Efeu - Die Kulturrundschau

Erdbeerblonder Bilderbuchamerikaner

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17.09.2025. Robert Redford ist tot; die SZ erinnert an die unbefleckte Präsenz des Stars, die Zeit trauert um einen Surferboy mit linkem Gewissen. Außerdem diskutieren die Feuilletons die Buchpreis-Shortlist, die laut FAZ von komplexen Romanen über Gewalterfahrungen dominiert wird. Zeit online findet Trost in einem Konzert von Lahav Shani und den Münchner Philharmoniker, die nach ihrer Ausladung in Gent in Berlin auftraten.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.09.2025 finden Sie hier

Film

Robert Redford am Set von "Der Clou", 1972 (Bild: Ken Dare, UCLA Library Digital Collections, CC BY 4.0)

Eine Legende tritt ab: Robert Redford ist im Alter von 89 Jahren gestorben. Er war "der größte Star von allen, als Stars noch Ikonen waren", schreibt Susan Vahabzadeh in ihrem großen, schwelgerischen Nachruf, für den die SZ die Seite Drei freigeräumt hat. Schon in jungen Jahren wollte Redford seine Persona nicht als Interpretationsfläche verstanden wissen. "Stattdessen wurde der Schauspieler das, was Redford in ihn hineininterpretierte. Ein paar der unvergesslichsten Momente in seinen Filmen sind jene, in denen ganz klar war, dass er meint, was er spielt. Wenn sein Joe Turner in 'Die drei Tage des Condor' die CIA bei einer Verschwörung erwischt hat, und er sagt: Ihr glaubt doch, beim Lügen nicht erwischt werden und die Wahrheit sagen sei dasselbe. Oder wenn 'Der elektrische Reiter' Sonny Steele ein teures Rennpferd klaut und in die Freiheit entlässt, weil 'hart vielleicht, aber einfach' eine gute Devise im Leben ist. ... Tatsächlich sind die Momente der von jeder Aktion unbefleckten Präsenz, die Szenen, in denen Redford einfach nur da ist, zu so einer Art Markenzeichen geworden." 

Mit diesem Tod ist eingetreten, was nie hätte passieren sollen, seufzt Katja Nicodemus in der Zeit. "Dieser kalifornische Surferboy mit dem linken Gewissen, dieser erdbeerblonde Bilderbuchamerikaner, mit dem man sofort in jedem Nationalpark zelten und vor jedem Lagerfeuer sitzen würde, dieser Gentleman und Gauner mit den toll sitzenden Hemden, er sollte lang und gut leben! Weil er loslief, hinfiel, wieder aufstand, weitermachte. Er war ein Mann, der immer wieder voller Hoffnung die Widersprüche seines Landes auf die Leinwand brachte." Ewig leben sollte er aber auch, weil er "für etwas Einmaliges stand, für etwas, das nur die Kamera verstand und das Licht, das seine Erscheinung auf die Leinwand warf. Sein bester Kumpel Paul Newman brachte es auf den Punkt. Er sprach von Redfords unkorrumpierbarer Männlichkeit. Man könnte auch von seiner unkorrumpierbaren Schönheit sprechen."


Andreas Busche erinnert (Tagesspiegel) an Redford als Förderer eines kleinen, aufrichtigen Kinos: Redford war ein Gesicht New Hollywoods, als New Hollywood später dann zum Blockbusterkino wurde, drehte Redford auf eigene Faust Filme der kleinen Gesten, schließlich gründete er mit dem Sundance Festival ein Forum für den Independentfilm. Es "wurde zur Initialzündung für eine neue Generation von Filmemachern, nicht unähnlich des New-Hollywood-Booms zwanzig Jahre zuvor. Redford machte Sundance zur Brutkammer Hollywoods, jedes Jahr im Januar pilgerte die Branche plötzlich nach Park City, um das nächste große Regietalent unter Vertrag zu nehmen. Die Ausbeute war beträchtlich: Quentin Tarantino, Steven Soderbergh, Robert Rodriguez, Darren Aronofsky, Barry Jenkins, Ryan Coogler, Chloé Zhao und Ava DuVernay starteten hier ihre Karrieren." Weitere Nachrufe schreiben Daniel Kothenschulte (FR), Jana Janika Bach (NZZ), Jan Küveler (Welt) und Jürgen Kaube (FAZ). Zeit und Tagesspiegel bringen Bilderstrecken. Arte hat eine Doku über Redford online.

