Efeu - Die Kulturrundschau

Widerspruch und Zweifel

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.01.2015. Die taz bewundert eine Empowerment-Strategie in Form weiblicher Autoerotik bei Beatrice Eli. Im Standard erklärt der weißrussische Schriftsteller Viktor Martinowitsch, warum die Sowjetunion immer noch besser war als das heutige Weißrussland. Der Freitag würdigt den Schriftsteller und Cut-up-Pionier Jürgen Ploog. Ebenfalls im Freitag analysiert Georg Seeßlen den agnostischen Moses Ridley Scotts. Die SZ freut sich über eine Ausstellung japanischer Katagamis in Dresden.

Musik

Hengame Yaghoobifarah stellt in der taz das neue Album "Die Another Day" von Beatrice Eli vor, die in ihren Popsongs mitunter auch düster und oft körperlich von ihren lesbischen Liebesbeziehungen singt. "Ununterbrochen fasst sie sich an und zelebriert das Fest in ihrer Unterhose. Zumal weibliche Autoerotik im Vergleich zur männlichen kaum Raum bekommt, ist diese lässige Thematisierung Zeugnis ihrer existenzialistischen Praxis. ... Wer einen so privaten Zugang zur Musik hat, kann die politische Identität nicht ausradieren. Politisch ist auch die Tatsache, dass ihre Arbeit eine Empowerment-Strategie für Frauen ist." Hier ein Video:



Weitere Artikel: Markus Hesselmann hat das dritte, dem Album "Trans-Europa Express" gewidmete Berliner Kraftwerk-Konzert mit Rüdiger Eschs Elekropop-Oral-History "Electri_City" im Gepäck besucht. In der Welt porträtiert Jonathan Fischer den "wichtigsten Schlagzeuger der Welt", den 73-jährigen Tony Allen, der gerade ein neues Album herausgebracht hat. Für die SZ blättert Harald Eggebrecht in der Geschichte der Liebesbeziehungen zu Geigen und drückt dem Violinisten Frank Peter Zimmermann alle Daumen, dass ihm dessen "Lady Inchiquin", die aus den Beständen des Finanzdienstleisters Portigon versteigert werden soll, erhalten bleibt.

Besprochen wird ein Auftritt des Cellisten Leonard Elschenbroich in Berlin (Tagesspiegel).
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Architektur

Alles so schön ornamental und retro-bürgerlich hier: In der SZ beklagt Gerhard Matzig den Triumph über die Moderne in der Stadtarchitektur zugunsten einer historizistischen Ornamental-Gemütlichkeit für Besserverdienende: "Die Welt wird nicht nur wieder "schön" - sondern auch unbezahlbar. Der Sieg der Retrokultur über die Moderne ist ein bitterer Sieg über die Stadt und ihre Menschen."
Archiv: Architektur

Literatur

Im Standard schwankt Anne-Catherine Simon zwischen Faszination und Abscheu vor Michel Houellebecqs "Unterwerfung". Eins ist dieser Roman allerdings ganz gewiss nicht, meint sie: Antimuslimisch. "Klagt der Roman die Islamisierung Europas und ihre feigen Mitläufer an? Nein. Die Provokation von "Soumission" ist das Dekadenzdenken des Autors. 2001 hat Houellebecq noch verkündet, der Islam sei die "dümmste Religion überhaupt", kürzlich erklärte er im Interview, er habe den Koran gelesen, und so schlecht sei der doch nicht. "Ich habe den Eindruck, dass man sich damit arrangieren kann." Denn wo, suggeriert Michel Houellebecq, ist die Alternative? "Auf meinem Weg durch Brüssel bin ich am Viertel mit den europäischen Institutionen vorbeigelaufen - dieser düsteren Festung", erzählt der neo-muslimische Uni-Rektor Rediger. Daraufhin sei er konvertiert."

Warum sein Roman "Paranoia" in Weißrussland verboten wurde, ist ihm auch nicht bekannt, erklärt im Interview mit dem Standard der weißrussische Schriftsteller Viktor Martinowitsch. Diese Unklarheit habe Methode: "Das ist der größte Unterschied zwischen dem heutigen System und zwischen der Sowjetunion unter Stalin, die kommuniziert hat, wenn sie Bücher und Autoren auf den Index gesetzt hat - wie es etwa mit Josef Brodsky passiert ist, der zudem deportiert wurde. Heute gibt es ganz andere Formen der kulturellen Zensur. Bei uns gibt es einige sehr bekannte Musiker, die nicht mehr auftreten dürfen - ohne dass ihnen dieses Verbot erklärt wird. Dasselbe passierte mit meinem Buch Paranoia." Warum? "Ich weiß es wirklich nicht. Ich kann es wirklich nur vermuten. Und ein Leben, das auf Vermutungen fußt, ist die reinste Form der Paranoia."

