Efeu - Die Kulturrundschau

Fitnessübung für Ausgebeutete

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09.07.2026. Die FAZ greift nochmal die Wenders-Kinski-Debatte auf und empfiehlt statt bigotter Verurteilung der Vergangenheit eine "Selbstüberprüfung in der Gegenwart". Die Nachtkritik verfolgt in Jena das Schicksal der Kassandra als antikes Biopic mit Gegenwartsbezug. Der Tagesspiegel ist hocherfreut über die Rekonstruktion der Villa Rezek bei Wien, einer "Ikone des Neuen Bauens". Die Welt geht unter, aber der Popmusik fällt nichts besseres ein als Selbstliebe, schäumt die taz.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.07.2026 finden Sie hier

Film

In der FAZ rollt der Filmhistoriker Chris Wahl noch einmal die seiner Meinung nach verunglückte Debatte um Wim Wenders' "Falsche Bewegung" auf. Dass Wenders seinerzeit die minderjährige Nastassja Kinski mit entblößten Brüsten filmte, hält er zwar ebenfalls für absolut falsch - aber er erinnert auch daran, wie damals, 1975, das Milieu, aus dem die Grünen schließlich hervorgingen, offen über Geschlechtsverkehr mit Kindern nachdachte, dass auch Ulla Stöckl in ihrem feministischen Klassiker "Neun Leben hat die Katze" 1968 einem kleinen Mädchen in einer Großaufnahme in den gespreizten Schambereich filmte und dass Agnès Varda später für einen Film ihren minderjährigen Sohn Mathieu Demy mit der deutlich älteren Jane Birkin rumknutschen ließ. "Es wäre überhaupt kein Problem, so immer weiterzumachen, Regisseure zu denunzieren, Regisseurinnen zu denunzieren, Filme zu denunzieren. Und letztendlich scheint das auch überwiegend der Modus zu sein, in dem Filmgeschichte heute überhaupt noch rezipiert wird. Das Filmerbe wird als defizitär wahrgenommen, besteht es doch weitgehend aus unsäglichen Frauenfiguren und übergriffigen Szenen. Es muss entsprechend desinfiziert und auch dekolonialisiert werden. ... Aber was folgt daraus? Als Mindestanforderung sollte diese Erkenntnis nicht zur immer etwas bigotten Verdammung von irgendwem und irgendwas in der Vergangenheit dienen, sondern vielleicht zu einer Art Selbstüberprüfung in der Gegenwart: Was treiben wir alles, was uns morgen schon peinlich sein, was im Nachhinein als übergriffig empfunden werden wird?"

Weiteres: Amonte Schröder-Jürss spricht in der Zeit mit Oliver Sechting über dessen Ehepartner, den vor wenigen Monaten verstorbenen Filmemacher Rosa von Praunheim. In der FAZ gratuliert Andreas Kilb Tom Hanks zum 70. Geburtstag. Besprochen werden Leyla Bouzids tunesisches Heimkehrerinnendrama "Mit leiser Stimme" (Perlentaucher), Eva Trobischs "Etwas ganz Besonderes" (FR, FAZ, mehr dazu bereits hier), Katrin Sikoras Dokumentarfilm "Schwarze Häuser" über Kinderverschickung (taz), Tina Gharavis "Virginia Woolf's Night & Day" (SZ) und Thomas Kails Disney-Film "Vaviana" (FR, Welt).
Archiv: Film
Stichwörter: Wenders, Wim, Filmgeschichte

Kunst

Frida Orupabo, Baby in belly, 2020. Courtesy Collezione Sandra e Giancarlo Bonollo. © Frida Orupabo. Fotocredit: Courtesy of the artist, Stevenson Cape Town | Amsterdam, Foto: Mario Todeschini

"Während der Arbeiter in der westlichen Kunstgeschichte ein vertrauter Anblick ist, muss man schon etwas genauer hinschauen, um Rollenbilder der Frau an Apparaten zu sehen", stellt FAZ-Kritikerin Ursula Scheer in der Ausstellung "Labouring Bodies" im Museum Tinguely in Basel fest, die die Beziehung zwischen weiblichem Körper und Maschine erkundet. Eine überschaubare, "pointierte" Auswahl haben die Kuratoren getroffen, durch die Kunstgeschichte führt "die Schau in die Fabrik, an den Webstuhl, in das Büro oder die Gynäkologie." Bemerkenswert ist aber auch die Eröffnungs-Performance "Make your body your machine" von Ernestyna Orlowska: "Die Frau im Sportdress trägt schwer an dem würfelförmigen Rucksack eines Essenslieferdienstes, den sie auf die Schultern geschnallt hat: Kaum mit einem Tretroller ins Blickfeld geraten, wirft sie sich rücklings auf das Gepäck, ringt und tanzt mit ihm, als wäre das eine neue Fitnessübung für Ausgebeutete und Selbstoptimierer zugleich. Dann hockt sie sich breitbeinig hin und mampft aus einem mitgebrachten Gefäß Spaghetti in sich hinein. Holde Weiblichkeit? Hat sich gegessen."

