Efeu - Die Kulturrundschau

Wutwind der Wirklichkeit

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20.10.2026. Die FAZ freut sich darüber, wie klug Regisseur Jan Friedrich in Berlin Dorothee Elmigers Sprachkunstwerk "Die Holländerinnen" auf die Bühne bringt. Der Tagesspiegel lernt in Kopenhagen, wie zeitgemäße Architektur eine Autostadt in eine Wohnstadt verwandeln kann. Die SZ stellt den Indie-Musiker Cameron Winter vor, einen piano man für unsere Gegenwart. Und die Feuilletons gratulieren Elfriede Jelinek zum Achtzigsten: der SZ wird schwindelig angesichts der Totenklagen und Tiraden der Nobelpreisgewinnerin, die FAZ bejubelt ihre Sprachkunst.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.10.2026 finden Sie hier

Literatur


Elfriede Jelinek © Ghuengsberg, Lizenz: CC BY-SA 3.0
Elfriede Jelinek wird 80 Jahre alt, die Feuilletons gratulieren. "Die Sprache ist das Material dieser Autorin, sie ist ihr Werkzeug und ihr Medium", schreibt Hubert Spiegel in der FAZ , "sie ist der utopische Nicht-Ort, der überall und nirgendwo zugleich ist und an dem Elfriede Jelinek den größten Teil ihres Lebens verbringt. Er ist kein herrschaftsfreier Raum, sondern einer, an dem die Herrschaftsverhältnisse in ständiger Bewegung sind, sodass man sie fast schon für veränderbar halten könnte... Die finanzielle Unabhängigkeit, aber vielleicht auch die weltweite Anerkennung, die mit dem Nobelpreis verbunden waren, machten sich auch im literarischen Werk bemerkbar: Es wurde freier, unbekümmerter, spielerischer, ohne dass der Wille zu Spott, Hohn und Anklage nachgelassen hätte. Der Wutwind der Wirklichkeit, von dem Jelinek 2004 gesprochen hatte, blieb spürbar."

Für SZ-Kritikerin Christine Dössel ist Jelinek eine Lebensautorin, "umso größer die Aufregung", als sie ihr beim Besuch in Wien tatsächlich gegenübersteht. Beim Blick auf Jelineks Werk wird ihr ganz schwindelig: Diese "großen, stundenlangen Jelinek-Abende über die Krisen, Kriege und Katastrophen unserer Zeit und der nicht bewältigten Vergangenheit. All diese Totenklagen, Tiraden und Jelinekiaden auf der Folie des globalen Wahnsinns." Für die FR versenkt sich Björn Hayer in Jelineks Theaterarbeiten, 3sat bringt ein großes Porträt über Jelinek, während Jelinek den ARD-Kulturwellen kurioserweise offenbar kein eigenes Feature wert ist.

Weiteres: In Paris hat Netflix sein erstes Book Festival veranstaltet, weil Literaturverfilmungen dort bemerkenswert gut abgerufen werden, berichtet Nikolai Ott in der FAZ. Besprochen werden unter anderem Sven Regeners "Frankie und Freddie" (FR), Lauren Groffs Erzählungsband "Raufbold" (Welt), Milo Manaras Comicadaption von Umberto Ecos "Der Name der Rose" (Tsp), Lutz Seilers "Das tickende Herz" (NZZ) und neue Hörbücher, darunter Sandra Voss' Lesung von Rachel Cusks Roman "Das Leben der M" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Bühne

