Efeu - Die Kulturrundschau
Dieses überzeitliche Mädchenwesen
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15.05.2025. Die Filmkritiker freuen sich, dass mit Mascha Schilinskis "In die Sonne schauen" mal wieder ein deutscher Film in Cannes zu sehen ist, und dann noch eine solche "Sensation", wie die Zeit schwärmt. Die SZ huldigt in einer Kölner Ausstellung den Meistern der Street-Photography Garry Winogrand, Lee Friedlander und Joseph Rodríguez. Die Zeit fragt sich, warum der Goldene Löwe der klimagerechten Architekturbiennale in Venedig ausgerechnet an den Petrostaat Bahrain ging.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
15.05.2025
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Film

Deutsche Filme im Cannes-Wettbewerb müsste man unter Artenschutz stellen, so selten sind sie anzutreffen. Mit "In die Sonne schauen" ist es in diesem Jahr wieder einmal so weit. Die Regisseurin Mascha Schilinski erzählt darin von vier Frauenleben, die sich in einem Zeitraum von hundert Jahren auf einem Hof unweit der Elbe abspielen. Der Film ist eine "Sensation", schwärmt Katja Nicodemus in der Zeit: "Die Bilder erfassen die Wahrnehmung wie Sonnenlicht, das durch geschlossene Lider fällt. ... In manchen Momenten wirkt es so, als erzähle Mascha Schilinski mit ihrer assoziativen Montage nicht nur von einem Ort, sondern von einer einzigen, aus mehreren Frauen, Mädchen und Erinnerungen bestehenden Person, von einer einzigen aus mehreren Zeitlichkeiten zusammenfließenden Gegenwart. Dieses überzeitliche Mädchenwesen besteht aus kindlichen und pubertierenden Körpern, es erlebt die Neugierde auf die Körper der anderen, aber auch Härte, Gewalt, die Traumata der verletzten, missbrauchten Körper. Allgegenwärtig ist die Natur. Raschelnde Blätter, bleierner Himmel kurz vor dem Regen, der Sturm bei der Ernte, die angenehme Kühle des Wassers in der Hitze. Der ewige Kindersommer am Elbstrand."
Die Regisseurin "verwebt die Erzählebenen, springt immer wieder vor und zurück in der Zeit", lobt auch Maria Wiesner in der FAZ, und "dringt dabei so tief in die Köpfe ihrer Figuren, dass man manchmal in ihren Träumen landet. Gerade hier überlappen sich die Bilder, bilden Brücken, weil man erst später feststellt, dass etwas, das man für die Erinnerung einer Figur hielt, in Wahrheit ein Vorgriff auf etwas ist, das einer anderen geschehen wird." Überhaupt gelingt dem Film am Ende auch die "Befreiung zur Empathie".
FR-Kritiker Daniel Kothenschulte findet die "betörende Eigenheit" dieses Films zwar nicht ohne Reiz, kommt aber dennoch nicht rundum überzeugt aus dem Screening: "Wie in einem Haunted-House-Horrorfilm spielt das Haus die Hauptrolle, und die Kamera gleitet in stetem Fluss durch seine Räume. Das Besondere an Schilinskis Bildern, die gar nicht den Versuch machen, sich zu einer übergeordneten Erzählung zu addieren, ist das Zufällig-Anekdotische. In jeder Familie gibt es diese Namen längst Verstorbener, die zum Beispiel nur noch durch einen tragischen Tod in Erinnerung sind. Die Konsequenz, in der Schilinski dem Nachhall solcher Erinnerungen auf spätere Generationen nachspürt, ist imponierend. Wenn sich bei aller Detailfülle dennoch ein Gefühl der Redundanz einstellt, dann liegt das an dem Wenigen, aber Entscheidenden, das fehlt: Es bleiben literarische Bilder."
Valerie Dirk (Standard), Tim Caspar Boehme (taz) und Andreas Scheiner (NZZ) resümieren die Eröffnungsgala. In der Zeit liefert Katja Nicodemus ihre ersten Eindrücke vom Festival.