Lisa Berins schreibt in der FR zum Merkel-Porträt von Jérémie Queyras. Ebendort macht sich Michael Hesse Gedanken zu Porträts von Herrschenden. Besprochen wird die Marisol-Retrospektive im Kunsthaus Zürich (taz) und die Ausstellung "Calder. Rêver en équilibre" in der Fondation Louis Vuitton in Paris (NZZ)
Archiv: Kunst
Stichwörter: Museum Tinguely

Architektur

Im Tagesspiegel freut sich Nicola Kuhn über die Rekonstruktion der Villa Rezek bei Wien. Das geschichtsträchtige Gebäude, eine "Ikone des Neuen Bauens" von Hans Glas stand schon kurz vor dem Abriss, bis sich eine Stiftung der Rekonstruktion widmete. 1934 wurde die Villa vom jüdischen Ärztepaar Anna und Philipp Rezek gekauft, schon vier Jahre später mussten sie in die USA fliehen: "Äußerlich steht die Villa Rezek wie damals wieder da wie ein Hochseeschiff, mit Terrassen wie auf Schiffsdecks, Bullaugen inklusive. Das gebogene Geländer rundum wird zur Reling. Es ist die typische Formsprache des Neuen Bauens, mit nautischer Moderne auf den Begriff gebracht. Mies van der Rohe und sein Haus Tugendhat in Brünn könnten den Architekten Hans Glas zum Wintergarten angeregt haben, denn auch bei der Villa Rezek geben bodentiefe Fenster den Blick vom Wohnbereich zu den Pflanzen und schließlich nach draußen frei." Kuhn wünscht sich eine ähnliche Entwicklung für das Haus Lewin in Zehlendorf von Peter Behrens.
Archiv: Architektur
Stichwörter: Glas, Hans, Villa Rezek

Bühne

Szene aus "Kassandra" am Theaterhaus Jena © Oskar Schlechter

Ein "antikes Biopic" verfolgt Nachtkritiker Vincent Koch mit "Kassandra: coming of age at the end of the world" am Theaterhaus Jena. Das grausame Schicksal der Prophetin, der niemand glaubt, hat Azeret Koua aufwendig und mit ganz klaren Anspielungen an heutige Diskurse auf die Bühne gebracht: "Azeret Koua und Marion Hélène Weber wollen diese Figur wirklich durchdringen und nähern sich ihren Lebensstationen von vielen Seiten, collagieren dafür verschiedene Adaptionen. Die tragische Heldin ist dabei der Kämpfernatur gewichen. Immer wieder wird die Unfreiheit Kassandras thematisiert, die festen Fesseln des Patriarchats, das familiäre Trauma. Als sie das sagt, läuft eine Performerin mit einem 'Burn the system'-Shirt und Fackel in der Hand von der Bühne und hinterlässt blutige Spuren. Diese Kassandras haben allerhand Fragen: zur Sinnhaftigkeit eines Ehevertrags, zur wahren Liebe, zum Status quo - und lösen sich allmählich von den steinharten Familienstrukturen. Nur um dann, im Moment der Sisterhood, verflucht und von den Pythias eingesammelt zu werden, die Kassandra zu Apollon schleppen."

Christiane Lutz resümiert für die SZ das Chaos um die Suche nach einer neuen Intendanz für die Münchner Kammerspiele. Lang passierte überhaupt nichts, dann kursierten Gerüchte über die Verlängerung eines Vertrages für die jetzige Intendantin Barbara Mundel. Die hatte vom zuständigen Kulturreferat der Stadt München allerdings noch nichts gehört, außerdem tauchte jetzt überraschend doch noch eine Ausschreibung für die Stelle auf: "Die Anzeige steht auf dem Portal 'Kulturexperten', einer Beratungsfirma für Kultureinrichtungen. Deren Headhunter teilten die Ausschreibung auf Linkedin; auf der Webseite der Stadt München: nichts. Deadline ist der 31. Juli 2026, eine Bewerbungsfrist von circa sechs Wochen also. An sich ist das ausreichend, allerdings befindet sich mindestens die Hälfte der deutschsprachigen Theatermacher schon in den Ferien. Wer nicht in den engsten Theaterzirkeln verkehrt, musste die Ausschreibung also zufällig entdecken und dann das Glück haben, nicht schon am Strand zu liegen, um eine Bewerbung verfassen zu können, klagt ein Regisseur. Transparente Kommunikation gehe anders."

