Efeu - Die Kulturrundschau
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05.05.2025. FR und Nachtkritik erfreuen sich an Clemens Setz' Stück "Die Erfindung" am Schauspielhaus Stuttgart, das die "hedonistische Selbstzufriedenheit" unserer Zeit aufs Korn nimmt. Die Beton-brut-Ästhetik kommt den Kunstwerken im Neubau des Musee des Beaux-Arts vom Architekturbüro Titan in Rennes entgegen, wie die NZZ staunt. Dem Musiker Christoph Annen ist es in der FAZ ganz recht, wenn die GEMA das E-Musik-Privileg abschafft. Die SZ denkt mit der Schriftstellerin Teresa Präauer über den "Old Money"-Look als Ausdruck gesellschaftlicher Unsicherheiten nach.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
05.05.2025
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Bühne

Nachtkritiker Thomas Rothschild fügt hinzu: "Clemens J. Setz ist nicht der Mann für moralisierende Plädoyers. Vielmehr spielt er (…) mit den Elementen von Trash und überlässt es dem Publikum, sich darüber zu amüsieren oder angeekelt abzuwenden. Seine 'Erfindung' lässt sich als Kritik an einer aus den Fugen geratenen Zivilisation lesen - manche mögen es Mangel an Geschmack nennen, andere einen aufklärerischen Tabubruch. Es ist gerade diese Ambivalenz, die dem Stück eine theatrale Wirkung verschafft. Zumal in einer Zeit, in der zunehmend nach Eindeutigkeit gefahndet, Mehrdeutigkeit verteufelt wird. (…) Kein Zweifel: Clemens J. Setz gehört zu den eigenwilligsten Dramatikern unserer Tage. Er hat eine unverwechselbare Handschrift, abseits von einem altbackenen Naturalismus ebenso wie von der Ästhetik der Performance."
Im Liveblog zum Berliner Theatertreffen dokumentiert Esther Slevogt für die Nachtkritik die Rede des Regisseurs Christopher Rüping, der das Preisgeld für den ihm verliehenen Theaterpreis 2025 ablehnt: "Angesichts der Kürzungen im Kulturetat des Landes Berlin, wolle der Regisseur kein Geld 'aus den Händen des Senats' annehmen. Rüping spendet das Preisgeld an die von den Kürzungen betroffenen Organisationen und Institutionen gemäß ihrem Anteil am Gesamtvolumen der Streichungen. Es seien 57 Einrichtungen, 'deren Bankverbindungen sich ermitteln lassen', so Rüping. 'Insgesamt sind damit 0,018 Prozent der vom Senat beschlossenen Kürzungen zurückgenommen', heißt es in der Rede."
Weiteres: Der Intendant Pierre Audi ist mit 67 Jahren gestorben, Welt, FAZ und SZ trauern. Die Welt und der Tagesspiegel statten dem Berliner Theatertreffen einen Besuch ab. Das "Ja, Mai"-Festival der Bayerischen Staatsoper besticht die SZ mit seinem Japan-Schwerpunkt.
Besprochen werden: "Adam und Eva" bei den Schwetzinger Festspielen von Mike Swoboda und Anne-May Krüger, Regie Andrea Moses (FAZ), Ludovic Lagardes "Médecine générale" nach Olivier Cadiot im Théâtre des Abbesses (FAZ), Rimini Protokoll mit "Futur4" im Wiesbadener Staatstheater (FR, Nachtkritik), "Friends of Forsythe" bei den Maifestspielen im Wiesbadener Staatstheater, inszeniert von William Forsythe und Rauf Yasit (FR), "Wurzelbaum" von Célestine Hennermann, auch auf den Maifestspielen (FR), "Also sprach Zarathustra" nach Friedrich Nietzsche, inszeniert von Sebastian Hartmann am Schauspielhaus Zürich (Nachtkritik, NZZ) und beim Berliner Theatertreffen René Polleschs letzte Inszenierung "ja nichts ist ok" an der Volksbühne (Nachtkritik) und "Blutbuch" nach dem Roman von Kim de L'Horizon am Theater Magdeburg, inszeniert von Jan Friedrich (Nachtkritik).
