Tagtigall

Glückspendender Vogelschiss

Die Lyrikkolumne. Von Marie Luise Knott
15.09.2025. Ihre Poetik sei eine Art Hausbesetzung, schreibt Fran Lock in ihrem Manifest einer Arbeiter.innenklassenpoetik, und Zheng Xiaoqiong, die dichtend das Wanderarbeiterinnenleben erkundet, sagt: "Ich spreche diese stachligen, geölten (...) mit Schrauben festgezogene Sprachen." Beiden geht es um einen Widerstand, den Widerstand der Dichtung gegen die Vereinnahmung der Sprache in der sich zunehmend globalisierenden Welt.
Als die Nazis 1938 die Synagogen in Brand setzten und die jüdischen Geschäfte plünderten, sprachen sie vom "Volkszorn", um mittels der Sprache zu suggerieren, dass sie (nur) ausführten, was das Volk empfand. Der russische Krieg in der Ukraine wird "Spezialoperation" genannt, gerade so, als ginge es bei dem mörderischen Überfall auf die Ukraine um einen lebensrettenden chirurgischen Eingriff. Merz spricht von "Drecksarbeit", die Hamas vom "Befreiungskampf", die AFD von "Remigration" und jüngst bezeichnete Netanjahu die Bombardierung eines Krankenhauses in Gaza als "tragischen Unfall", gerade so, als handele es sich um ein Schiffsunglück, für das eigentlich niemand etwas kann. Oder doch?

Wie oft reden wir vom "Kriegsfuß", von "Fronten", vom "Eifer des Gefechts". Sprache ist kein geschützter Ort. Sie wird "rekrutiert". Ihr Missbrauch ist selten ein "tragischer Unfall"; doch er wirkt nur, wo die Hörerinnen und Hörer, Leserinnen und Leser den Suggestionen ihre offenen Ohren leihen, Ohren, die bereit sind zu hören, zu glauben, gar im Stillschweigen mitzutun.

Poesie hat die Kraft, Lüge, Absicht und Täuschung zu ignorieren, die Sprache an die Wirklichkeit zurückzuführen und das Denken in den Plural zu bringen. Jüngst erschien ein kleiner aufbegehrender Band der britischen Lyrikerin Fran Lock. Sein Titel: "Manifest für eine Arbeiter.innenklassenpoetik". Fran Lock, geboren 1982, wuchs in schwierigen Verhältnissen heran. Ihr Rufname hatte zwei Geschlechter ( Francis, Frances). Sie fühlte sich beides, und gleichzeitig nichts, wie sie erzählt ("I might grow into English along either axis: masculine or feminine, neither or both", erklärte sie in Granta). Die Gewalt der Sprache erfuhr sie bereits als Kind: sie und ihre Mutter galten der Familie ihres Vaters als "tinker" (Zigeuner), und auch das war keineswegs ein tragischer Unfall.

Was ist das, ein Manifest für eine Arbeiter.innenklassenpoetik?  Wir werden, heißt es darin sinngemäß, in eine gegebene Sprache hineingeboren, in eine "versprachte" Welt, deren Gesetzen wir zunächst unterworfen sind, eine Sprache, die das Ich "zwangsräumen" will. Um uns von dieser Sprache die Welt nicht diktieren zu lassen, müssen wir sie offensichtlich von sich selbst (von ihrer "Einsprachung") befreien. "Ich denke von meiner Poetik als einer Art Hausbesetzung. Ich besetze die anerkannten, durchgesetzten  Strukturen und suche danach, der Sprache fremdartige neue Möglichkeiten zu bahnen."

Anders als die "Literatur der Arbeitswelt" in den 1980er Jahren will Locks Poetik niemanden überreden oder überzeugen. Auch ihre Poetik sorgt sich um das Leid und den Widerstand der entrechteten Menschen, doch im Zentrum ihrer Poetik steht der Widerstand der von Entrechtung gezeichneten Sprache.

Eine Poetik, die Arbeiterinnen, Queere und als von ihrer Sprache getrennte Menschen zusammendenkt, sucht zuallererst nach einem Reden, dass sich nicht nach Gewalt, Lüge oder Verrat anfühlt. Wo der Kapitalismus "die strukturelle Integrität des Körpers zerstört", will sie der Sprache ihren Körper, ihre Beweglichkeit zurückgeben. Ihre Freiheit. Sprachkörper aber bestehen nicht aus Gedanken, sondern aus Klängen, Rhythmen, Assonanzen, Binnenreimen, Alliterationen. Lock komponiert keine Sonette, keine Vilanellen, keine 2- oder 9-Zeiler, nein, Fran rappt sich durch die Sprache als einem Ereignis, als einer Begegnung, konstruiert Bewegungen im Körper der Sprache -  und das keineswegs immer auf Queensenglisch.