Außerdem: Fabian Tietke (taz) und Esther Buss (FD) empfehlen eine Berliner Reihe mit Filmen der ungarischen Regisseurin Judit Elek, die 1956 als erste Frau ein Filmstudium in Budapest aufnahm. Besprochen werden Luis Ortegas "Kill the Jockey" ("ein überragendes Meisterwerk", jubelt Bert Rebhandl in der FAZ, einen "eigenwilligen Galopp" erlebte tazler Dennis Vetter), Edgar Reitz' "Leibniz: Chronik eines verschollenen Bildes" (SZ), Dennis Gansels Kriegsfilm "Der Tiger" (SZ), der auf Sky gezeigte Film "The Retirement Plan" mit Nicolas Cage (FAZ), Francis Lawrences Stephen-King-Adaption "Todesmarsch" (Standard) und die neue Staffel der Apple-Serie "The Morning Show" (taz).
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Stichwörter: Redford, Robert, Kriegsfilm

Musik

Lahav Shani, 2024. © Apollinaire. Lizenz: Creative Commons Attribution 4.0 International. Quelle: Wikipedia.
Die Münchner Philharmoniker haben unter Lahav Shani beim Musikfest Berlin gespielt, Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat dazu eine Rede gehalten - ein vom Festival aus Solidarität freigeräumter Termin, nachdem das Flanders Festival in Gent Shani die Türe vor der Nase zugeschlagen hat, weil dieser in den Augen des Festivals als Israeli in der Öffentlichkeit nicht hinreichend das Büßergewand für den Gazakrieg trägt.

Zu erleben war ein "Konzert, das eigentlich besser nie hätte stattfinden sollen", schreibt Manuel Brug in der Welt, und dies "unter schwersten Sicherheitsvorkehrungen freilich. So ist das heute. ... Man sah Lahav Shani durchaus an, dass er auf all dieses unfreiwillig hervorgerufene Politsäbelgerassel gern verzichtet hätte, lieber sich einzig und ruhig auf den Beethoven konzentriert hätte. Doch er, die Musiker, auch die souverän auf ihrer herrlich klingenden Joseph-Guarneri-del-Gesu-Violine aus dem Jahre 1739 aufspielende Lisa Bathiasvili, sie konnten jetzt endlich ihrem eigentlichen Metier nachgehen. Sie gewannen in ihrem eigentlichen, geschützten Raum schnell an Sicherheit, gingen aus sich heraus, steigerten sich bis zum rauschhaften Finale."

"In den ergreifendsten Momenten schweigt das Orchester", hält Raoul Löbbert auf Zeit Online fest. "Regungslos steht auch Shani da und lauscht allein Batiashvilis Violine. Dann setzt das Orchester wieder ein, und es klingt wie eine Rettung, wie ein Trost, wie ein Segen, an dem man sich, wenn es schlimm kommt, wieder aufrichten kann. Es klingt wie Frieden und Versöhnung. All das hört man, man sieht es auch in Batiashvilis Gesicht. Lahav Shani hingegen scheint rein äußerlich ungerührt, nichts verrät eine emotionale Beteiligung - bis auf ein kleines Detail. Auf einmal steht der Dirigent breitbeinig auf dem Podium vor seinem Orchester. So als würde er in diesem Augenblick an der Musik wachsen. So als brauche er sie zur Selbstbehauptung. Gerade jetzt."

FAZ-Kritiker Gerald Felber ist vom Antisemitismus-Vorwurf gegenüber dem Flanders Festival derweil nicht überzeugt und ist auch skeptisch angesichts der feierlichen Stimmung im Saal. Es "bleibt ein merkwürdiger Nachgeschmack, wenn nun bei Weimers Rede just nach dem Wort 'beschämend' heftiger Beifall ausbricht. Kann man eigentlich, wenn etwas als 'beschämend' konstatiert wird (hier eben die Tatsache, einem Künstlerkollektiv Zuflucht bieten zu müssen, das anderswo ausgetrieben wurde), daran etwas bejubelnswert finden? Höchstens nur dann, wenn man sich auf der exakt alternativen, mithin richtigen Seite der Geschichte und Gesellschaft wähnt; mindestens mitzudenken wäre freilich selbst dann, dass genau solchem Wähnen auf der Basis moralischer Selbstermächtigung wiederum das Übel potentieller Kunst- und Denkverbote eingeschrieben sein kann."

