Efeu - Die Kulturrundschau

Phoenix aus der Asche?

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.07.2025. Aktualisiert: Der Georg-Büchner-Preis geht in diesem Jahr an die Schriftstellerin Ursula Krechel, melden die Agenturen. Die FAZ entdeckt im Franz-Marc-Museum in Kochel die künstlerische Faszination für Tiergärten und lässt sich von Oskar Kokoschkas "Tigerlöwe" anspringen. Die NZZ erklärt das Kino für tot, hofft aber auf eine Wiedergeburt. Die SZ feiert den Festivalsommer der großen Nostalgie mit Revivals und Abschieden von Oasis, Black Sabbath, ELO, AC/DC und den Sex Pistols. Und der Tagesspiegel zieht den Architekten Ossip Klarwein zurück ins Licht der Architekturgeschichte.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.07.2025 finden Sie hier

Kunst

Oskar Kokoschka, Tigerlöwe, Belvedere, Wien © Johannes Stoll, Belvedere

Zoos als "Orte künstlerischer Inspiration" entdeckt Hannes Hintermeier (FAZ) in der Ausstellung "Die Moderne im Zoo" im Franz-Marc-Museum in Kochel. Um 1900 entdeckten Maler Tiergärten für sich, die sie auch faszinierten, "weil keine Konvention für die Darstellung von Hyänen, Zebus, Giraffen oder Mandrills" existierte, weiß der Kritiker: "Oskar Kokoschkas Hybridwesen 'Tigerlöwe' (1926) springt schier aus dem Rahmen, der Farbauftrag ist expressiv, mit blauen Striemen und rot-weißen Aufhellungen im gescheckten Fell. Die gerissene Antilope zu seinen Füßen wirkt wie eine zu klein geratene Fußnote, dem Betrachter des Bildes sollte es so ergehen wie Kokoschka vor dem Käfig im Londoner Zoo, der eine 'flammende, gelbe Bombe' auf sich zustürmen sah, die ihn 'in Fetzen reißen wollte'. Dabei kannte der Tigerlöwe von Geburt an nur das Leben hinter Gittern, war vermutlich lethargisch."

Weiteres: In der FR blickt Arno Widmann zurück auf siebzig Jahre documenta. Besprochen werden die Camille Pissarro-Ausstellung "Mit offenem Blick" im Museum Barberini in Potsdam (FR) und die Ausstellung "Irène Zurkinden. Die Liebe, das Leben" in der Kulturstiftung Basel H. Geiger (NZZ).
Archiv: Kunst

Film

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Das Kino ist am Ende. Schuld daran, glaubt Andreas Scheiner in der NZZ, ist das Streaming, aber auch der gesättigte Arthaus-Mittelstand, der sich in Programmkinos und Festivals festgesetzt hat und wie ihn Lars Henrik Gass in seinem Buch "Objektverlust. Film in der narzisstischen Gesellschaft" kritisiert ("Er hat nicht unrecht"). Aber vielleicht wandelt sich das Kino doch noch zu einem Phoenix aus der Asche? "Die große Chance für das Kino ist ausgerechnet seine größte Bedrohung: die KI. Paradoxerweise wird die Technik durch die Technik obsolet: Weil es immer weniger Mittel braucht, um Filme zu machen. Man muss nicht James Cameron heißen und mehrere hundert Millionen Dollar aufwenden, um 'Avatar' in die Länge zu ziehen. In naher Zukunft kann praktisch jeder auf Pandora drehen und Geschichten von blauen humanoiden Mondbewohnern erzählen. Womit sich dann kein Mensch mehr dafür interessieren wird. Blockbuster werden ihre Anziehungskraft verlieren. Denn selbst an noch so spektakulären Bildern hat sich das Publikum irgendwann sattgesehen. Was sich nicht erschöpft, sind die Geschichten. Solche, die sich keine KI ausdenken kann. Und die sich nicht darum drehen, was ohnehin jeder schon kennt, sondern die das eigene Weltbild herausfordern. Wenn es so kommt, dann kommt die beste Zeit für das Kino erst noch."

