Efeu - Die Kulturrundschau

Wer lächelt überhaupt noch, zumal auf Deutsch?

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12.05.2026. Die Linke lehnt jede Debatte über Islam und Islamismus ab, um ihre Wähler nicht zu verprellen, ärgert sich Boualem Sansal in der taz. Die Filmkritiker blicken aufgeregt auf die Filmfestspiele in Cannes, wo sich die Crème de la Crème des internationalen Autorenkinos versammelt, aber Netflix weiterhin ausgeschlossen bleibt. Die SZ verliert sich in Duisburg in der konkreten Leere von Anish Kapoor. Merz steht für "Kommerz, Schmerz, ausmerzen" lernt die NZZ von Kurt Schwitters in Bern. Die SZ begegnet außerdem dem Geist von Hildegard Knef im neuen Song von Sophia Kennedy.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.05.2026 finden Sie hier

Literatur

Boualem Sansal - ein abtrünniger Rechter? Davon sind im französischen Literaturbetrieb im Zuge turbulenter Kontroversen um den Verleger Bolloré und Sansals Wechsel zu dessen Verlag Grasset viele überzeugt. Reiner Wandler hat für die taz per Mail nachgefragt und Antworten bekommen. Den Vorwurf schiebt der Schriftsteller weit von sich. 'Ich sehe vor allem, dass die extreme Rechte meine Analysen des Islamismus, wie ich ihn in Algerien erlebt habe, auf Frankreich übertragen hat', schreibt er. ... 'Islamismus ist ein sehr gefährliches soziales und kulturelles Phänomen; er sollte normalerweise ein Schlachtfeld der Linken sein. Da die Linke jedoch ihre soziale Basis - die Arbeiterklasse, die sich geschlossen der extremen Rechten zugewandt hat - verloren hat, sucht sie nun Stimmen unter muslimischen Wählern und Einwanderern. Daher lehnt sie jede Debatte über Islam, Islamismus und Einwanderung ab, um ihre muslimischen und eingewanderten Wähler nicht zu verprellen.' ... Er, der Atheist aus muslimischem Land, sei schon immer links gewesen, schreibt er der taz. 'Aber wo ist die Linke? Weder die bürgerliche Linke noch die globalistische Linke hat Wurzeln im Land, insbesondere nicht in der Arbeiterklasse', urteilt Sansal."

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Weitere Artikel: Jens Ulrich Eckhard resümiert in der Welt die Verleihung des Deutschen Popliteratur-Preises in Augsburg, der nach Auftritt der Finalisten schließlich an die für ihren galligen Instagram-Account bekannte Autorin Svea Mausolf für ihren Roman "Image" ging. Katrin Hillgruber berichtet in der FAZ vom Wettbewerb um den Lyrikpreis Meran, bei dem sich Heinz Peter Geißler erfolgreich durchsetzen konnte.

Besprochen werden unter anderem Adrian H. Koerfers "Das glaubt mir doch kein Mensch" (taz), Gary Victors Kriminalroman "Erschütterungen" (FR), Katja Hoyers "Weimar. Glanz und Grauen der deutschen Geschichte" (online nachgereicht von der WamS), John Boynes Elemente-Romanreihe (Intellectures), Caro Claire Burkes "Yesteryear" (ZeitOnline), Lea Singers "Frage des Formats" (FAZ), Dirk von Petersdorffs Essay "Wir Kinder der Leichtigkeit" (SZ) und Karl-Markus Gauss' Reiseberichte "Die Liebe kommt immer zu spät" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Film

Heute beginnen die Filmfestspiele in Cannes - und die Kritiker sind kurz vor Abflug an die Croisette schon mächtig aufgeregt: "Kaum zu glauben, dass Festivalchef Thierry Frémaux in den vergangenen Wochen von seinem 2026er-Jahrgang als 'Übergangsphase' sprach", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Ein Blick auf die Liste der in den großen Reihen vertretenen Regisseurinnen und Regisseure wirkt jedenfalls, als mache das Cannes-Filmfestival seinem Ruf, die Crème de la Crème des internationalen Autorenkinos zu versammeln - den state of the art der Kinokunst -, erneut alle Ehre. ... Den Begriff der 'Übergangsphase' bezieht Frémaux ausdrücklich auf die amerikanische Filmindustrie, die sich nach Covid, Streiks, Großfeuern, Trump, Studio-Fusionen und zunehmend risikoaversen Großproduktionen erst wieder konsolidieren muss." Tatsächlich stammen rund drei Viertel der Wettbewerbsfilme aus Europa, bemerkt Tim Caspar Boehme in der taz.

