Efeu - Die Kulturrundschau

Rühr mich nicht an, Baumgarten!

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28.07.2014. Die Welt feiert die Fotografie als Gegenstand und Körper. Die Jungle World fragt, ob Kritik heute eigentlich noch was anderes kennt als Top oder Flop. Die FAZ besucht das Filmfestival in Ruanda. Die taz meditiert über die Kunst, das Leben und die Werbebotschaft von Friedrich Liechtenstein. Die weiße Haut einiger Japanerinnen inspiriert Leopold Federmair im Blog Begleitschreiben zu einem Lob der Helligkeit. Musik- und Theaterkritiker schwitzen gepflegt in Bayreuth, Salzburg und Avignon.

Kunst


Bild aus der Ausstellung "(Mis)Understanding Photography" im Museum Folkwang in Essen. Aneta Grzeszykowska, Untitled Film Stills #3, 2006, Courtesy of Raster gallery, Warsaw, © Aneta Grzeszykowska

Hans-Joachim Müller reist für die Welt zu verschiedenen Fotografieausstellungen - "Stan Douglas. Mise en scène" im Münchner Haus der Kunst, "(Mis)Understanding Photography" im Essener Museum Folkwang, "Gebanntes Licht" in der Staatsgalerie Stuttgart, "Lichtbilder" im Frankfurter Städel Museum und "Punctum" im Salzburger Kunstverein - und lernt dabei, dass auch digitale Bildbearbeitungsprogramm, die jedem die Möglichkeit geben, ein Bild aufzuhübschen, der künstlerischen Fotografie nichts von ihrem Adel nehmen können: "Demgegenüber markiert die Fotokunst ein stolzes Beharren auf dem Bild als Gegenstand und Körper, erhebt mit Macht Anspruch auf den Rangplatz an der Museumswand. Und wenn es in den Pionierjahren des Mediums vor allem ästhetischer Sachverstand gewesen war, der den Klassiker der Fotografie über den Durchschnittsknipser erhob, dann ist es heute die museal angepasste Objekthaftigkeit dieser Arbeiten, dann sind es raumfüllende Installationen, wie sie Wolfgang Tillmans zusammenstellt, die sich absetzen von der Schwarmwirklichkeit der volatilen Bilder."

Im Martin-Gropius-Bau in Berlin bildet sich mit zwei aktuellen Ausstellungen eine ansehnliche ästhetische Dynamik aus, meint Jens Hinrichsen im Tagesspiegel: "David Bowie gegen Walker Evans. Glam Rock gegen schlichte Größe. Ein aufwendiges Multimedia-Spektakel dort, Schwarz-Weiß-Prints auf weißen Wänden hier: So sieht das Kontrastprogramm im Gropiusbau derzeit aus."

Besprochen wird der von Boris Friedewald herausgegebene Band "Meisterinnen des Lichts - Große Fotografinnen aus zwei Jahrhunderten" (SZ).
Archiv: Kunst

Literatur


Bild aus Ozus Film "Tokio in der Dämmerung", 1957

Im Blog Begleitschreiben feiert Leopold Federmair in einem Essay die Schönheit der hellen Haut japanischer Frauen: "Die Schönheit der Farbe Weiß habe ich erst hier zu begreifen begonnen. Das Abenteuer dieser Farbe, die den Begriff der Vollkommenheit anschaulich macht, aber auch für Schatten empfänglich ist. Schattierungen, Projektionen, mein eigener Schatten. Der Schatten meiner rechten Hand. Keine Haare (oder nur äußerst feine, man sieht sie auch aus großer Nähe kaum), keine Furchen, keine Widerstände. Nur die Flächen und Mulden, die zurückhaltenden Rundungen. Die Haut wird zur reinen Form, nichts als Oberfläche, die Haut macht vergessen, daß sie etwas hält."

Außerdem: In der NZZ denkt Kurt Drawert über den Sinn von Tagebüchern im Zeitalter der totalen Sichtbarkeit nach. Tobias Lehmkuhl von der SZ begibt sich mit Arno Schmidts "Seelandschaft mit Pocahontas" im Gepäck an den niedersächsischen Dümmer auf literarische Spurensuche.

