Efeu - Die Kulturrundschau

Barock rockt

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22.07.2014. Die Fackel des Autorenkinos leuchtet wie eh und je - derzeit in China, wo Diao Yinan sie hochhält, versichern Tagesspiegel und FAZ. Die NZZ erinnert an Georg Trakl. Die Welt freut sich über die strukturelle Semantik in den Reisefotos von Schriftstellern. Die Berliner Zeitung erliegt den Neurosen von La Roux. FAZ und SZ feiern den Bariton Christian Gerhaher in Monteverdis "L'Orfeo".

Literatur

Der Schriftsteller Norbert Hummelt erinnert in der NZZ an den 1914 gestorbenen Dichter Georg Trakl, und er beginnt "mit den wenigen Zeilen, die der 27-jährige k. u. k. Medikamentenakzessist Georg Trakl im September 1914 nach der Schlacht bei Gródek im Osten Galiziens niederschrieb. "Am Abend tönen die herbstlichen Wälder / Von tödlichen Waffen . . . Alle Straßen münden in schwarze Verwesung . . . Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain . . ." Diese Verse aus seinem letzten Gedicht stehen nicht nur in den Anthologien, sie haften im Gedächtnis, und wer sie einmal kennt, wird sie so schnell nicht wieder los."


(Thomas Meinicke: Pierre Bourdieu in Salvador de Bahia. Foto: DLA Marbach)

Na endlich mal attraktive Fotos von Schriftstellern - nicht immer nur diese Posen mit dem Kinn in der Hand, freut sich in der Welt Marc Reichwein, während er sich durch die Marbacher Ausstellung "Reisen. Fotos von unterwegs" bewegt. Selbstverständlich sind das nicht einfach lustige Urlaubsfotos, Marbach gibt ordentlich theoretischen Überbau dazu: "Wenn Christa Heinig monströse Gehwegplatten in München festhält, Hans Ulrich Gumbrecht gekachelte Hausfassaden in Brasilia und Peter Handke Wolkenformationen im Beifahrerspiegel, ist das laut Marbacher Ausstellung kein Zufall, sondern strukturale Semantik oder - frei nach Roland Barthes - die Welt als Erzählung, die wir selbst in Einzelteile zerlegt haben. Pimp my pic, könnte man auch salopp sagen zu der Art und Weise, mit der das DLA hier seinen fotografischen Archivbestand aufwertet."

Außerdem: Joachim Güntner meldet einen Etappensieg Hans Barlachs vor dem BGH im immer noch schwelenden Suhrkamp-Streit. Die Literaturkritiker vom Freitag geben Tipps für die Urlaubslektüre.

Besprochen werden Juan Gabriel Vásquez" Roman "Das Geräusch der Dinge beim Fallen" (Standard), Ilija Trojanows und Christian Muhrbecks "Wo Orpheus begraben liegt" (Berliner Zeitung), die Knausgård-Romane "Spielen" und "Leben" ("Ziemlich lang, ausschweifend, regellos. Ein Meilenstein der Literatur eben", meint Peter Urban-Halle in der NZZ)Eva Horns Studie "Zukunft als Katastrophe" über Apokalypsendarstellungen in Film und Literatur (Zeit), Sabine Krays "Diamanten Eddie" (FAZ) und Volker Weidermanns "Ostende - 1936, Sommer der Freundschaft" (SZ).
Archiv: Literatur

Kunst

Im Kiewer Kunstmuseum kann man derzeit die Kunstsammlung bewundern, die Viktor Janukowitsch bei seiner überstürzten Flucht nach Russland zurückgelassen hat, berichtet Herwig G. Höller im Standard. Und rümpft die Nase: "Teurer Prunk und Religion erweisen sich als zwei nahezu widersprüchliche Vorlieben des Ex-Präsidenten - Exponate dieser beiden Kategorien dominieren zahlenmäßig. So fanden sich einerseits in Janukowitschs Villa zahlreiche Objekte mit russisch-orthodoxem Hintergrund - Ikonen vor allem aus dem 17. und 18. Jahrhundert, rare Handschriften und frühe Bibeldrucke in kirchenslawischer Sprache. Andererseits setzte der Präsident mit Kandelabern, Tierskulpturen oder Vasen auf westeuropäische Kunst des 19. Jahrhunderts. In Summe entsteht der Eindruck eines geschmacklosen Eklektizismus sowie einer ästhetischen Inkompetenz, die durchaus mit dem offensichtlichen politischen Versagen des Politikers korrelieren dürfte."