Angesichts dessen findet es David Steinitz in der SZ sehr imponierend, dass Frémaux sich weiterhin weigert, Netflix-Filme ins Programm aufzunehmen, solange der Streamer das Kino derart gering schätzt. Denn 2026 läuft auch "kein einziger neuer Film, der von einem der großen Studios stammt, von Disney, Warner, Paramount oder Universal. Steht Cannes also ein ähnlicher Niedergang wie der Berlinale bevor, wo der Glamour schon seit Jahren flöten gegangen ist und stattdessen absurde Nahostkonflikt-Diskussionen den Diskurs mehr bestimmen als die Filme, die gezeigt werden? Die schnelle Antwort: . ... Zum Glück für das Festival gibt es in den USA auch jenseits des Studiosystems eine sehr lebendige Indie-Filmszene, die auch Stars anzieht, die normalerweise zweistellige Millionengagen kassieren."

FR-Kritiker Daniel Kothenschulte ist schon gespannt, wie die Jury wohl Valeska Grisebachs in Bulgarien gedrehten deutschen Wettbewerbsbeitrag "Das geträumte Abenteuer" finden wird, und denkt darüber nach, was nationale Zugehörigkeit im Zeitalter globalisierter und von Exilbewegungen geprägter Filmproduktion noch bedeutet. "Der Pole Pawel Pawlikowski ist mit dem deutschsprachigen Film 'Fatherland' vertreten - Hanns Zischler spielt den Schriftsteller Thomas Mann, Sandra Hüller seine Tochter Erika, und August Diehl ist als Klaus Mann zu sehen. Russische und iranische Filmemacher sind im Wettbewerb mit Werken vertreten, die sie im Ausland drehten: Andrej Zwiaguintsev drehte das Russland des Jahres 1922 für sein Politik- und Wirtschaftsdrama 'Minotaur' in Lettland, Frankreich und Deutschland. Und Asghar Farhadi, der erst spät, während der Kopftuchproteste auf Distanz zum iranischen Regime ging, zeigt mit Histoires parallèles ein französisches Drama um eine Schriftstellerin."

Weiteres: Kathrin Häger resümiert im Filmdienst den deutschen Wettbewerb bei den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen. Johannes Wolters spricht für den Filmdienst mit dem Animationsfilmer Nathan Greno. Rahel Bueb berichtet in der taz von einem Berliner Gedenkabend zu Ehren von Béla Tarr. Besprochen wird Florian Heinzen-Ziobs Dokumentarfilm "Das Gewicht der Welt" über Forscher, die an der Entwicklung des Klimas verzweifeln (FAZ).
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Kunst

Kurt Schwitters: "Merzz. 53. Red Bonbon" 1920, Solomon R. Guggenheim Museum. Bild: Wikipedia, gemeinfrei

Von der Ursonate über Collagen, Grafiken und Texte bis hin zu Malereien und Skulpturen ist der ganze Kurt Schwitters derzeit im Zentrum Paul Klee in Bern zu erleben, freut sich Maria Becker (NZZ), die hier sogar eine Rekonstruktion des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Merzbaus, den Schwitters als ganz private "Zelle" für sich geschaffen hatte, betreten darf: "Ein verwirrendes Gebilde aus Wand- und Deckenreliefs tut sich auf, eine künstlerische Tropfsteinhöhle, in der die Dinge wie von allein gewachsen scheinen. Das Ganze hat einen eigentümlich privaten Charakter, als habe der Künstler den Bau nur für sich gemacht. Schwitters hat mit dem Merzbau um 1923 in seiner Wohnung in Hannover begonnen und arbeitete immer wieder daran." Den Begriff "Merz" hatte Schwitters als Gegenstück zu "Dada" entworfen: "Gewonnen aus einem Zeitungstextschnipsel in einer seiner Collagen, konnte Merz für vieles stehen: Commerz, Schmerz, ausmerzen. Die negativen Assoziationen des Begriffs sind gewollt und werden in der Kunst gleichsam neutralisiert. ... Er war der Auffassung, dass eine neue Kunst aus den Scherben der Welt wachsen könne."