Deutsches Theater Berlin - Die Holländerinnen, © Elke Walkenhorst

Dorothee Elmigers letztes Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneter Roman "Die Holländerinnen" ist in seiner experimentellen sprachlichen Gestaltung nicht unbedingt für eine Bühnenadaption gemacht, meint FAZ-Kritiker Konrad Muschik. Umso mehr bewundert Muschik Jan Friedrichs Adaption des Textes am Deutschen Theater Berlin. Elmingers "verschlungene literarische Expedition", die die Grenzen der Sprache erforscht, wird, auch dank eines hervorragenden Ensembles, in faszinierender Manier in den Bühnenraum übertragen: "So wie der Abend dem Text Raum gibt, ihn mit zitternder Ruhe all seine Fremdheit, all seine Abgründe entfalten lässt, so hält er dessen Deutungsmöglichkeiten offen. Mal blitzen Spuren kolonialer Gewalt auf, etwa wenn sich vorgestellt wird, wie die ersten europäischen Eroberer nicht triumphal, sondern voller Verlorenheit im Dickicht des Urwalds irrten. Mal wird die Grenze zwischen dem Zivilisierten und dem Tierischen infrage gestellt: in einer langen, verstörenden Szene, in der ein obskurer Pferdeflüsterer in seinem Domestizierungsversuch, seiner Nähe zum Tier abstoßend von Manuel Harder beäugt wird."

Sylvia Staude erlebt laut FR im Stadttheater Gießen einen tollen Tanztheaterabend. Choreografin Rafaële Giovanola ist in allen ihren Arbeiten eine nimmermüde Forscherin, die auf der Bühne immer wieder neue Themen bearbeitet. In ihrem neuen Stück "Breath Works" geht es, der Titel legt es nahe, um das Atmen. "Auch das scheinbar anstrengungslose Kreiseln in der Gruppe setzt die Choreografin ein, assoziiert werden kann zum Beispiel ein Steppenläufer, tumbleweed. Die Luft treibt diesen voran, wie der Atem den Menschen. Oder die Tänzerinnen und Tänzer beginnen zu hecheln, dieses steigert sich inklusive Beckenbewegungen bis zu einer Klimax - das ist eindeutig. Aber ja, der Atem des Menschen verändert sich, je nachdem, was er gerade tut."

Außerdem: nachtkritik bringt einen Text der Literaturwissenschaftlerin und Künstlerin Gilnaz Yousefian über Resilienz und Kunstpraxis - Yousefian arbeitet mit der Shieveh Theater Company zusammen, deren Stück "The Shadows" demnächst im Berliner HAU zu sehen sein wird. Manuel Brug porträtiert in der Welt die Opernkomponistin Missy Mazzoli. Anna Fastabend besucht für die taz das Performancefestival Love is a Verb #2 im Berliner HAU.

Besprochen werden Rossinis "Il Viaggio a Reims" am Münchner Staatstheater (nmz - "bemüht lustiger Touri-Trubel"), Thorsten Raschs Oper "Die wunderbaren Jahre" an der Semperoper Dresden (nmz - "höchst wirkungsvoll umgesetzt") und Karin Beiers "Fremde Sonne" am Schauspielhaus Hamburg (Welt - "stellt Hollywood locker in den Schatten").
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Architektur

Bernhard Schulz schaut sich für den Tagesspiegel in Kopenhagen um, einer Stadt, die derzeit weltweit als Vorbild gilt in Sachen menschenfreundliche und klimagerechte Architektur. Klappt das in Dänemark nur so gut, weil das Land so reich ist, fragen manche. Schulz scheint anderer Ansicht zu sein und verweist darauf, dass in Kopenhagen nicht nur die schicke Innenstadt runderneuert wird, sondern auch zum Beispiel der wenig glamouröse Vorort Høje-Taastrup: "Der war jahrelang vor allem durch eine überdimensionierte Shopping-Mall mit dem hochtrabenden Namen 'City2' bekannt. Mittlerweile aber hat die Kommune, die binnen zwanzig Jahren um ein Drittel auf 60.000 Einwohner gewachsen ist, ein neungeschossiges Rathaus von PLH Arkitekter bekommen, das bewusst alle Gebäude überragt und weithin als Zentrum der Stadt sichtbar ist. Straßen wurden verschmälert, ohne die - in Suburbia unabdingbaren - Autos zu vertreiben, sondern sie in klar definierte Bereiche einzuhegen. Aus Autostadt wird Wohnstadt."
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Stichwörter: Kopenhagen, Stadtplanung

Kunst

Elke Buhr trifft sich für monopol mit der Künstlerin Louisa Pieper, die für den Young Generation Award nominiert ist. Jeni Fulton berichtet ebenfalls auf monopol von den Raubkunst-Kontroversen um die Sammlung Bührle (unsere Resümees), die am Kunsthaus Zürich weiter für Unruhe sorgen.