Außerdem: Besprochen wird der Netflix-Animationsfilm "KPop Demon Hunters" (FAZ).
Archiv: Film

Musik

Es ist der Festivalsommer der großen Nostalgie: Oasis, Black Sabbath, ELO, AC/DC, Sex Pistols, die Scorpions - Revivals und Abschiede allenthalben, stellt Joachim Hentschel in der SZ fest. Alles nur alte Herren, die ein letztes, aber wirklich nur ein allerletztes Mal ihre Jugend nochmal aufleben lassen wollen? Zumindest beim Blick ins Publikum bestätigt sich das Hentschel nicht, denn dort sind auffällig viele junge Leute unterwegs. "Auch die Generation Z gehört zur Kundschaft der Reunion- und Abschiedsindustrie. Sie feiert bei Bruce Springsteen in Reihe eins mit, versucht sich bei Oasis im ersten, zaghaften Bierbecher-Weitwurf. Weil viele ihrer Mitglieder nun mal zu spüren scheinen, dass es Bands wie diese, für die sie noch als Teenager die Eltern matt belächelt haben, in zwanzig Jahren nicht mehr geben könnte, mitsamt ihren unerhörten Narrativen. Die vornehmlich aus dem Internet geborenen Pop-Acts, die man am vergangenen Wochenende beim Berliner Lollapalooza-Festival sehen und hören konnte, singen sicher die passenderen Sentenzen. Aber sie werden nie die Helikopterbilder der Gemeinschaft produzieren, die Oasis im August 1996 wie aus dem Handgelenk kreierten, als in Knebworth 250 000 Menschen zusammenkamen, auf engstem Raum gemeinsam Musik hörten und sich gegenseitig mit harmlosen Bazillen ansteckten, gegen die man keinen Impfstoff brauchte. All die gigantischen, dummen, schönen Geschichten - man muss sie nicht selbst erlebt haben, um Sehnsucht nach ihnen zu kriegen."

Außerdem: Andreas Hergeth spricht in der taz mit Emiko Gejic von der Berliner Clubcommission über die bedrückende wirtschaftliche Lage der Berliner Clubs: "46 Prozent der Clubbetreibenden hat angegeben, dass die Lage finanziell und wirtschaftlich sehr schwierig ist und dass viele in Erwägung ziehen, ihren Betrieb irgendwann im nächsten Jahr zu schließen." Stephanie Grimm resümiert in der taz das Berliner Festival Heroines of Sound, das Frauen in der elektronischen Musik präsentiert. Karl Fluch berichtet im Standard vom Jazz Festival in Montreux. Für die NZZ war Florian Bissig bei Festival da Jazz in St. Moritz. Besprochen werden das Album "Still Shakin'" der North Mississippi Allstars (FR) und ein Konzert von Justin Timberlake in Wien (Standard).
Archiv: Musik

Literatur

Update, 9:47: Der Georg-Büchner-Preis geht in diesem Jahr an Ursula Krechel, melden die Agenturen. Die 1947 in Trier geborene Schriftstellerin setzt in ihren zahlreichen Arbeiten "den Verheerungen der deutschen Geschichte und Verhärtungen der Gegenwart die Kraft ihrer Literatur entgegen", heißt es in der Begründung der Jury. "In ihrer Lyrik, nachlesbar in dem Auswahlband 'Die da' (2013), nimmt sie Redewendungen beim Wort und seziert die Versehrungen und Hoffnungen des Alltags, die Innenansichten der Klassenverhältnisse. Ihre aus umfangreichen Recherchen hervorgegangene Romantrilogie 'Shanghai fern von wo' (2008), 'Landgericht' (2012) und 'Geisterbahn' (2018) erweist sich als eine große Erzählung der Vertreibung und Verfolgung von Juden und Sinti und der Rückkehr in ein Deutschland, in dem das Exil in die Erfahrungen von Fremdheit und Nicht-Zugehörigkeit mündet. Das Thema der Selbstbehauptung, Wiederentdeckung und Fortentwicklung weiblicher Autorschaft zieht sich als roter Faden durch ihr gesamtes Schaffen."

In unserem Online-Buchhandel Eichendorff21 haben wir für Sie eine Liste mit lieferbaren Werken von Ursula Krechel zusammengestellt.