Besprochen wird Clément Cogitores Inszenierung von Mozarts "Zauberflöte" beim Festival Aix-en-Provence (FAZ).
Archiv: Bühne

Musik

Früher war weniger Lametta, aber dafür deutlich mehr Punk, stellt Johanna Schmidt wütend in der taz fest. "Das drohende Armageddon bescherte uns damals immerhin zeitgemäß nihilistische Musik, aber alles, was wir heute bekommen, ist KitschKrieg", stöhnt sie angesichts des riesigen Erfolgs von "Gut genug", der gemeinsamen Single von KitschKrieg und Shirin David, die ihre Fans 2024 noch allesamt ins Gym beorderte, um gefälligst "skinny" zu werden. Diese Selbstliebe-Floskelitis stehe für einen "Rückzug ins Private. ... So wird die Promotion für KitschKrieg mit den Waffen der kompletten Entkopplung zwischen Individuum und den politischen Verhältnissen, von denen es umgeben ist, geführt. Ökonomisch wird das mit den Mitteln der kompletten Verblödung (Marketing) geleistet, das einem die egalsten Mantras so oft ins Gesicht haut, bis man glaubt, sie würden irgendetwas bedeuten. ... Man darf sich also auf Hits wie 'Klimaanlage', 'Wenn die Miete zu teuer ist, dann ziehen wir auf's Land' oder 'Das ist normal und niemand kann was dafür' freuen. Unendlich viele weitere Sternstunden der Inhaltslosigkeit sind vorprogrammiert."

Weitere Artikel: In der Zeit erzählt Christine Lemke-Matwey von ihrer Begegnung mit Marina Mahler, Enkelin des Gustav und Schirmherrin des alle drei Jahre in Bamberg stattfindenden Dirigentenwettbewerbs The Mahler Competition. Paul Flückiger porträtiert in der NZZ das bosnische Dubioza Kolektiv. In der SZ lässt sich Jakob Biazza vom US-Rapper PROF ein schräges Grinsen ins Gesicht zaubern, immerhin ist dieser doch "ein Rap-Eulenspiegel, der die versammelte Mannschaft schon qua Auftreten ein bisschen der Lächerlichkeit preisgibt" - gemeint ist damit die "grauenhaft verbissene Herrenrunde namens Hip-Hop".



Besprochen werden das morgen erscheinende neue Album der Rolling Stones (SZ, Tsp, Zeit, mehr dazu bereits hier und dort), der Auftritt von Nils Landgren und Ida Sand beim Rheingau Musik Festival (FR) und Tamara Lukashevas Album "Rilke vertont" (FR).

Archiv: Musik
Stichwörter: Kitschkrieg, David, Shirin

Literatur

Buch in der Debatte

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Hans Rudolf Vaget ist zweifellos eine absolute Thomas-Mann-Koryphäe, schreibt Edo Reents in der FAZ, doch mit seiner vor kurzem im "Jahrbuch Sexualitäten 2026" veröffentlichten Kritik an Tilmann Lahmes Mann-Biografie schlage der Literaturwissenschaftler fehl. Lahme legt in seinem Buch einen großen Fokus auf die Homosexualität des Schriftstellers - laut Vaget zu sehr. Doch biografisches Schreiben "darf sich auf eine lebens- und, wohlgemerkt, auch auf eine werkgeschichtliche persönliche Disposition konzentrieren. Jede Deutung unterliegt dem Risiko der Verkürzung. 'Die Homosexualität', so Vaget weiter, 'ist der untergründigste Motivationsfaktor in Leben und Werk, aber sie erklärt nicht alles - oder auch nur fast alles'. Das hat Lahme auch nicht behauptet. Natürlich, sein (...) engführendes Verfahren führt dazu, ja erzwingt es, dass manches andere, das der etablierten Forschung immer so wichtig war, links lieben bleibt. Doch den Vorwurf eines monokausalen Erklärungsmusters kann man bei so gut wie jedem spezifischen methodischen Zugriff erheben. ... Lahme sticht natürlich in ein Wespennest, wenn er der etablierten Forschung die Unterschlagung sowohl ganzer Briefe als auch von für die sexuellen Nöte besonders aussagekräftigen Tagebuchstellen ankreidet."

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Weiteres: Marlene Knobloch spricht für die Zeit mit dem Schriftsteller Dave Eggers über dessen neuen Roman "Contrapposto". In der FAZ-Reihe zur Geschichte der USA im Spiegel ihrer Literatur widmet sich Andreas Platthaus heute Upton Sinclairs Schlachthofroman "The Jungle" von 1905.

Besprochen werden Maggie O'Farrells "Land" (FR), Jón Kalman Stefánssons "Himmelskörper am Rande der Welt" (NZZ), Svenja Leibers "Nelka" (Zeit) und neue Sachbücher, darunter Valentin Groebners "Reiner, radikaler, intensiver? Das Mittelalter der Gegenkultur" (FAZ).
Archiv: Literatur
Stichwörter: Mann, Thomas, Lahme, Tilmann