Im Kino
Getrübtes bluttriefendes Vergnügen
Die Filmkolumne. Von Rajko Burchardt
14.05.2025. Die "Final Destination"-Filmreihe lebte bislang von der schönen Einfachheit einer garstigen Idee: Wer versucht, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, der stirbt auf besonders abstruse Weise. Die neue, von Zach Lipovsky und Adam B. Stein inszenierte Fortsetzung namens "Bloodlines" versucht sich an Innovationen und hat dabei leider keine allzu glückliche Hand.
Der Tod ist ein gründlicher Geselle in den von katastrophalen Vorahnungen und fatalen Konsequenzen ihres Nichteintretens erzählenden "Final Destination"-Filmabenteuern: Auch wer zunächst seinen "Plan durchkreuzen" kann - so die wunderbar überdimensionierte, in quasiphilosophische Zungenschläge verpackte Annahme der häufig adoleszenten Figuren, die sich dem Tod von der Schippe gesprungen wähnen -, wird alsbald das Zeitliche segnen müssen. In diesem Fall lediglich über einige spektakuläre, zum Wahrzeichen der Kinoreihe gewordene Umwege. Je garstiger, desto besser.
Nach 14 viel zu langen Jahren Franchise-Pause stattet der sechste "Final Destination"-Teil den unsichtbaren Antagonisten mit einem besonders nachtragenden Charakter aus. Noch über ein halbes Jahrhundert später macht er Jagd auf Menschen, die ihn zu hintergehen versuchten! Hielten sich sämtliche Fortsetzungen bislang eng ans Muster des Originals, das eine Gruppe von Jugendlichen gegen allzu lebhafte Todesvisionen in Stellung brachte, dehnt "Final Destination: Bloodlines" den Kerngedanken der Reihe transgenerational aus: Wem es gelingt, ein eigentlich tödliches Ereignis zu vereiteln und Gevatter Tod dauerhaft abzuwehren, der bringt nunmehr auch seine Nachkommen in Gefahr. Mit der Überlistung des Todes entsteht schwere Schuld. Diese Sippschaften hätte es niemals geben dürfen.
Folglich sieht Stefani (Kaitlyn Santa Juana), die reichlich überforderte Heldin aus "Final Destination: Bloodlines", im Gegensatz zu ihren Vorläufern nicht den eigenen baldigen Tod voraus. Vielmehr träumt die Studentin von einem weit zurückliegenden Unglück, das ihrer Großmutter widerfahren ist - beziehungsweise widerfahren wäre, hätte sie es nach der schrecklichen Eingebung nicht zu verhindern gewusst. Nahezu alle damaligen Überlebenden seien kurze Zeit später unter mysteriösen Umständen verstorben, erfährt Stefanie im Zuge ihrer Recherchen von ihrer seit Jahrzehnten hermetisch abgeriegelt wohnenden Oma. Ehe auch diese vor den Augen der Enkelin ins Jenseits befördert wird, klar.
Beispielhaft für die amüsant mit sich selbst verstrickte Kausalität des "Final Destination"-Universums ist der Drehbuchein- oder vielleicht sogar -unfall, dass ohne Stefanis neugieriger Kontaktaufnahme weder ihre Großmutter ums Leben gekommen wäre, noch ihre Angehörigen fortan in Gefahr schweben würden. Putzmunter nämlich arbeitet der Tod sich nun am Familienstammbaum ab, während es den juvenilen Protagonisten erneut auf grandiose Weise misslingt, ihm tatsächlich ein Schnippchen zu schlagen. Darin liegt der hundsgemeine, nur allzu wirklichkeitsgebundene Fatalismus von "Final Destination": Man darf zwar Gott spielen, aber keineswegs erwarten, dass das irgendetwas bringen würde.Aus der deterministischen Prämisse bezieht die Reihe seit jeher ihren speziellen Reiz. Wo Gewissheit dominiert, niemand werde verschont bleiben (und den Figuren sogar die Reihenfolge ihres Ablebens bewusst ist), liegt das Augenmerk auf der filmischen Struktur selbst. Genauer: Auf der Frage, welche plausibilitätsbefreite Verkettung ungünstig ineinander greifender Ereignisse oder zu Mordwerkzeugen sich verselbständigender Alltagsgegenstände letztlich zum erwarteten Resultat führen könnte. Womit "Final Destination" eine der Grundvoraussetzungen des Slasherkinos, das lustvoll arrangierte Sterben ("kreatives Töten"), geradezu übererfüllt. In kaum einer anderen Horrorfilmserie darf Menschen auf so vielfältige Weise beim Sterben zugeschaut werden.
Leider jedoch ist genau dieses Vergnügen in "Final Destination: Bloodlines" erstmals deutlich getrübt. Schon die Eröffnungssequenz, jene meist infernalische Todesvision, die den frühen Höhepunkt aller "Final Destination"-Kapitel bildet, enttäuscht weitgehend. Präsentieren sich die Openings sonst als spielerische Eskalationshypothesen, in denen alle wichtigen Figuren vorgestellt und sogleich kurzer Prozess mit ihnen gemacht wird, bleibt der Auftakt hier ein ästhetisch und figural vom Rest des Films isolierter Flashback. An die kleinen, rasanten Grand-Guignol-Meisterwerke der Vorgänger reicht die geschmackvoll ausgedehnte statt konzentriert skrupellose Exposition der neuen Fortsetzung schlicht nicht heran.
Aus dem Perspektivwechsel ergeben sich darüber hinaus unnötige Verschiebungen des bisher stabilen Erzählgerüsts. Die vom Tod verfolgte Schicksalsgemeinschaft erweist sich nicht mehr als unfreiwillige oder durch den bloßen Umstand der geteilten Bedrohung miteinander verbundene Gruppe (was auch heißt, dass sie im Sinne des herrlich räudigen Exploitation-Charakters der Reihe nicht länger einem austauschbaren Figurenarsenal entspringt), sondern als eine auf familiäre Verwicklungen herunter gedampfte Blutsbande, die vergleichsweise spät ins Zentrum der Handlung rückt. Allzu deutlich scheint man an diesem Punkt darum bemüht die gerade hinsichtlich ihrer Formelhaftigkeit und Stringenz gefestigten Grundelemente der Filmserie zu variieren.
Obwohl auch "Final Destination: Bloodlines" in einigen Momenten ausreichend Freude bereitet, insbesondere während der gewohnt exzessiven und geistreichen Todesszenen, kann sich der Film von seinen konzeptionellen Neuerungen nie ganz erholen. Zudem verschwinden viele entscheidende visuelle Details in der hässlich blassen Farbigkeit und in schummrigen Kontrasten, was kennzeichnend ist für den formalästhetischen Verfallsprozess jüngerer Mainstream- und Genreproduktionen. Zum Blick fürs Wesentliche, der "Final Destination" vorübergehend abhanden gekommen ist, zählte immer auch das Vertrauen in die markante, bluttriefend schöne Einfachheit der eigenen Idee.
Rajko Burchardt
Final Destination: Bloodlines - USA 2025 - Regie: Zach Lipovsky, Adam B. Stein - Darsteller: Kaitlyn Santa Juana, Teo Briones, Richard Harmon, Owen Patrick Joyner, Anna Lore - Laufzeit: 100 Minuten.
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