Marlene Streeruwitz

Nachkommen

Roman
Cover: Nachkommen
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014
ISBN 9783100744456
Gebunden, 432 Seiten, 19,99 EUR

Klappentext

Nachkommen ist ein Roman über die Ordnung der Generationen und wie sie durch Gier und Vernachlässigung außer Kraft gesetzt wird. Am Morgen verabschiedet sich die zwanzigjährige Nelia Fehn von ihrem toten Großvater, am Abend sitzt sie als jüngste Autorin bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises. In Frankfurt trifft sie ihren leiblichen Vater das erste Mal. Auf der Buchmesse wird sie gefragt, warum sie denn nun einen Roman geschrieben habe. "Sie hatte nur nicht sagen können, was sie da gemacht hatte. Oder warum. Sie hatte nur einfach geschrieben und jetzt war das ein Roman, und das Leben ging weiter. Sie wusste nicht einmal, ob sie wieder schreiben wollte. Weiter schreiben." Marlene Streeruwitz gewährt einen Insider-Einblick in das Literaturgetriebe.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.08.2014

Wer hinter Marlene Streeruwitz' neuem Roman "Nachkommen" bloß den "satirischen Angriff auf das Kulturgehege" von Seiten einer schlechten Verliererin vermutet, liegt vollkommen falsch, berichtet Franz Haas. In dem Buch schreibt zwar tatsächlich eine junge Autorin einen kritischen Roman, der auf der Shortlist des Buchpreises landet, den sie dann nicht gewinnt, und es wimmelt von Anspielungen auf den realen Literaturbetrieb und seine meist männlichen Funktionäre und die hoffnungslose Klüngelei, aber dahinter verbirgt sich eher "etwas so schön Altmodisches" wie kritischer und feministischer Anspruch als schlichtes Ressentiment, ist sich der Rezensent sicher. Es geht auch um das Missverhältnis zwischen einer schönen, unpolitischen Literatur in einer kaputten Gesellschaft, um die Unverhältnismäßigkeit eitler Erregungen, während sich andernorts Menschen verbrennen, erklärt Haas. Besonders freut den Rezensenten, dass der Roman im Roman tatsächlich erscheinen wird: "Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland" wird er heißen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 26.07.2014

Dieser Roman, ja dieser "Wortrausch" darf sich alle Hoffnungen auf die Longlist des Deutschen Buchpreises machen, findet René Hamann voller Begeisterung. Zwar pflegt Streeruwitz auch hier wieder ihren manierierten Stil, erläutert der Kritiker, doch hat ihr von eigenwilligen Punktuationen durchsetzter "Stakkato-Stil" selten mal so gut gepasst wie hier. Im Mittelpunkt des Geschehens steht eine fiktive junge Schriftstellerin und deren Erfahrungen im Literaturbetrieb, deren hier immer wieder thematisierter Roman noch im Laufe dieses Jahres tatsächlich - von Streeruwitz unter Pseudonym verfasst - in den Handel kommen wird. Eine überzeichnete Satire auf den Betrieb hatte die Autorin allerdings nicht im Sinn, erklärt Hamann, der sich offenbar bestens auskennt: Die hier geschilderte Trostlosigkeit entspreche nämlich exakt der Realität. Als Malus führt der Rezensent lediglich an, dass die Hauptfigur nicht ganz geglückt charakterisiert sei - doch das schmälert den Genuss bei der Lektüre offenbar kaum: "geschenkt", meint Hamann dazu bloß.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 12.07.2014

Für naheliegend, aber in dieser Dringlichkeit in einem Roman noch nicht gestellt hält Jens Bisky die Fragen, die Marlene Streeruwitz in ihrem neuen Roman angeht. Bisky fühlt sich als Leser von diesem Buch gefordert. Einerseits durch Streeruwitz' Kurzsatz-Prosa, die zum Langsamlesen anhält, andererseits durch den Mangel an Handlung. Beschenkt wird der Rezensent hingegen durch das Gefühl, vermittelt durch die Gedanken der Heldin, einer jungen renitenten Schriftstellerin, einer Wut gegen das Literatur-Establishment beizuwohnen, die ihm wichtig erscheint. Als Satire möchte er das Buch schon deshalb nicht bezeichnen, auch nicht als Schlüsselroman oder Abrechnung. Der Ernst des Buches, sein Anspruch auf Wahrheit, ist es, was Bisky mitreißt. Dass manche Figur im Text keine psychologische Plausibilität besitzt, kann er der Autorin verzeihen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.07.2014

