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10.07.2025. Im von der Welt übersetzten Figaro-Gespräch erklärt der Philosoph Jean-FrançoisColosimo die Verurteilung Boualem Sansals: Das oligarchische System Algeriens muss Frankreich als seinen ewigen Feind darstellen, um zu überleben. Die FAZ bewundert beim Festival d'Aix en Provence zahlreiche Produktionen aus dem Nahen Osten. Der Guardian betrachtet in der Londoner Tate Modern Fußabdrücke von Emus auf den Gemälden der Aborigine-Künstlerin Emily Kame Kngwarreye. Antisemitismus ist jetzt eine hippe Jugendbewegung, stellt die Jungle World mit Blick auf die Musikszene fest.
Die Weltübersetzt ein Gespräch aus Le Figaro, das Alexandre Devecchio mit dem Philosophen Jean-FrançoisColosimo über BoualemSansal geführt hat. Colosimo lobt Macron für seine Bemühungen, auf Algerien zuzugehen. "Die Verhaftung und völlig absurde Verurteilung Boualem Sansals haben jedoch klar gezeigt, dass Algier an dieser Versöhnung nicht interessiert ist. ... Die unfassbare Ungerechtigkeit gegenüber Boualem Sansal beweist, dass das obskure, unterdrückende oligarchische System (...) alles tun wird, um zu überleben. Und eben dieses System muss Frankreich als seinen ewigenFeind darstellen, wenn es selbst überleben will. Und es wird, wenn es nicht einen ständigen Tribut zahlen will, mit Repressalien reagieren müssen. Wobei wir jedoch immer eine Tür offenlassen sollten, denn genau darin besteht unsere wirkliche Pflicht gegenüber diesen Intellektuellen und Künstlern, die man aus Algier verjagt hat, für die Paris eine natürliche Zuflucht ist und die morgen eine Nation wieder aufbauen müssen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: In der FAZ spricht Lena Bopp mit dem französischen ComiczeichnerRiadSattouf, vom dem in Deutschland gerade der abschließende Band seiner Serie "Esthers Tagebücher" erschienen ist. Im zweiten Teil ihrer Frankfurter Poetikvorlesung hat sich die Autorin und BuchmacherinJudithSchalansky dem Quecksilber gewidmet, berichtet Judith von Sternburg in der FR. Fridtjof Küchemann berichtet in der FAZ von Branchenaufregungen (PDF-Link) um das vom Schweizer Telekommunikationsanbieter Swisscom als Teil einer Imagekampagne auf den Markt gebrachte Kinderbuch "Die Monsterprinzessin", das per KI erstellt wurde und Kinder dazu animieren soll, ebenfalls via KI Geschichten zu erstellen. Besprochen werden unter anderem Olivier Schrauwens für den renommierten Eisner Award nominierten Comic "Sonntag" (Intellectures), MladenSavics Gedichtband "Mein Tinnitus der Hochkultur" (FR), Bernd Caillouxs Novelle "Auf Abruf" (FAZ), SimonSchwartz' Comic-Adaption von AlfonsKaisersBiografie über KarlLagerfeld (Tsp), Otto A. Böhmers "Geht ein Philosoph übers Wasser" (FAZ) und SveaMausolfs "Image" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Erst im Alter von 80 Jahren begann die australische Aborigines-Künstlerin Emily Kame Kngwarreye zu malen - in nur sechs Jahren schuf sie mehr als 3000 Gemälde, staunt Adrian Searle (Guardian), der ihre Werke in einer Ausstellung der Londoner Tate Modern bewundert, wenn ihm letztlich auch der Zugang fehlt: "Pfeilformen entpuppen sich als die Fußabdrücke von Emus im Sand, die auf ihrem Weg von hier nach dort eine Pause einlegen, um Früchte, Getreide oder Insekten zu fressen. … Manchmal sind die Bilder akribisch geordnet, ein anderes Mal krabbelt eine Linie überall herum, rollt und schwenkt über die große Leinwand. Es gibt Schneestürme von Punkten, durchscheinende weiße Linien, die das Territorium der Leinwand kreuzen und wieder durchkreuzen, und nachdrückliche schwarze Linien, die eine weiße Oberfläche mit Zeichen durchziehen, die fast zusammenhängen - aber zu was?"
