Efeu - Die Kulturrundschau

Chaotisches, fragmentarisches Wissen

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14.03.2026. Ist Hyperpop jetzt subversiv oder schon total kommerzialisiert? Egal, findet die Zeit, wenn er so viel Humor hat wie Danny L Harles Album "Cerulean". In der taz fühlt sich Markus Achter vom bayerischen Indie-Urgestein The Notwist zu klaustrophobisch zum Tanzen. Die FAZ feiert in "Bilder und Zeiten" den schizophrenen tschechischen Dichter Ivan Blatný. Die taz bewundert im Wuppertaler Skulpturenpark Arbeiten von Rebecca Horn. Die neue musikzeitung schwelgt in der opulenten Musik von Edouard Lalos Opernmelodram "Le Roi d'Ys". Der Filmdienst würdigt den Komiker Jerry Lewis, der am Montag Hundertsten feiern könnte.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.03.2026 finden Sie hier

Musik

Für die taz unterhält sich Henrik von Holtum mit dem bayerischen Indie-Urgestein The Notwist, das mit "News from Planet Zombie" gerade sein erstes reguläres Studioalbum seit 2021 veröffentlicht hat. Markus Achter von der Band erzählt, dass er "für die Songs eine Form gefunden" hat, "um die Situation, in der wir momentan leben, zu beschreiben. Auf eine Art, die nicht einfach nur realistisch erzählt ist, sondern mit Bildern und Assoziationen arbeitet. ... Ich habe öfter geträumt, dass man entweder an einem Ort herumläuft und nicht reinkommt oder eben drin ist und nicht rauskommt. Und dieses Bild steckt in allen Songs des neuen Albums." Diese Klaustrophobie "hat sicher mit der Weltlage zu tun, die gerade besonders desolat ist, extrem schrecklich und zugleich skurril. Wenn es ein Film wäre, würde man sagen, da ist zu viel reingepackt ins Drehbuch, es ist ein ganz schlechter B-Movie."



"Ein schnarrender Bass lädt zum Schunkeln ein, eine künstliche Flöte macht tüdelüüd, schließlich perlen glitzernde Synthie-Klänge empor, und die Nummer verwandelt sich in ein Eurodance-Stück", schreibt Jens Balzer in der Zeit zum neuen Hyperpop-Album "Cerulean"von Danny L Harle: "Wir machen wieder Party, als wäre es 1999." Längst ist der Hyperpop-Stil im Mainstream angekommen, dabei "begriffen sich die Hyperpop-Künstler ursprünglich als subversiver Kreis, der die kapitalistische Kulturindustrie mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen gedachte. ... Was wie bei allen vorangehenden Avantgarde-Schulen, die so etwas auch schon einmal versuchten, natürlich lediglich dazu führte, dass die Kulturindustrie die Kritik an ihr inkorporierte und die ehemaligen Avantgardisten in den Rang gut bezahlter Zulieferer aufsteigen ließ. So auch hier. Man kann die neuen Lieder von Danny L Harle also als Dokument einer rückhaltlosen Kommerzialisierung und des künstlerischen Scheiterns anhören. Man kann sich aber auch an der detailfreudigen Modellierung der Musik freuen und an ihrem Humor."



Weitere Artikel: Thomas Winkler spricht in der taz mit Engin Devekiran von der Mannheimer Band Engin, der Deutschland zur Therapie rät. Christoph Irrgeher unterhält sich für den Standard mit der Pianistin Khatia BuniatishviliJan Delay und Benjamin von Stuckrad-Barre plaudern in der SZ mit Jakob Biazza über Udo Lindenberg, der im Mai 80 Jahre alt wird. Besprochen werden ein von Paavo Järvi dirigiertes Konzert des Tonhalle-Orchesters mit der Geigerin Janine Jensen (NZZ) und ein Konzert der Jazzpianistin Gee Hye Lee in Frankfurt (FR).
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Literatur

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Mit ihrem (in taz und Welt besprochenem) Buch "Ghost Stories" über ihre gemeinsame Zeit mit dem 2024 verstorbenen Paul Auster wollte sie "43 Jahre Dialog" festhalten, sagt die Schriftstellerin Siri Hustvedt im großen SZ-Gespräch gegenüber Lars Reichardt: "Ein Dialog der Worte, aber auch der Gefühle und der körperlichen Verbundenheit. ... Das Paradoxe an der Trauer ist, dass man weiterhin liebt, aber der, den man liebt, ist nicht mehr da. Diese Liebe zur Abwesenheit wird zu einer Art Präsenz, man liebt also einen Geist. Und diese Liebe verschwindet nicht. Das ist das Paradoxon trauernder Menschen. Man kann wirklich nichts dagegen tun." Fürs Literatur-Feature von Dlf Kultur hat Thomas David Hustvedt in Brookyln besucht.