Neben dem titelgebenden Manifest finden sich in dem kleinen, soeben erschienenen Band Gedichte und Prosa-Gedichte mit Titeln wie "Heckengeboren", "Belastete Tugend" oder "Siehe ich sende euch gleich Wölfen mitten unter die Schafe".  Im Englischen hören wir bei den "Hecken-Geborenen" (hedge-born) die Hedge Fonds mit und bei "Du bist der menschliche Anzug" ("Your are the human suit") den "human shit".  BeiKlänge, die der Sprache die EinRichtung nehmen und uns Assoziationen, Bilder und Denkwege eröffnen. So gelungen die Übersetzung, solche subversiven Beiklänge zu konstruieren, gelingt kaum.

our lady of extinct birds,
spread your birdmind
over us. a fluky shit
in the eye for luck
is all we know
of fortune.

dame aller ausgestorbenen vögel,
spreite deinen vogelgeist
über uns. ein zufälliger schiss
ins auge, als glücksbringer
ist alles, was wir wissen
vom schicksal.

Mit "our lady" ist vielleicht nicht so sehr die Dame, als vielmehr Mutter Maria ("unsere liebe frau") gemeint, weshalb Matthias Kniep, der Übersetzer, sich in der nächsten Zeile für das veraltete Verb "spreiten" entschied. (In dem folgenden "spread your birdmind over us" schwingt in meinen Ohren ein altes Marienlied mit: "Maria breit den Mantel aus, mach Schirm und Schild für uns daraus..."; ob dieses Bild in der englischen Kultur geläufig ist?)

Gegen das Vogelsterben bedarf es vieler schützender Vogelgeister. Und vieler glückspendender Vogelschisse. Politisches und literarisches Bewusstsein durchweben die Sprach- und Klangereignisse, welche den Text vorantreiben - hier etwa das Spiel mit f und l bei "flucky shit in the eye for luck is all we know  of fortune". Die englische Sprache mit ihrer so charakteristischen Einsilbigkeit schafft eigene Schönheiten, denen das Deutsche mit seiner Vorliebe für zusammengesetzte Worte nicht immer entsprechen kann. Es muss sich andere Brücken und Sprungfedern bauen. Hinzu kommt, dass Lexik und Rhythmik des englischen Satzteiles ("is all we know of fortune") einen Vers von Emily Dickinson ("parting is all we know of heaven") mitklingen lässt. Lauter Subversionen.

In einer anderen Passage findet sich im Englischen eine Klang-Variation auf z und ch und c, und im Deutschen ein lichtdurchflutendes Spiel mit "a" und "o" .

sie losen um deinen
trost, armer geknickter
halm. du bist willkommen,
sehr willkommen, sie machen
karneval aus dir, diese fahlen hebammen
des einmarsches, alle chiffongeschmückt
unter einem nassauer-mond, und du bist
gefangen im licht ihres punkt-
strahlers, hochglänzend
in der erinnerung
an entzückte magazine.

Losen, trost, halm, karneval, nassauermond magazine: Man spürt förmlich den Fluss der Vokale und das Licht des Mondes, auch wenn in der deutschen Übersetzung das "Licht" nicht ganz so präsent ist wie im Englischen, weil dem englischen "delight" (dt. entzückt) das Licht (light) in den Knochen steckt. Der Gewinn von "sie losen um deinen trost" ist groß. Vielleicht ist ein Gedicht wirklich, wie Yoko Tawada einmal sagte, erst dann fertiggeschrieben, wenn es in die letzte Sprache übersetzt ist.

