Im Kino

Auf Hundeaugenhöhe

Die Filmkolumne. Von Sebastian Markt
09.07.2025. Elsa Kremser und Levin Peter porträtieren in hyperrealistisch farbgesättigten Impressionen ein Rudel von Straßenhunden, sowie eine Frau, die sich mit den Tieren zusammengetan hat. Der Dokumentarfilm "Dreaming Dogs" ist ästhetisch so ambitioniert wie prekär.

"Once upon a time" - mit diesen Worten beginnt die Texttafel, die den Film eröffnet und den Boden bereitet für die Bilder, die folgen, Es war einmal, wie in einem Märchen. "Dreaming Dogs" erzählt von Fabriken, die einmal waren, und von streunenden Hunden, die sie nachts bewachten, und von Arbeiter*innen, die sie fütterten, bis die Fabriken schlossen, und die Arbeiter*innen verschwanden... bis eines Tages Menschen, die die Stadt ausgespuckt hat, wieder zurückkehren, und selbst zu Streunenden werden.

Den so gesetzten Ton, im Verhältnis zu Zeitlichkeit und Ort, greifen die Bilder, die danach einsetzen, auf: Eine nächtliche Autofahrt, in träumerischer Stimmung, in der sich das künstliche Licht einer ungefähren Urbanität im Gesicht einer Frau und eines Hundes verfängt, eine Autofahrt die sich als vorgestellte entpuppt, eine Fahrt, die das Kino herstellt, während die Frau und ihr Gefährte in einem Autowrack sitzen, in einem posturbanen Irgendwo in der Nähe Moskaus, im Schatten des Zugriffs staatlicher Instanzen.

Die Frau heißt Nadja und kommt, das erfährt man in einem Nebensatz, ursprünglich aus Kasachstan, der Hund heißt Dingo, und ist Teil eines Rudels von Straßenhunden, mit denen Nadja ihre Existenz teilt; er ist der, der ihr am nächsten ist. Von der entrückten Anfangssequenz schwenkt der Film zunächst in einen nüchterneren Modus der Beobachtung. Wir sehen Nadja, manchmal in der Gegenwart anderer Wohnungsloser, in einer Notdürftigen Behausung am Rande einer Industrieruine, folgen alltäglichen Handlungen, der Suche nach Altmetall etwa, das man zu Geld machen kann. Vor allem aber verfolgen wir Nadjas beständiges, monologisches Zwiegespräch mit ihren Hunden, das sich wie eine Kommentarspur über den Film legt.


Die Montage ordnet die Bilder in einen Jahreslauf, vom Sommer in den Winter und eine Zeit danach, zuerst findet das Leben Leben draußen statt, im letzten Akt rückt es wieder näher an die Stadt und an eine Unterkunft heran, wobei auch das Verhältnis zwischen Mensch und Tiere neu ausgerichtet wird.
 
Das Regieduo Elsa Kremser und Levin Peter spinnt hier einen Faden weiter, der in ihrem ersten gemeinsamen Film seinen Anfang hat. "Space Dogs" (2019) erzählte eine essayistische Geschichte von Hunden im Sowjetischen Raumfahrtsprogramm, die vorwiegend von der Straße rekrutiert wurden und zeigte dazu auf der Bildebene, neben montiertem Archivmaterial, vor allem ein Moskauer Rudel streunender Hunde. Diese Straßenhunde wurden zu den Protagonisten des Films; in der dokumentarischen Überblendung von tierischer Sozialität und einer Geschichte technopolitischer Bestrebungen mitsamt der in ihr implizierten Gewalt zielte der Film darauf, menschliche Perspektiven zu überschreiten. Um nichts weniger ging es dem Regieteam als um eine Aufforderung zur Änderung des Blicks.

"Dreaming Dogs" ist eine Art Verzweigung dieses Films, die, um eine menschliche Protagonstin erweitert, auf eine ähnlichen Verschiebung der Perspektive abzielt. Zu seiner komplexen Textur, die in den stärksten Momenten eine lyrische Dichte erhält, gehören die hyperrealistisch farbgesättigten Impressionen, die DoP Yunus Roy Imer einfängt ebenso wie Jonathan Schorrs filigranes Sounddesign. Wie schon in "Space Dogs" begibt sich die Kamera immer wieder auf Hundeaugenhöhe, nicht nur in der Perspektivierung, auch die Handkamerabewegungen nähern sich einem hündischen Dahinschreiten.

Durch das Prisma der Gefährt*innenschaft von Nadja und Dingo offenbart sich das Bild einer ambivalenten wechselseitigen Abhängigkeit von Hund und Mensch. Es ein Blick auf eine ausschnitthaft gefasste Welt, die als Teil einer Realdystopie russischer mehr oder weniger Gegenwart (die Bilder stammen aus der Zeit vor der Invasion der Ukraine) erkennbar ist. Zugleich bricht der Film mal mehr, mal weniger ins Metaphorische und Symbolische aus, mit dem Fluchtpunkt einer nicht-menschlichen Erfahrung der Welt. An mehreren Stellen verdichtet sich  das Dokumentarische in Überblendungen zu dem durchaus betörenden, titelgebenden Hundetraum. Das ist als ästhetischer Entwurf so ambitioniert wie prekär.

Die gezeigte Welt entwickelt als Kinobild bei aller Beschädigtheit eine spezielle Art von Schönheit und kann dabei zugleich den Zweifel nie abschütteln, dass sie in einem anderen als diesem Blick ganz anders (und trostloser) aussehen könnte. Das ist eine Ambivalenz in "Dreaming Dogs". Eine andere liegt in der Metaphorisierung sehr konkreter Existenzen, in der das Spekulative eines hundeähnlichen Blicks einerseits an einen menschlichen Rahmen gebunden bleibt, andererseits aber einen sozialen Zusammenhang auftrennt. Ambivalenzen, die auch der Titel des Films, in seinen beiden Lesarten von träumenden Hunden und erträumten Hunden offen vor sich her trägt.

Sebastian Markt

Dreaming Dogs - Österreich 2024 - Regie: Elsa Kremser, Levin Peter - Laufzeit: 77 Minuten.