Auch Gregor Dotzauer (Tagesspiegel) hält den Antisemitismus-Vorwurf für voreilig: "Jüdische Künstlerinnen und Künstler werden, wie Weimer in dreifacher rhetorischer Wiederholung betont, nicht einfach ignoriert oder ausgeladen, weil sie jüdischer Herkunft sind, sondern weil sie als Repräsentanten eines Regimes gelten, das längst einen Krieg ohne Maß und Ziel führt. Man macht sie, wie Lahav Shani, kollektiv für etwas verantwortlich, das sie oft genug selbst ablehnen. ... Es ist aber nicht Ironie, sondern eine bittere Tatsache der Geschichte, dass die israelische Armee wenige Stunden nach Shanis Konzert in einem ohnehin schon weitgehend in Trümmern liegenden Land mit der Einnahme von Gaza-Stadt begann. Diesen Rahmen bei gleichzeitiger Ausrufung eines 'Europas der Aufklärung, der Toleranz, der Freiheit' völlig auszusparen, mag mit einem Doublebind der deutschen Politik zu tun haben, zu entschuldigen ist es nicht."

Derweil steigt die Zahl der Länder, deren Rundfunkanstalten bekannt gegeben haben, am kommenden Eurovision Song Contest nicht teilzunehmen, sollte Israel daran teilnehmen, wie Ueli Bernays in der NZZ berichtet.
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Architektur

Dankwart Guratzsch beschäftigt sich in der Welt mit einem Trend in der Architektur hin zu Planbarkeit und computergestützter Optimierung. Im Standard bespricht Adelheid Wölfi Maximilian Hartmuths Buch "The Kaiser's Mosque", das sich mit orientalischer Architektur in der Habsburgermonarchie beschäftigt.
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Literatur

Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis ist da (alle nominierten Bücher finden Sie hier als Büchertisch in unserem Onlinebuchladen Eichendorff21).

Mit "Die Holländerinnen" von Dorothee Elmiger und "Haus der Sonne" von Thomas Melle sehen die meisten Kritiker die Favoriten klar gesetzt. Aber auch die vier weiteren Titel "sind so unterschiedlich und doch auch literarisch jeweils so gekonnt, dass man keinem von ihnen Außenseiterchancen absprechen kann", schreibt Andreas Platthaus in der FAZ. Alle Romane eint das Motiv der "Gewalterfahrung - ob bei dem vor seinem eigentlich fest verabredeten Suizid noch einmal luxuriös umsorgten Protagonisten von Thomas Melle, ob bei der mit den Untiefen der Zivilisation konfrontierten Theatertruppe bei Elmiger, bei Erdmanns Elfjährigem, der den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium miterlebt, bei Kicajs mit ihrer Familie dem Kosovo-Krieg entronnener Erzählerin, bei Sironics in einer nahen Zukunft im ökologischen Ausnahmezustand lebenden Mädchen oder bei Wunnickes beiden Frauen aus den letzten Jahren des französischen Ancien Régime, deren eine noch zur Zeugin der Exzesse der Revolutionszeit wird." Und "lesenswert sind diese Bücher" obendrein, "weil jeweils nicht nur die Moral ihrer Geschichte im Fokus steht, sondern auch die literarische Form."

Die Nominierten sind "erstaunlich anspruchsvoll", meint auch Adam Soboczynski in der Zeit. "Dass sie dabei erstaunlich düster sind, spricht ja nicht gegen sie." Das mit der Kunst sieht SZ-Kritiker Felix Stephan nicht ganz so euphorisch: "Alle nominierten Romane nähern sich auf künstlerische Weise Themen von unmittelbar gesellschaftspolitischer Relevanz, für ästhetizistische Poetiken scheint im Moment nicht die Zeit zu sein." Judith von Sternburg knobelt in der FR, wer wohl gewinnen wird, kommt aber zu keinem abschließenden Ergebnis: "Es ist zum Verzweifeln, es ist eine Lust." Über diese Romane kann man bei einer Abendgesellschaft prächtig konversieren, freut sich Björn Hayer im Freitag.

In ihrer Lyikkolumne für den Perlentaucher schreibt Marie Luise Knott über Gedichte von Fran Lock und Zheng Xiaoqiong. Während erstere einen Band mit "Arbeiter:innenklassenpoetik" herausgebracht hat, schreibt letztere in ihrer "Erzählung von den Konsumgütern" für die Wanderarbeiterinnen in China: "Derzeit gibt es In China ungefähr 300 Millionen Wanderarbeiterinnen. Auch Zheng Xiaoqiong, geboren 1980 und aus den Huangma Bergen stammend, ist 2001 als Wanderarbeiterin in die Provinz Guangdong gegangen. In vielen ihrer Gedichte versucht sie, die Sprache derer zu sprechen, die im Leben keine Sprache finden: 'Wir alle haben ein Recht auf Gedichte', sagt sie heute, 'weil sich die Arbeit ohne sie nicht ertragen lässt.'"

