Efeu - Die Kulturrundschau

So kurz und kalt und winzig

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10.09.2014. Die SZ fragt, was die freundschaftlichen Musikwettbewerbe eigentlich mit der kalten Realität des Musikbetriebs zu tun haben. Die NZZ feiert den Einzug des DDR-Designs in Museum. Im Standard erklärt David Cronenberg, dass Hollywood im Gegensatz zu anderen Stammeskulturen auch gegenüber Insidern keine Gnade kennt. Der Tagesspiegel erschauert unter dem feinen Lächeln von Philip Seymour Hoffman, der ein letztes Mal in Anton Corbijns "A Most Wanted Man" zu sehen ist. Und die Welt huldigt der inneren Wahrheit der beinahe unsterblichen Operndiva Magda Olivero.

Design

Sehr verdienstvoll findet Bettina Maria Brosowsky in der NZZ die Ausstellung "In Arbeit" zum DDR-Design in der Münchner Pinakothek, mit der die Pionierleistung von Günter und Claudia Höhne gewürdigt wird, die in der ignoranten Wendezeit das kostbare Gut sicherten: "Während die westliche Konsumgüterindustrie in verschwenderischer Gestaltdifferenzierung individuelle Distinktionsbedürfnisse sowie Absatzmärkte stimulierte, setzte das Mangelsystem der DDR, als geschmackserzieherisches Programm einer sozialistischen Lebensweise, auf eine zeitlose Ästhetik und, im Bereich der Apparate und Elektrogeräte, auf Reparaturfreundlichkeit - heute würde man diese "Nachhaltigkeit" ausdrücklich loben. Es entstand ein jahrelang produziertes emblematisches Design der DDR wie etwa Glas von Friedrich Bundtzen (1910-1989), noch ganz in der Tradition Wilhelm Wagenfelds, oder die Isolierkanne in Aluminium von Margarete Jahny." (Foto: Stiftung Haus der Geschichte)


In der SZ bespricht Peter Richter die Ausstellung "Designing Home: Jews and Midcentury Modernism" im Contemporary Jewish Museum in San Francisco, die sich mit dem Design der 50er und 60er Jahre befasst, das in großen Teilen von jüdischen Exilanten aus Europa geschaffen wurde: "Was wir heute Midcentury Modern nennen, ist von den Gralshütern der klassischen Moderne Europas deswegen dünnlippig als Playboy-Moderne gescholten worden und als typisch amerikanische Vulgarisierung der heiligen Bauhaus-Askese, als Verrat am Projekt. Aber das verkannte in erster Linie die Andersartigkeit der Voraussetzungen. Die radikal entschlackte Moderne hatte in einem Europa Fuß fassen können, das vom ersten Weltkrieg zerrüttet war. Die amerikanischen Modernisten hatten es mit einem Land im beispiellosen Wohlstandswachstum zu tun." (Bild: Henry Dreyfuss, Princess Phone, 1959. Foto: Johnna Arnold)
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Bühne

Manuel Brug trauert in der Welt um Operndiva Magda Olivero, die mit ihren 104 Jahren eigentlich fast schon unsertblich geworden war: "Schluchzer, heftiges Atmen, unterdrückte Töne offenbaren bei ihr ein fesselndes, völlig aus der Mode gekommenes Ausdrucksrepertoire, das längst Geschichte ist. Äußerlich gestrig und trotzdem voll innerer Wahrheit, wird hier eine Kunst rückhaltloser Vergegenwärtigung beschworen, wie sie heute altmodisch, trotzdem faszinierend auf die Nachgeborenen wirkt." In der FAZ schreibt Jürgen Kesting den Nachruf.

Hier La Olivero in "Tosca":



Weiteres: Für zwar durchaus solide geraten hält Malte Hemmerich in der FAZ den Saisonauftakt am Wuppertaler Opernhaus. Mit dem dort nun praktizierten Konzept, aufgrund von Sparauflagen nicht mehr mit einem festen Ensemble, sondern mit Gastsängern und Gastproduktionen zu arbeiten, mag er sich indessen gar nicht anfreunden. Mitunter "stark überreizt, manchmal sogar richtig blöd", aber streckenweise grandios, findet in der Welt Michael Laages Leander Haußmanns "Woyzeck"-Inszenierung am Berliner Ensemble.