Architektur
Ulf Meyer besucht für die NZZ den Neubau des Musée des Beaux-Arts in Rennes, entworfen vom Büro Titan aus Nantes, das mitten in einem strukturschwachen Stadtteil steht und nicht die Bewohner zur Kunst, sondern die Kunst zu den Bewohnern bringen soll: "Der Kontrast zwischen den dunklen Räumen mit ihrem höhlenartigen Beton, aus dem die Wände bestehen, und der hellen Galerie in der unteren Etage gehört zur wirkungsvollen Szenografie des neuen Museums. Die Straßenfassade aus Glasbaustein erinnert nicht nur an die berühmte Maison de Verre in Paris. Ein rundes Oculus lässt zusätzliches Oberlicht in den Saal fallen. Ein Oberlichtband aus rahmenlosem Glas erlaubt es Besuchern, anderen beim Schauen zuzuschauen. Den Kontrast von roh und fein spielen die Architekten auch bei der Wahl der Materialien aus: Der herbe, graue Beton ist sandgestrahlt, die halbrunde Wendeltreppe und der runde Fahrstuhlturm spielen ebenfalls mit der Beton-brut-Ästhetik. Die ausgestellten Kunstwerke wirken in diesem Interieur umso delikater."
Literatur


Besprochen werden die vom Comichistoriker Alexander Braun kuratierte Ausstellung "Black Comics" im Schauraum: Comic + Cartoon in Dortmund (Standard), die Urfassung von Jean Genets "Querelle de Brest" (online nachgereicht von der FAZ), die Neuausgabe von Doris Brehms erstmals 1955 veröffentlichten Romans "Eine Frau zwischen gestern und morgen" (Standard), Ralf Konersmanns Essay "Außenseiter" (NZZ) und neue Krimis, darunter Becky Manawatus "Auē" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Film
Philipp Stadelmaier berichtet im Filmdienst den Kongress Zukunft Deutscher Film in Frankfurt. Valerie Dirk spricht für den Standard mit August Diehl, der aktuell in Michael Lockshins russischem Arthouse-Blockbusterfilm "Der Meister und Margarita" den Woland spielt (hier und dort unsere Resümees). Florian Bayer resümiert in der taz das Linzer Filmfestival Crossing Europe. Besprochen werden der Netflix-Dreiteiler "Vom Rockstar zum Killer: Der Fall Bertrand Cantat" (Presse), Paul Feigs Krimikomödie "Nur noch ein kleiner Gefallen" (SZ), der ARD-Vierteiler "Die Augenzeugen" (FAZ) und der neue "Marvel"-Blockbuster "Thunderbolts" (FAZ).
Musik
Der Rockmusiker Christopher Annen verteidigt in der FAZ die zur Debatte stehende Reform der GEMA, nach der das E-Musik-Privileg bei den Tantiemen künftig aufgelockert werden soll: Innovation entsteht schließlich nicht allein im Elfenbeinturm, sondern auch in populäreren Musikformen abseits der ganz großen Publikumserfolge. Der Blick auf die Zahlen zeigt zudem, "dass etwa dreißig Prozent der Wertung einem sehr kleinen Kreis von wenigen Hundert Komponistinnen und Komponisten vorbehalten sind, die sogenannte E-Musik schreiben. Siebzig Prozent bleiben für die Tausenden Komponistinnen und Komponisten der U-Musik, die außerdem 97 Prozent dieser Wertungsmittel erwirtschaften. In der E-Wertung teilen sich allein die wertungsstärksten hundert Komponisten fünf Millionen Euro, mehr als dreißig Prozent der E-Wertung gehen an Komponistinnen und Komponisten, die älter als siebzig sind. Diese Umverteilung von aufkommensschwächer zu aufkommensstark und von jung nach alt ist ein generelles Problem der Wertung, da sie, neben der künstlerischen Wertigkeit, vor allem das allgemeine Aufkommen und die Mitgliedsjahre in der GEMA berücksichtigt. Im Sinne einer kulturellen Nachhaltigkeit ist es daher sehr wichtig, dass wir mehr Förderung an Newcomer geben."