Anders als die Arbeiter.innenklassenpoetik von Fran Lock, tauchen wir in dem Band "Erzählung von den Konsumgütern" der chinesischen Lyrikerin Zheng Xiaoqiong mit dem ersten Satz ein in die Fabrik- und Betonwüstenwelt der chinesischen Wanderarbeiterinnen im 21. Jahrhundert. ("Teil Eins beginnt mit gewölbten Eisenplatten, mit dem Aufbrechen aus Dörfern, Minen, LKWs ....").  Die Frauen verlassen ihre Dörfer und Familien in der Hoffnung auf Lohn und eine bessere Zukunft. Erst in der Stadt, fern ihrer Herkunftsorte, verstehen sie die ganze Tragweite dieser Entscheidung, verstehen, was die Fabrikarbeit im Industriezeitalter mit den Körpern anrichtet, und auch, wie grundlegend sich diese neue Ökonomie von der des ländlichen Raumes ihrer Herkunft unterscheidet.

Derzeit gibt es In China ungefähr 300 Millionen Wanderarbeiterinnen. Auch Zheng Xiaoqiong, geboren 1980 und aus den Huangma Bergen stammend, ist 2001 als Wanderarbeiterin in die Provinz Guangdong gegangen. In vielen ihrer Gedichte versucht sie, die Sprache derer zu sprechen, die im Leben keine Sprache finden: "Wir alle haben ein Recht auf Gedichte", sagt sie heute, "weil sich die Arbeit ohne sie nicht ertragen lässt." In China hat Zheng Xiaoqiong bereits zehn Gedichtbände veröffentlicht und diverse Preise erhalten, nun gibt es auf Deutsch eine Auswahl unter dem Titel "Erzählung von den Konsumgütern". Die einzelnen Gedichte darin tragen Titel wie "Gefälle des Herzens", "Zum Abriss freigegeben", "Am Fließband", "Eisen 1-3", "Ein Mietzimmer", "Körper von der Zeit zersetzt." Die Dichterin selbst beschreibt ihre Poetik als ein Festklammern (Festkrallen) der Sprache am Geländer des Lebens.

Ich spreche diese stachligen, geölten Sprachen aus Gußeisen, die Sprachen schweigender Arbeiterinnen,/ mit Schrauben festgezogene Sprachen, Falten und Erinnerungen aus Blech, Sprachen wie Schwielen, grausame, verheulte, unglückliche, schmerzende, hungernde, von Maschinen herab dröhnend,(...) Sprachen abgeschnittener Finger (...) all diese trostlosen Sprachen
(....)
Ich spreche
diese stachligen geölten Sprachen, ihre Stacheln sind alle aufgestellt und sprechen in dieses weiche Zeitalter.

Beim Lesen frage ich mich: Wie kann es sein, dass bei all der Schinderei hier von einem "weichen Zeitalter" die Rede ist? Die chinesische Sprache und Bildwelt ist uns immer noch fremd, und so erweitern wir unsere eigenen Fragen ans Dasein durch solche Lektüren. Wir werden hineingezogen und verändern unseren Blick auf unsere eigenen Vorstellungen von "Weichheit". Ist sie konturlos, oder ist sie eine Gummiwand, in der jede einzelne Regung, jede Regung des Einzelnen, sofort verpufft?  

Vor Jahren hatte der Porträtband "Buch der Arbeiterinnen" Zheng Xiaoqiong in China berühmt gemacht. Porträts von den "menschlichen Kosten der Globalisierung" - von  Arbeitsunfällen, von den Überstunden am Fließband, vom endlosen Gedröhn der Maschinen, vom Leben als Prostituierte. Aus den Schlafsälen erklingt das Heimwehmurmeln ferner Dialekte. Das Thema selbst sei in China mittlerweile in der Lyrik sehr gegenwärtig, erzählt die Dichterin und Sinologin Lea Schneider im Rundfunk. Doch eher allgemein.

Bei Zheng Xiaoqiong geht es ganz konkret zu: alle Porträts tragen Namen, jede hat ein individuelles Schicksal. Da ist Zhang Yi aus Chonquing, die ihr Zuhause wegen einer Trennung von ihrem Mann verlassen hatte. Bevor sie eines Tages auf dem Weg zur Arbeit von einem LKW überfahren wurde, hatte sie der Autorin von der Walnussernte in ihrer Heimat erzählt, wo sie hatte hinfahren wollen, weshalb sie die Kündigung schon in der Tasche hatte. Eine andere, Liang Shan, 14 Jährig, versuchte verzweifelt, ihre tatsächliche Jugend zu ignorieren, doch auch sie muss erfahren: "Jedes Mitleid wird an den Maschinen zermalen".  Eine andere, die als Prostituierte arbeitet, muss erfahren, dass sie, als sie sich von der Sexualknechtschaft befreit, wegen der zahllosen Abtreibungen keine Kinder mehr bekommen kann.   

