem am Intendanten Barrie Kosky, der im Haus viel Aufbruchsgeist geweckt habe: "Ihn interessieren die Spätformen, die in den Zwanziger Jahren im Metropol-Theater uraufgeführt wurden, ... als die Operette sexuell drastisch und albern verspielt war und offen auf die Schaulust eines amüsierwilligen Großstadtpublikums spekulierte. Barrie Kosky fühlt sich in der Nachfolge der oft jüdischen und/oder schwulen Urheber dieser Werke, nicht nur wegen seiner eigenen Herkunft und Orientierung, sondern auch, weil er mit seinen Ausgrabungen Komponisten Gerechtigkeit widerfahren lässt, deren Karriere 1933 brüsk gestoppt wurde."


Dörte Lyssewski und Fabian Krüger im "Käthchen von Heilbronn" am Burgtheater Foto: Reinhard Werner.

Außerdem hatte David Böschs Inszenierung von Kleists "Käthchen von Heilbronn" am Wiener Burgtheater Premiere: "Wohlgelungen" findet sie Ronald Pohl im Standard: "Die Konfettikanonen knallen. Der Rest jedoch ist Dunkel und Verzweiflung." in der FAZ winkt Gerhard Stadelmaier ab: "Schade um das schöne Stück." Das Käthchen war "immer schon ein romantischer B-Movie", meint Jan Küveler in der Welt.

Besprochen werden zudem Jan Bosses Bühnenadaption von Ingmar Bergmans "Herbstsonate" am Deutschen Theater Berlin (Tagesspiegel) und Christian Stückls Inszenierung von Lessings "Nathan der Weise" am Münchner Volkstheater ("Das Stück der Stunde", meint die SZ).
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Film


Michael Keaton in "Birdman"

Christiane Peitz unterhält sich im Tagesspiegel mit dem Regisseur Alejandro G. Iñárritu über die anstrengenden Dreharbeiten zu seinem neuen Film "Birdman", der wie Hitchcocks "Rope" mit nur wenigen, versteckten Schnitten auskommt: "Diesmal musste ich schon während des Drehs bei jeder Szene exakt entschieden haben, von wo aus erzählt wird, wer wann warum vor die Kamera läuft, welchen Beat der Film hat, welchen inneren Rhythmus. ... Ich will nicht das eine gegen das andere ausspielen, aber den Bilderfluss finde ich jetzt noch schöner. Keine Collage, kein Blinzeln, ein klare, reine Leinwand."

Etwas Bleiernes lag über dem Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken, meint Sven von Reden im Standard und weiß auch, wieso: "Die harte Realität enthüllt der Festivalkatalog. Viele der im Wettbewerb vertretenen Regisseure stehen kurz vor ihrem 40. Geburtstag oder haben ihn sogar schon hinter sich gelassen. Nachwuchs und Jugend können also in der deutschsprachigen Filmbranche kaum synonym verwendet werden. Zu langwierig ist es, ein einziges Projekt zu realisieren. Der immense Konkurrenzdruck erzeugt ein System der Angst, in dem jeder Film zum Endspiel wird, weil er der letzte sein könnte.".

Den Hauptpreis gewann in Saarbrücken "Chrieg" des Schweizer Filmemachers Simon Jaquemet, in dem die Jugend in den Krieg gegen die Erwachsenenwelt zieht, wie Martin Schwickert im Tagesspiegel berichtet : "Dies ist kein harmloser Generationskonflikt, sondern ein zielloser Rausch der Wut, der sich hier gewaltsam Luft verschafft."

Weiteres: Gerri Krebs berichtet in der NZZ von der Eröffnung der Solothurner Filmtage. Für die SZ sichtet Karoline Meta Beisel die neue, von Amazon produzierte Staffel an Serienpiloten, aus denen der Onlinehändler die erfolgreichsten zu kompletten Serien ausbauen will. Disney sträubt sich dagegen, Figuren aus seinem Trickfilm-Erfolg "Frozen" für einen Aufklärungsfilm gegen die Klimaerwärmung freizugeben, berichtet Patrick Bahners in der FAZ. Michael Hanfeld (FAZ) weist auf den Themenabend "Auschwitzbefreiung" im Ersten hin, in dessen Rahmen auch Alfred Hitchcocks Dokumentarfilm "Night Will Fall" gezeigt wird.
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Literatur

Schwer ins Gericht geht Kritiker und Verbrecher-Verleger Jörg Sundermeier im Sonntagsgespräch des Buchmarkts mit seinen Feuilletonkollegen: Die intellektuelle Leistung nehme ab, allgemeine Kriterienlosigkeit mache sich breit, Filz und Abhängigkeitsverhältnisse erschwerten das offene Urteil der Literaturkritik, lautet sein Befund. "Alle meinen den ganzen Tag irgendwas, Meinungen sind ja gerade hoch im Kurs, in den Redaktionen ist immer wieder von der Meinungsstärke von Texten die Rede. Aber Haltung zeigen wenige, denn das hieße ja die Ansichten von gestern auch jetzt noch zu vertreten. Oder aber sich selbst zu kritisieren, also sich infrage zu stellen, sich angreifbar zu machen." Auch in den sozialen Medien wird das Gespräche rege diskutiert. Die wichtigsten Wortmeldungen sammelt Jan Drees in seinem Blog Lesen mit Links.