Im Tagesspiegel stellt Christiane Meixner die in St. Georgen befindliche Sammlung der Familie Grässlin vor. Marion Löhndorf resümiert in der NZZ. Lob und Kritik in britischen Zeitungen für Zaha Hadids Heydar Aliyev Center in der aserischen Hauptstadt Baku. Eckhard Fuhr berichtet in der Welt über die geplante Erweiterung des Klosters Lorsch mit einem Themenpark fürs Mittelalter.

Besprochen werden eine Ausstellung zweier Frauendarstellungen Arcimboldos im Kunsthistorischen Museum Wien (Standard), Kata Legradys Ausstellung im Käthe-Kollwitz-Museum in Berlin (Tagesspiegel, taz), die Ausstellung "Wir gehen baden" im Kupferstichkabinett in Berlin (Tagesspiegel), eine Ausstellung in Paris über die Geschichte der iranischen Kultur seit den 1960er Jahren (taz) und die Ausstellung "nature after nature" im Fridericianum in Kassel (SZ).
Archiv: Kunst

Film



Mit Diao Yinans chinesischem Noir-Thriller "Feuerwerk am hellichten Tag" kommt der diesjährige Berlinale-Gewinner (hier unsere Kritik) nun auch regulär in die deutschen Kinos. Im Tagesspiegel bringt Christiane Peitz aus diesem Anlass Hintergründe zum atemberaubenden chinesischen Kinoboom - jährlich mehr als neue 900 Multiplexe, liest man staunend - und wundert sich zudem darüber, dass ein derart offen kritischer Film, anders als frühere chinesische Festivalerfolge, verhältnismäßig problemlos auch im eigenen Land ins Kino kommen konnte: Denn er "zeichnet ein finsteres Bild der aufstrebenden Weltmacht China und sympathisiert mit den Opfern des Aufschwungs. Dennoch wurde der Film mit wenigen Schnitten von den Behörden freigegeben und knackte nur drei Wochen nach dem Kinostart im März die 100-Millionen-YuanMarke (12 Millionen Euro), die zuvor von keinem Autorenfilm überschritten worden war. Damit ist er der erfolgreichste chinesische Arthousefilm aller Zeiten. Zensur in China, auch das ein Rätsel."

Deutlich cinephiler fällt Andreas Kilbs Urteil in der FAZ aus. Er legt die in den Bildern des Thrillers verborgenen Verbindungen zum europäischen Autorenfilm frei: "Diese Bilder (...) geben dem, was [der Film] erzählt, einen Ort in der Wirklichkeit. So hat der Neorealismus seit seinen Anfängen im Europa der Nachkriegszeit immer wieder funktioniert. Die Fackel dieses Kinos, scheint es, kann nie erlöschen, sie lodert immer wieder auf, gestern in Iran bei Kiarostami und Makhmalbaf, heute in China bei Diao Yinan."

Außerdem: Geschichtspolitisches Nationalkino erlebte Bert Rebhandl (Standard) beim Filmfestival in Odessa. Besprochen wird die Komödie "Monsieur Claude und seine Töchter" (Zeit).
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Archiv: Film

Musik

Jens Balzer blickt in der Berliner Zeitung tief in die verborgenen, dunklen Seiten des sonnigen Retro-Pops von La Roux, die gerade ihr neues Album veröffentlicht hat: Hier "erblühen die Neurosen am schönsten: Zu überaus gut gelaunt wirkenden Retro-Elektropop-Klängen singt sie (...) von innerer Kälte und zwischenmenschlicher Fiesheit, von wahlweise erstorbenen oder aber - noch schlimmer - in ihrer rätselhaft intensiven Vieldeutigkeit quälenden Gefühlen." So etwa in "Cruel Sexuality", in dem es um die Ahnung eines Teenagers geht, homosexuell zu sein:



