Objektverlust
Film in der narzisstischen Gesellschaft

XS-Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783944503271
Kartoniert, 112 Seiten, 21,00
EUR
Klappentext
Mit der Dominanz der Sozialen Medien und Streamingdienste verändert sich auch der zeitgenössische Kinofilm allmählich zum Produkt einer neuartigen sozialen Kybernetik, die einem radikal veränderten Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft entspricht. In Filmen etwa von Wes Anderson, Greta Gerwig, Mia Hansen-Løve, Giorgos Lanthimos, Ruben Östlund, Quentin Tarantino, Joachim Trier oder Athina Rachel Tsangari setzt sich gegenwärtig eine neue Wahrnehmungsökonomie durch, die sich am Internet als prägender sozialisierender Erfahrung ausgebildet hat. Ihr Blick richtet sich nicht mehr mit Neugier oder Erkenntnisinteresse auf eine äußere Wirklichkeit, sondern auf einen Fundus überlieferter Bilder, die ihrer historischen und gesellschaftlichen Bedeutung entleert wurden. Kino, das der Gesellschaft eine Zeitlang die Möglichkeit geboten hatte, durch den Schock technisch vermittelter Erfahrung sich und das Andere zu betrachten, verwandelt sich in diesen Filmen zum bloßen Spiegel des Selbst, zur Erlebnismaterie einer narzisstischen Gesellschaft. Film wurde die Propaganda einer Welt ohne Außen.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 04.06.2025
Die "sinnliche und geistige Leere des Gegenwartskinos" sieht Rezensent Magnus Klaue im Essay von Lars Henrik Gass prägnant auf den Punkt gebracht wie selten. Mit Bezug auf Siegfried Krakauers Schrift"Errettung der äußeren Wirklichkeit" geht der Autor der Frage nach, warum das heutige Kino seiner Meinung nach, Beispiele sind etwa Filme von Tarantino oder Lanthimos, "ästhetisch und politisch so viel schlechter" ist als das eines Visconti, Truffaut oder Rosselini. Gass gehe es hier nicht einfach um die Kritik an einer "trivialen Moderne", er attestiere dem Kino der Postmoderne einen "Erklärungs- und Verstehenswahn", wie der Rezensent zitiert, der spontane Gefühlsregungen unterdrückt und Filme durch eine Überzahl an Interpretationsangeboten für ein gebildetes, elitäres Publikum vorsieht. Zeitgenössischen Filmemachern werfe er beispielsweise vor, die Erfahrung des Objekts völlig außer Acht zu lassen und dabei in einen "intellektuellen Narzissmus" zu verfallen, der sich auf Konstruktionen und "Narrative" verlässt, resümiert Klaue. Der Kritiker findet die Kritik an Regisseuren wie Tarantino nicht in allen Punkten berechtigt, sieht in Gass' Schrift aber in jedem Fall eine klarsichtige Analyse des Gegenwartskinos.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 28.03.2025
Rezensent Tobias Obermeier liest die Kinokritik von Lars Henrik Gass mit Interesse. Dass das Kino sich nur noch um sich selber dreht, wie der Autor konstatiert, scheint Obermeier unterschreiben zu wollen. In Filmen wie "Barbie" oder "Triangle of Sadness" entdeckt Gass laut Rezensent keinerlei kritische gesellschaftliche Positionen oder auch nur die Darstellung der Wirklichkeit mehr, nur noch die Selbstbetrachtung der Mittelschicht. Der Essay scheint Obermeier anregend, zumal der Autor sich auf Kracauer bezieht. Allerdings ist die Argumentation nicht immer stringent, und der Autor bedient sich nicht immer der aktuellsten Beispiele, räumt Obermeier ein.