Efeu - Die Kulturrundschau

Das Schicksal, für das der Keks steht

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.08.2014. So einfach ist selber schreiben ja nun auch nicht, klagt Urs Mannhart in der NZZ. Die Welt sucht lieber neue literarische Talente. Der SZ schwirrt beim Castorf-Zerfetzen in Bayreuth der Kopf. Die FR nascht genüsslich 1800 Spekulatius-Soldaten bei einer Ausstellung zum Ersten Weltkrieg in Dresden. Und die Ruhrbarone fürchten subventionierte brave Filmpädagogik.

Literatur

Urs Mannhart hat sich in seinem Buch "Bergsteigen im Flachland" ordentlich bei den Reportagen von Thomas Brunnsteiner bedient, das auch nie bestritten, aber Brunnsteiner weder gefragt noch die Zitate kenntlich gemacht, meldet Roman Bucheli in der NZZ. Mannharts eigenwillige Erklärung: "Ich hatte große Hemmungen, Figuren zu entwickeln, die mit meiner Lebenswelt wenig bis nichts zu tun hatten. Ein radikalisierter Kosovo-Albaner, ein rumänischer Mathematiklehrer: Da dachte ich lange, es sei anmaßend, so etwas erfinden zu wollen."

Die Popliteratur ist inzwischen auch schon wieder historisch, Zeit für Neues also, schreibt Richard Kämmerlings in der Welt. Mut macht der kommende Bücherherbst: "Es wird eine Saison mit starken jungen, meist weiblichen Stimmen. Die Schreibweisen und Themen der Thirtysomethings mögen denkbar stark variieren, erkennen lässt sich doch ein diese Generation verbindendes Formbewusstsein, ein nicht nur durch Schreibschulseminare gesichertes Grundwissen über das Künstliche an der Kunst, über die Bedingungen ihrer Entstehung oder, mit einem Imponierwort einer verblassenden Theorie-Epoche, ihrer Literarizität."

In der Wochenendbeilage der SZ befeuern Literaturwissenschaftler Peter-André Alt und Regisseur Dominik Graf im Gespräch gegenseitig ihre Begeisterung für Friedrich Schiller, über den Graf mit "Die geliebten Schwestern" gerade einen von der Kritik gefeierten Film ins Kino gebracht hat. Susanne Knaul von der taz trifft sich auf dem Golan mit dem streitlustigen und konfrontationsfreudigen Autor Tuvia Tenenbom, der sich nach seiner Reportage über Antisemitismus in Deutschland in seinem kommenden Buch "Allein unter Juden" unter anderem mit jüdischem Selbsthass befassen wird. Im Tagesspiegel führt Katrin Hillgruber durch das Programm der Themenwoche, die das Brecht-Haus zu Ehren von Uwe Johnson, der dieses Jahr 80 Jahre alt geworden wäre, veranstaltet. Den FAZ-Lesern empfiehlt Andreas Platthaus fünf Bücher, die man im kommenden Bücherherbst nicht verpassen sollte: Die deutsche Übersetzung von Dave Eggers" "The Circle", Nino Haratischwilis "Das achte Leben (Für Brilka)", Karen Köhlers Erzählungsband "Wir haben Raketen geangelt", die Memoiren von Hans Magnus Enzensberger und der Abschluss von Reiner Stachs auf drei Bände angelegter Kafka-Biografie. Vor hundert Jahren vollendete Heinrich Mann seinen Roman "Der Untertan", informiert Michael Ebmeyer in der Welt und stellt bei der Re-Lektüre fest, dass es bis heute in der Gegenwartsliteratur keinen entsprechenden Nachfolger mehr gegeben hat.

Besprochen werden der Band "Die verborgene Chronik 1914" mit Briefen und Tagebuchnotizen deutscher Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg (Berliner Zeitung), Robert Seethalers Roman "Ein ganzes Leben" (taz), David Vanns "Goat Mountain" (SZ) und Rüdiger Carls gemeinsam mit Oliver Augst in Gesprächform abgefasste Autobiografie "Ab Goldap" (FR). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Bühne

In der FAZ zeigt sich Gerhard Stadelmaier entsetzt darüber, mit welcher Naivität der Regisseur Miloš Lolić sich im Programheft seiner bei den Salzburger Festspielen gezeigten Inszenierung von Ernst Tollers "Hinkemann" den Ersten Weltkrieg als einende Kraft der Südslawen schön redet. Auch die Inszenierung und überhaupt das Stück wollen den Kritiker nicht besänftigen: Lolić ist "auch künstlerisch ein harmloser Hallodri."

Für die SZ hat sich Christine Dössel mit Frank Castorf ins Bayreuther Wirtshaus gesetzt, wo sie nicht nur den nach und nach einkehrenden Wagnerianern beim Castorf-Zerfetzen (deutlich vereinzelter auch -Loben) zuhört, sondern auch dem Regisseur selbst, der in intellektuell hochtrabenden Kaskaden seine in diesem Jahr erstmals wiederholte "Ring"-Inszenierung verteidigt: "Uff. Es schwirrt einem der Kopf, wenn Castorf die Markierungspunkte seiner "Ring"-Vermessung so gedankenfetzenhaft dahingrummelt. In einem Ton, als sei ihm furchtbar fad dabei."

