Efeu - Die Kulturrundschau

Töne von tiefreichender Schönheit

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11.08.2014. Opernkritik im Liebesrausch: Anna Netrebko als Leonore lässt die Journalisten vor Wonne erzittern und dann in einen warmen Abgrund rauschen. Die Welt bewundert die schönen Beine von Cate Blanchett und Isabelle Huppert in Genets "Zofen". Die taz betrachtet Farbfotografien aus Russland. FAS und Berliner Zeitung feiern Dave Eggers Anti-Google-Roman "Der Circle".

Bühne


Anna Netrebko in "Il Trovatore". © Salzburger Festspiele / Forster

Alvis Hermanis" Inszenierung von Verdis "Troubadour" in Salzburg verwandelte die Sänger auf der Bühne in kunsthistorische Figuren, dann standen sie aber doch nur alle an der Rampe und sangen händeringend ins Publikum. Schnuppe, meint Wilhelm Sinkovicz in der Presse, "die Netrebko, von niemand Geringerem als Bronzino gewandet, beweist: Es kommt in der Oper immer nur darauf an, wer die Hände ringt". Sie beherrschte "die Bühne, wie gewohnt mit allen Zwischentönen: Noch jeder kleinste Seufzer ist mit Energie, mit Ausdruck aufgeladen. Und er wird unmittelbar in szenische Aktion umgesetzt, sei es ein kaum merklicher Augenaufschlag oder die große Geste."

Auch Ljubiša Tošić vermisst im Standard eine zündende Regieidee, "wenn Anna Netrebko in dieser Form singt, wird allerdings alles irgendwie unerheblich. Zum einen sind bei ihr Spuren einer bewussten Figurengestaltung durchaus erkennbar - auch in jenen Momenten, da sie Plácido Domingo als Luna intensiv umgarnt. Zum anderen verschmelzen bei ihr makellose Technik, Klangpracht und Gestaltungssensibilität zu einer Performance, die jeden Regieansatz zur Petitesse, zum akzeptablen Rahmen werden lässt: Ansatzlos im Piano gehauchte Töne und sichere Koloraturen vereinen sich mit dramatischem Aufbäumen zu einem vokalen Ereignis, das in lyrischen Passagen seinen Gipfel erreicht. Netrebko nimmt bei Spitzentönen die Dynamik zurück und lässt im Pianissimo Töne von tiefreichender Schönheit schweben."

Schwärmerei auch in SZ und FAZ: Helmut Mauró preist Netrebkos "Naturwunderstimme. Ihre Höhe lässt einen erzittern, und wenn sie abrupt in die Tiefe wechselt, öffnet sich ein rauer, warmer, herber Abgrund." Und Christian Wildhagen rühmt: "Ihr Sopran ist dunkler geworden, doch er blüht wieder in allen Registern, in den Koloraturen leuchtet die Stimme hinauf bis in höchste Höhen."


Isabelle Huppert und Cate Blanchett in "Die Zofen". Foto: Lisa Tomasetti

Hannes Stein findet sowohl Genet als auch dessen Stück "Die Zofen" unter aller Kritik, aber die Inszenierung im in New Yorker Lincoln Center mit Cate Blanchett und Isabelle Huppert in den Hauptrollen hat ihm doch prächtig gefallen, erklärt er in der Welt. Und das lag nicht nur an den schönen Beinen der beiden: "Vielmehr rührte das Vergnügen von dem enormen komödiantischen Talent der Isabelle Huppert her: Sie zappelte, machte Faxen, versteckte ihren französischen Akzent nicht, sondern sprach ungefähr so wie eine weibliche Ausgabe von Inspektor Clouseau, ließ sich von Cate Blanchett auf der Schleppe ihres Kleides quer über die Bühne ziehen. Kurzum, Isabelle Huppert war ein perfekter Mörderclown, und sie war großartig."

Besprochen werden Uraufführungen der österreichischer Choreografinnen Anne Juren, Florentina Holzinger und Akemi Takeya bei Impulstanz in Wien (Standard), "Situation Room" von Rimini Protokoll beim Berliner Theatertreffen (taz), eine "Zauberflöte" in der Inszenierung von Kay Kuntze an der Kammeroper Schloss Rheinsberg (Tagesspiegel) und die in Erl uraufgeführte Oper "El Juez" mit José Carreras (SZ).
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Musik

Im New Yorker schreibt Teju Cole einen Nachruf auf den in Tasmanien geborenen Komponisten Peter Sculthorpe: "I got to know his String Quartet No. 8 through a 1986 recording by the Kronos Quartet - the detail that struck me was that three of its five movements were marked con dolore - but I only began to explore his other work after I visited Australia a year ago. When I travelled into the bush in Victoria, a few hours north of Melbourne, I had "Earth Cry" and "Small Town" in my ears. It was music that perfectly evoked the landscape of southeastern Australia - its vernacular architecture, beautiful stands of eucalyptus, red hills, dry grass, and sudden screaming flocks of lorikeets."