Weitere Artikel: In der FR berichtet Andrea Pollmeier, in der SZ Volker Breidecker von den "Literaturtagen Südostasien" in Frankfurt. Wolfgang Hörner vom Verlag Galiani Berlin erinnert sich im Tagesspiegel an den gestorbenen Montaigne-Übersetzer Hans Stilett.

Besprochen werden James Hanleys "Fearon" (Tagesspiegel), Ian McEwans "Kindeswohl" (Zeit) und Howard Jacobsons "Im Zoo" (SZ, mehr).

Außerdem stellt in der jetzt online gestellten Frankfurter Anthologie der FAZ Keto von Waberer Charles Simics Gedicht "Romantisches Sonett" vor:

"Abende von vollkommener Klarheit -
Wein und Brot auf dem Tisch,
Mutter betend, Vater nackt im Bett.
..."
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Kunst

Die Zeit bringt eine Strecke mit Fotografien von Lore Krüger, die derzeit im C/O Berlin zu sehen sind. Willibald Sauerländer (SZ) gratuliert der Kunsthistorikerin Florentine Mütherich zum 100., Brita Sachs (FAZ) der Künstlerin Barbara Kruger zum 60. Geburtstag.

Besprochen werden die Ausstellung "Tales of 2 Cities" im Jüdischen Museum Wien (Skug), die Ausstellung "Forever Now" im MoMA New York (Zeit), eine Saul-Leiter-Retrospektive im Fotografie Forum Frankfurt ("bezaubernd", meint Freddy Langer in der FAZ) und ein Bildband mit Heinrich Zilles Fotografien aus dem "alten Berlin" (SZ).
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Stichwörter: C/O Berlin, Moma

Musik

Mit Beginn des E-Musikfestivals Club Transmediale muss man um die Trommelfelle der Berliner Popkritik fürchten. Markus Schneider berichtet in der Berliner Zeitung von schmerzhaften Tönen bei der Performance des Klangkünstlers Thomas Ankersmit: Diese "Foltergeräusche [entstehen] als sogenannte otoakustische Emissionen", erklärt er. "Sie werden von Ankersmits retrofuturistischem, analogem Serge-Synthesizer stimuliert mit Tönen, die oft jenseits oder am Rand der Wahrnehmbarkeit vibirieren. Der Sound selbst wird im Innenohr des Hörers verstärkt und produziert - gewissermaßen eine Klanghalluzination."

Tilman Baumgärtel geht durch die Begleit-Ausstellung zum Festival im Kunstraum Kreuzberg mit dämmenden Kopfhörern, nur um am Ende doch von den papieren raschelnden Flüstervideos der ASMR-Subkultur (hier eine Auswahl) umschmeichelt zu werden. Auch The Quietus ist im fernen Großbritannien auf die Club Transmediale eingestellt und hat diverse Elektro-Musiker nach ihren schönsten und wildesten Erlebnissen im Berghain befragt.

Weiteres: In der Jungle World berichtet Klaus Walter vom Dasein im Popkritiker-Prekariat zwischen unterbezahlten Vorträgen, weinlastigen Zugfahrten und der Melancholie darüber, dass gesponsorte Magazine über jene Geldbatzen verfügen, an denen es den Idealisten spürbar mangelt. Michael Stallknecht stellt in der FAZ Sascha Reckerts Arbeit vor, der sich auf die diffizile Herstellung von Glasharmonikas versteht (mehr hier). Manuel Brug porträtiert in der Welt den Startenor Jonas Kaufmann, der jetzt die Ernte seiner Karriere einfährt. Nachrufe auf Edgar Froese von Tangerine Dream schreiben Christian Schröder im Tagesspiegel, Michael Pilz in der Welt und Tilman Baumgärtel in der Berliner Zeitung.

Besprochen werden das neue Album von Das Weiße Pferd (SZ), ein Konzert des Orchesters der Nationen in Frankfurt (FR), der Berliner Auftritt von Die Antwoord (Tagesspiegel), Texte und Musik des Komponisten Rolf Riehm (FR), Marcus O"Dairs Biografie über den Musiker Robert Wyatt (taz) und Grigori Sokolovs CD "The Salzburg Recital" (FAZ).
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