Weitere Artikel: Ulrike Baureithel resümiert im Tagesspiegel das Internationale Literaturfestival Berlin. Nadine A. Brügger spricht für die NZZ mit der Krimiautorin Ingrid Noll. Björn Hayer (FR) und Lothar Müller (SZ) schreiben zum Tod des Literaturkritikers Harald Hartung. Lars von Törne begibt sich für den Tagesspiegel anlässlich von 75 Jahren "Peanuts" auf Spurensuche, wann Charlie Brown eigentlich sein Debüt in Deutschland feierte - und kommt zu dem Schluss, dass in der hiesigen Comicforschung gängige Ansichten dazu eher auf Hörensagen beruhen.

Besprochen werden unter anderem Maxim Billers Novelle "Der unsterbliche Weil" (online nachgereicht von der Zeit), Marie Vieux-Chauvets "Liebe, Wut, Wahnsinn" (FR), Max Goldts "Aber" (FAZ) und Ozan Zakariya Keskinkılıçs "Hundesohn" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Bühne

Esther Slevogt macht sich in der nachtkritik Gedanken über das Tragische - beziehungsweise dessen weitgehende Abwesenheit im Theater der Gegenwart. Es mag Gründe geben, Kategorien wie "Schicksal" für überholt zu halten. Aber "ebenso wenig, wie der Realismus sich dafür interessiert, ob die Welt irgendwie real ist oder doch eher ein unfassbarer Albtraum, oder ob der Einzelne irgendetwas davon hat, dass die Philosophie (und der Kapitalismus) das Individuum für nicht existent erklärten, interessiert sich das Schicksal dafür, ob irgendwelche Checker oder Checkerinnen es für eine Angelegenheit halten, die tendenziell der Ideologiekritik zuzuführen ist. Es ist da, ereignet sich, produziert Ohnmacht oder Verzweiflung. Und die dunkle Aura des Tragischen eben. Für diesen Aggregatzustand aber gibt es im Theater kaum noch einen Ort, und auch kaum Bilder oder Formen, die das noch zu (anzu)fassen versuchen. Hier aber liegt vielleicht auch ein Unvermögen, eine Leerstelle." Ausnahmen, fährt Slevogt fort, gibt es zum Glück aber auch, früher etwa René Pollesch, jetzt Florentina Holzinger.

Außerdem: In der Welt ist Jakob Hayner sehr angetan davon, was Jan Philipp Gloger an seinen ersten Abenden am Wiener Volkstheater auf die Beine gestellt hat. Die taz bringt eine Doppelbesprechung zweier Stücke, die am Schauspiel Frankfurt die Saison eröffnen - Shirin Sojitrawalla ist weder von Ferdinand Schmalz' "Sanatorium zur Gänsehaut" noch von Björn SC Deigners "So langsam, so leise" allzu begeistert.
Archiv: Bühne

Kunst

Helga Paris Treff-Modelle Series 1 © Nachlass / Estate Helga Paris

Bernhard Schulz schlendert für die FAZ interessiert durch eine umfangreiche Ausstellung in der Fotografiska Berlin, die dem Werk von Helga Paris gewidmet ist - einer Fotografin, die vor allem für ihre außergewöhnlichen Porträtaufnahmen bekannt wurde und deren Hauptwerk in der DDR entstand. Hängen bleibt der FAZ-Autor unter anderem an einer "Reihe von Serien ..., die Arbeiterinnen im Bekleidungswerk VEB Treff-Modelle, die Besucher Berliner Kneipen, die Punks (und Freunde ihres Sohnes Robert) und, ebenso anrührend wie erschütternd, die Bewohner eines Altenheims im Jahr 1980" zeigen. "Paris sprach von Lampenfieber, das sie stets ergriff, wenn sie jemanden nach Erlaubnis zum Fotografiertwerden fragte. Das eröffnet einen Zugang zu ihrer Arbeit. Sie blieb zurückhaltend, doch zugewandt, nie auf Bloßstellung gerichtet, selbst wo sie, wie in besagtem Altersheim, Zustände bloßstellt."

Außerdem: Heidi Bürklin teilt in der Welt mit, dass surrealistische Kunst in den Auktionshäusern derzeit hoch im Kurs steht. Tobias Timm blickt für monopol auf die Berlin Art Week zurück.

Besprochen werden die Ausstellung "Panorama Pozzuoli", die als Freiluft-Schau im italienischen Pozzouli nahe Neapel zu sehen ist (monopol), eine Julius-von-Bismarck-Schau im Kunst Haus Wien (Standard) und "Susanne Kriemann: Knochen, Pech, Natternkopf (Being a Photograph)" in der Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig (taz).
Archiv: Kunst