In "Bilder und Zeiten" der FAZ stimmt Felix Philipp Ingold schon mal auf die Frankfurter Buchmesse im Herbst mit Tschechien als Gastland ein. Aus diesem Grund ruft er den tschechischen Dichter Ivan Blatný (1919-1990) in Erinnerung, dessen erste Gedichte während des Zweiten Weltkriegs erschienen und der seine letzten Lebensjahrzehnte wegen seiner schizophrenen Erkrankung in einer Anstalt verbracht hat, wo er ganze Kladden-Konvolute vollgeschrieben hat. Frappierend ist, wie "Blatný seine Erfahrungen und Befindlichkeiten als Patient bis auf ein paar wenige beiläufige Anspielungen völlig außer Betracht lässt: Klagen, Schuldzuweisungen, Selbstmitleid oder Märtyrerpathos erspart er sich zugunsten einer optimistischen, bisweilen heiteren und etwas grobschlächtigen Grundhaltung, die auch schon seine Vorkriegsdichtung bestimmt hatte - er scheint seine psychischen Defekte und Einschränkungen souverän zu ignorieren, während er gleichzeitig geistige Präsenz und Luzidität zur Geltung bringt. ... Charakteristisch ist außerdem die von Blatný gern praktizierte Mehrsprachigkeit (Tschechisch, Englisch, Deutsch, Französisch), die den Gedichten - ähnlich wie bei Ezra Pound in den 'Cantos' - eine grenzüberschreitende Dynamik verleiht und damit einen markanten Kontrast bildet zum abgeschiedenen Raum ihrer Entstehung."

Weitere Artikel: Marta Kijowska erinnert in der NZZ an den 2007 verstorbenen polnischen Reporter Ryszard Kapuściński, dessen Buch "Schah-in-schah" von 1982 mit Eindrücken vom unmittelbaren Nachspiel der iranischen Revolution 1979 auch heutige Lagen in der Region verstehen helfe. "Bilder und Zeiten" der FAZ dokumentiert Durs Grünbeins Dankesrede zur Auszeichnung mit dem Erich-Loest-Preis. Luciana Ferrando erzählt in der taz von ihrem Vorhaben, jeden Tag mit einer literarischen Miniatur zu beginnen. In der FAZ gratuliert Tilman Spreckelsen dem Lyriker Kurt Drawert zum 70. Geburtstag. Lars von Törne meldet im Tagesspiegel, dass das auf unabhängige Comics spezialisierte Magazin Strapazin sich mit einer Crowdfunding-Kampagne vor dem Aus retten will.

Besprochen werden unter anderem Helene Bukowskis "Wer möchte nicht im Leben bleiben" (taz), Iryna Fingerovas "Zugwind" (FR), Lucie Ricos "GPS" (taz), Christoph Links' Sachbuch "Verschwundene Verlage. Ein unbekanntes Kapitel ostdeutscher Kulturgeschichte" (taz), Andrea Brills Biografie über die Mathematikerin Émilie du Châtelet (FR), Thomas Hettches "Liebe" (WamS), Robert Menasses Novelle "Die Lebensentscheidung" (FAZ) und die neue Ausgabe vom Schreibheft, das bislang unveröffentlichte Texte aus dem Nachlass von Rolf Dieter Brinkmann präsentiert (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

FAZ, FAS und SZ bringen heute Literaturbeilagen, die wir in den kommenden Tagen an dieser Stelle auswerten.
Archiv: Literatur

Kunst

Stefan Trinks hat in der FAZ kein Problem damit, dass die EU die Födergelder von 2 Millionen Euro für die Biennale von Venedig wegen der Teilnahme von Russland aussetzen will: "Die an die Fortsetzung der Förderung geknüpften Forderungen nach Einhaltung 'demokratischer Werte, von Vielfalt und Meinungsfreiheit' sind für Putin so uneinlösbar wie seine Friedensbedingungen gegenüber der Ukraine. Es ist eine perverse Verkehrung von Angriffskriegern und Angegriffenen, wenn Buttafuoco salbadert, 'alle Länder, die sich derzeit im Krieg befinden', sollten auf der Biennale vertreten sein."