Es ging Anish Kapoor immer um die Dunkelheit, die "konkrete Leere", weiß Alexander Menden (SZ), aber in der Retrospektive, die das Duisburger Lehmbruck Museum dem indisch-britischen Künstler nun ausrichtet, muss man bei einigen Objekten schon mehrfach hinschauen, um die optische Form überhaupt zu entziffern, staunt Menden. So ist das Objekt, "When I am pregnant" aus dem Jahr 1992 frontal fast gar nicht zu erkennen: "Man muss seitlich zur Wand stehen und den Blick an ihr entlangwandern lassen, um zu erkennen, dass das, was von vorn wie ein Lichtfleck wirkte, in Wirklichkeit eine weiche Auswölbung ist. Eine ähnliche Wirkung erzielen die schwarzen, programmatisch 'Non-Objects' (Nichtobjekte) titulierten Formen, die erst im vergangenen Jahr entstanden. Ihre Konturen sind ebenfalls schwer erfassbar - eine Illusion, die durch die Beschichtung mit Vantablack erzielt wird, einem lichtabsorbierenden Pigment aus Kohlenstoffnanoröhrchen."

Weitere Artikel: Ein wenig nervt es Andreas Platthaus (FAZ) schon, dass die Ausstellung "Cling" in der Pariser Monnaie de Paris ihr Thema, Comics, die vom Geld erzählen, links liegen lässt, um mit viel Pomp alles an Comicautoren zu versammeln, was Rang und Namen hat. In den Niederlanden ist das von den Nazis aus der Sammlung des jüdischen Kunsthändlers Jacques Goudstikker geraubte Gemälde "Porträt eines jungen Mädchens" des niederländischen Malers Toon Kelder im Haus von Nachfahren des SS-Kollaborateurs Hendrik Seyffardt aufgetaucht, meldet der Tagesspiegel mit AFP

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Renoir und die Liebe" und "Renoir-Zeichnungen" im Musée d'Orsay in Paris (Welt).
Archiv: Kunst

Bühne

Szene aus "Bluthochzeit". Foto: © Xiomara Bender

Lange hat man Wolfgang Fortners Musiktheater nach der lyrischen Tragödie "Bluthochzeit" von Federico García Lorca nicht mehr auf deutschen Bühnen gesehen, aber das Warten hat sich gelohnt, versichert Wolfgang Sandner in der FAZ, denn das, was der spanische Regisseur Alex Ollé gemeinsam mit dem Dirigenten Duncan Ward an der Oper Frankfurt bietet, verschlägt dem Kritiker den Atem. Lorcas bildmächtige Sprache hat Fortner "nicht angetastet, kein Libretto benutzt, vielmehr die dichterische Gestalt, die Lorca ihr gab, mit einer zwischen gesprochenem Text, melodramatischer Ausformung und komplexem Gesang modellierten neuen Klanggestalt umgeben. In seiner bisweilen kammermusikalisch sparsamen Polyphonie, in seinem Mut zum orchestralen Schweigen, in den expressiven Ausbrüchen wie in den lyrisch autarken instrumentalen Zwischenspielen erweist sich Fortner als souveräner Dramaturg, der - wie man vielleicht heute besser erkennt als in der Entstehungszeit des Werkes - die freie Zwölftonstruktur mit einem ungemein sinnlichen Melos zu verbinden weiß und auch die volksliedhaften Elemente überaus subtil anklingen lässt."

Ähnlich urteilt Judith von Sternburg in der FR: "Der Blutrausch bekommt das Gegenteil eines Opernrauschs, die Musik ist intrikat, delikat, sie ist auch ein bisschen kalt, jedenfalls kühl. Sie macht sich die Tragödie nicht zu eigen, sie erzählt und zeichnet sie."

Szene aus "Of one Blood". Foto: Monika Rittershaus

Der australische Komponist Brett Dean hat seine Oper "Of One Blood" über die Auseinandersetzung zwischen Maria Stuart und Elisabeth I. als Mischung aus Historienkrimi, Politthriller und Psychogramm angelegt und der auf psychologische und sozialkritische Stoffe spezialisierte Regisseur Claus Guth setzt sie an der Bayerischen Staatsoper hervorragend um, freut sich Marco Frei in der NZZ. Vor allem überzeugt ihn die von Mahan Esfahani "meisterhaft ausgestaltete" Partie des Cembalos: "Sie führt tief in die Psyche Elisabeths I., der die Sopranistin Johanni van Oostrum eindringlich Gestalt verleiht. Mit dieser charakteristischen Verwendung des Cembalos knüpft Dean an eine Tradition an, die über Alfred Schnittkes Oper 'Leben mit einem Idioten' von 1992 bis zu Dmitri Schostakowitschs Musik zum 'Hamlet'-Film von Grigori Kosinzew aus dem Jahr 1964 zurückreicht. In allen drei Fällen macht das vermeintlich harmlose Barockinstrument abgründigen Wahnsinn hörbar." Dass sich das "enorme Reservoir" von Deans Mitteln nach einer Weile erschöpft, kann Egbert Tholl in der SZ verzeihen, hört er hier doch das "großartigste Crescendo der Operngeschichte".
Archiv: Bühne

