Im Kino
Hände hoch, Schwanz bleibt oben
Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
24.09.2025. Von den Revolutionsträumen bleibt nichts als die Erinnerung an eine Erektion. Paul Thomas Anderson "One Battle After Another" verwandelt Thomas Pynchons Reaganomics-Roman "Vineland" in einen berauschenden, enigmatischen Blockbuster.
Die Revolution wird stilisiert: "Zieh' eine Show ab", sagt Perfidia (Teyana Taylor) zu Bob (Leonardo DiCaprio), den sie "Rocketman" nennen und der wohl so etwas wie der DIY-Sprengstoffexperte unter den Freischärlern der Widerstandsgruppe "French 75" ist. In einem Lager festgehaltene Migranten an der US-Grenze zu Mexiko sollen aus dem Gewahrsam des bärbeißigen Colonel Steven J. Lockjaw (Sean Penn) befreit werden. Während ein bewaffneter Trupp in das Camp einbricht, entzündet Bob ein allemal bedrohliches Feuerwerk mit Sprengsätzen, Mörsern und Tränengas - ein veritables Spektakel, ein gelungener Budenzauber, der die Guerillakrieg spielende Gruppe möglicherweise noch etwas mehr euphorisiert als die tatsächliche Rettungsaktion. Eine Show zieht auch der Komponist Jonny Greenwood in dieser Eröffnungssequenz von Paul Thomas Andersons "One Battle After Another" ab: Minutenlang wird insistierend ein Klavierakkord gehämmert, der dann immer wieder in einer gewaltigen Woge aus Streichern versinkt.
Vielleicht wird später von solchen Revolutionssimulationen nur die Erinnerung an eine Erektion bleiben. Die Aussicht, von einer mutmaßlichen Terroristin festgenommen, gar getötet zu werden, erregt Colonel Lockjaw jedenfalls sichtlich, als Perfidia ihn aus seinem Halbschlaf auf einer Pritsche rüttelt. Und sie spürt gleichfalls, dass das High, das der Befreiungsschlag in ihr auslöst, insbesondere auch ein sexuelles ist: "Hände hoch, Schwanz bleibt oben", weist sie an. Wer wen beherrscht und befehligt, ist zwischen Perfidia und Lockjaw schnell nicht mehr klar. Bei so manchen Sprengaktionen begegnen sich die beiden mit den nur allzu sprechenden Namen zunehmend weniger zufällig, bis schließlich Perfidia überläuft, zur Informantin wird, die ihre Mitkombattanten preisgibt und, von Lockjaw assistiert, im Zeugenschutzprogramm untertaucht. Raketenmann Bob entkommt in eine Kleinstadt im nordwestlichen Kalifornien; bei sich Willa, die neugeborene, gemeinsame Tochter mit Perfidia.
Dass wer gegen staatliche Ordnungsgewalt aufbegehrt, sich selbst insgeheim nach dieser sehnt: Diesen Gedanken übernahm Paul Thomas Anderson aus Thomas Pynchons labyrinthisch gewundenem Roman "Vineland". 1990 wurde darin die Reaganomics-Ära als ein antiillusorisches Erwachen aus den verwehten Gesellschaftsträumen und falschen Projektionen der Gegenkulturen der Sixties beschrieben. Auch in den Figurenkonstellationen und vielen wesentlichen Motiven folgt das mit guter Intuition in die Gegenwart verlegte "One Battle After Another" selbstsicher Pynchons Buch.

Nach seinem ausgreifenden Präludium setzt die Handlung des Films wieder anderthalb Jahrzehnte später an: Als die Mitgliedschaft in einer White-Supremacy-Geheimvereinigung namens Christmas Adventurers Club zu erlangen, muss Colonel Lockjaw einige lose Enden aus seiner Vergangenheit auflösen. Er spürt Bob und Willa (nun gespielt von der wunderbaren Chase Infiniti in ihrem Filmdebüt) auf und zwingt so den ehemaligen Revoluzzer, wieder zur unliebsam gewordenen Tat zu schreiten.
Nur, wie war das noch mal mit dem Kampf gegen gegen das "imperialistisch-faschistische Regime"? Als mittelalter Dad eines Teenagers legt sich Bob mit dem Staat längst nur noch symbolisch an, indem er sich im schmadderigen Bademantel auf der Couch dem Arbeitsmarkt verweigert und stattdessen lieber zur Fernsehausstrahlung von "Die Schlacht um Algiers" kifft. So einem fällt es spürbar schwer, sich selbst wieder zu aktivieren. Noch dazu macht sich der Generationenwechsel im Untergrundkampf bemerkbar: Als Bob über Telefon wieder Kontakt zu seiner einstigen Organisation aufnehmen möchte, verweigert ihm der Verbindungsmann die Weiterleitung, insistiert auf den notwendigen Codewörtern, die Bob, jahrelang Alkohol und Pot zugeneigt, längst nicht mehr einwandfrei aus der Erinnerung abrufen kann.
Seit "Boogie Nights" erzählt Paul Thomas Anderson immer wieder davon, wie sich gesellschaftliche Verheißungen und (gegen-)kulturelle Utopien in unterschiedlichen Formen von Abhängigkeiten und Zwängen auflösen. Die inhärente Sehnsucht nach einer verlorenen Vergangenheit (Anderson selbst bezeichnete seine Filme einnmal als "vergilbte Postkarten") ergibt sich gleichwohl nie einer allzu simplen Nostalgie, wechselt von Film zu Film Tonfall und Umfang: Auf die gestrenge Melodramatik von "There Will Be Blood" folgte der unwirklich flirrende Klassizismus von "The Master", auf die relaxte Stoner-Melancholie von "Inherent Vice" die verfeinert diskrete Perversion von "Phantom Thread". Und nach einer eher kleinen, intimen Produktion, der sich in Myriaden von Erinnerungsdetails verlierenden, schwärmerischen Adoleszenzromanze "Licorice Pizza", gelingt Anderson nun mit "One Battle After Another" eine enigmatische Big-Budget-Produktion, wie es sie das Hollywood-Kino der Gegenwart sonst schon längst nicht mehr ermöglicht.
Zu verdanken ist dies zweifelsohne dem nach wie vor ungetrübten Marktwert Leonardo DiCaprios, der, wie zuletzt bei "Once Upon A Time In Hollywood", einer weiteren auteuristisch versponnenen Indienstnahme des gegenwärtigen Blockbusterkinos für eigene Zwecke zuarbeitet; und das macht, was er am besten beherrscht, seitdem er sich nicht mehr nur auf seine überirdisch schöne, jugendliche Anziehungskraft verlassen kann: die lächerliche Tragik des Älterwerdens mit komödiantischer Methode und Mut zur lustvollen Charge auf links zu drehen. Mit ihm als verschworenem Gewährsmann für ein astronomisch freizügiges Budget von rund 130 Millionen Dollar ist Anderson ein vielköpfiges Meisterwerk gelungen, das unterschiedliche Genres bündelt und miteinander verzwirbelt: eine eigensinnig verblödelte Gesellschaftskomödie (die man gleichwohl nicht zu beflissen auf vermeintlich aktuelle Bezüge hin auflösen sollte), einen abstrakten Thriller, ein gefühlsseliges Familiendrama. Eine groß abgezogene Show.
Kamil Moll
One Battle After Another - USA 2025 - Regie: Paul Thomas Anderson - Darsteller: Leonardo DiCaprio, Sean Penn, Regina Hall, Teyana Taylor, Chase Infiniti u.a. - Laufzeit: 161 Minuten.
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