Efeu - Die Kulturrundschau
Man stirbt eben nur einmal
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.09.2025. Der Standard kommt im Mumok dem Zufall auf die Spur, der den Künstler Tobias Pils leitet. Tobias Kratzer ist das Beste, was der Hamburger Oper passieren konnte, jubelt der Spiegel über den neuen Intendanten. Die NZZ staunt über die Ehrenrunde, die Claus Peymann noch um das Burgtheater drehen durfte. Die Filmkritiker trauern um Hartmut Bitomsky, der mit Harun Farocki den Filmflügel der Kritischen Theorie bildete. Die taz porträtiert den kurdischen Schriftsteller Menaf Osman, der im türkischen Gefängnis schwer gefoltert wurde. Die European Broadcast Union will ihre Mitglieder über die Teilnahme von Israel beim nächsten ESC abstimmen lassen, berichten Zeit online und die taz.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
27.09.2025
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Musik
Die European Broadcast Union lässt im November ihre Mitglieder über die Teilnahme von Israel beim nächsten ESC abstimmen. Bereits mehrere Länder haben angekündigt, bei einer Teilnahme Israels von einer eigenen Teilnahme - und damit auch der Mitfinanzierung des Events - abzusehen. Sprich: Es geht "an die Substanz", schreibt Jens Balzer auf Zeit Online. Der ESC befindet sich "in der größten Krise seit seiner Gründung. ... Dass überhaupt irgendeine Mehrheit darüber entscheidet, ob ein bestimmtes Land am ESC teilnehmen darf oder nicht - das ist in der Geschichte des Wettbewerbs ein einmaliger Vorgang." Stimmberechtigt sind sämtliche Mitglieder der Europäischen Rundfunkunion, erklärt Balzer, "das heißt, es ist egal, ob sie überhaupt jemals am Wettbewerb teilgenommen haben oder nicht. Tunesien, Ägypten und Marokko können also ebenso ihre Stimme abgeben wie der Libanon und Jordanien."
Dazu auch Hintergründe von Jan Feddersen, der in der taz fürchtet, dass dies "der größte Erfolg der antiisraelischen Bewegung BDS werden" könnte. Die Zuständigkeit der EBU kommt an Europas Grenzen noch lange nicht an ihre Ende. "Zur EBU zähl(t)en auch verschiedene arabische oder maghrebinische Sender, aber diese hatten die Einladung zur künstlerischen Teilnahme immer schon davon abhängig gemacht, dass Israel nicht dabei sein darf oder dass sie die israelischen Beiträge während der Liveübertragung ausblenden dürfen. Darauf hat sich die EBU nie eingelassen. Dass Marokko 1980 beim ESC dabei war, lag am Verzicht des israelischen EBU-Senders auf den damaligen ESC, der Sendetermin kollidierte mit einem nationalen Feiertag."
Sehr skeptisch beobachet der Kunsthistoriker Hubertus Butin in der FAZ das Millionengeschäft der Auktionshäuser mit Stradivari-Geigen: "Das große Begehren ... beruht nicht allein auf deren Klangqualitäten, sondern auch oder vor allem auf der Aura und dem Mythos der alten Geigen. Für Musiker ist es ein Marketingfaktor, wenn sie damit werben können, dass sie auf einer Stradivari spielen. Denn dann gehen die Konzertbesucher davon aus, dass die Geige und ihre Strahlkraft großartig sein müssten, was keineswegs immer der Fall ist. Wichtiger als der Nimbus einer Stradivari sollte die Frage nach der Klangqualität sein, und da können manche der heute gebauten Meistergeigen den alten Instrumenten aus Cremona ebenbürtig oder sogar überlegen sein."