Architektur

Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

In Israel studierte Daniel Libeskind Musik bevor er in New York Architektur studierte, und nach einer Karriere als Architekturtheoretiker erst mit über vierzig Jahren mit dem Neubau des Jüdischen Museums in Berlin sein erstes Gebäude baute, das die Gedenkarchitektur veränderte, erinnert Niklas Maak. Er gratuliert Libeskind in der FAZ nicht nur zum Achtzigsten, sondern besucht auch die Ausstellung "Between the Lines", die das Jüdische Museum seinem Schöpfer ausgerichtet hat. Konzept, Entwurf und bauliche Ausführung sind hier in drei Phasen nachzuvollziehen: "Für das Konzept stehen ein drei Meter breites Blatt mit Skizzen, unter die der Architekt einen Bibelvers des Jeremias geschrieben hat, und eine Folge von Notenblättern mit Libeskinds Notizen. Hier liest man die Namen derjenigen, die er für sein Werk in den Zeugenstand ruft: Benjamin, Schönberg, Celan, Schleiermacher, Varnhagen, E. T. A. Hoffmann. Letzterer hat, wegen antisemitischer Motive in seinen Erzählungen, die Geschichtsprüfung nicht bestanden, sodass der als Hoffmann-Garten geplante Außenbereich des Museums heute 'Garten des Exils' heißt. Dass sich Libeskind seinerzeit nicht an den Belegstellen stieß, zeigt, dass jedes Pantheon auch eine Frage der Perspektive ist."

Politischer als früher sei der Bau heute nicht, sagt Libeskind indes im Tagesspiegel-Gespräch mit Nikolaus Bernau, aber "die Realität hat diese Räume in gewisser Weise noch dringlicher gemacht, würde ich sagen, und dazu gehört in Deutschland selbstverständlich auch der Aufstieg extremistischer Parteien." In der SZ gratuliert Gerhard Matzig dem "Raumschöpfer suggestiv ausstrahlender Ästhetik, dessen überzeugendste Bauten nicht allein in den öffentlichen Raum der Städte hineinwirken, sondern in den gesellschaftlichen Raum der Begegnungen."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Libeskind, Daniel

Musik

Johanna Adorján schreibt in der SZ "eine kleine Liebeserklärung" an Sophia Kennedys kürzlich veröffentlichtes und auf Deutsch eingesungenes Stück "Schenke mir ein". Dieser "klingt, als wäre Hildegard Knefs Geist in sie gefahren. Sie singt ... von Rausch" und von "zwei Personen, von denen die eine nicht mehr laufen kann. Nicht schlimm, die andere wird sie halten." Die Musik ist eher eine "leichtfüßig tänzelnde, mitunter auch mal dudelige Untermalung. ... Das wirklich Allerallerschönste aber ist, dass man hört, dass Sophia Kennedy beim Singen lächelt. Das ist es wahrscheinlich, was einen so die Ohren spitzen lässt, wenn man den Song zum ersten Mal hört. Und auch noch beim zweiten Mal. Und beim dritten. Und vielleicht auch noch in einem Jahr. Denn wer lächelt heute schon noch beim Singen? Wer lächelt überhaupt noch, zumal auf Deutsch? Jedes von Sophia Kennedy hier überdeutlich artikulierte und lächelnd in ein Mikrofon gesprechsungene Wort bekommt auf diese Weise eine überraschende Kostbarkeit."



Weiteres: Merle Zils hat für die taz das HardcorePunk-Festival "Rites of Spring" in München besucht. Imran Ayata schreibt in der taz einen Nachruf auf den Hip-Hop-DJ Mahmut.

Besprochen werden Oliver Schwehms ARD-Doku "Boney M. Disco. Macht. Legende", die laut ZeitOnline-Kritiker Matthias Dell die "rassistischen und sexistischen Produktionsbedingungen in der deutschen Popbranche der 1970er- und 1980er-Jahre schildert", Frankfurter Konzerte von Sophie Auster (FR) und Janine Jansen (FR), ein Comeback-Soloalbum von Linda Perry, die einst bei den 4 Non Blondes sang (Standard), der Abschluss des Donaufestivals in Krems unter anderem mit Oneohtrix Point Never und John Maus (Standard) und neue Indiepop-Veröffentlichungen, darunter das neue, "vor Klugheit platzende Album" von Bruce Hornsby (Standard).

Archiv: Musik