tazlerin Regine Müller lässt sich von dem Bildhauer Tony Cragg durch seinen Skulpturenpark in Wuppertal führen: Dort ist mit "Emotion in Motion" eine Rückschau auf das Werk der 2024 gestorbenen Rebecca Horn zu sehen. Gezeigt werden nur 14 Arbeiten in gläsernen Pavillons, durch die man in die Natur sehen kann. "'Das ist etwas ganz anderes als in einem White Cube', gibt Cragg zu bedenken. Die obere, elliptisch geformte Glashalle, die vorbei an Horns Objekten einen Blick ins Tal gestattet, ist dominiert von der Arbeit 'Turm der Namenlosen' von 1994, einst errichtet in einem Wiener Treppenhaus als Reaktion auf den Jugoslawien-Krieg. Historische Obstleitern türmen sich zu einer steilen Installation. Darauf sind Geigen verteilen. Deren Bögen sind elektronisch gesteuert und spielen über eine Mechanik fragmentarische Tonfolgen an, heiser, kratzend, wie eine traurige, verlangsamte Erinnerung an fröhliche Tänze. Horn verwies damit auf die Geflüchteten, die in Wien damals als Straßenmusiker ums Überleben kämpften."

Weitere Artikel: In "Bilder und Zeiten" (FAZ) staunt Selma Schiller über die deutsche Kunst und vor allem die Beckmann-Sammlung im Saint Louis Art Museum. Im Interview mit dem Tagesspiegel spricht der kolumbianische Künstler Oscar Murillo, der derzeit im Potsdamer Minsk ausstellt, über seinen "Dialogpartner" Claude Monet. Martina Meister besucht für die Welt den französischen Banksy, den Street-Artist JR, in seinem Pariser Atelier.

Besprochen werden die Ausstellung "Großartig | Kurios | International. Goethe und der französische Bildhauer Pierre Jean David d'Angers" im Deutschen Romantik-Museum in Frankfurt (FR) und Hannes Möllers gemalte Bücher in der Landesbibliothek Oldenburg (FAZ).
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Bühne

In der Zeit amüsiert sich Jens Balzer über die Reaktionen auf den Schauspieler Timothée Chalamet, der seit Tagen verbal verprügelt wird, weil er in einem Interview so ganz nebenbei flapste, in Oper und Ballett gehe eh niemand mehr. "Wenn alle auf einen eindreschen, hat man üblicherweise recht. So auch hier: In Wahrheit muss man Timothée Chalamet gratulieren. Endlich bekennt sich ein Popkultur-Künstler einmal wieder zu dem, woraus die Popkultur in besseren Zeiten ihre ganze Kraft und Motivation schöpfte - er bekennt sich zur Verachtung der bürgerlichen Hochkultur mit ihren versteinerten Riten, verfetteten Apparaten und angeberischen Ausschlussmechanismen. Darum ging es doch seit der Erfindung des Rock'n'Roll vor 75 Jahren. Im Konzert sitzen und beflissen irgendwelchen Leuten im Frack zuhören? Ja, spinnt ihr denn?"

Szenenbild aus "Le Roi d'Ys" aus der Opéra national du Rhin. Foto: Klara Beck


Ob nmz-Kritiker Joachim Lange Frack trug, als er an der Opéra du Rhin Strasbourg Édouard Lalos Oper "Le Roi d'Ys" hörte, wissen wir nicht, aber gelangweilt hat er sich mit diesem melodramatischen Knaller überhaupt nicht. Es geht um Liebe, Krieg, Rache und eine Königstochter, die sich aus Wut über ihre verschmähte Liebe mit dem Feind verbündet und die ganze Stadt überfluten lässt: "Mit dem entsprechenden, ganz großen Aufbäumen des Orchesters braust die Riesenwelle auf die Stadt zu", und schon bereut Margared ihre Tat. "Schließlich opfert sie sich selbst, um die Natur und den für die Stadt zuständigen Heiligen zu besänftigen. Wie die Überlebenden den Damm danach wieder dicht kriegen, muss zum Glück in einer so dick auftragenden Oper nicht geklärt werden. Es reicht der Respekt vor der Übersetzung der Legende in eine in sich schlüssige Bühnenwirklichkeit, die sowohl die Bedrohung durch das Meer, als auch mit diversen Arkadenelementen die urbane Abwehr dagegen imaginiert. Vor allem aber das Schwelgen in der opulenten Musik für das Samy Rachid und das Orchestre national de Mulhouse das sichere Fundament eines großen, zwar wagneraffinen, aber doch originär französischen Operntons liefern, der durchweg in den Bann zieht."

