Efeu - Die Kulturrundschau

Schieres Augenglück

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27.01.2014. Die Berliner Zeitung friert in Andrea Breths und Simon Rattles "Katja Kabanova". Außerdem hört sie bei der Transmediale Musik- und Lärmavantgarde des frühen 20. und 21. Jahrhunderts. Die NZZ porträtiert den syrischen Dramatiker Mohammad al-Attar. Die SZ erinnert daran, dass nicht alle deutschen Autoren aus dem Großbürgertum kommen. Und die Welt schwärmt von einer Ausstellung mit Clair-Obscur-Holzschnitten in der Wiener Albertina.

Bühne

Unangenehm kühl, diese Katja Kabanova an der Berliner Staatsoper, meint im Tagesspiegel Ulrich Ameling nach der Premiere der von Andrea Breth inszenierten und von Simon Rattle dirigierten Janacek-Oper. Nicht einmal die temperamentvolle Eva-Maria Westbroek als Katja kann ihn erwärmen: "Die Ferne, die die Regie zum Stück und seiner einsamen Heldin aufbaut, sucht Westbroek nach Kräften zu überwinden. Aus ihrer Stimme ist ein Knospen nicht zu tilgen, doch es wirkt wie Wildwuchs in all der Leblosigkeit. Das liegt auch am Dirigenten, der trotz Wunschheldin und Wunschstück nicht ins wunschlose Glück führt. Simon Rattle hat die Staatskapelle bereits mehrfach dirigiert, man schätzt sich, findet aber nicht selbstverständlich zu einem gemeinsamen Klang." Beste Kritiken gab es dagegen in FAZ ("atemberaubend klangschön") und SZ (die die "musikalischen Intensität der Sängerdarsteller" rühmt).

In der NZZ porträtiert Astrid Kaminski den in den Libanon geflüchteten syrischen Dramatiker Mohammad al-Attar, dessen Stücke, die immer wieder den Bürgerkrieg behandeln, inzwischen in New York, London, Athen, Berlin oder Beirut gespielt werden. In seinem jüngsten Stück, "Yousef Was Here", macht sich der Syrer Fares auf die Suche nach seinem entführten Freund Yousef. "Mindestens zwei Optionen für dessen Schicksal sind für Fares denkbar: Entweder wurde er von der Isis gekidnappt oder von einer kurdischen Einheit. Auch hier bilden reale Erfahrungen die Folie. Von Isis-Kämpfern entführt zu werden, sei die größere Gefahr, meint al-Attar. 'Isis ist die denkbar beste Legitimation für das Regime. Entweder die Radikalen oder wir! Ich sage nicht, dass es eine direkte Zusammenarbeit gibt. Aber auffallend ist, dass das Regime nichts gegen die Extremisten unternimmt."

Besprochen werden Calixto Bieitos "Bluthochzeit" am Schauspielhaus Basel (Nachtkritik) eine Aufführung von "Orfeo ed Euridice" unter Marc Minkowsi (Welt), Thomas Schendels Bühnenadaption des Films "The King's Speech" im Schlosspark-Theater in Berlin (Welt), Immo Karamans Verdi-Inszenierung "Macht des Schicksals" am Staatstheater Wiesbaden (Fr) und Alvis Hermanis' Inszenierung der Janáček-Oper "Jenůfa" in Brüssel (Faz).
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Musik

Für die Berliner Zeitung hörte Jens Balzer die ersten Konzerte des Berliner Festivals Club Transmediale. Bei Charlemagne Palestine und Rhys Chatham, zwei Helden der New Yorker Elektro-Avantgarde, wurde einiges geboten: Ersterer spielte auf den Rändern zweier Gläser mit Rosé, während letzterer "mit einer Klarinette kleine Melodiefetzen in ein Effektgerät hinein[spielte], das diese zu sich unablässig wiederholenden Klarinettenmelodiefetzenschleifen verflocht; auf dem Effektgerät lag ein beigefarbenes Plüschtier herum, das wie eine Mischung aus einem Schwein und einem Hund wirkte und von Rhys Chatham zwischen zwei musikalischen Einsätzen manchmal hinter den Ohren gekrault wurde."

