Efeu - Die Kulturrundschau

Gegen den Gesamtzusammenhang

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11.02.2014. In der Welt erklärt Ennio Morricone, wie man mit einem unendlichen Ostinato einen Meister-Popsong kreiert. Die taz ist entsetzt über knallig krispe Schüsse, die Himmlers Dokumente im Film untermalen. Der Standard besucht eine Ausstellung über Utopie und Realität in Graz und berichtet über einen handfesten Theaterskandal in Wien. Die FAZ möchte über Thomas Mann reden.

Musik

Für die Welt trifft sich Michael Pilz in Berlin mit dem Filmkomponisten Ennio Morricone, der gerade auf Tournee ist. Der 85-Jährige ist bestens gelaunt. Angesprochen auf "Se Telefonando", das Pilz den "perfekten Popsong" nennt, antwortet Morricone: "Ich kann mich da nur auf die gründliche und vorurteilsfreie Analyse des berühmten italienischen Musikologen Franco Fabbri berufen. Fabbri hat einmal behauptet, "Se Telefonando" sei als Song ein beispielloses Meisterwerk. Mit so wenigen Klängen wie möglich, die von der Dodekaphonie ins Tonale transportiert werden, und mit seinem unendlichen Ostinato. Das wäre auch meine eigene Theorie."

Überprüfen Sie das bitte selbst:


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Stichwörter: Ennio Morricone

Film

Vanessa Lapa hat mit "Der Anständige" einen Film über die persönlichen Dokumente Heinrich Himmlers gedreht. In der taz findet Diedrich Diederichsen die Materialfülle und deren Montage keineswegs uninteressant, verfällt dann aber doch bald in blankes Entsetzen darüber, dass die Aufnahmen nicht belassen, sondern im Tonstudio aufgehübscht wurden: "Vollends unerträglich und unbegreiflich sind nachsynchronisierte knallig krispe Schüsse, wenn man auf schlecht erhaltenem Filmmaterial schemenhaft Erschießungen erkennen kann. Und wenn dann noch wuschiges Gewische abgespult wird, um den Klang des Gräberaushebens rüberzubringen, zieht es einem die Schuhe aus."

Für die Welt hat Sven Felix Kellerhoff den Film hochgelobt: Wenn Himmler "nicht so normal gewesen wäre, hätte er seine unsäglichen Verbrechen wohl nicht mit dieser grausamen Effizienz begehen können. Das ist das wirklich Bestürzende an dem Archivfund in Israel, den Vanessa Lapa eigenwillig, aber sehenswert in einen Film übersetzt hat."

Ansonsten Halbzeit am Potsdamer Platz. Unser täglich mehrfach aktualisiertes Berlinale-Blog finden Sie hier, für Tipps auf die Stelle gibt es einen Kritikerspiegel, an dem sich auch einige Perlentaucher beteiligen. Im folgenden eine Auswahl, was die Feuilletons schreiben: Der neue Film von Alain Resnais hat Ekkehard Knörer in der taz gefallen, wenn auch nicht vom Hocker gerissen: "Das Ganze ist, was es ist, auf sehr makellose Weise. Wirklich Neues bringt es für den Resnais-Kenner nicht." Im Perlentaucher ist Lukas Foerster deutlich hingerissener und meint: "Wie auch in anderen seriell organisierten Werkzusammenhängen, zum Beispiel bei Hong Sang-soo oder, weiter zurück, Yasujiro Ozu, ist die eigentliche Überraschung nicht, dass man die einzelnen Elemente wiedererkennt, sondern, dass jede einzelne Aktualisierung, jede neue Konstellation, sich gegen den Gesamtzusammenhang, auf den sie gleichzeitig verweisen, behauptet."

Außerdem: Andreas Busche spricht in der taz mit David und Nathan Zellner, die in ihrem Forumsfilm "Kumiko - The Treasure Hunter" eine Japanerin auf die Suche nach Steve Buscemis Geldkoffer aus "Fargo" schicken. Mit großem Interesse sichtet Simon Rothöhler für die taz die in "German Concentration Camps Factual Survey" zusammengestellten Filmaufnahmen, die in den Konzentrationslagern unmittelbar nach dem Sieg über Nazi-Deutschland entstanden. Bernd Sobolla porträtiert auf Deutschlandradio Kultur den insbesondere für die Berliner Schule wichtigen Kameramann Reinhold Vorschneider. Christina Bylow sieht für die Berliner Zeitung Filme, die sich mit dem Normierungsdruck auf weiblichen Genitalien befassen. In der Welt vibriert Peter Zander nach der großen Präsentation des restaurierten Caligari (morgen läuft er auch auf Arte).

