Im Kino
Dialogisches Beobachten
Die Filmkolumne. Von Sebastian Markt
14.05.2025. Sabine Herpich beobachtet in "Barbara Morgenstern oder die Liebe zur Sache" die Entstehung eines Albums von den ersten Songideen bis zur Promo-Tour. Sichtbar wird dabei unter anderem das Vermögen von Kunst, etwas von den schnöden Bedingtheiten seiner Entstehung zu emanzipieren und schillern zu lassen.
Barbara Morgenstern sitzt in ihrer Wohnung vor einem Laptop und schiebt Beats auf einer Songtimeline hin und her. Dann spielt sie den Beat ab und rollt aus dem Bild, an, das hören wir sofort, und werden es später noch sehen, ein Keyboard, und probiert eine Melodie aus. Als sie wieder ins Bild zurückkommt, dreht sie sich unvermittelt in Richtung Kamera und sagt: "Weißt Du, was ich intuitiv merke? Ich hab' das Bedürfnis, mich Dir zu erklären; was ich mache. Aber das mach' ich jetzt einfach nicht!" "Musst Du nicht!" antwortet eine Stimme, und dann lachen beide. Die Stimme aus dem Off gehört Sabine Herpich, der Regisseurin des Films, ihrem 5. Langfilm, und dem insgesamt sechsten Film in ihrem bisherigen Werk, der sich mit Künstler*innen, Kunst und ihrer Vermittlung beschäftigt.
Es ist die erste Szene in "Barbara Morgenstern und die Liebe zur Sache" und eine, die in nuce Herpichs dokumentarisches Herangehen wiedergibt: ein Dabeisein, das sich selbst nicht unsichtbar machen möchte, ein empathisches Interesse an den Leuten, die sie porträtiert, ein Interesse, das im Blick spürbar wird, und im Ton mitunter hörbar, ein dialogisches Beobachten, in dem sich eine Beziehung entspinnt, die mehr ist als eine von Subjekt und Objekt. Und ein Verstehen, das sich nicht in Erklärungen erschöpft.
Die Sache, von der der Film erzählt, und von der Liebe zu ihr, ist - zunächst - Musik. Herpich begleitet den Entstehungsprozess von Barbara Morgensterns elftem Album "In anderem Licht". Morgenstern, das erzählt sie im Film in einem der wiederkehrenden Momente, in dem sich aus ihrem Machen und Herpichs Zugucken ein Gespräch entwickelt, ist, an ihre lange Chor- und vor allem Theater Erfahrung - 2021 hatte sie für Helgard Haugs "All right. Good night." für ein 17-köpfiges Ensemble komponiert - anknüpfend, dem Wunsch nachgegangen, jenseits ihres elektronisch-experimentellen Hintergrunds Musik für ein Ensemble zu schreiben.

Der Film folgt auf einer dramaturgischen Ebene den Stationen eines Schaffensprozesses: Komponieren, Arrangieren und Texten, Proben mit den fünf Musiker*innen, mit denen Morgenstern das Album aufnehmen wird, die Studiosession selbst, die ein Herzstück des Films ausmacht, Beratungen mit der Graphikerin über die Covergestaltung, Fotoshooting und Musikvideodreh, promotion-Interviews im Radio, dazwischen Gespräche mit dem Label, und schließlich eine kleine Konzerttour.
Nicht nur, wenn Morgenstern mit Staatsakt-Gründer Maurice Summen über der Excel-Kalkulation für einen Förderantrag sitzt, werden die Umrisse einer Ökonomie sichtbar, die meilenweit entfernt von Verhältnissen sind, die man (früher mal) mit Popstar assoziiert haben mag. Dem Film fehlt im Blick auf Pop als Business in dürftigen Zeiten aber jede Bitterkeit, was nicht nur Morgensterns Lakonie geschuldet ist.
Dass Kunstwerden als Arbeitsprozess sichtbar wird, als entmystifizierte Praxis, die sich aus unterschiedlichen Kontexten speist, ist ein Zug, der schon in früheren Filmen Herpichs grundlegend war. Hier wird dies auch greifbar als Netz von Entscheidungen, die in unterschiedlichen Verbindungsgraden zu Akten von Schöpfung stehen. Da ist kein geradliniges in-die-Welt-Tragen einer Idee, sondern ein kollaborativer Prozess, dem Abbrüche und Richtungswechsel, Neuanfänge und Verschiebungen nichts Fremdes oder Störendes sind.
Oder auch: Texte umschreiben, Gesangsspuren neu aufnehmen, Fragen des Arrangements aber eben auch das Ausprobieren oder auf Abstand Halten von Deutungsversuchen, die Diskursivierung von Pop, die spürbar wird, wenn mit dem Label über den "Album-Waschzettel" beraten wird, oder in Presseinterviews die eigenen Arbeit auf die Gegenwart bezogen wird, und auf Lesarten derselben. Herpichs Montage nimmt diese Bewegungen auf, und ermöglicht es, etwa wenn Songs in unterschiedlichen Er- und Bearbeitungsstufen, in unterschiedlichen Formen des darüber Sprechens wiederkehren, eine komplexe künstlerische Praxis zu erfahren.
Die Faszination die "Barbara Morgenstern und die Liebe zur Sache" ausübt, speist sich einerseits aus dem mitnehmenden illusionslosen Unverzagtheit der Protagonistin und andererseits gerade aus diesen Zwischenräumen, dem Beobachten, wie etwas Gestalt annimmt, aus Schichten von Entscheidungen und Umständen, Ideen und Kollaboration, und aus einem Blick, der nüchtern ist und das Überspringen dessen, was in Morgensterns Musik angelegt ist, erlaubt.
Im letzten Teil des Films blättert Morgenstern in alten Fotoalben, zeigt Bilder früherer Mitstreiter*innen, und erzählt dabei unumwunden auch davon, in einer kleinen biographischen Erzählung, was das Musikmachen ihr bedeutet, als ein Raum, der ihr ein Anverwandeln der Welt erlaubt. Wenn dann die Aufnahmen der kleine Konzerttour nach dem Erscheinen des Albums folgen, die Musiker*innen wieder versammelt zusammen auf der Bühne vor Publikum stehen und einen Song spielen, der zuvor schon in verschiedenen Stadien seiner Erarbeitung aufgetaucht ist, schließt der Film einen Kreis. Und realisiert in einem ephemeren Moment, der ein affektives Verhältnis von Künstler*innen und Publikum (wobei das Kinopublikum sich im Saalpublikum der gefilmten Szene verdoppelt) eröffnet, ein Versprechen, das in der Beobachtung des Alltags seiner Herstellung immer wieder anklingt. Sichtbar wird ein Vermögen von Kunst, das einfache Beziehungen zwischen Bedeutung und den schnöden Umständen, in denen sie entsteht, übersteigt, wenn etwas sich aus seinen Bedingtheiten emanzipiert und zu schillern beginnt.
Im Lied des Albums, von dem der Film sich den Titel leiht, singt Morgenstern:
Die Liebe zur Sache
Zum Rest der Welt
Ich bin mir sicher
Dass das noch zählt
Herpichs Film vermittelt eben dies unausgesprochen, für die Porträtierte wie für die Porträtierende gleichermaßen.
Sebastian Markt
Barbara Morgenstern und die Liebe zur Sache - Deutschland 2024 - Regie: Sabine Herpich - Laufzeit: 109 Minuten.
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