In der SZ kommt Jörg Häntzschel - nach Hubertus Butin in der FAZ (unser Resümee) - auf die Geschichte um Georg Kolbes Tänzerinnen-Brunnen für den in Theresienstadt ermordeten Versicherungsdirektor Heinrich Stahl zurück: Kathleen Reinhardt, Museumsdirektorin des Berliner Kolbe Museum, in dessen Garten der Brunnen steht, wollte in diesem Fall von Raubkunst nichts wissen, sondern veröffentlichte eine "ambitionierte 80-seitige Publikation ... Und ja, auch die Geschichte von Heinrich Stahl, seinem Tod im KZ und dem Zwangsverkauf wird detailliert erzählt. Doch so wortreich diese Texte sind, ein paar entscheidende Wörter fehlen, darunter 'geraubt' und 'verfolgungsbedingt entzogen'. Stattdessen heißt es, der Käufer habe die Villa samt Brunnen 'zu einem Spottpreis erworben'." Versäumnisse räumt Reinhardt der SZ gegenüber ein, die Publikation zurückziehen will sie nicht.
Dafür sieht Tobias Timm in der Zeit auch keinen Grund: "Recherchiert man dem vermeintlichen Skandal nach, zerbröseln die krassen Vorwürfe schnell. Das Museum selbst hat die Geschichte des Brunnens in den vergangenen Jahren akribisch aufgearbeitet. Und bereits vor Monaten wurde das Schicksal von Heinrich Stahl, der das KZ Theresienstadt nicht überlebte, in einem Ausstellungsraum thematisiert. Eigens erschien ein Katalogbuch, in dem mehrere Autorinnen alle greifbaren Informationen zum Tänzerinnen-Brunnen zusammengetragen und diskutiert haben."
Weitere Artikel: In der Zeit lässt Jolinde Hüchtker von dem US-amerikanischen Künstler Jordan Wolfson in der Fondation Beyeler einen Ganzkörper-Scan machen und sich die VR-Brille aufsetzen, um sich als Avatar von allen Seiten zu betrachten. In der FAZ hat Karlheinz Lüdeking wenig Freude daran, sich in der Ausstellung "Freischwimmen - Köpper in die Kunst" im Kunstmuseum Wolfsburg von einem "Activity-Guide" zum Haiku schreiben oder Roboter bauen animieren zu lassen.
Zu den in einer VAN-Recherche erhobenen Vorwürfe zu mutmaßlicher Geldverschwendung an der Komischen Oper (unser Resümee) haben sich deren Ko-Intendanten gegenüber VAN bisher nicht geäußert, stattdessen wird über den eigens engagierten Anwalt Christian Schertz kommuniziert, informiert Hartmut Welscher: "Über Schertz lässt die Oper mitteilen, dass 'alle gesetzlichen und sonstigen Vorgaben peinlich genau eingehalten wurden, sodass unseres Erachtens bereits der Berichterstattungsanlass entfällt'. (…) Statt Kritik zu entkräften, versuchen Bröking und Moser, die Kritiker zu diskreditieren".
Weitere Artikel: Im Gespräch mit Axel Brüggemann (BackstageClassical), spricht Katharina Wagner über Sparmaßnahmen bei den Bayreuther Festspielen und fordert, dass "die Tarifsteigerungen zukünftig von den Gesellschaftern mitgetragen würden." In der Nachtkritikmöchte Michael Bartsch wissen, ob Daniel Ris, Intendant der Neuen Bühne Senftenberg das Haus trotz Erfolgs verlassen soll. Aber die Träger des Theaters, der Landkreis Oberspreewald-Lausitz und die Stadt Senftenberg geben keine Auskünfte zu ihren Beweggründen. Die US-amerikanische Opernregisseurin Lydia Steier übernimmt 2027 Leitung der Ruhrtriennale, meldet die FR mit EPD. Besprochen wird Christine Vogts Stück "Totenwache" im F2 Theater im Pflegewohnheim "Am Kreuzberg" (taz).