Besprochen werden u.a. Ulrich Ladurners "Lampedusa" (FR), Dieter Wellershoffs Hörbuch "Ans Ende kommen" (FAZ) und Christoph Poschenrieders "Das Sandkorn" (SZ), mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Musik

Zwar durchaus sehr solide findet Thomas Ewald in der Jungle World das allseits gefeierte Debütalbum von FKA Twigs (mehr), doch nachvollziehen kann er die Begeisterungsstürme der Kollegen am Ende doch nicht ganz. Einerseits mangelt es ihm in dem Album am "Soul", andererseits sieht er darin ein Symptom der Popkritik: "Vielleicht liegt es daran, dass die Gegenwart der Musikkritik dem Superlativ erlegen ist. Nachdem die Begriffe "mega", "ultra" und "über" in den Neunzigern so oft benutzt wurden, dass sie bis in alle Ewigkeit als Worthülsen ihr Dasein auf Retropartys fristen werden, sind Steigerungen kaum möglich. ... Es gibt in der Beurteilung keine Skala und kein Maß mehr, sondern nur noch zwei Punkte auf dem Koordinatensystem."

Thomas Winkler ist sich in der taz nicht sicher, ob man Friedrich Liechtenstein und sein neues Album "Bad Gastein", wie in der SZ geschehen, als "Großmeister der Ironie" wirklich zu fassen bekommt: In ihm "verschmelzen wie in kaum einer anderen Figur zuvor die Kunst, das Leben und die Werbebotschaft. Denn seien wir ehrlich: Zwar demonstriert Liechtenstein auf "Bad Gastein" mal wieder, wie souverän er Serge Gainsbourgh, Vader Abraham und Scooter zusammen denken kann. ... Andererseits und zuvorderst aber ist "Bad Gastein" natürlich auch ein weiteres Lehrstück, wie Liechtenstein alle Grenzen zwischen Kunst und Kommerz verschwinden lässt." Eine weitere Kritik gibt es in der Berliner Zeitung. Und hier Liechtensteins aktuelles Video:



Außerdem: In der Jungle World berichtet Maurice Summen vom North-Sea-Festival in Rotterdam, wo unter anderem Pharrell Williams, Stevie Wonder und Neneh Cherry auftraten. In den Kommentarspalten der Facebook-Profile zahlreicher Deutsch-Rapper tobt mitunter blanker Antisemitismus, berichtet Ralf Fischer in der Jungle World. Die Zeit bringt tolle Bilder aus einem Fotoband zur Geschichte des Jazzlabels Verve Records.

Besprochen werden der Auftritt des Pianisten Igor Levit beim Rheingau Musik Festival (in der FR applaudiert Tim Gorbauch dem "durchweg grandiosen Spiel") und ein Konzert von Snoop Dogg in Berlin (Tagesspiegel).
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Archiv: Musik

Film


Szene aus Idrissa Guiros Doku "Barçelone ou la Mort"

Cornelius Wüllenkemper berichtet für die FAZ vom Filmfestival in Ruanda, wo sich die lokale Filmszene trotz großer Schwierigkeiten mit dem nationalen Trauma des Genozids vor 20 Jahren auseinandersetzt: "Das Rwanda Film Festival setzt auf die behutsame Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch in den Provinzen, dort, wo viele Menschen ohne Strom und fließendes Wasser in bescheidensten Verhältnissen leben. Als das Festivalteam in Rwamagana, einer Stadt etwa eine Autostunde von Kigali entfernt, auf dem örtlichen Fußballplatz eine zehn Meter hohe aufblasbare Kinoleinwand installiert, ist das Gedränge groß. Bis lange nach Sonnenuntergang verfolgt das Publikum gebannt Geschichten über das typische ruandische Familienleben oder Romanzen über totgeglaubte Kämpfer des Bürgerkriegs, die in ihr Heimatdorf zurückkehren.

Außerdem: Cigdem Toprak stellt in der Welt eine türkische Seifenoper über einen osmanischen Tataren und eine russische Adlige vor, die als Straßenfeger geplant war, die Türken aber trotz aktuellem Krimbezug - "Die Krim ist türkisch und soll türkisch bleiben" - nicht hinter dem Grill hervorlockten. Jürgen Schmieder berichtet in der SZ von der Comic-Con-Präsentation der Serie "Game of Thrones", deren Macher zur Erleichterung der Fans ankündigen, auch ohne literarischen Vorlagen-Stoff aus der Feder von George R.R. Martin über genügend eigenständigee Ideen für weitere Staffeln zu haben: ""Die Show ist die Show, und das Buch ist das Buch", erklärte Martin lapidar."