Weiteres: Christian Wildhagen erzählt in der NZZ von Igor Strawinskys Zeit im Schweizer Exil. Christoph Amend (Zeit Online) und Rose-Maria Gropp (online nachgereicht von der FAZ) gratulieren Bryan Ferry zum 80. Geburtstag. Besprochen werden die konzertante Uraufführung von Marc Blitzsteins im Jahr 1929 komponierte Bauhaus-Oper "Parabola and Cirula" beim Musikfest Berlin (NMZ, unser Resümee), ein Konzert der Berliner Philharmoniker unter Thomas Guggeis (FAZ), Neil Hannons Album "Rainy Sunday" (Standard), das neue Album von Mariah Carey (Standard) und Ethel Cains Album "Willoughby Tucker, I'll always love you" (taz).
Dazu auch Hintergründe von Jan Feddersen, der in der taz fürchtet, dass dies "der größte Erfolg der antiisraelischen Bewegung BDS werden" könnte. Die Zuständigkeit der EBU kommt an Europas Grenzen noch lange nicht an ihre Ende. "Zur EBU zähl(t)en auch verschiedene arabische oder maghrebinische Sender, aber diese hatten die Einladung zur künstlerischen Teilnahme immer schon davon abhängig gemacht, dass Israel nicht dabei sein darf oder dass sie die israelischen Beiträge während der Liveübertragung ausblenden dürfen. Darauf hat sich die EBU nie eingelassen. Dass Marokko 1980 beim ESC dabei war, lag am Verzicht des israelischen EBU-Senders auf den damaligen ESC, der Sendetermin kollidierte mit einem nationalen Feiertag."
Sehr skeptisch beobachet der Kunsthistoriker Hubertus Butin in der FAZ das Millionengeschäft der Auktionshäuser mit Stradivari-Geigen: "Das große Begehren ... beruht nicht allein auf deren Klangqualitäten, sondern auch oder vor allem auf der Aura und dem Mythos der alten Geigen. Für Musiker ist es ein Marketingfaktor, wenn sie damit werben können, dass sie auf einer Stradivari spielen. Denn dann gehen die Konzertbesucher davon aus, dass die Geige und ihre Strahlkraft großartig sein müssten, was keineswegs immer der Fall ist. Wichtiger als der Nimbus einer Stradivari sollte die Frage nach der Klangqualität sein, und da können manche der heute gebauten Meistergeigen den alten Instrumenten aus Cremona ebenbürtig oder sogar überlegen sein."
Weiteres: Christian Wildhagen erzählt in der NZZ von Igor Strawinskys Zeit im Schweizer Exil. Christoph Amend (Zeit Online) und Rose-Maria Gropp (online nachgereicht von der FAZ) gratulieren Bryan Ferry zum 80. Geburtstag. Besprochen werden die konzertante Uraufführung von Marc Blitzsteins im Jahr 1929 komponierte Bauhaus-Oper "Parabola and Cirula" beim Musikfest Berlin (NMZ, unser Resümee), ein Konzert der Berliner Philharmoniker unter Thomas Guggeis (FAZ), Neil Hannons Album "Rainy Sunday" (Standard), das neue Album von Mariah Carey (Standard) und Ethel Cains Album "Willoughby Tucker, I'll always love you" (taz).
Literatur

Weitere Artikel: "Schlicht schade" findet es tazler Dirk Knipphals, dass beim Berenberg Verlag, der nächsten März die Geschäfte einstellt, weil Leiter Heinrich von Berenberg mit 75 in den Ruhestand geht, "offenbar keine tragfähige Nachfolgeregelung gefunden wurde". "Bilder und Zeiten" der FAZ dokumentiert die Dankesreden des Schriftstellers Marko Martin zur Auszeichnung mit dem Reiner-Kunze-Preis und der Schriftstellerin Daniela Krien zur Auszeichnung mit dem Walter-Hasenclever-Literaturpreis. In der FAZ-Reihe zu 75 Jahre Friedenspreis sprechen Jona Elisa Krützfeld und Martin Schult mit der Schriftstellerin Theresia Enzensberger über Susan Sontags Friedenspreisrede aus dem Jahr 2003. Elmar Krekeler hat für die WamS die Krimiautorin Ingrid Noll besucht. Der Biologe Stefan Kreft befasst sich in "Bilder und Zeiten" der FAZ damit, wie Umweltfragen in Thomas Manns "Königliche Hoheit" Einzug hielten. Im Literaturfeature von Dlf Kultur widmet sich Sonja Hartl dem Serienmörder in der Literatur.