Prächtig unterhalten hat sich Jürg Huber (NZZ) beim Menuhin-Festival Gstaad: "Barock rockt. Jedenfalls bei Simone Kermes. Ihre Koloraturen versprühen Drive, und dem konventionellen Gebärdenrepertoire der Oper setzt sie rhythmische Bewegungen entgegen. Natürlich nicht allzu erotisch - wird sind ja in der stimmungsvollen Mauritius-Kirche in Saanen. Und wir sind - beim zweiten Konzert des Menuhin-Festivals Gstaad - bei einer Reinszenierung eines veritablen Opernskandals, der sich 1727 bei der Aufführung von Giovanni Bononcinis "Astianatte" in London ereignet hat. Die legendäre Rivalität der beiden Sängerinnen Francesca Cuzzoni und Faustina Bordoni artete damals in ein Handgemenge auf offener Bühne aus."

Außerdem: Martin Böttcher stellt im Tagesspiegel neue Popmusik aus Berlin vor. In seinem Poptagebuch für den Rolling Stone schwärmt Eric Pfeil von den lebensrettenden Qualitäten des Italo-Pops der Achtziger. Florian Bissig berichtet für die NZZ vom Festival da Jazz in St. Moritz. Manuel Brug porträtiert in der Welt den gefeierten Bariton Christian Gerhaher als "Problembär". Claus Lochbihler unterhält sich in der Welt mit dem österreichischen DJ Parov Stelar über dessen Elektroswing. Michael Stallknecht berichtet in der SZ von den Eröffnungskonzerten der Salzburger Festspiele.

Besprochen werden eine Alex-Chilton-Biografie (Standard), eine Bach-Aufnahme von Pierre-Lauret Aimard (FR), zwei neue Bücher über Jazz (taz), das Debütalbum der Retro-Popper Alvvays (ZeitOnline) und das neue Album von den Eels (taz).
Archiv: Musik

Bühne



Nach der Eröffnung der Münchner Opernfestspiele mit David Böschs Inszenierung von Claudio Monteverdis "L"Orfeo" liegen die Kritiker Christian Gerhaher zu Füßen: "Wohl kein anderer Sänger zurzeit könnte solch einen Seelenritt in die Nacht so berührend und glaubwürdig gestalten", schreibt Christian Wildhagen begeistert in der FAZ. Und weiter: "Man müsste nicht wissen, dass Gerhaher einer der besten Liedersänger ist - man würde es ahnen angesichts der Genauigkeit, mit der er jeden Moment, jede Silbe seiner Partie durchdringt und dabei doch immer das Ganze im Blick behält." Heute Abend um 22.45 h läuft außerdem noch, angekündigt von einer verzückten Eleonore Büning in der FAZ, ein Gerhaher-Porträt im Bayerischen Fernsehen.

Reinhard J. Brembeck beobachtet unterdessen in der SZ, dass sich der Sänger mit seiner Interpretation des Orfeo auf neues Terrain begibt. Gerhaher "versucht erst gar nicht, sich als Kenner historischer Aufführungspraxis aufzuspielen. Gerhaher singt den Orfeo so, wie er Schubert singen würde: als unmittelbares Bekenntnis, als Seelenerforschung, als Menschenstudie. Ein weit gespanntes Legato ist ihm erste Pflicht, die Koloraturen werden elegant in die Linie einbezogen, an den Höhepunkten dreht er gewaltig auf. So liefert Gerhaher mit romantischen Mitteln ein analytisch kühles, gleichwohl bannendes Porträt." Gute Nachrichten für alle, die sich nun ein eigenes Bild machen wollen: Die Bayerische Staatsoper kündigt für den 27. Juli einen kostenlosen Livestream an.

Im Tagesspiegel spricht Rüdiger Schaper mit Architekt Francis Kéré über die Fortschritte beim Bau von Christoph Schlingensiefs Operndorf und dessen Zusammenarbeit mit dem Künstler und Theaterregisseur.

Besprochen werden der letzte Auftritt von Monty Python, den es hier bei arte im Stream zu sehen gibt (FR) und Jossi Wielers und Sergio Morabitos in Stuttgart aufgeführte Inszenierung von "Tristan und Isolde" (FAZ).
Archiv: Bühne