Installationsansicht der Ausstellung "Schöner Wohnen" in der Kunsthalle Tübingen Foto: Ulrich Metz In der FAZ bedauert es Alexandra Wach ein wenig, dass viele der Architekturvisionen von 1900 bis heute, die die Kunsthalle Tübingen unter dem Titel "Schöner Wohnen" zeigt, nie umgesetzt wurden. Etwa die "Walking City", der "legendären Londoner Architektengruppe Archigram, die dem Fluchtbedürfnis vor Umweltverschmutzung und atomarer Verseuchung buchstäblich keine Grenzen setzte": Ihre "Entwürfe verlagerten das bessere Wohnen in schwimmende Metastädte im Meer oder träumten von einer über die Erdoberfläche auf Stelzen schreitenden mobilen Polis …. Die autarke Stadt für den globalen Arbeitsnomaden sollte sich wie ein riesiges Insekt in einer feindlichen Umwelt fortbewegen. Mit den psychedelisch bunten, aus Zeitschriftenbildern bestehenden Collagen stieg die Gruppe vom architektonischen Insider-Tipp zur Größe der Swinging Sixties auf."
Seit 1992 bastelt Berlin an einem Konzept für den einstigen Molkenmarkt - geplant ist eine mit dem Nikolai-Viertel verbundene "Berliner Altstadt", erinnert Dankwart Guratzsch seufzend in der Welt. Immerhin: Erste Grundlinien der Planung zeichnen sich ab, geplant ist vom Frankfurter Büro Mäckler Architekten ein "Musterquartier gesellschaftlicher Vielfalt, Eigeninitiative und Lebendigkeit." Aber: "An den Planungen, die noch keineswegs abgeschlossen und (vorläufig) bis 2029 terminiert sind, wird in exemplarischer Weise deutlich, was in Architektur und Städtebau in Deutschland schiefläuft. In den 32 Jahren, in denen am Molkenmarkt herumgeplant wird, sind in anderen deutschen Städten ganze Stadtteile neu entstanden ... In Berlins Innenstadt hat man es vorgezogen, stattdessen 19 über drei Jahrzehnte gestreckte Verfahrensschritte mit Senatsbeschlüssen, Werkstätten, Beteiligungsverfahren, Gutachten, Sondierungsphasen, Wettbewerben, Planwerken, Masterplänen, Qualifizierungsverfahren, Rahmenplänen und Machbarkeitsstudien auf sich zu nehmen, um eine vermeintlich 'zeitgemäße' Alternative zu entwickeln: ohne dass bis heute ein einziges Haus entstanden oder auch nur eine Baugrube ausgehoben ist."
Besprochen werden außerdem der Dokumentarfilm "Sep Ruf - Architekt der Moderne" von Johann Betz (taz) und die Ausstellung "Architecture and Energy. Bauen in Zeiten des Klimawandels" im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt (NZZ, mehr hier)
Wer beobachtet hier wen? Szene aus "Der Fleck" von Willy Hans (Grandfilm) Sehr beeindruckend findetPerlentaucherin Stephanie Diekmann WillyHans' Langfilmdebüt "Der Fleck". Der Film handelt von einer Gruppe Schüler, die lieber einen langen Sommernachmittag an einem Flussufer verbringt statt in den Unterricht zu gehen. Doch "wächst das Gefühl der Beklemmung. Nicht auf Seiten der Figuren, von denen sich zwei irgendwann in Bewegung setzen und von da an im Terrain vague zwischen Autobahnbrücke und Flussufer unterwegs sind. Sondern auf Seiten derjenigen, deren Blick an den der Kamera (spektakulär: PaulSpengemann) angeschlossen ist, und denen durch diese Kamera vermittelt wird, dass etwas zurückblickt: aus dem Wald, dem Dickicht, von der anderen Seite des Flusses, aus der Tiefe der Höhlen, aus der Distanz und gelegentlich aus der Nähe. ... Der Horror, der in der Welt wohnt und wartet, ist in wenigen Filmen so behutsam kartiert worden wie in 'Der Fleck'." Dazu passend hier unser Resümee des Filmdienst-Gesprächs, das Kamil Moll mit dem Regisseur geführt hat. Die Kritiker von critic.de - darunter viele, die auch für den Perlentaucher tätig sind - schildern ihre gesammelten Eindrücke vom und Entdeckungen beim Festival Il Cinema Ritrovatoin Bologna, das ganz auf Retrospektiven und Restaurationen spezialisiert ist. Verblüffendes ist dabei an der Tagesordnung. "Es geht hier in Bologna nicht nur darum, Filme wiederzuentdecken", hält Andrey Arnold fest, "sondern auch darum, sie immer wieder neu auszurichten, umzustülpen, sie zu verpflanzen oder auf den Kopf zu stellen, damit sie uns in einem anderen, außergewöhnlichenLicht erscheinen. Erstaunlich, wie produktiv das in den meisten Fällen ist."