... und wenn die Epoche mich als Ausschussware deklariert, dann werde ich ins Feuer zurückkehren, mich in eine Form pressen, in spitze Nägel zerlegen und sie in die Wände der Epoche schlagen. 

Doch der Widerstand gegen die Ausbeutung ist in den Gedichten weit mehr als ein Sich-Entgegen-Stacheln. Die Subversion liegt auch bei Zheng Xiaoqiong in ihrer Poetik begründet. Durch die Gedichte zieht sich eine enorme Zartheit der Beobachtung und eine enorme Zartheit der Körperlichkeit, welche die Autorin dem Maschinenwerk von Industrialisierung und Globalisierung entgegensetzt. "In einem von Zeit zersetzten Körper mit brüchiger Stimme eine Liebe berühren, die einander ins Gesicht sieht" liest man, oder auch: "wir heben die Augen zu den Sternen der Überstunden" oder "die Zeit, ein grauer Vogel aus Eis, schlägt gegen das Fenster". Und einmal heißt es: "den Bäumen rufe ich zu: He, Freunde, ich bin euch verwandt, ich bin Euch verwandt."  Auch die Ökologie findet ihren Raum, etwa das Gespräch der Pflanzen im Schwermetallmüll.

Bei Fran Lock ging es um den Widerstand, der aus der Eigensprachlichkeit der Sprache herrührt, bei Zheng Xiaoqiong geht es um die Verteidigung der einzelmenschlichen Dimension der Sprache gegen die Maschinerie der Globalisierung, die über sie hinwegzustürmen droht. Indem wir heute Fran Lock oder Zheng Xiaoqiong lesen, erweitern wir - und das ist ein großes Verdienst - unsere Aufmerksamkeit für unser eigenes Sprachhandeln.


P.S.: Editorisch gesehen lassen leider beide Bände einige Wünsche offen:  Aus welchen Gedichtbänden der Autorinnen stammen jeweils die für den jeweiligen Band ausgewählten Gedichte? Wie gehören die Gedichte im jeweiligen Schaffensprozess zusammen? Warum fehlt bei den Wanderarbeiterinnen der Hinweis auf Lea Schneiders "China Box", in welcher wohl erste Texte von Zheng Xiaoqiong erschienen. Warum etwa heißt ein Kapitel "Eisenvogel", während das Gedicht gleichen Titels in einem anderen Kapitel steht?

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ZUM WEITERLESEN

Fran Lock, Manifest für eine Arbeiter:innenklassenpoetik, ein manifest und 11 Gedichte. Herausgegeben von Matthias Kniep, übersetzt von Matthias Kniep und Leonce Lupette, roughbook 068, Urs Engeler Verlag, schupfart, 14 Euro

Zheng Xiaoqiong, Erzählung von den Konsumgütern, Gedichte, aus dem Chinesischen übersetzt von Sara Landa, Maja Linnemann, Eva Schestag, Lea Schneider und Christian Filips (Hrsg.). Zweisprachige Ausgabe Chinesisch und Deutsch
Reihe Poesie Dekolonie, Bd. 3, Urs Engeler Verlag, Schupfart, 22 Euro.

Noch zwei Zitate:

Fran Lock: "das englische wort weather heißt verwittern, aber auch widerstehen. verwittern ist eine widerstandsfähigkeit. auf den hügeln hinter unsrem haus: ginsterbüsche gekrümmt, gebeugt und geformt vom rauen wind. das entspricht nicht ihrem natürlichen wachstum, aber sie werden verwandelt, verformt, verzerrt, wie wir."

Zheng Xiaoqiong:
"Dies ist das 21. Jahrhundert, / diese staubgraue
Maschinerie, aus der gefällte Litschiwälder /
herabstürzen, zu Schutt zerfallene Innenhöfe, /
die ruinöse Mutter / Erde in den Flammen des
Industriezeitalters, / oh Akkumulationen, / Häuser,
Fabriken, Betonwüsten, / von der Tonerde bis hin zu
mir, / vom maschinellem Greifarm / bis hin zu
 meinem Arm, Maisblätter, / Reis-Setzlinge /
sind meine Muskeln, Knochen, Haut und Haar, /
alles ein Teil der Maschine…"

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