Hier eine Kostprobe von Palestine in der Kathedrale von Nantes 2012:



Begleitend zum Festival gibt es eine Ausstellung über die Musik- und Lärmavantgarde der frühen Sowjetunion im Kunstraum Kreuzberg, die Tilman Baumgärtel in der Berliner Zeitung empfiehlt: "Deren bekannteste Hervorbringung war das Theremin, das 1919 von dem russischen Physiker Lew Termen erfunden wurde: das erste elektronische Instrument der Welt, dem man durch das Gestikulieren zwischen zwei Antennen ein geisterhaftes Pfeifen entlockt. Schon allein die Gelegenheit, an dem esoterischen Gerät selbst einmal Klänge förmlich aus der Luft zu pflücken, ist ein guter Grund, die Ausstellung zu besuchen. Doch das Theremin zeigt auch die Verstrickungen von Musik und Politik in der UdSSR: sein Erfinder musste in den 1950er Jahren für den sowjetischen Geheimdienst KGB arbeiten und entwickelte dort eine Wanze, die in der US-amerikanischen Botschaft in Moskau mithörte."

Gestern Nacht wurden die Grammys verliehen, dabei gab es nur eine kleine Überraschung: 5 Grammys für Daft Punk, 4 Grammys für Macklemore & Ryan Lewis, 1 Ehrengrammy für Kraftwerk und 0 Grammys für Taylor Swift, meldet Spon. Einen längeren Bericht über das Ereignis bringt Jan Wiele in der Faz.

Weitere Artikel: In der Welt erinnert sich Dirigent Zubin Mehta an seinen vergangene Woche verstorbenen Berufskollegen und Freund Claudio Abbado (mehr). Ebenfalls in der Welt berichtet Frank Schmiechen von Andreas Doraus schüchternem Geburtstagskonzert in Berlin (siehe auch taz und Berliner Zeitung).

Besprochen werden Olga Scheps' neue Chopin-Aufnahmen (Zeit) und das neue Album von Stephen Malkmus and the Jicks (taz)

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Literatur

In der SZ findet Ina Hartwig findet die jüngste Debatte über literaturschaffende Großbürgerkids wenig treffend: "Die Jeunesse dorée, klar, wird beneidet, verständlicherweise. Doch schaut man einmal genauer hin, wer unter den jüngeren deutschsprachigen Schriftstellern denn wirklich erfolgreich war in den letzten Jahren, kann man nach einer vergoldeten Jugend lange suchen. Die DDR-Biografien von Uwe Tellkamp (Deutscher Buchpreis 2008) und Clemens Meyer (Preis der Leipziger Buchmesse 2008) stehen unter anderen Vorzeichen. Terézia Mora (Deutscher Buchpreis 2013) machte gerade in ihrer ersten Frankfurter Poetikvorlesung auf ihre Herkunft aufmerksam, ein repressives katholisches Bauernmilieu an der ungarisch-österreichischen Grenze, das sich fatal gekreuzt hat mit dem menschenverachtenden Stumpfsinn der Diktatur."

Außerdem: In der Jungle World erinnert sich Guido Sprügel an die Konjunktur der Marx-Lesekreise.
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Kunst

Von "wunderbarer Lehrzeit und schierem Augenglück" schwärmt Hans-Joachim Müller in der Welt nach seinem Besuch der Ausstellung mit Clair-Obscur-Holzschnitten in der Wiener Albertina: "Manchmal ist es ja vor alten Bildern, als sei von der enträtselten Welt doch noch ein wenig Zauber geblieben. Und es ist wie Magie, diese rohen Stücke, die da aufgeführt werden, die Darsteller in ihren abgetragenen Kostümen, die fernen Geschichten, die man nicht gleich versteht, die vergessenen Zeichen, die wie Ostereier versteckt sind." (Bild: Hans Burgkmair d. Ä - Albertina, Wien)