Der Trailer gibt alles:



Weitere Artikel: "Um die Zukunftsfähigkeit der Oper als Kunstform ist mir nicht bange", erklärt Viktor Schoner, Intendant der Staatsoper Stuttgart, in der FAZ, um die Opernhäuser und Werkstätten stehe es allerdings schlechter. Backstage Classical berichtet über Diskussionen um die maroden Theatergebäude in Bonn.

Besprochen werden ein Doppel-"Faust" am Theater Plauen-Zwickau: nämlich Fatma Aydemirs "Doktormutter Faust", inszeniert von Johanna Hasse, und Goethes "Urfaust" in der Inszenierung von Nora Bussenius (nachtkritik) und Klaus Gehres Mensch- und Puppenspiel "Jurassic Park: Tödliche Illusionen" am Staatstheater Darmstadt (nachtkritik).
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Film

Am kommenden Montag wäre der Komiker Jerry Lewis hundert Jahre alt geworden. Seine "Figuren entkommen nicht", schreibt Patrick Holzapfel, der ihn in einem Essay für den Filmdienst würdigt. "Mal sind sie gefangen, mal wiederholt sich alles bis zum Gehtnichtmehr." Und er "spielt Narzissten, die ihr eigenes Echo lauter hören als sich selbst. Für das Kino hat Lewis die aberwitzige Gleichzeitigkeit von Gefühlen erfunden, der ein einzelner Körper nicht mehr standhalten kann. Es gibt Szenen, in denen die von ihm gespielten Figuren zugleich weinen, lachen, jubeln, sich ärgern, verzweifeln, sich fürchten, sich angezogen und abgestoßen fühlen, springen und sich vergraben wollen. Sein Körper ist der überforderte Körper. Er zeigt ihn meist gehend, weil der Gang bereits viel verrät. Überempfindsam und tollpatschig. Elegant und vulgär. Aber es ist eben auch der Körper, der sich kontrolliert und optimiert, denn "dieser so grenzenlose Körper agiert kaum zufällig. ... Mehr als um die Erfahrung einer sich zersetzenden Wirklichkeit, wie etwa bei Buster Keaton, geht es bei Lewis um die Fragmentierung des eigenen Körpers oder vielmehr der Wahrnehmung dieses Körpers."

In der NZZ erinnert Tobias Sedlmaier an "The Day the Clown Cried", Lewis' zwar abgedrehte, aber nie fertiggestellte und entsprechend mythenrumankte Holocaust-Komödie. Auf Youtube gibt es einen Arte-Videoessay über Lewis auf Französisch, zu dem man sich englische Untertitel zuschalten kann: 



Weitere Artikel: In der WamS porträtiert Jan Küveler Sandra Hüller, deren Hollywood-Debüt, der Science-Fiction-Film "Der Astronaut" mit Ryan Gosling als Co-Star, demnächst in den deutschen Kinos anläuft. Pamela Jahn verneigt sich in der NZZ vor der hohen Kunst des Castings, die in diesem Jahr auch erstmals mit einer eigenen Oscar-Kategorie gewürdigt wird. Marian Wilhelm empfiehlt im Standard die Diagonale-Retrospektive zum österreichischen Dokumentarfilm der Neunziger. Im Filmdienst schreibt Tilman Schumacher einen Nachruf auf den Dokumentarfilmer Frederick Wiseman (weitere Nachrufe hier). Besprochen werden Gore Verbinskis Action-SF-Film "Good Luck, Have Fun, Don't Die" (NZZ, Standard, FAZ) und Guy Ritchies auf Amazon gezeigte Serie "Young Sherlock" (NZZ).
Archiv: Film
Stichwörter: Lewis, Jerry