Weitere Artikel: In der Debattenreihe der Jungle World über 50 Jahre Punk ärgert sich Ronja Schwikowski, Chefredakteurin des Szenemagazins Plastic Bomb, wie alternde Puristen jegliche Inspiration von außen aus der Szene fernhalten wollen: Dabei ist "der interessante Punk heute ein Hybrid unterschiedlichster Popreferenzen und keine Reproduktion des Immergleichen." Michael Pilz fragt sich in der Welt, ob er sich nach den MeToo-Vorwürfen gegen Arcade-Fire-Sänger Win Butler vor ein paar Jahren noch das neue Album dessen Band anhören kann. Christian Schachinger resümiert im Standard den Auftakt des 20. Donaufestivals in Krems. Rahel Zingg blickt für die NZZ auf den Beginn des Prozesses gegen den Rapper Sean Combs, dem schwerer sexueller Missbrauch in mehr als hundert Fällen vorgeworfen wird. Marlene Knobloch plauscht für Zeit Online mit dem Schauspieler Jeff Goldblum, der gerade ein neues Jazzalbum veröffentlicht hat. Im Musikvideo lässt er es sich sommerlich-leicht gut gehen, dass man es ihm am liebsten gleich nachtun möchte:
Besprochen werden ein von Mirga Gražinytė-Tyla dirigiertes Konzert der Wiener Philharmoniker mit Yuja Wang (Standard), ein Konzert von Tyler The Creator in Frankfurt (FR), und Lael Neales Album "Altogether Stranger", auf dem sie laut Standard-Kritiker Karl Fluch "eine charmante Dröhnmusik schafft, die in ihrer solipsistischen Anmutung jede Menge schrägen Charme freisetzt".
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Besprochen werden ein von Mirga Gražinytė-Tyla dirigiertes Konzert der Wiener Philharmoniker mit Yuja Wang (Standard), ein Konzert von Tyler The Creator in Frankfurt (FR), und Lael Neales Album "Altogether Stranger", auf dem sie laut Standard-Kritiker Karl Fluch "eine charmante Dröhnmusik schafft, die in ihrer solipsistischen Anmutung jede Menge schrägen Charme freisetzt".
Kunst
Im neuen Wiener Foto Arsenal lässt sich FAZ-Kritiker Hannes Hintermeier mit der Ausstellung "Magnum.
A World of Photography" das Unbekannte in den bekannten Fotos der Agentur Magnum zeigen: "Beginnend mit den Kriegsfotografien Robert Capas vom D-Day, Dennis Stocks 'James Dean am Times Square' (1955) oder Inge Moraths 'Ein Lama auf dem Times Square' (1957), wird der allzu vertraute Eindruck dieser Fotoklassiker unterlaufen, indem die Schau sozusagen die Rückseiten der Bilder in den Blick nimmt. Denn die aus dem Pariser Archiv der Agentur geliehenen Bilder erzählen eine eigene Geschichte, zeigen, was sonst verborgen bleibt: Anweisungen für die Mitarbeiter in der Dunkelkammer, an welchen Stellen die Bilder nachbearbeitet werden sollen, welchen Nutzungsbedingungen sie unterliegen. (…) Man folgt der Genese längst ikonischer Fotografien aus der Perspektive der Entwickler - Manipulation war auch damals schon fixer Bestandteil des Gewerbes."
Besprochen werden: Jürgen Tellers Fotografien "Auschwitz Birkenau" im Kunsthaus Göttingen (taz) und die Ausstellung "81 Zeichnungen - 1 Strip-Bild - 1 Edition" mit Gerhard Richters Zeichnungen in der Graphischen Sammlung München (Monopol).
Besprochen werden: Jürgen Tellers Fotografien "Auschwitz Birkenau" im Kunsthaus Göttingen (taz) und die Ausstellung "81 Zeichnungen - 1 Strip-Bild - 1 Edition" mit Gerhard Richters Zeichnungen in der Graphischen Sammlung München (Monopol).
Design
Tweed-Cardigan, Barbour-Jacke, edle Loafer, Lodenmantel und überall Beige und Dunkelblau: Der "Old Money"-Look hat gerade Konjunktur und das auch unter jungen Leuten, die über altes Geld sicher nicht verfügen, staunt die Schriftstellerin Teresa Präauer in ihrer SZ-Kolumne. Dies "signalisiert wohl auch das: In Zeiten politischer und gesellschaftlicher Instabilität widmet man sich der modischen Performance von Klassenbewusstsein lieber als dem Klassenkampf. Zudem glaube die Gen Z nicht mehr an die eigenen Möglichkeiten von gesellschaftlichem Aufstieg. ... Leiden diese Leute einfach unter dem neu beschriebenen Phänomen der Geld-Dysmorphie, unter 'Money Dysmorphia'? Gemeint ist damit die Überschätzung der eigenen monetären Möglichkeiten, angetrieben davon, was wir täglich auf Social Media sehen können."
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