Efeu - Die Kulturrundschau

Feinste Nuancen

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25.01.2014. Die nachtkritik sieht in Hamburg Prospero im Rollstuhl. Simon Rattle erklärt im Tagesspiegel, warum es gar nicht so einfach ist, in Berlin heute abend Janácek zu spielen. Der ehemalige israelische Botschafter Avi Primor erzählt in der Welt, warum sein Romandebüt "Süß und ehrenvoll" von jüdischen Soldaten im Ersten Weltkrieg handelt. Die emphatische Moderne ist auch nicht mehr, was sie mal war, lernt die Berliner Zeitung beim Ultraschall-Festival für Neue Musik.

Bühne

Prospero - alt, müde, im Rollstuhl. So zu sehen in Maja Kleczewskas Inszenierung von Shakespeares "Der Sturm" am Schauspielhaus Hamburg, die Tim Schomacker auf nachtkritik.de bespricht. Und der kann seine Augen von diesem Prospero gar nicht abwenden: "Was immer Edles einige hundert Jahre Shakespearerezeption schon in den magisch befähigten, buchbewehrten Inselherrscher hineingelesen haben mögen, an diesem Abend ist das alles weggeschlossen in Josef Ostendorfs voluminösen, die Lebensmüdigkeit seiner Figur nuanciert auskostenden Körper. Beim Ankleiden schafft er es gerade mal so bis zum Bademantel." Eine weitere Besprechung gibt es beim Deutschlandradio Kultur. (Foto: Thomas Aurin)

Heute abend dirigiert Simon Rattle die Premiere von Leoš Janáceks Oper "Katja Kabanova" im Schillertheater in Berlin. Die Vorbereitung war nicht einfach, erklärt er dem Tagesspiegel im Interview: "Janácek hat ja sein ganzes Leben gebraucht, um einen Weg zu finden, die Klänge, die ihm im Kopf herumgingen, in Notenschrift umzusetzen. Oft will er beispielsweise, dass sich zwei Tempi überlagern. Das muss man dann erst einmal verstehen: Hier läuft das eine Tempo noch weiter, während dort sich bereits das neue darüberlegt. Das Tolle an Janámek ist ja: Je besser man ihn spielt, desto mehr klingt er nach weitergedachtem Dvorák. Es ist genuin tschechische Musik: So rau es manchmal klingt, im Kern bleibt es immer lyrisch, und wo es sanglich wird, hat die Musik immer auch Durchsetzungskraft. Eine faszinierende Mischung."

Ergänzend dazu: ein Interview mit Andrea Breth, die die "Katja Kabanova" inszeniert hat, in der Berliner Zeitung: "Ich inszeniere quasi Katjas Rückblick auf ihr Leben, weil Janácek schon in seiner grandiosen Ouvertüre der Tod ganz entscheidend mitklingen lässt. Das ist so großartig wie beklemmend."

Außerdem: In der Welt plaudert Matthias Heine bei einer Quiche mit dem Regisseur Stephan Kimmig. Die FAZ bespricht Alvis Hermanis Inszenierung von Leoš Janáčeks Oper "Jenůfa" in Brüssel ("sie springt den Zuschauer direkt an, mit ihren prächtigen, saftigen Bildern", berichtet Eleonore Büning ergriffen). Besprochen werden außerdem Barbara Freys "Elektra"-Inszenierung in Dresden (FR) und Herbert Fritschs Oper "Ohne Titel Nr. 1" in Berlin (NZZ).
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Design

Philipp Ramer hat sich für die NZZ eine Ausstellung in Fribourg angesehen, die unter dem Titel "Dress Code" einen Querschnitt durch die regionale Mode vom Spätmittelalter bis zirka 1930 zeigt: "'Dress Code' - der Titel im Singular, das beweist der Ausstellungsbesuch, ist eine gründliche Untertreibung. Die Gesellschaft unserer Ahnen war von unzähligen Kleiderregeln beherrscht und vom Wissen um feinste Nuancen beseelt: Alles von der Anzahl Hutbüschel bis zur unscheinbaren Farbschattierung war ein Distinktionsmerkmal." Einiges darf man sogar anpropieren: "Designer Thierry Dafflon hat diverse Herren- und Damenkostüme nach historischem Vorbild entworfen." (Bild: Niklaus Eschbacher, Manuel d'un bonnetier, 1580, Musée d'art et d'histoire Fribourg)
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Literatur

Im Gespräch mit Sven Felix Kellerhoff in der Literarischen Welt erklärt der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland Avi Primor, warum sein Romandebüt "Süß und ehrenvoll" von jüdischen Soldaten im Ersten Weltkrieg handelt: Es war "das erste und auch einzige Mal in der Weltgeschichte, dass Juden einander in größerer Zahl auf feindlichen Seiten gegenüberstanden, aufeinander geschossen haben. Gewiss, einzelne jüdische Soldaten mag es vorher gegeben haben, aber 1914 bis 1918 sind Juden in Deutschland und Frankreich geradezu begeistert in den Krieg gezogen, um für ihre Nation ihr Leben zu riskieren und oft auch zu opfern. Das hat mich interessiert."

In der Jungle World träumt Jonas Engelmann über der Hardcover-Gesamtausgabe von Bill Wattersons Kult-Cartoon "Calvin und Hobbes" einen melancholischen Traum von der Kindheit: "Im Aussparen von Tagespolitik und der Betonung des Magischen wie Tragischen der Kindheit ähnelt 'Calvin und Hobbes' am ehesten wohl 'Pu der Bär' von A. A. Milne. ... [Es] scheint für kurze Momente das Glück auf, das Kindheit hätte sein können, wenn das Unglück nicht schon an der nächsten Ecke des Pausenhofs warten würde."