Besprochen werden unter anderem Kamel Daouds "Huris" (taz), Edouard Louis' "Der Absturz" (FR), Christopher Wimmers "Armut ganz unten" (taz), Güner Yasemin Balcis "Heimatland" (FAZ), Ozan Zakariya Keskinkiliçs "Hundesohn" (FAS) und Samanta Schweblins "Das gute Übel" (WamS). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Henning Heske über Lutz Seilers "für alle & jeden":
"letzte nacht der traum
vom abgeschraubten mond ..."
Film

Oder kurz: Er war "einer der einflussreichsten Denker und Regisseure des deutschen Films", wie Andreas Busche im Tagesspiegel schreibt. Sein Interesse galt "dem, was hinter den Dingen liegt. ... Mit seinen 'Deutschlandbildern' prägte er ab 1983 eine spezielle Form der Medienarchäologie, die aus dem brachliegenden Bilderfundus der frühen Bundesrepublik bis zurück in die NS-Zeit schöpfte. Die Trilogie aus 'Deutschlandbilder', 'Reichsautobahn' (1986) und 'Der VW-Komplex' (1989), bestehend aus historischen Filmaufnahmen, verfasst eine kritische Kulturgeschichte der Bundesrepublik. Und auch hier demonstrierte er, wie unerlässlich ein ästhetisches Verständnis des Kinos ist. Mit 'Deutschlandbilder', einer Analyse von NS-Propagandafilmen, entlarvte er die Nazi-Ideologie über die Bilderproduktion. In 'Reichsautobahn' (1986) und 'Der VW-Komplex' (1989) wiederum untersuchte er die problematischen Implikationen deutscher Mobilität bis in die Gegenwart."
Gemeinsam mit Farocki bildete Bitomsky nach 1968 den "Filmflügel" der Kritischen Theorie, "wenngleich schon auf neuen und eigenen Wegen", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. "In der Zeitschrift Filmkritik" erwies sich Bitomsky "zugleich als Liebhaber des populären Kinos wie als genauer Analytiker von dessen Produktionsverhältnissen. Hollywood gefiel ihm immer dann am besten, wenn es sich in das 'Hinterland des Nihilismus' begab", eine "Formulierung aus seinem Bilderessay 'Das Kino und der Tod'." Auch Dietrich Leder kommt in seinem großen Nachruf im Filmdienst auf Bitomskys Texte zu sprechen, "immer noch verblüfft, wie sich die Genauigkeit des Blicks auf Filmbilder in sprachlich präzisen Sätzen ausdrückt, wie strukturelle Analysen, etwa zu den Figuren der Ford-Filme, die lakonischen Nacherzählungen der jeweiligen Geschichte ergänzen, wie knappe Sätze komplexe Stimmungslagen treffend erfassen." Auf critic.de findet sich zudem Tilman Schumachers Essay über Bitomsky aus dem Jahr 2020. Bei der ARD kennt man Bitomsky, der viele Jahre für sie Filme gedreht hat, offenbar nicht mehr - weder in der Audio-, noch in der Mediathek findet sich Material.
Weitere Artikel: Caroline Smith schaut sich für die taz in der Welt des deutschen Synchronwesens um. In der FAZ gratuliert Jürgen Kaube dem Schauspieler Richy Müller zum 70. Geburtstag. David Steinitz plauscht in der SZ mit dem früheren Wrestler und Schauspieler Dwayne "The Rock" Johnson, der mit "The Smashing Machine" vom Actionblockbuster ins Sportdrama wechselt.
