Efeu - Die Kulturrundschau

Das ist so unwürdig

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17.10.2014. Die Welt trainiert ihr Hirn mit den Videos von Elizabeth Price. Die Theaterkritiker spüren in Christoph Marthalers "Tessa Blomstedt gibt nicht auf" den "cool wind in my hair". Peter Handke würde am liebsten den Nobelpreis für Literatur abschaffen, meldet die Presse. Die NZZ fürchtet, Radiohead-Sänger Thom Yorke könnte Musikhörer auf den Geschmack des Filesharing bringen. Die Berliner Zeitung experimentiert weiter mit ihren Ohren und setzt sie sadomasochistischen Unter- und Obertönen aus.

Kunst


Elizabeth Price, Sunlight, 2013. Courtesy of the artist. Foto: Simon Vogel

Die Werke von Elizabeth Price gehören zum "Aufregendsten, was die britische Videokunst gegenwärtig zu bieten hat" - mit dieser Erkenntnis kommt eine hingerissene Alexandra Wach (Welt) aus der Julia-Stoschek-Collection in Düsseldorf, wo gerade vier ihrer Werke gezeigt werden: "Trotz aller optischen Überwältigung zeigt sich der einstündige Parcours als Einladung zur Gehirngymnastik. Vor allem das mit dem Turner Prize gekrönte Video "The Woolworths Choir of 1979" (Videoausschnitt) steigert sich zum Gesamtkunstwerk aus Textfragmenten, von Schärfewechseln getragenen Musikvideos und Nachrichtenfilmen in perfekt abgestimmtem Rhythmus. 18 Minuten lang schaut man gebannt drei Erzählungen zu, die rückwirkend eine komplexe Meta-Ebene erreichen."

Weitere Artikel: Bernhard Schulz freut sich im Tagesspiegel wie ein Schneekönig über die in der Hamburger Kunsthalle gebotene Möglichkeit, die Stillleben von Max Beckmann zu entdecken: "Eine Ausstellung zum Schwärmen. Beckmann kann man gar nicht oft genug sehen." In Nordrhein-Westfalen protestiert man gegen den geplanten Verkauf zweier früher Arbeiten von Andy Warhol aus den Beständen einer Tochter der NRW-Bank, berichtet Michael Kohler in der Berliner Zeitung: 26 Museumsdirektoren "befürchten einen Präzedenzfall, der Land und Kommunen ermuntern könnten, Kunstwerke zu verkaufen, um ihren Etat durch die Einnahmen zu entlasten." Für den Tagesspiegel begutachtet Uta M. Reinl den Museumsneubau im Museum für Kunst und Kultur in Münster. In der SZ spricht Catrin Lorch mit dem Künstler Gustav Metzger.

Außerdem: Gleichgeschlechtliche Paare, entspannt und zärtlich in häuslicher Atmosphäre - eine tolle Strecke mit Fotografien von Sage Sohier bei der New York Times. Und die Presse zeigt eine Bilderstrecke mit großartigen Fotos des jungen Russen Danila Tkachenko, der Eremiten in den Wäldern Russlands und der Ukraine fotografiert hat. Ein Teil der Serie "Escape", die mit dem "World Press Photo Award" ausgezeichnet wurde, ist gerade in Wien zu sehen.

Besprochen werden die Horst P. Horst-Ausstellung im Londoner Victoria and Albert Museum (NZZ), Christoph Cognets Dokumentarfilm "Weil ich Künstler bin" über in KZs zeichnende Künstler (Tagesspiegel), eine Ausstellug von Norman Seeffs Pop-Fotografien im Zephyr - Raum für Fotografie in Mannheim (FR), die Ausstellung "Canaletto - Bernardo Bellotto malt Europa" in der Alten Pinakothek in München (SZ) und die Ausstellung "Menzels Soldaten - Bilder vom Krieg" in der Alten Nationalgalerie in Berlin (FAZ).
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Bühne


Irm Hermann in "Tessa Blomstedt gibt nicht auf", Volksbühne Berlin. Foto: Walter Mair