---

Besprochen werden unter anderem Sascha Ehlerts "Palo Santo" (taz), Lauren Elkins "Fassaden" (FR), Anne Sauers "Im Leben nebenan" (online nachgereicht von der WamS), Eli Benešs "Unmerklicher Verlust der Einsamkeit" (FAZ) und Chiara Valerios "Blinde Flecken" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Architektur

Die Kirche am Hohenzollerplatz in Wilmersdorf. Foto: Von Jorge Pérez de Lara - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Der Architekt Ossip Klarwein ist fast gänzlich "aus der Architekturgeschichte entschwunden", obwohl viele wichtige Bauten in Deutschland wie Israel von ihm stammen. Dass Klarwein auch maßgeblich am Bau der Kirche am Hohenzollernplatz in Berlin beteiligt war, neben dem Architekten Fritz Höger, dem der Entwurf eigentlich zugeschrieben wird - das und viel mehr erfährt Bernhard Schulz (Tagesspiegel) in einer Ausstellung ebendort. 1933 flieht Klarwein vor den Nazis nach Palästina: "In Israel lebt und arbeitet Klarwein unter beengten Verhältnissen, anfangs mit seiner (zweiten) Ehefrau in zwei Zimmern; ein drittes für seine Mitarbeiter wird erst auf Fürsprache bewilligt. 1957 gewinnt er den Wettbewerb für den Bau des Parlaments. 'Der größte Erfolg und die größte Kränkung liegen nah beieinander', heißt es im Katalog; denn Klarweins Entwurf mit seinen rings um das Gebäude angeordneten Vierkantpfeilern wird heftig angefeindet. Sein Entwurf wurde 'als unstimmig, klassizistisch und eklektisch' verleumdet, empört sich Klarwein: 'Aber daran ist nichts eklektisch - es ist zeitlos.' Tatsächlich wird sein Entwurf erheblich verändert und verwässert. 1966 wird die Knesset eingeweiht, Klarwein ist weltberühmt - und dennoch verkannt."

Weiteres: In der FAZ schreibt Falk Jaeger zur "futuristischen Edelstahlkarrosserie", mit der das Stadion von Real Madrid ausgestattet wurde. Besprochen wird die Ausstellung "WEtransFORM. Zur Zukunft des Bauens" in der Bundeskunsthalle Bonn (taz).
Archiv: Architektur
Stichwörter: Klarwein, Ossip

Bühne

Morgen beginnen die Bregenzer Festspiele. Im Backstage Classical-Interview mit Georg Rudiger erzählt die neue Intendantin Lilli Paasikivi, wie sie mit den großen Einsparungen umgeht, die auch hier angesetzt wurden und welche neuen Einflüsse zu sehen sein werden: "Mit der nordischen Perspektive kann ich etwas Neues mitbringen. Meine Heimat Finnland ist im Programm deutlich erkennbar. Es gibt finnische Dirigenten wie Hannu Lintu, der 'Oedipe' dirigieren wird, und Jukka-Pekka Saraste, der mit der Kullervo-Symphonie von Jean Sibelius ein Werk vorstellt, das auf dem finnischen Nationalepos Kalevala basiert. (...) Ich möchte die Bregenzer Festspiele gerne zu einem Festival der Gesangskunst machen. Auch Chöre werden eine Rolle spielen wie der YL Male Voice Choir, der in der Kullervo-Symphonie mitwirkt und in einem eigenen Konzert ein A-Cappella-Programm mit finnischer Chormusik präsentiert."

Weitere Artikel: In der FAZ ist Jürgen Kesting genervt vom hochtrabenden Ton der Programmankündigung für die Salzburger Festspiele. Gina Thomas hört sich ebenfalls für die FAZ auf dem englischen Sommeropernfestival in Garsington um. In der NZZ resümiert Christian Wildhagen die Intendanz von Andreas Homoki, der nach dreizehn Jahren das Zürcher Opernhaus verlässt. Besprochen wird Lucia Astigarragas Inszenierung von Händels "Giulio Cesare in Egitto" im Schlosstheater von Schwetzingen (FR).
Archiv: Bühne