Rüdiger Schaper berichtet im Tagesspiegel unterdessen vom ganz alltäglichen Kleinzank rund um den Grünen Hügel. Besprochen werden Moritz Rinkes bei den Tiroler Volksschauspielen in Telfs aufgeführtes "Wir lieben und wissen nichts" (SZ) und die Bayreuther Aufführung vom "Lohengrin" in der Inszenierung von Hans Neuenfels (Christian Wildhagen zergeht in der FAZ vor Glück angesichts der "Reinheit und Innigkeit", mit der Klaus Florian Vogt die Titelrolle singt). Manuel Brug schreibt in der Welt über Katie Mitchells Livekino-Drama "The Forbidden Zone", das er bei den Salzburger Festspielen gesehen hat.
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Musik

Sarah Pines hat für die Jungle World der John Coltrane Church in San Francisco einen Besuch abgestattet, wo man eine ganz eigene Befreiungstheologie auf Grundlage der musikalischen Arbeiten des Free-Jazz-Meisters pflegt. "Wie Christus einst die Religion von der starren Tempelordnung habe befreien wollen, um in freier Natur zu predigen, habe Coltrane den Jazz aus dem Notationskorsett holen wollen; er setzte stattdessen auf die Energie freier Improvisation. Musik und insbesondere der Jazz, so sah es Coltrane, sollte das Denken verändern. Zwar meinen Kritiker, dass die Theologie der Coltrane Church sehr traditionell beschaffen ist."

Manuel Brug ist in der Welt nach einem Liederabend in Salzburg mit der Sopranistin Anna Prohaska - sie singt Soldatenlieder - noch ganz hin und weg: "Es berührt weit mehr als all das offizielle Festspielgedenken, mit dem die österreichische Seele sich auch in ihrem anhaltenden Phantomschmerz über die mit dem Ersten Weltkrieg verlorene Größe tröstet."

Besprochen werden das neue Album der Beatsteaks (taz, ZeitOnline), ein Auftritt von Frank Fairfield in Berlin (taz) und Richard Thompsons "Acoustic Classics" (SZ).
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Kunst





Bild: "Stela", Kingsley Baird. Quelle: Militärhistorisches Museum

Peter Rutkowski begeht für die FR die große Dresdner Ausstellung zum Ersten Weltkrieg im Militärhistorischen Museum, wo unter anderem 18000 Spekulatius-Soldaten als Symbol für die tägliche Opferzahl während des Ersten Weltkriegs nicht nur aufgebahrt sind, sondern auch zum Verzehr angeboten werden. Überhaupt lobt Rutkowksi die Arbeit des Museums, das diese bewusst in der Schwebe zwischen emphatischem Nachvollzug und analytischer Distanz belässt: "Das Museum kann nicht mehr sein als eine Annäherung, darf es nicht, denn der Mensch, der Besucher, soll ja den Menschen, den Ausgestellten, nachempfinden, nicht sich ihm angleichen. Mithin geht es darum, Arbeit zu verrichten, Gedankenarbeit, sich dem Vergangenen anzunähern und so Verständnis zu erreichen. Jenes Vergangene, seine für heute relevante Essenz, liegt zwischen dem aktuell Nachvollziehbaren und dem historisch Überlieferten. Zwischen dem Kekssoldaten und dem Schicksal, für das der Keks steht."
 
Außerdem: Sabine B. Vogel hat sich für die Presse auf die Suche nach dem Punctum von Fotografien begeben. In der gleichnamigen Ausstellung im Salzburger Kunstverein wird sie fündig: "Das Punctum ist die Differenz zwischen der Dokumentation einer Situation, den bildimmanenten Hinweisen und jener Leerstelle, in die wir unsere Erinnerung einfließen lassen können." Wer heute teure Kunst kauft, zielt damit nicht unbedingt auf schnelle Rendite, meint Astrid Mania in der SZ. Gunda Bartels stellt im Tagesspiegel den Berliner Künstler Carsten Schneider vor, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, täglich zwei Exemplare des Tagesspiegels zu zerschneiden und die Fetzen zu collagieren. Ulf Meyer porträtiert in der NZZ den japanischen Architekten Shigeru Ban, der für die Verwendung ökologischer Baumaterialien wie Papier und Karton berühmt wurde.

Besprochen wird Moshekwa Langas Installation "Der eifersüchtige Liebhaber" in der ifa-Galerie in Berlin (taz).
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Film

Vergangene Woche hatte Regisseur Eckhart Schmidt im Freitag einen Risikofonds für ein junges, wilderes Kino aus Deutschland gefordert. In seiner umfangreichen Antwort darauf bei den Ruhrbaronen teilt Julius Hagen zwar im wesentlichen Schmidts Befund, ohne sich aber dessen Forderungen anzuschließen: Denn Filmförderung gleich welcher Art führt schon wegen der geltenden Auflagen aus sich heraus zu braver Filmpädagogik. "Der Wille zur Subversion wird schon vom Gesetzgeber in die Schranken gewiesen. So verwehrt der Gesetzgeber in § 19 FFG nicht nur die Förderung von Filmen, die "gegen die Verfassung oder Gesetze" verstoßen. Auch Filme, die das "sittliche oder religiöse Gefühl" verletzen, sind nicht förderungsfähig. ... Ein Film kann faktisch nur dann verwirklicht werden, wenn ihm die Gremien der Filmförderung das Siegel "pädagogisch wertvoll" verleihen. Dies ist auch der Grund, warum selbst den banalsten deutschen Komödien ein moralinsaurer Beigeschmack anhaftet."

Swantje Karich meldet in der FAZ, dass Fatih Akin nun doch keinen Film über den ermordeten armenischen Journalisten Hrant Dink drehen wird: "Er habe keinen türkischen Darsteller für den kritischen Journalisten gefunden." Bert Rebhandl spricht im Standard mit dem Produzenten Jason Blum über Low-Budget-Horrorfilme: "Ich mache Filme mit geringem Budget, weil wir es uns nur so leisten können, eigenartige Dinge zu machen." In der Welt führt Rüdiger Sturm ein Gespräch mit dem Produzenten.

Besprochen werden Fosco Dubinis "Die innere Zone" (Tagesspiegel).
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