In der NZZ loten die Kulturwissenschaftler Claus Noppeney und Nada Endrissat erste Konturen, Potenziale und Beschränkungen einer geruchsbasierten Kunst aus, wie sie zum Beispiel in der Ausstellung Iconosms von Christophe Laudamiel in der New Yorker Dillon Gallery zu riechen war. Eine seiner Arbeiten nahm "eine Anekdote zu Ernest Hemingway auf. Dem Literaturnobelpreisträger war es in einer Wette gelungen, eine Geschichte mit lediglich sechs Wörtern zu erzählen: 'For Sale: Baby shoes, never used.' Heute sorgen SMS und Twitter für die neue Aktualität der Geschichte. Die Duftskulptur 'Hemingway in 6-Major' spielte hierauf an: Sie rief olfaktorisch vielfältige Assoziationen zwischen Meer, Alkohol, Holz und Uringerüchen hervor. Technisch wurde die Arbeit als Rauminstallation in einem in der Galerie aufgestellten Zelt präsentiert. Auf diese Weise konnte die Präsentation technisch präzise kontrolliert werden - angesichts der Flüchtigkeit des Geruchs ein Grundproblem olfaktorischer Kunst."

Weitere Artikel: Der Anschlag in Kairo vom vergangenen Freitag hat auch zahlreiche Objekte des Museums für islamische Kunst zerstört, berichtet Julia Gerlach in der Berliner Zeitung. Ebenfalls dort meldet Stefan Strauss, dass die Dokumente im Archiv des Metallbildhauers Fritz Kühn zu verfallen drohen. Im Aufmacher der FAZ flaniert Andreas Platthaus mit dem französischen Comiczeichner Joann Sfar durch Dresden, wo sich Sfar gerade an der Ausstellung "Vot ken you mach?" über zeitgenössische jüdische Identitäten in Europa beteiligt.
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Film

Geri Krebs resümiert die ersten drei Tage der Solothurner Filmtage, in denen die Flüchtlingspolitik der Schweiz ein großes Thema war. So auch in Roman Vitals Doku "Life in Paradise" über das "seit 2007 existierende 'Ausreisezentrum Flüeli' in dem kleinen Prättigauer Bergdorf Valzeina, wo mehrere Dutzend abgewiesene Asylbewerber, zum Teil seit fünf Jahren zum Nichtstun verdammt, ihrer Abschiebung harren, während sie noch immer nicht von der irrigen Hoffnung lassen mögen, vielleicht doch in der Schweiz bleiben zu können. Noch selten hat ein Dokumentarfilm das Elend und die Willkür der schweizerischer Asylpolitik so drastisch aufgezeigt, die, statt sich um ein griffiges Asylverfahren oder effiziente Hilfe für Flüchtlinge in Krisenregionen zu bemühen, den Menschen immer wieder falsche Hoffnungen auf eine Lebensperspektive in der Schweiz macht."

Weiteres: Im Sehtagebuch auf critic.de berichtet Nino Klingler vom Filmfestival in Rotterdam und erlebt dabei mitunter "filigrane Gefühlsvibrationen". In der Berliner Zeitung bringt Rüdiger Suchsland Notizen zum Ophüls-Festival, wo ihm besonders Anna Martinetz' "so fantastische wie kluge wie fürs Publikum mitreißende" Schnitzler-Verfilmung "Fräulein Else" auffiel. Der verstorbene nordkoreanische Diktator Kim Jong-Il als Filmliebhaber und Produzent von Monsterfilmen: Im Medienteil der taz empfiehlt Thomas Groh Jörg Buttgereits neues Hörspiel "Das Märchen vom unglaublichen Super-Kim aus Pjöngjang", das heute auf WDR3 läuft: "Wenn am Ende ein Weltenbrand tost, dem ganz neue Monster entspringen könnten, merkt man, wie akut das Hörspiel unter den Eindrücken der fast schon wieder vergessenen Nordkorea-Krise vor etwa einem Jahr entstand."

Außerdem: Letzte Einstellungen in den Filmen von Martin Scorsese - eine Bilderstrecke.
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