Außerdem: Jan Küveler porträtiert in der Welt Steven Soderbergh, dessen (auf critic.de besprochener) Thriller "Black Bag" diese Woche im Kino startet, Edo Reents schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Regisseur Robert Benton.
Besprochen werden Sabine Herpichs Kinoporträt über die Indie-Musikerin Barbara Morgenstern (Perlentaucher), Jia Zhang-Kes "Caught by the Tides" (critic.de, FD), Zach Lipovskys und Adam B. Steins Horrorfilm "Final Destination: Bloodlines" (Perlentaucher) sowie Guy Maddins, Evan Johnsons und Galen Johnsons "Rumours", in dem Staatschefs es mit Untoten zu tun bekommen (taz). Außerdem blickt der Filmdienst auf die wichtigsten Kinostarts der Woche.
Architektur
In der FAZ schaut Klaus Englert an der Fassade von Bjarke Ingels "kolossaler siebengeschossiger Betonstruktur" in Kopenhagen hoch, in dem sich das neue Büro des Stararchitekten befindet: "Ingels und der zweite Entwurfsarchitekt Frederik Lyng wollten auf der Spitze von Sundmolen offenkundig unbedingt ein architektonisches Manifest errichten, mit betont brutalistischer Manier und skulpturaler Ästhetik. Wer sich dem Gebäude nähert, steht vor massiven, aufeinandergestapelten Betonfertigteilen, die das Tragwerk bilden. In den Zwischenräumen sind riesige Fensterbänder platziert, die den rund 250 Mitarbeitern einen malerischen Ausblick auf Hafenbecken und Altstadt gewähren. Der besondere Clou der Konstruktion sind die in das Beton-Glas-Schachbrettmuster eingefügten Dreieckselemente, die sich auf jedem Geschoss zu einer Terrasse formen - und zugleich den Weg zur Feuertreppe bahnen. Diese mit dem Tragwerk verbundene Außentreppe windet sich einmal um das ganze Haus."
Maximilian Probst wandert für die Zeit durch die Architekturbiennale in Venedig (unsere Resümees), die ihren Anspruch auf klimagerechtes Bauen nicht ganz erfüllen kann: "Diese Biennale bleibt in sich zerrissen: Das alte Technikdenken, der gewohnte Fortschrittsglaube führen in die Irre, das ist vielerorts zu spüren. Doch noch immer wird die kluge Skepsis an den Rand gedrängt, noch immer will man sich für neue Spektakelprojekte begeistern. Nicht zufällig ging der Goldene Löwe für den besten Pavillon an den Petrostaat Bahrain, der munter neue Ölfelder erschließt, Beton-, Glas- und Stahlfassaden im Globalstil hochzieht und dennoch in seinem Pavillon Schatten spendende lokale Bauweisen vorstellt."
Maximilian Probst wandert für die Zeit durch die Architekturbiennale in Venedig (unsere Resümees), die ihren Anspruch auf klimagerechtes Bauen nicht ganz erfüllen kann: "Diese Biennale bleibt in sich zerrissen: Das alte Technikdenken, der gewohnte Fortschrittsglaube führen in die Irre, das ist vielerorts zu spüren. Doch noch immer wird die kluge Skepsis an den Rand gedrängt, noch immer will man sich für neue Spektakelprojekte begeistern. Nicht zufällig ging der Goldene Löwe für den besten Pavillon an den Petrostaat Bahrain, der munter neue Ölfelder erschließt, Beton-, Glas- und Stahlfassaden im Globalstil hochzieht und dennoch in seinem Pavillon Schatten spendende lokale Bauweisen vorstellt."
Bühne
In der FAZ resümiert Wiebke Hüster den Streit um den Musikalischen Direktor des Stuttgarter Balletts Mikhail Agrest, dessen Vertrag nicht verlängert wird, was das Ballett fünfzigtausend Euro kostet. In der NZZ schaut Christian Wildhagen den ESC-Kontest aus der Sicht eines Opernkritikers.