Nein, ganz so begeistert wie alle anderen ist Rezensentin Rose-Marie Gropp nicht von Marlene Streeruwitz' neuem Roman "Nachkommen". Zum einen findet sie die Geschichte um eine junge buchpreisnominierte Literaturdebütantin, die durch das "Dorf Gegenwartsliteratur" gescheucht wird und nebenbei nach ihrer eigenen (familiären) Herkunft sucht, zu dünn. Auch der erneute Versuch der Autorin darzulegen, dass sich Frauen keiner eigenen, sondern doch nur einer männlichen Sprache bedienen können, überzeugt die Kritikerin nur mäßig. Dass darüber hinaus laut Gropp auch noch die Charaktere des Buches teils unglaubwürdig, teils überzeichnet daherkommen, macht diesen Roman für die Kritikerin schließlich vollends zu einer gescheiterten Satire.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 03.07.2014

Rezensentin Ina Hartwig wirft in Marlene Streeruwitz' neuem Roman "Nachkommen" einen Blick hinter die Kulissen des Deutschen Buchpreises in Frankfurt und entdeckt neben Klatsch, Hysterie und Missgunst auch viel alkoholgeschwängerten Sexismus. Die Kritikerin liest hier aber keineswegs die Abrechnung einer schlechten Verliererin - Streeruwitz stand 2011 selbst auf der Shortlist - sondern vielmehr einen wunderbar zynischen und bitterbösen "Freudschen Familienroman", der nicht nur Einblicke in das Literaturgewerbe, seine Inszenierung und die "Stewardessenfantasien" alter Herren gewährt, sondern auch einfühlsam die Seele der jungen mit ihrem Smartphone durch Frankfurt schlendernden Debütantin Nelia Fehn ausleuchtet. "Wahrnehmungs- und Stadterfahrungsliteratur" vom Feinsten, schließt die Kritikerin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 02.07.2014

Schöne Spiegelei ist dieses Buch. Judith von Sternburg versucht sie uns auseinanderzusetzen, indem sie mutmaßt, Marlene Streeruwitz' in die Wirklichkeit reinragendes Spiel mit der fiktiven Autorenperson Nelia Fehn, ihrem Roman und der folgenlosen Buchpreisnominierung sei einfach der Tatsache geschuldet, dass man erst mit 60 den Roman schreiben könne, den 20-Jährige schreiben wollen würden. Wie auch immer, den Roman zum Roman findet die Rezensentin schon mal klasse. Geschrieben im bekannten vorwärtsdrängenden Streeruwitz'schen Staccato-Stil ist ihr das Buch Frankfurt-Fußgänger-Roman und fulminante Buchbetriebssatire in einem. Dabei muss die Autorin nicht mal schlüsselromanartig ätzen. Laut Sternburg funktioniert die Kritik nämlich eher beiläufig, indem Streeruwitz die Schwadronierer der Szene einfach schwadronieren lässt. Und dann sind da noch die Eurokrise und andere wichtige Ereignisse, wichtiger als die Frankfurter Buchmesse allemal, lernt Sternburg.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 21.06.2014

Mit diesem neuen Roman von Marlene Streeruwitz wird Richard Kämmerlings Zeuge eines Fräuleinwunders der besonderen Art. Das Buch als sauertöpfische Abrechnung der Autorin mit dem Literaturbetrieb zu lesen, fällt ihm nicht ein. Stattdessen erkennt er in der Geschichte um eine junge, rebellische Debütantin auf der literarischen Bühne eine Distanzierung der Autorin vom autobiografischen Ausgangspunkt der gescheiterten Buchpreisbewerbung 2011. Und dass Streeruwitz die real existierende Schriftstellerin Nelia Fehn zur Hauptfigur ihres Romans macht, sie in den seichten Trubel der Frankfurter Buchmesse schickt und Breitseiten gegen ihre (Streeruwitzens) Kollegen abfeuern lässt, täuscht den Rezensenten auch nicht darüber hinweg, dass hier eine ganz andere Autorengeneration porträtiert wird, eine kapitalismuskritische, jenseits von Trends agierende nämlich. Auf die, meint Kämmerlings mit Blick auf das für Herbst annoncierte Debüt der realen Nelia Fehn, darf man gespannt sein.
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