Besprochen wird der Animationsfilm "Drachenzähmen leicht gemacht 2" (Tagesspiegel).
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Design

Für die taz liest Tilman Baumgärtel einen großen Bildband über Möglichkeiten (und Grenzen) des 3D-Druckens. Deutlich wird ihm bei der Lektüre auch, "wie lang der Weg des 3-D-Druckers vom faszinierenden Spielzeug für Gestalter-Nerds zum alltagstauglichen Gerät noch ist. So gut wie alle Arbeiten, die in "Dinge drucken" vorgestellt werden, sind Experimente und Prototypen. ... Technologien, die die herkömmliche Massenproduktion ablösen werden, sehen anders aus. Mit einem Heim-3-D-Drucker für 800 Euro kann man heute noch keine funktionellen Gebrauchsgegenstände herstellen, auch wenn das immer wieder suggeriert wird." Hier einige Eindrücke aus dem Buch.
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Bühne

Also bitte, dieser "Tannhäuser" von Sebastian Baumgarten hat durchaus seine Momente, findet Mirko Weber (Berliner Zeitung), der die Haltung des Bayreuther Publikums reichlich verkrampft fand: "Entschiedenes Schluss-Buh auch diesmal und auf fast jedem Sitz die gleiche Körpersprache: verschränkte Arme, sturer Blick. Rühr mich nicht an, Baumgarten!"

Auch Manuel Brug (Welt) empfiehlt Entspannung: "Und wenn man gar nicht mehr erst versucht, Joep van Lieshouts dämliche Biogasanlage als geschlossenes, sektiererisch separiertes Menschenzuchtsystem zu entschlüsseln, und auch die albernen Amöben-Videos nichts weiter beachtet, dann konnte man eine passagenweise fesselnde Personenregie erleben und einen wie immer grandios klangkathedralenhaft sich präzisionsmodellierenden Festspielchor unter Eberhard Friedrich."

Kein einziges gutes Haar lässt Christian Wildhagen (FAZ) an der Aufführung: "Dirigent Axel Kober und das Festspielorchester musizieren so risikoarm und konturenlos, als gelte es, das aufgescheuchte Publikum vor jeder weiteren Aufregung zu bewahren. Dabei muss der "Tannhäuser", Wagners anarchisch-unvergorener Wunschpunsch aus lauter Lebensthemen, existentiell aufrütteln, bewegen, erschüttern."

Ganz grundsätzliche Gedanken darüber, was in Zeiten des Internet-Streams von der Aura Bayreuths oder auch Salzburgs überhaupt noch bleibt, macht sich Reinhard J. Brembeck in der SZ. Er ist sicher: Nur hier, in der Provinz, kann man sich tatsächlich vollwertige Gedanken darüber machen, was die Kunst einem überhaupt bedeutet: Dafür "kann der Kunstfreund nicht auf die digitalen Segnungen des Internets vertrauen. Er muss leibhaftig und zur besten Urlaubszeit die Reise in Provinznester auf sich nehmen, er muss für viel Geld bei Badetemperaturen stundenlang schwitzend in überfüllten Sälen verbringen, er muss sich über diese Sängerfehlbesetzung und jene Regieidee ärgern. Um danach ins Freie zu kommen, mit einem an Sprachlosigkeit grenzenden "Herrlich!" auf den Lippen."

Weitere Artikel: Joseph Hanimann (SZ) zieht nach dem ersten von Olivier Py geleiteten Festivaljahrgang in Avignon eine im wesentlichen positive Bilanz: Das Festival habe "neuen Schwung bekommen". Das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele befasst sich in diesem Jahr vor allem mit dem Ersten Weltkrieg, schreibt Egbert Tholl in der SZ: "Krüppel, Wahnsinn, Versehrte, Verstörte, Verwundete. Die Stringenz des Programms hat ihren Preis, der Unterhaltungsaspekt schwindet, gottlob." Nachrufe auf den Tenor Carlo Bergonzi schreiben Thomas Baltensweiler in der NZZ, Jürgen Kesting in der FAZ und Reinhard J. Brembeck in der SZ.
 
"Una furtiva lacrima":



Besprochen werden die Show "Der helle Wahnsinn" im Berliner Wintergarten (Tagesspiegel), Marc-André Dalbavies in Salzburg aufgeführte Oper über Charlotte Salomon (SZ) und ein Abend mit russischen Einaktern in der Kammeroper Schloss Rheinsberg (Tagesspiegel).
Archiv: Bühne