Kunst

Die Werke von drei Meistern der Street-Photography sieht Kritiker Marc Hoch in einer Ausstellung im Museum Ludwig in Köln versammelt: Garry Winogrand, Lee Friedlander und Joseph Rodríguez. Während in Winogrands Aufnahmen von Menschen und Plätzen aus dem New York der siebziger Jahre die unbändige Energie des rastlosen Künstlers zu spüren ist, sind Rodríguez' Aufnahmen ruhiger und atmosphärischer, findet Hoch: "Rodríguez fotografierte häufig in den frühen Morgenstunden, in seinem Taxi porträtierte er Sexarbeiter, Gäste von SM-Bars, Familien auf dem Weg zum Gottesdienst. Es sind sehr persönliche, beinahe intime Aufnahmen; die Menschen mit ihren Persönlichkeiten und Lebensgeschichten, die Rodríguez in einigen Bildtexten andeutet, rücken einem nahe. Aber auch das Licht und die Schönheit der aufgehenden Sonne über den Wolkenkratzern, der Nebel der Stadt oder der auf die Windschutzscheibe prasselnde Regen werden in seinen atmosphärisch dichten Fotos erfahrbar."
Weiteres: Hans-Joachim Müller ist in der Welt nicht begeistert von einer Aktion der Berner Kunsthalle: der Künstler Ibrahim Mahamas hat die Fassade nach Christo-Vorbild mit Jutesäcken verhängt, als "kritischen Kommentar zum eurozentrischen Fokus der Kunsthalle" - Müller vermisst hier unter anderem Christos Eleganz. Besprochen werden die Ausstellung "Worin unsere Stärke besteht" im Schloss Biesdorf, die Kunst aus der DDR zeigt (taz), und die Ausstellung "Kunst fühlen. Wir. Alle. Zusammen" in der Kunsthalle Bremen, die sich mit dem Thema Kunst für Menschen mit Sehbehinderung auseinandersetzt (taz).
Literatur
Boualem Sansal bekommt heute in Abwesenheit den renommierten Jiří-Theiner-Preis des tschechischen Buchhänderverbands, meldet Claus Leggewie im Perlentaucher. Sehr bedauerlich findet es Volker Weidermann in der Zeit, dass das Jerusalem Book Forum in diesem Jahr ausfallen muss. Roman Bucheli berichtet in der NZZ von der Beerdigung des Literaturwissenschaftlers Peter von Matt (hier unser Resümee der Nachrufe auf ihn). Benjamin Stolz empfiehlt in der Presse sechs unheimliche Bücher für den Sommer.
Besprochen werden unter anderem Steffen Kopetzkys "Atom" (FR), Comics von Tara Booth (FAZ.net), Annie Ernauxs "Ich komme nicht aus der Dunkelheit heraus" (Zeit), Lisa Palmes' und Lothar Quinkensteins Neuübersetzung von Bolesław Prus' polnischem Klassiker "Die Puppe" (FAZ) und Patricia und Herta Luegers "Bardame gesucht, Zimmer vorhanden" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Besprochen werden unter anderem Steffen Kopetzkys "Atom" (FR), Comics von Tara Booth (FAZ.net), Annie Ernauxs "Ich komme nicht aus der Dunkelheit heraus" (Zeit), Lisa Palmes' und Lothar Quinkensteins Neuübersetzung von Bolesław Prus' polnischem Klassiker "Die Puppe" (FAZ) und Patricia und Herta Luegers "Bardame gesucht, Zimmer vorhanden" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Musik
Völlig beglückt kommt Standard-Kritiker Stefan Ender von einem Wiener Beethoven- und Schubert-Abend der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi nach Hause. Insbesondere Schuberts Unvollendete muss ein Ereignis gewesen sein: "Gebannt folgte man einer gleichermaßen detailreichen wie emotional weit gespannten Klangerzählung, die in ihrer emotionalen Wahrhaftigkeit fast überforderte. Die akute Erkrankung eines Konzertgastes während Janine Jansens Interpretation des Beethoven-Violinkonzertes schärfte noch den Fokus auf die Fragilität aller existenziellen Dinge. Die wenigen Moll-Passagen ließen innerlich frösteln. Das Spiel der Niederländerin, natürlich und nuanciert, frisch und lebensklug, war ein Geschenk. Nie möchte man das Werk mehr anders hören."