Besprochen werden Gabriel Mascaros auf der Berlinale preisgekrönter Film "Das tiefste Blau" (Standard), Martina Priessners Dokumentarfilm "Die Möllner Briefe" (taz, unsere Kritik), Paul Thomas Andersons "One Battle After Another" (WamS, unsere Kritik), Christian Petzolds "Miroirs No. 3" (FAS, unser Resümee), Macon Blairs Remake des Trashfilm-Klassikers "The Toxic Avenger" (Zeit Online), die neue Staffel der Serie "Slow Horses" mit Gary Oldman (taz) und die ARD-Miniserie "Naked" (WamS).
Bühne
Tobias Kratzer "ist das Beste, was der Oper passieren konnte", jubelt im Spiegel Sebastian Hammelehle über den frisch gebackenen Intendanten der Hamburger Staatsoper. Künstlerisch hat er sich "viel vorgenommen. Die Spielzeit eröffnet er mit 'Das Paradies und die Peri' (streng genommen keine Oper, sondern ein sogenanntes weltliches Oratorium), einem selten inszenierten Werk von Robert Schumann aus dem Jahr 1843. Darin geht es um ein engelsgleiches Fabelwesen, die Peri, das versucht, ins Himmelreich zurückzukommen. Ein weiterer Höhepunkt folgt im Februar 2026 mit der Uraufführung von 'Monster's Paradise' , einer neuen Oper der zeitgenössischen, in Wien lebenden Komponistin Olga Neuwirth. Das Libretto um eine Art Trump-Figur hat die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek gemeinsam mit Neuwirth verfasst. Klassische Publikumsrenner sind auf Kratzers Premierenliste für seine erste Spielzeit kaum zu finden."
Thilo Komma-Pöllath, der sich für die FAS mit Kratzer unterhalten hat, ist besonders von der "Peri" begeistert: Es ist "ein Stück der Stunde", meint er, denn es geht um Krieg, Pandemie und um "die große Frage, ob eine ältere Generation in der Lage ist, Empathie zu zeigen mit der jüngeren." Zur Begrüßung und Kontaktaufnahme zur Stadt hat sich Kratzer auch was ausgedacht: Es "war es mir wichtig, die übliche Trennwand zwischen Darstellenden und Publikum durchlässig zu machen. Im Schauspiel hat man das oft, in der Oper aber sehr selten. Die Menschen, die in den Saal kommen, werden von den Darstellern direkt gefilmt. ... Der Zuschauer schaut auf die Bühne, die Bühne schaut aber auch zurück. Wir sitzen an diesem Abend alle im selben Boot, setzen uns mit denselben Fragen auseinander. Es gibt eine kontinuierliche Rückkopplungsschleife, keine einseitige Berieselung."
Paul Jandl hat für die NZZ die Beisetzung Claus Peymanns im Nieselregen auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin begleitet. Die war würdig, aber nicht so schön wie Peymanns Verabschiedung in Wien: "'Theater, das bin ich!' ist so ein Peymann-Satz, der sich in den letzten Tagen zum letzten Mal bewahrheitet hat. Seit Peymanns Tod sind über zwei Monate vergangen, aber da gab es eben auch noch das Protokoll des Wiener Burgtheaters. Der prägende Hausherr der Jahre 1986 bis 1999 war Ehrenmitglied, und das heißt: Als Leichnam dreht man noch eine Ehrenrunde um das Haus am Ring. Aber nur innerhalb der regulären Spielzeit. Im Sommer ist Pause. Also warten. Dann, am Montag: Pomp, wie ihn nur das katholische und theaterselige Wien kann. Aufbahrung im schlichten schwarzen Holzsarg auf der Burgtheater-Feststiege. Blumen, Fackeln. Die Fahrt des Sargs Berlin-Wien und zurück. Insgesamt 1.500 Kilometer, aber man stirbt eben nur einmal." In der Berliner Zeitung berichtet Wiebke Hollersen.