Online-Dating, Schlager, Irm Hermann beim Blumengießen, grelle 70s-Klamotten und ganz viel Herzschmerz: Christoph Marthalers "Tessa Blomstedt gibt nicht auf" hatte an der Volksbühne in Berlin Premiere. Für Barbara Villiger Heilig (NZZ) fügt sich das Ganze zwar nie zu etwas wirklich Rundem, aber was soll"s. Sie hat sich prächtig amüsiert, besonders mit den Liebesliedern des Avatar-Quartetts! "Clemens Sienknecht, als Agentur-Helfried eine Randexistenz fast ohne Loser-Symptome, begleitet sie treu, ob er geht, steht oder sitzt, an diversen Tasteninstrumenten. Die Jagd nach der Liebe treibt ihn manchmal den Hochsitz links außen empor, von wo aus er "a dark desert highway" heraufbeschwört: "Cool wind in my hair . . ." Umwerfend. Doch genau bevor der Eagles-Hit in den Refrain mündet, kippt er in ein barockes, nichtsdestoweniger vom punktierten Habanera-Rhythmus durchpulstes "Kyrie". So bürstet Marthaler gegen den Strich jeder lauernden Mitsing-Gefühligkeit."

Auch für Lothar Müller (SZ) geht der Abend auf, auch wenn gelegentlich drohe, "dass Kunstlied und Purcell-Arie die Körperkomik, zu der sie gesungen werden, überstrahlen und sich die Schlagerrevue in der Parodie einer Schlagerrevue erschöpft. Das passiert hier mehrfach, aber darüber trägt den Abend immer wieder die Hellhörigkeit Marthalers und seiner Mitstreiter hinweg, den Schlagertexten ihre Verwandelbarkeit in absurdes Worttheater abzulauschen."

Außerdem zu Marthaler: "Wieder ganz toll gemacht", jubelt in der Berliner Zeitung Ulrich Seidler Darstellern, Regie und Bühnenbild zu. Welt-Kritiker Stefan Grund hat sich ebenfalls gut unterhalten. In der taz steht Katrin Bettina Müller unterdessen vor einem Rätsel: Warum nur arbeitet Marthaler sich hier so am deutschen Schlager und dessen Gefühlswallungen ab? Im Tagesspiegel gesteht Christine Wahl etwas gönnerhaft, dass der Abend "durchaus amüsant" gewesen sei, aber wohl doch nur "Fingerübung" war im Schaffen Marthalers. Bei Irene Bazinger von der FAZ wollte sich nicht der geringste Hauch von Freude einstellen: "Konfuse Nummernrevue", "biederer Musikklamauk" und "fade Heiterkeit" lautet ihr Urteil über einen Abend, bei dem es ihrer Ansicht nach fast zum Äußersten, also munter-schunkeligem Mitklatschem im Publikum, gekommen wäre.

Weitere Artikel: ach der frühzeitig abgebrochenen Aktion "Wanna Play" (mehr dazu hier) des niederländischen Künstlers Dries Verhoeven in Zusammenarbeit mit dem Berliner HAU-Theater macht sich Roger Behrens in der Jungle World entspannte Gedanken über den Zusammenhang von Privatheit, Online-Dating und Selbstoptimierung, nicht ohne dabei etwas ratlos vor der Skandalisierung aus der queeren Szene zu stehen.

Besprochen werden ein Herbert Marcuse gewidmeter Bühnenabend zwischen Pop und Theater (ZeitOnline), die am Frankfurter Gallus-Theater aufgeführte "Bluthochzeit" des Ensemble 9. November (FR) und Cornelius Cardews in Frankfurt aufgeführtes "Great Learning" (SZ).
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Literatur

Peter Handke freut sich über den Nobelpreis für Patrick Modiano, aber abschaffen sollte man den Preis seiner Meinung nach dennoch, meldet die Presse: "Der Literaturnobelpreis bringe "einen Moment der Aufmerksamkeit, sechs Seiten in der Zeitung", aber für das Lesen bringe er nichts. Dass er in diesem Jahr selbst von den Buchmachern hoch gehandelt wurde, ließ Handke dennoch nicht ganz kalt. "Natürlich beschäftigt es einen, belästigt einen, dann ist man sich selber lästig, weil man darüber nachdenkt. Das ist so unwürdig, und zugleich ist man halt zeitweise so unwürdig.""