Weitere Artikel: Oliver Rahayel resümiert im Filmdienst die Diskussionsveranstaltungen beim FilmfestMünchen. Andreas Scheiner porträtiert für die NZZ den Schauspieler Jeremy Allen White, der im Herbst als BruceSpringsteen im Kino zu sehen sein wird. Thomas Schmoll erinnert in der Welt an ElemKlimovs vor 40 Jahren uraufgeführten Antikriegsfilm-Klassiker "Komm und Sieh".
Besprochen werden ElsaKremsers und LevinPeters "Dreaming Dogs" (Perlentaucher), die Arte-Doku "World White Hate" über den sich übers Internet international vernetzenden Rechtsradikalismus (taz), die von LenaDunham für Netflix geschriebene RomCom-Serie "Too Much" (taz, FAZ) und James Gunns neuer "Superman"-Film (taz, Standard).
Wer in der Musikszene punkten will, muss nur lautstark pro-palästinensisch bis antiisraelisch trommeln und dabei vielleicht sogar - ob bewusst oder schlicht unbedarft - die Grenze zum Antisemitismus überschreiten. So zumindest die Eindrücke, die Lucien Scherrer in der NZZschildert. Beispiele liefert er in großen Mengen, vor allem aber der us-irische Rapper Macklemore steht in seinem Fokus. "Er betätigt sich als Wanderprediger, der es trotz angeblich drohendem Karriereende wagt, 'die Wahrheit' auszusprechen. ... Sein Song 'Hind's Hall' lieferte vor einem Jahr den Soundtrack für die antiisraelischen Aufmärsche und Randale an der Columbia University. Joe Biden, so heißt es darin, habe 'Blut an den Händen'. Natürlich will auch Macklemore nur Antizionist sein. Als er 2014 in Seattle als Kostümjude auftrat, mit schwarzer Perücke, Bart und riesiger Hakennase, will er nicht gewusst haben, welcheStereotype er bediente. Die Episode wäre kaum von Belang, wenn Macklemores Reden und seine millionenfach aufgerufenen Musikvideos nicht auch von Wahnvorstellungen und altbekannten Klischees durchzogen wären. Etwa, dass jüdischesGeld Medien und 'Eliten' manipuliere."
Passend dazu schimpftAntilopen-Gang-Rapper KoljaPodkowik in seiner Jungle-World-Kolumne: "Die internationale Musikszene ist ein antisemitisches shithole. ... Antisemitismus ist eine hippe Jugendbewegung. "
Weiteres: Ueli Bernays (NZZ) und Leon Frei (SZ) denken über The Velvet Sundown nach, eine komplett per KI erstellte Alternativerock-Band, die innerhalb eines Monats mit zwei Alben (das dritte erscheint am Freitag) über eine Million mal gehört wurde (mehr dazu bereits hier). Clemens Haustein liest für die FAZMarketing-Ratgeberfür Orchester.
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