Menschen, denen Israelkritik ganz besonders am Herzen liegt, verweisen gerne darauf, dass der ESC ja auch Russland wegen des Kriegs in der Ukraine ausgeschlossen hat - warum dann nicht auch Israel? Die Veranstalterin - die EBU, die europäische TV- und Radio-Union der öffentlich-rechtlichen Sender, weist dies plausibel zurück, findet Jan Feddersen in der taz: "Obwohl es häufig so scheint, nehmen am ESC keine Länder teil, sondern unabhängige TV-Stationen. Das sei in Russland und Belarus spätestens seit dem Krieg gegen die Ukraine nicht der Fall. In Israel jedoch sei KAN vom Staat unabhängig - Raphael trete also nicht als Regierungschanteuse an. ... Obwohl sich ein Millionenpublikum den ESC als eine Art politische Europameisterschaft der Pop-Künste vorstellt, kann für die eurovisionäre Oberinstanz nur eine Abwägung gelten. Arbeitet ein TV-Sender vom Staat in, zumindest geringfügiger, Distanz? Diese Herangehensweise hatte zur Folge, dass Russland etwa nach der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim nicht verbannt wurde, auch der britische Falkland-Krieg in den frühen Achtzigerjahren führte zu keinen Sanktionen."
Weitere Artikel: Margarete Affenzeller erklärt im Standard, wie der ESC sexuelle Zweideutigkeiten in Texten zensiert. Marco Schreuder plaudert für den Standard mit dem österreichischen ESC-Teilnehmer JJ. Corina Gall porträtiert für die NZZ die ESC-Moderatorin Hazel Brugger.
Besprochen werden Craig Finns Album "Always Been" (FR), ein Auftritt des Geigers Aliosha Biz (Standard), ein Konzert von Bugge Wesseltoft in Frankfurt (FR), der ARD-Dreiteiler "Max & Joy - Komm näher" über die Beziehung der beiden Musiker Joy Denalane und Max Herre (taz), Stascha Baders Dokumentarfilm "Das Geheimnis von Bern" über die Berner Musikszene (NZZ), ein Liederabend mit Georg Zeppenfeld und Gerold Huber im Frankfurter Opernhaus (FR), ein Comeback-Album von Little Feat (SZ) und das gemeinsame Album von Mark Pritchard und Thom Yorke ("ein schönes Album", schwärmt Karl Fluch im Standard).
Menschen, denen Israelkritik ganz besonders am Herzen liegt, verweisen gerne darauf, dass der ESC ja auch Russland wegen des Kriegs in der Ukraine ausgeschlossen hat - warum dann nicht auch Israel? Die Veranstalterin - die EBU, die europäische TV- und Radio-Union der öffentlich-rechtlichen Sender, weist dies plausibel zurück, findet Jan Feddersen in der taz: "Obwohl es häufig so scheint, nehmen am ESC keine Länder teil, sondern unabhängige TV-Stationen. Das sei in Russland und Belarus spätestens seit dem Krieg gegen die Ukraine nicht der Fall. In Israel jedoch sei KAN vom Staat unabhängig - Raphael trete also nicht als Regierungschanteuse an. ... Obwohl sich ein Millionenpublikum den ESC als eine Art politische Europameisterschaft der Pop-Künste vorstellt, kann für die eurovisionäre Oberinstanz nur eine Abwägung gelten. Arbeitet ein TV-Sender vom Staat in, zumindest geringfügiger, Distanz? Diese Herangehensweise hatte zur Folge, dass Russland etwa nach der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim nicht verbannt wurde, auch der britische Falkland-Krieg in den frühen Achtzigerjahren führte zu keinen Sanktionen."
Weitere Artikel: Margarete Affenzeller erklärt im Standard, wie der ESC sexuelle Zweideutigkeiten in Texten zensiert. Marco Schreuder plaudert für den Standard mit dem österreichischen ESC-Teilnehmer JJ. Corina Gall porträtiert für die NZZ die ESC-Moderatorin Hazel Brugger.
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