Besprochen werden ein Live-Album von Jupiter Jones (Welt), das neue Album von Tom Petty (FAZ) und eine CD-Box mit Live-Aufnahmen der Allman Brothers Band (FR).
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Kunst


Dmitri Baltermants Rain, 1960s © Multimedia Art Museum, Moscow/ Moscow

Brigitte Werneburg ist für die taz zur Photographer"s Gallery nach London gereist, die derzeit in ihrer Ausstellung "Primrose" Farbfotografien aus Russland vom Ende des Zarenreichs bis zum Ende der Sowjetunion zeigt. Diese sind zwar toll anzusehen, meint sie, doch wirkt die Ausstellung etwas unterkuratiert: "Polemisch gesagt ist "Primrose" eine sehr russische Angelegenheit, insofern Information möglichst zurückgehalten wird. Es gibt keinen Katalog, und die notwendigerweise kurz und allgemein gehaltenen Wandtexte geben über die ausgestellten Fotografen wie deren Auftraggeber ebenso wenig Auskunft, wie sie den Kontext der jeweiligen zeitgeschichtlichen Ereignisse erklären. Dabei entstanden die gezeigten über 140 Aufnahmen in Zeiten einschneidender politischer, sozialer, ökonomischer und kultureller Veränderungen."

Weitere Artikel: In der NZZ untersucht der Soziologe Manfred Clemenz am Beispiel von Franz Marc und Paul Klee die irrationalen, rassistischen und frauenfeindlichen Tendenzen in der Kunstavantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Besprochen werden die Schau "L"Illusione della Luce" im Palazzo Grassi in Venedig (NZZ), der Fotoband "Inter Esse" mit Maria Sewczs Aufnahmen aus dem Ost-Berlin der Achtziger (Berliner Zeitung) und das Programm der Skulpturen-Triennale in Bingen (Tagesspiegel), die Ausstellung "Blow-Up - Antonionis Filmklassiker und die Fotografie" in der Albertina in Wien (SZ) und zwei Fotoausstellungen im Musée Carnavalet und im Pariser Rathaus über Paris" letzte Tage unter der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg (FAZ).
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Film

In der taz berichtet Dominik Kamalzadeh von seinen Entdeckungen beim Filmfestival in Locarno, wo ihm neben neuen Filmen von Lav Diaz und Eugène Green insbesondere auch die Filme aus der Retrospektive, die dem italienischen Filmstudio Titanus die Reverenz erwies, aufgefallen sind. In der Berliner Zeitung spricht Patrick Heidmann mit dem israelischen Regisseur Eran Riklis über die aktuelle Situation in Nahost.

Weitere Artikel: Bettina Spoerri berichtet in der NZZ vom Filmfestival in Locarno. Thomas Abeltshauser unterhält sich für die Welt mit Armin Mueller-Stahl, der in Locarno mit einem Ehrenleoparden ausgezeichnet wird.

Besprochen werden Steven Soderberghs für den HBO-Ableger Cinemax produzierte Serie "The Knick" (FAZ, Zeit) und Kelly Reichardts neuer Film "Night Moves" (FAZ).
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Literatur

Dave Eggers" Science-Fiction-Roman "Der Circle" über einen IT-Konzern, der in der nahen Zukunft mit Überwachungstechnologie die Politik für obsolet erklärt, hält die Feuilletons im Sommerloch gut auf Trab. Dass der Roman von literarisch äußerst zweifelhaftem Wert ist (mehr dazu hier), wird dabei rasch verziehen: So meint Sabine Vogel in der Berliner Zeitung: "Eggers" Alptraum einer Weltdiktatur ohne Grenzen, ohne Territorium [ist] "unheimlich wahr" und bezwingend. ... Immer - abgesehen vielleicht von seinem autobiografischen Debüterfolg (...) - wenngleich nicht immer so formal schlicht und didaktisch durchschaubar, waren Eggers" dokufiktionale Romane als linksliberale Gesellschaftskritik gemeint, die den Leser zu tätigem Widerstand aufrütteln sollten." In der FAS rückt Andreas Bernard den Roman unterdessen in die Nähe der großen Dystopien von Orwell und Huxley, wobei es "so entscheidend wie verstörend [ist], dass Eggers (...) zunächst aus genau entgegengesetzter Perspektive erzählt, aus einer Sphäre der Freiheit und Selbstverwirklichung."

Ebenfalls in der FAS: Ein Gespräch zwischen Volker Weidermann und Dave Eggers, in dem dieser fordert: "Wir brauchen eine neue Erklärung der Menschenrechte, über die Rechte von Individuen im digitalen Zeitalter und über den Schutz unserer Privatsphäre." Auch zwei kritische Artikel gibt es in dem riesigen FAS-Dossier zu Eggers (das sich ausdrücklich als Hommage an Frank Schirrmacher versteht). Sascha Lobo warnt vor Dämonisierung der Internetkonzerne, die dazu führe "aus einer Position hoffnungsloser, angsterfüllter Unterlegenheit zu agieren. Genau das aber passiert bei einer Dämonisierung, die immer auch ein Eingeständnis der eigenen Schwäche ist, plus Vereinfachung der Verantwortlichkeiten." Und Ralf Bönt findet, dass Eggers nicht weit genug gehe.

Der große Simon Leys, dessen wunderbares Buch "Maos neue Kleider" jeden, der es las, gegen Totalitarismus immunisierte, ist gestorben, meldet Susan Wyndham im Sydney Morning Herald - der aus Belgien stammende Autor lehrte in Australien Chinesisch. "Sein intellektuelles Leben war ausgreifend, kosmopoltisch und meinungsstark. In vielen, meist auf Französisch geschriebenen Essays schreibt er über Kunst, Literatur, Geschichte, Politik, Philosphie."

Besprochen werden neue Bücher über den digitalen Wandel in der Literatur (taz), neue Bücher über den Untergang Roms (SZ), diverse Neuauflagen von Superhelden-Comics namhafter Autoren (Tagesspiegel), Stewart O"Nans Roman "Die Chance" (SZ) und der Comic "Julian B." von Dieter und Michel Plessix (Tagesspiegel).
Archiv: Literatur