Jürgen Ploog wird 80. Im Freitag würdigt Florian Vetsch den deutschen Cut-Up- und Underground-Pionier und dessen Schaffen: "Nicht nur seine politischen Äußerungen, seine Publikationsstrategien und sein experimenteller Stil, auch seine Motive brachen mit den Standards der konventionellen Literatur. Massenhaft politisch Unkorrektes treibt durchs Ploog"sche Universum: pornografische, sodomitische, sexistische Elemente, Betrug, Diebstahl, Terror und Gewalt. Doch keines dieser Elemente bleibt ungebrochen. Die Messermethode dekodiert sie, macht ihre Abgründe transparent".

Weitere Artikel: Michel Houellebecq hat sich nicht aus Sorge nach dem Anschlags auf Charlie Hebdo zurückgezogen und seine PR-Kampagne für seinen neuen Roman "Soumission" unterbrochen, berichtet Jörg Altwegg in der FAZ: Vielmehr trauere der Autor um den bei dem Massaker ermordeten Freund Bernard Maris. Außerdem hat die FAZ neun Schriftstellerinnen und Schriftsteller, darunter Juli Zeh, Martin Mosebach und Sibylle Lewitscharoff, nach Notizen darüber gefragt, was sie derzeit beschäftigt.

Besprochen werden unter anderem Claude Lévi-Strauss" "Wir sind alle Kannibalen" (Welt), Szilárd Rubins Reportageroman "Der Eisengel" (Welt), Roman Ehrlichs "Urwaldgäste" (taz), Wolfgang Sonnes Band "Urbanität und Dichte im Städtebau des 20. Jahrhunderts" (NZZ), Wolfgang Herrndorfs nachgelassener Roman "Bilder deiner großen Liebe" (NZZ), André Kubiczeks "Das fabelhafte Jahr der Anarchie" (Zeit) und Ian McEwans "Kindeswohl" (FAZ, FR).
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Film

Im Freitag philosophiert Georg Seeßlen in einem Essay unter den Eindrücken von Ridley Scotts Bibelfilm "Exodus" über die Figur des Moses - und findet Scotts Umgang mit der Figur dann doch interessant: "Einen agnostischen Moses, der neben der religiösen auch eine historische und neben dieser sogar eine psychopathologische Deutung zulässt", habe der Regisseur im Sinn gehabt. Dass das Publikum das nicht abkaufen wollte, liegt vielleicht auch daran, "dass viele Zeitgenossen mit einem Moses von Widerspruch und Zweifel, einem, der eine Religion lebt wie unsereins eine Neurose, nicht viel anfangen kann. ...Moses ist einfach zu kompliziert für unsere Kultur von Konfusion und Vereinfachung."

Weitere Artikel: Im Standard stellt Anne Katrin Feßler den Filmaktivisten Oliver Ressler vor, der gerade eine Schau im Lentos in Linz hat. Bert Rebhandl schreibt über die große Vittorio-De-Sica-Retrospektive im Österreichische Filmmuseum. Esther Buss (Jungle World) spricht Empfehlungen zum Berliner Filmfestival "Unknown Pleasures" aus. Für die SZ unterhalten sich Wolf Wondratschek und der Schauspieler Christian Reiner mit dem erblindeten Michael Ballhaus über dessen Musikvideos, die er unter anderem für Madonna und Prince gedreht hat. In der FAZ beschreibt Verena Lueken einen enttäuschenden Interviewtermin mit Angelina Jolie. In der SZ schreibt David Steinitz einen Nachruf auf den Hollywood-Schauspieler Rod Taylor, den man aus "Die Zeitmaschine" und Hitchcocks "Vögel" kennt. In der Welt kommt der Nachruf auf Taylor von Hanns-Georg Rodek. 
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Bühne

Thomas Hahn stellt in der Welt den neuen Direktor des Pariser Opernballetts vor, Benjamin Millepied (in einem anderen Leben auch Ehemann von Natalie Portman). Besprochen wird Christof Loys Inszenierung von Vincenzo Bellinis Melodrama "La Straniera" mit - alternierend - Edita Gruberová und Marlis Petersen in der Titelpartie im Theater an der Wien (Standard).
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Stichwörter: Marlis Petersen

Kunst

Lange unbemerkt im Archiv, stellt das Japanische Palais in Dresden nun endlich die Kostbarkeiten der größten Sammlung japanischer Katagamis aus, freut sich Ira Mazzoni in der SZ und rät dringend dazu, die zierlichen Schablonen-Kunstwerke zu besuchen, mit denen man früher Stoffe bedruckte: "Kostbar wurden die ornamentierten Stoffe allein durch die für sie aufgewendete Zeit. Das kleinste abstrakte Muster wies so den hohen Rang seines Trägers aus, auch wenn oder gerade weil es für diejenigen, die ehrfurchtsvoll Abstand halten mussten, nicht mehr sichtbar war. Der schlichte, mit einem Piniennadel-Motiv bedruckte Stoff der Shogun wirkte einfarbig." Das Ausstellungsvideo vermittelt einen guten Eindruck dieser grazilen Schönheit:



Besprochen werden eine Ausstellung im Leipziger Museum der Bildenden Künste, die Einblick gibt in die Künstlerwerkstatt von Gian Lorenzo Bernini (Welt) und die Ausstellung der feministischen Medienkünstlerin Lynn Hershman-Leeson in Karlsruhe (SZ, mehr hier und hier).
Archiv: Kunst