Besprochen werden Bonn Parks an Ödön von Horvath angelehntes Stück "Glaube Liebe Roboter" am Münchner Volkstheater ("Obwohl Parks Formwille groß ist, gelingt es allen Darstellenden, ihren Figuren Individualität und damit sich selbst mitzugeben", lobt Egbert Tholl in der SZ, mehr hier), Max Frischs "Graf Öderland" in der Inszenierung von Claudia Bossard am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik, NZZ) und Vegard Vinges Inszenierung von Ibsens "Peer Gynt" an der Berliner Volksbühne, die gestern schon die nachtkritik würdigte ("Die Bildsprache und die szenischen Mittel der geschlossenen Welt des Vinge-Müller-Kosmos sind so hermetisch, dass sie nur von Inszenierung zu Inszenierung weiterwuchern können. Formal sind das Gesamtkunstwerk-Opern", staunt Peter Laudenbach in der SZ. "Schon jetzt einer der Höhepunkte der Theaterspielzeit", ruft Jakob Hayner in der Welt. Wozu Ibsen spielen, wenn man ihn nicht mehr erkennt, fragt sich hingegen FAZ-Kritikerin Irene Bazinger: "Personen ohne Gesicht und Stimme staksen wie ferngesteuert über die Bühne, und niemand weiß, woher und wohin", kurz: eine "brutale Show der Regie-Eitelkeiten").
Thilo Komma-Pöllath, der sich für die FAS mit Kratzer unterhalten hat, ist besonders von der "Peri" begeistert: Es ist "ein Stück der Stunde", meint er, denn es geht um Krieg, Pandemie und um "die große Frage, ob eine ältere Generation in der Lage ist, Empathie zu zeigen mit der jüngeren." Zur Begrüßung und Kontaktaufnahme zur Stadt hat sich Kratzer auch was ausgedacht: Es "war es mir wichtig, die übliche Trennwand zwischen Darstellenden und Publikum durchlässig zu machen. Im Schauspiel hat man das oft, in der Oper aber sehr selten. Die Menschen, die in den Saal kommen, werden von den Darstellern direkt gefilmt. ... Der Zuschauer schaut auf die Bühne, die Bühne schaut aber auch zurück. Wir sitzen an diesem Abend alle im selben Boot, setzen uns mit denselben Fragen auseinander. Es gibt eine kontinuierliche Rückkopplungsschleife, keine einseitige Berieselung."
Paul Jandl hat für die NZZ die Beisetzung Claus Peymanns im Nieselregen auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin begleitet. Die war würdig, aber nicht so schön wie Peymanns Verabschiedung in Wien: "'Theater, das bin ich!' ist so ein Peymann-Satz, der sich in den letzten Tagen zum letzten Mal bewahrheitet hat. Seit Peymanns Tod sind über zwei Monate vergangen, aber da gab es eben auch noch das Protokoll des Wiener Burgtheaters. Der prägende Hausherr der Jahre 1986 bis 1999 war Ehrenmitglied, und das heißt: Als Leichnam dreht man noch eine Ehrenrunde um das Haus am Ring. Aber nur innerhalb der regulären Spielzeit. Im Sommer ist Pause. Also warten. Dann, am Montag: Pomp, wie ihn nur das katholische und theaterselige Wien kann. Aufbahrung im schlichten schwarzen Holzsarg auf der Burgtheater-Feststiege. Blumen, Fackeln. Die Fahrt des Sargs Berlin-Wien und zurück. Insgesamt 1.500 Kilometer, aber man stirbt eben nur einmal." In der Berliner Zeitung berichtet Wiebke Hollersen.