Besprochen werden Jette Steckels "Romeo und Julia"-Inszenierung am Thalia in Hamburg (SZ), eine Bühnenadaption von Lars von Triers "Dogville" am Schauspiel Köln (SZ) und Wolfram Lotz" am Wiener Akademietheater aufgeführtes Stück "Die lächerliche Finsternis" (SZ).
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Musik

In der SZ fragt Harald Eggebrecht etwas provokant, ob die vielen Musikwettbewerbe für die Nachwuchsförderung in der klassischen Musik überhaupt nötig und sinnvoll sind: "Bei Wettbewerben entsteht häufig eine nahezu familiär-freundschaftliche Atmosphäre zwischen Kandidaten, dem Publikum, das die Teilnehmer in den verschiedenen Runden meist über Wochen hin begleitet, und der Jury, die je nach Entscheidung mal geliebt oder dann wieder gehasst wird. Das Ganze gleicht daher eher der Existenz auf einer Insel außerhalb der Realität, auf der eine Mischung aus Hocherregtheit, Sym- und Antipathien und Fangeist herrscht."

Außerdem: Das Festival für Alte Musik in Utrecht widmete sich der Musik aus der Habsburger Zeit, berichtet Reinhard J. Brembeck in der SZ. Für die FAZ hat Kerstin Holm die deutsch-russische Sommerakademie in Jekaterinburg besucht.

Besprochen wird ein Strauss-Konzert der Münchner Philharmoniker (Tagesspiegel).
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Film

Regisseur David Cronenberg spricht im Interview mit Dominik Kmalzadeh im Standard über seinen neuen Film "Maps to the Stars" und Hollywood als brutales Clan-System: "Stammesleben ist eben harsch. Deshalb ziehen wir vor, anders zu leben. Wir bevorzugen Länder und Regierungen, da geht es weniger grausam und brutal zu. Hollywood ist nicht nur zu Außenseitern brutal, sondern auch gegenüber Insidern, die den Stamm betrügen. Wenn man dies wagt, wird man zerstört - und zwar unmittelbar. Es gibt kein Gesetz, keine Geschworenen. Es gab Leute, die waren sehr besorgt wegen Bruce Wagners Drehbuch."

Besprochen wird "Maps to the Stars" in taz, FAZ, kritiken.de, critic.de.

Weitere Artikel: Mit Anton Corbijns "A Most Wanted Man" läuft in dieser Woche der letzte Film mit dem im Februar verstorbenen Philip Seymour Hoffman an. Die Feuilletons trauern noch einmal um diesen Verlust für das Kino: Anke Westphal von der Berliner Zeitung erklärt ihn gar zum einzigen Grund, sich diesen Film überhaupt anzusehen: "Ohne Hoffman wäre der Film verloren, vertane Liebesmüh." Jan-Schulz Ojala vom Tagesspiegel hatte nur Augen für den Hauptdarsteller: "Am stillsten und stärksten aber in und über allem bleibt: Philip Seymour Hoffman. In der Originalversion ... wiederholt er einmal das Selbstverständnis einer strebsamen CIA-Agentin (Robin Wright) - George W. Bushs Phrase to make the world a better place. Da geht ein Lächelgewitter über sein Gesicht, so kurz und kalt und winzig, wie es nur ein Philip Seymour Hoffman herbeizaubern konnte."

In der Berliner Zeitung porträtiert Torsten Wahl die Schauspielerin Julia Jendrossek, die demnächst in Sylke Enders" Film "Schönefeld Boulevard" zu sehen ist.
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Literatur

Thomas Hummitzsch besucht für den Tagesspiegel den auf nord- und osteuropäische Literatur spezialisierten Guggolz Verlag. Zudem druckt der Tagesspiegel zwei Auszüge aus einer Anthologie mit Texten, in denen Schriftsteller Ideen für Computerspiele skizzieren: Hier die von Ulrike Draesner, hier die von Saša Stanišik. Bettina Kaibach schreibt im Tagesspiegel zum Geburtstag von Leo Tolstoi.

Besprochen werden Catherine Merridales Geschichte der russischen Herrschaft "Der Kreml" (NZZ), Wolfgang Kubins gesammelte Schnaps-Essays "Die Geschichte eines Flachmanns" (FR), Gereon Klugs "Low Fidelity" (Freitag, mehr), Jhumpa Lahiris "Das Tiefland" (Berliner Zeitung), Saskia Goldschmidts "Die Glücksfabrik" (FAZ) und Tilmann Lehnerts "Fabelhafte Gespräche" (SZ).
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Kunst

Besprochen werden die Wikinger-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau in Berlin (Berliner Zeitung, FAZ, Tagesspiegel), die Paul-Chan-Schau "Selected Works" im Schaulager Basel (NZZ), drei Buchveröffentlichungen des Kunstwissenschaftlers Steffen Siegel zum Thema "Fotografie" (taz).
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