Weiter werden besprochen: Volker Schlöndorffs "Diplomatie" (Welt), Michel Gondrys Chomsky-Doku "Is the Man Who is Tall Happy" (taz/Perlentaucher)
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Bühne

Wien beschäftigt gerade ein handfester Theaterskandal: Für das Geschäftsjahr 2012/13 soll das Burgtheater einen Bilanzverlust von 8,3 Millionen Euro aufweisen. Dazu kommen vermutlich fünf Millionen Euro Steuernachzahlungen, berichtet Thomas Trenkler im Standard. "Diese Versäumnisse werden Silvia Stantejsky, der ehemaligen kaufmännischen Direktorin, angelastet. Wie berichtet, soll Stantejsky als Geschäftsführerin (von Herbst 2010 bis Herbst 2013) ein "buchhalterisches Parallelsystem" bzw. eine "Schattenorganisation" aufgebaut sowie "dolose Handlungen" gesetzt haben - so jedenfalls die Ausdrucksweise von [dem Chef der Bundestheaterholding, Georg] Springer. Stantejsky wurde im November 2013 zunächst suspendiert, schließlich fristlos entlassen."

Zwei neue Theaterinszenierungen befassen sich mit Flüchtlingen, lesen wir bei nachtkritik. Das hat angesichts der Schweizer Volksabstimmung zur Begrenzung der "Masseneinwanderung" von "Fremden" seine eigene Aktualität. Am Deutschen Theater Berlin zeigt Nuran David Calis in seiner Flüchtlingsrevue "Tee im Harem des Archimedes", wie Einwanderer in Deutschland empfangen werden, erzählt Matthias Weigel: "Es ist das einer der tollen Kniffe von Regisseur Nuran David Calis, der die großen Fragen unumwunden und - im besten Sinne - ganz naiv anspricht, aber Antworten zu Recht scheut. Nicht nur, dass es keine einfachen gibt; die Frage nach dem "Warum" heißt im Klartext ja auch: Was willst du hier in meinem Land? Und es sind wir als deutsche Mehrheitsgesellschaft, die diese Frage stellen. Dabei müssten wir uns vielmehr die Frage gefallen lassen: Warum nicht?"

Und in Bern setzt sich Philipp Löhles Stück "Wir sind keine Barbaren!" mit der Überfremdungsangst auseinander: Andreas Klaeuli hat es ebenfalls in der nachtkritik besprochen.
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Archiv: Bühne

Literatur

"Wir müssen über Thomas Mann reden", meint FAZ-Redakteur Edo Reents, selbst Autor einer Dissertation über Mann, angesichts immer neuer Schmonzetten über den Autor, über seine Homosexualität, seinen Pudel und seine Familie: "Zumindest mitverantwortlich dafür ist Heinrich Breloer, der uns die ganze Familie als interessanten "Stoff" angedreht und, mit Hilfe seines Stammschauspielers Armin Mueller-Stahl, Thomas Mann als Figur präsentiert hat, die vor Gravität und Behäbigkeit kaum laufen kann."

Außerdem: Viel Trauer um Peter Gente, den Mitbegründer des legendären Merve Verlags: hier Cord Riechelmanns Nachruf in der taz, hier der sehr persönliche von Ulf Poschardt in der Welt.

Besprochen wird Rafael Chirbes" grandioser neuer Roman "Am Ufer" (NZZ).
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Kunst

Das Kunsthaus Graz stellt derzeit in der Ausstellung "Utopie und Realität" zwei russische Künstler gegenüber: El Lissitzky und Ilya Kabakov. Anne Katrin Feßler vom Standard hat sie sich mit Emilia und Ilya Kabakov angesehen, die mit Lissitzky eigentlich nie etwas am Hut hatten: "Die Idee zum Projekt kam für beide umso überraschender. Es geht um den Unterschied zwischen beiden. Das, was sie verbindet, ist die Historie. "Lissitzky stand am Anfang dieser Utopie, glaubte, zumindest anfänglich, an die Idee, eine neue Welt bauen zu können. Wenn er der Fantast dieses Experiments war, dann waren wir ihre Patienten." Und Ilya Kabakov schmunzelt: "Sie die Wissenschafter, wir die Labormäuse." Dieser Logik folgt auch die Ausstellung: Rechts herum geht"s zu den Träumen eines Konstrukteurs dieser Utopie, den "Lokomotivführern" Richtung Zukunft, links herum zur Realität, der ein brauner Sockelanstrich ein noch bodenständigeres Aussehen verleiht."

Für ihre Kunstkolumne in der Berliner Zeitung hat Ingeborg Ruthe Lada Nakonechnas "Leuchtturm" in der Berliner Galerie Eigen + Art besucht: "Um dieses merkwürdig aufleuchtende Wand-Palimpsest entziffern zu können, steht man sich ständig selbst im Licht, wird geblendet und ertappt. Man muss sich mit dem Licht bewegen, um alles erfassen zu können. Das aber geht nur fetzenweise. Fast verstörend liest sich dieser vom Lichtkegel fragmentierte Satz, der aus dem Dunkel kommt, so, als wäre es ein Menetekel."

Besprochen werden die Ausstellung des niederländischen Architekturfotografen Iwan Baan im Marta in Herford (NZZ), die Ausstellung "Common Ground" des Fotografen Luca Faccio im Wiener Künstlerhaus (Standard), eine Ausstellung der Arbeiten von Renée Sintenis im Georg Kolbe Museum in Berlin (SZ) und die Ausstellung "Esprit Montmartre" in der Frankfurter Schirn (SZ).
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