Weitere Artikel: In der Welt watet Elmar Krekeler bis zu den Knien im Blut der zahlreichen Leichen aus Don Winslows neuem Thriller "Vergeltung". Besprochen werden unter anderem die postume Veröffentlichung von Friedrich Kittlers "Philosophie der Literatur" (taz), Paolo Giordanos Roman "Der menschliche Körper" (bei der SZ jetzt online), Cory Doctorows neuer Roman "Homeland" (FAZ), Rafael Chirbes Roman "Am Ufer" (FAZ und Welt), Daniel Smiths Buch über Steve Jobs. Mehr dazu in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Abgedruckt wird in der SZ außerdem Peter Handkes Vorwort zu Nathaniel Hawthornes zusammen mit seiner Frau Sophia geführtem Tagebuch "Das Paradies der kleine Dinge". Handke erzählt darin von seiner Reise nach Conchord in Massachusetts, wo auch Henry David Thoreau und Ralph Waldo Emerson lebten.

Und in der Frankfurter Anthologie ist Marcel Reich-Ranickis Kommentar zu Johann Wolfgang Goethes Gedicht "Rezensent" abgedruckt:

"Da hatt ich einen Kerl zu Gast,
Er war mir eben nicht zur Last;
Ich hatt just mein gewöhnlich Essen,
Hat sich der Kerl pumpsatt gefressen,
... "

"Alle Dichter schreiben schlechte Gedichte", so auch Goethe, stellt der Rezensent klar, und dieses ist eindeutig "das dümmste, das seiner Feder entstammt".
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Musik

In der Berliner Zeitung hält Peter Uehling die Zuspitzung des Ultraschall-Festivalprogramms von zehn auf fünf Tage nicht für die schlechteste Idee: "Nach Jahrzehnten des beziehungslosen Nebeneinanders zeichnet sich in der Neuen Musik vielleicht wieder etwas ab, was die Komponisten zur Parteinahme zwingt", schreibt er unter Hinweis auf bald 20 Jahre zurückliegende Kontroverse zwischen den Komponisten Claus-Steffen Mahnkopf und Wolfgang Rihm. "Gegen die Gedanken der Digital Natives mit dem 1980 geborenen Johannes Kreidler an der Diskurs-Spitze wirkt die emphatische Moderne eines Mahnkopf nicht weniger altbacken als die großen Orchesterschwarten Wolfgang Rihms. Davon erzählten die beiden ersten Abende", an denen der Rezensent "5 Bruckstücke für Klarinette und Klavier" von Jörg Widmann und das Doppelkonzert "Janus" für Violine und Viola von Heinz Holliger hörte.

Weiteres: Für die taz trifft sich Jens Uthoff, sehr beeindruckt von The Hidden Cameras Musikvideo "Gay Goth Scene", mit Joel Gibb, dem Musiker hinter dem Projekt. Ebenfalls in der taz porträtiert Elias Kreuzmair den dänischen Musiker Raz Ohara, dessen neues, elektroakustisches Album "Mokhsa" man hier anhören kann. Besprochen wird das neue Album "We want Mohr" der Berliner Ulk-Metaller Knorkator, die sich wegen des Titels gerade mitten in einem Shitshorm befinden (Welt, siehe auch taz vom 16.01.). In der SZ findet Reinhard J. Brembeck die Salzburger Inszenierung von Glucks "Orfeo" nur musikalisch sehr gelungen.

Außerdem präsentiert Electronic Beats zum Wochenende die besten Musikvideos der letzten Tage. Hier die Nummer 1, eine experimentelle Digitalcollage:

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Film

Besprochen wird Julia von Heinz' Film "Hannas Reise" über das Verhältnis zwischen der deutschen und israelischen jungen Generation (Welt).
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Kunst

In der SZ erklärt sich Thomas Steinfeld das um sich greifende Wesen der Kunstfälschung aus der Kapitalisierung ihres quasireligiösen Status: "Die Kunst hat das Reliquienwesen mit sich genommen und ist eine innige Verbindung mit der dritten Sorte von Gegenständen eingegangen, bei denen grundsätzlich zwischen echt und falsch unterschieden wird, nämlich mit dem Geld."

Für die taz besucht Andreas Fanizadeh den früheren documenta-Leiter Roger M. Buergel, der aus dem Zürcher Johann Jacobs Museum einen globalisierungskritischen Ort der Kunst machen will. Ingo Petz unterhält sich in der taz mit dem weißrussischen Künstler Artur Klinau über Freiheit, Diktatur und seine Heimat. Die Berliner Zeitung bringt Tilman Baumgärtels zweiten Teil seiner Reihe über Berliner Museumswächter. Außerdem stellt Philipp Rhensius in der taz die experimentellen Videoarbeiten von Dennis Hlynsky vor, der die Bewegungsabläufe von Tieren in abstrakte Bewegungsbilder übersetzt. Hier ein Beispiel:



Besprochen werden die Skulpturenausstellung "Vom Dasein & Sosein" im Frankfurter Kunstverein (in der FR regt sich bei Sandra Danicke "der Verdacht, dass hier einfach irgendetwas zusammengestellt wurde") und die Ausstellung "Velázquez und die Familie von Philipp IV." im Museo Nacional del Prado in Madrid (Welt).
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