Besprochen werden unter anderem Lisa Kränzlers "Lichtfang" (FR), Najem Walis "Bagdad Marlboro" (ZeitOnline, mehr), Malala Yousafzais und Patricia McCormicks "Malala - Meine Geschichte" (SZ) und Meg Wolitzers "Die Interessanten" (FAZ).
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Film

Besprochen werden Johannes Holzhausens Dokumentarfilm "Das große Museum" (Perlentaucher, critic.de, Tagesspiegel), Laura Poitras" Film über Snowden "CitizenFour" (Welt, Guardian), der Nick-Cave-Porträtfilm "20000 Days on Earth" (FR, Tagesspiegel, FAZ, mehr), die Doku "Arteholic" über Udo Kier als Kunstsammler (ZeitOnline, Perlentaucher), David Dobkins "Der Richter: Recht oder Ehre" mit Robert Duvall und Robert Downey Jr. (Tagesspiegel, für Bert Rebhandl im Standard "eine öde Huldigung an das weiße Geschlecht") und James Agees Buch "Der Tramp und die Bombe" über einen nie realisierten Film von Charlie Chaplin (FAZ).
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Musik

Nach U2 experimentiert jetzt auch Thom Yorke von Radiohead mit neuen Verkaufsmethoden im Netz. Er verkauft sein neues Album "Tomorrow"s Modern Boxes" über BitTorrent, meldet Markus Ganz in der NZZ - und hebt gleich hochbesorgt den Zeigefinger: "Es könnte also sein, dass Thom Yorke den Musikschaffenden einen Bärendienst erweist. Er könnte damit bisher zahlungswillige Konsumenten auf den Geschmack von Filesharing-Diensten bringen, die für den Gratis-Austausch von Musik missbraucht werden - und dies in einer Zeit, in der selbst die Verkaufszahlen der Downloads zunehmend sinken."

Im Standard stellt Christian Schachinger den 30-jährigen Wiener Oliver Johnson vor, aka Dorian Concept, der gerade eine neue CD herausgebracht hat: ""Autodidaktischer Jazzmusiker, der sich selbst sampelt" lässt sich Concept/Johnson gern als Charakteristik gefallen. Immerhin besteht das entspannte, ruhige, manchmal mit käsigen 1970er-Jahre-Synthie-Sounds Richtung Joe Zawinul und Weather Report oder Miles Davis quäkende Album Joined Ends auf jener Technik, die man im Sport "Eigenblutdoping" nennt." Hier eine Hörprobe:



Berliner-Zeitung-Popkritiker Jens Balzer gibt auch weiterhin keinen Pfifferling auf die Unversehrtheit seiner Trommelfelle (mehr dazu hier) und setzt diese also mit seligster Wonne dem Album "Soused" aus, einer Kollaboration zwischen Scott Walker und den Experimental-Metallern Sunn O))). Dabei handle es sich um "ein Fest für alle Freunde ohrenzerfetzenden Lärms mit sadomasochistischen Unter- und Obertönen", verrät Balzer. Mehr zu diesem Album hier.

Andreas Hartmann von der taz kann über das neue Album des Berliner Szene-Urgesteins Mutter nur verdutzt staunen: "Es gibt schlichtweg keine andere Band, die derart lange derart unbehaglich geblieben wäre, ohne dass es traurig wirkte. ... Aber nun klingen die Musiker plötzlich so sanftmütig, als zielten sie auf Airplay im Frühstücksradio ab. Oboe, Querflöte und Trompete kommen auf den neuen Songs zum Einsatz, damit war nun wirklich nicht zu rechnen gewesen."

Besprochen werden weiter das neue Solo-Album von Farin Urlaub (taz), ein Auftritt der Allah-Las (Tagesspiegel), eine Nils Koppruch Tribut-CD (taz), das neue Album von Kindness (Tagesspiegel), ein Konzert von Reinhard Mey (FR), ein Konzert des blugarischen Grigor Palikarov FM-Orchesters (FR), ein von Daniel Barenboim am Klavier begleiteter Auftritt von Jörg Widmann (FAZ) und das neue Album von Flying Lotus (SZ).
Archiv: Musik