Besprochen werden Bonn Parks an Ödön von Horvath angelehntes Stück "Glaube Liebe Roboter" am Münchner Volkstheater ("Obwohl Parks Formwille groß ist, gelingt es allen Darstellenden, ihren Figuren Individualität und damit sich selbst mitzugeben", lobt Egbert Tholl in der SZ, mehr hier), Max Frischs "Graf Öderland" in der Inszenierung von Claudia Bossard am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik, NZZ) und Vegard Vinges Inszenierung von Ibsens "Peer Gynt" an der Berliner Volksbühne, die gestern schon die nachtkritik würdigte ("Die Bildsprache und die szenischen Mittel der geschlossenen Welt des Vinge-Müller-Kosmos sind so hermetisch, dass sie nur von Inszenierung zu Inszenierung weiterwuchern können. Formal sind das Gesamtkunstwerk-Opern", staunt Peter Laudenbach in der SZ. "Schon jetzt einer der Höhepunkte der Theaterspielzeit", ruft Jakob Hayner in der Welt. Wozu Ibsen spielen, wenn man ihn nicht mehr erkennt, fragt sich hingegen FAZ-Kritikerin Irene Bazinger: "Personen ohne Gesicht und Stimme staksen wie ferngesteuert über die Bühne, und niemand weiß, woher und wohin", kurz: eine "brutale Show der Regie-Eitelkeiten").
Kunst

Im Standard schreibt Michael Wurmitzer mit großer Sympathie über den österreichischen Künstler Tobias Pils, dem das Mumok sozusagen Mid-Career eine große Ausstellung widmet: Er ist in dieser Zeit "von der Abstraktion aufs Figurative gekommen und vom Schwarz-Weiß-Grau auf die Farbe." Oft spielte der Zufall mit, lernt Wurmitzer von dem Künstler. "Nehmen wir seinen 'Blindensturz' von 2024, das Vorbild von Pieter Bruegel kennt er seit der Kindheit. Eines Tages habe er sich gefragt, wie es sich anfühlen würde, es zu malen. Er begann, und als er am nächsten Tag wieder ins Atelier kam, beschloss er, es bei nur drei der taumelnden Figuren und ohne den Hintergrund zu belassen. 'Wozu Hintergrund? Sie sehen ja nichts.' Es ist, in Grün gehalten, auch eines seiner frühesten bunten Bilder. Die Farbe habe sich in sein Werk 'eingeschlichen', sagt Pils. Nämlich indem er einmal die falschen Tuben gekauft habe, blaue statt schwarze. So kam es zu blauen Bildern, mit Ocker gemischt ergab das Blau einen Grünton. In der Folge ging er ins Geschäft, machte die Augen zu, griff sich ein paar Tuben."
In der FAS berichtet Karen Krüger von der Istanbul Biennale, die "Zukunftsfähigkeit durch Widerstand, Solidarität und Resilienz" feiert. Besonders Resilienz hat die Kunstszene in der Türkei bitter nötig: "Eine Zäsur bedeutete 2017 die Inhaftierung des Kunstmäzens Osman Kavala auf Grundlage hanebüchener Anschuldigungen. Er ist weiterhin im Gefängnis, obwohl der Europäische Gerichtshof schon 2019 urteilte, dass er freigelassen werden muss. Was Europas Gerichte sagen, ist Ankara mittlerweile egal und die Sittenwächter der Regierungspartei gehen gegen alles vor, was nicht in das Bild ihrer religiös-konservativen Türkei passt." Die Istanbuler Kunstszene erinnert immer wieder mit Kunstaktionen an Osman Kavala, erzählt der Künstler Halil Altındere. "'Das Problem ist, dass die Künstler politisch sind, aber dass die Museen und Institutionen stumm bleiben, obwohl Kavala mit sehr vielen von ihnen zusammenarbeitete. Ich empfinde das als großes Problem.'"
Besprochen werden außerdem die Ausstellungen der Bildhauer Ludwig Münstermann im Landesmuseum Kunst und Kultur Oldenburg (FAZ, mehr hier) und Trisha Donnelly im MMK Tower in Frankfurt (FR). Außerdem hat die Zeit die Besprechung zur Ausstellung "Mika Rottenberg. Queer Ecology" im Lehmbruck-Museum in Duisburg online nachgereicht.
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