Besprochen werden die Ausstellung "Stonehenge - Uralte Geheimnisse, neue Entdeckungen" in der Archäologischen Staatssammlung München (FAZ) und die Schau "Maria Magdalena. Sin. Pray. Love." im Frankfurter Städel (NZZ).
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Film

Patrick Heidmann spricht in der FR mit Georgia Oakley über deren (in der NZZ besprochene) Austen-Verfilmung "Sinn und Sinnlichkeit". Reinhard Kleber berichtet im Filmdienst vom Schlingel-Festival für Kinderfilme in Chemnitz. In der FAZ gratuliert Sophia Coper dem Filmemacher Danny Boyle zum 70. Geburtstag. Außerdem dokumentiert critic.de die Einführung, die André Malberg beim Frankfurter Terza-Visione-Festival vor Armando Nanuzzis Melodram "The Tree with Pink Leaves" gehalten hat. 

Besprochen werden Marcin Mamons für die ARD gedrehter Dokumentarfilm "Schattenkrieger" über russische Aktivisten, die auf der Seite der Ukraine gegen die Putin-Diktatur kämpfen (FAZ), Bora Dagtekins "Der perfekte Urlaub" (critic.de), Karin Kapers und Dirk Szuszies' Dokumentarfilm "La Graciosa" über die gleichnamige kanarische Insel, die einst ein Aussteigerparadies gewesen ist (taz), Alain Gomis' auf der Viennale gezeigter Film "Dao" (Standard), Ted Fendts auf der Viennale gezeigte "Auslandsreise" (Standard) und Koxis Jelinek-Verfilmung "Liebhaberinnen" (SZ).
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Musik

Der gerade einmal 24-jährige Cameron Winter, der sonst bei der New Yorker Indieband Geese spielt, wird einmal "der piano man seiner Generation sein", ist Thore Rausch in der SZ nach dem Anhören von Winters Solo-Livealbum "Live at Carnegie Hall" überzeugt: "Seine längliche Statur klemmte er hinter den feinen Steinway-Flügel, mehr braucht es gar nicht. In 'Drinking Age' schraubt sich sein vibrierender Bariton in die Höhe, er hämmert die Mollakkorde nur so auf die Tasten, forte fortissimo, wie eine Kaskade bricht es über einen hinein. Nur wenige, ach, niemand kann so schön jammern wie dieser Mann: 'Today I met who I'm gonna be / From now on / And he's a piece of shit.' ... Man greift nun eben explizit nicht zu hoch, wenn man ihn in diese Reihe stellt: Leonard Cohen, Nina Simone, Bob Dylan - Letzterer nicht nur wegen des latenten Verweigerns einer Frisur. ... Wie es eben nur ein Livealbum kann, sind auf dieser Aufnahme ein paar seltene Momente der Transzendenz eingefangen. In dem achtminütigen '$0'  spannt sich ein derart dringliches Crescendo, dass man förmlich spürt, wie das New Yorker Publikum zunehmend die Luft anhalten muss und der Puls im Saal sich erhöht."

Übrigens hat kein geringerer als Paul Thomas Anderson den dazu passenden Konzertfilm gedreht - natürlich auf analogem Filmmaterial. Hier der Trailer: 



Weiteres: "Missy Mazzoli gehört zu jener Generation amerikanischer Komponisten, die sich von der Vorstellung verabschiedet haben, Neue Musik müsse entweder akademisch korrekt oder für das Publikum eine Zumutung sein", schwärmt Manuel Brug in der Welt. Katharina Granzin resümiert in der taz ein Berliner Festival, welches das Zafraan-Ensemble zu Ehren der Komponistin Iris ter Schiphorst ausgerichtet haben.

Besprochen werden ein von Thomas Guggeis dirigiertes Mahler-Konzert des Frankfurter Museumsorchesters (FR), neue Jazzveröffentlichungen, darunter "Timeless" von Aki Takase und Daniel Erdmann (Standard), sowie Bibios und Dorian Concepts gemeinsam auf laut tazlerin Tabea Köhler auf "Geräten aus fünf Jahrzehnten produziertes" Ambient- und Electro-Album "Answers".

Archiv: Musik
Stichwörter: Winter, Cameron