Efeu - Die Kulturrundschau
Insel der Seeligen
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29.04.2025. Die taz erfährt von Frank Auerbach-Biografin Catherine Lampert, dass der jüdische Maler, der nun erstmals in Berlin zu sehen ist, von einem Einfluss des Holocaust auf seine Bilder nichts wissen wollte. Ein obszönes Spektakel erlebt die SZ, wenn Albert Serras in seinem Dokumentarfilm über den Stierkämpfer Andrés Roca Rey den Übergang vom Leben zum Tod eines Stiers einfängt. Backstage Classical tanzt mitten im Bible Belt beim Big Ears Festival zu Avantgarde-Postrock und Noise in Kirchen. Wer nachhaltig wohnen will, muss auf Keller verzichten, lernt die Welt in Berlin.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
29.04.2025
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Kunst

1939 wurde der jüdische, in Berlin geborene Maler Frank Auerbach von seinen Eltern aus Schutz vor der Verfolgung durch die Nazis nach London geschickt, dort wurde er als einer der Vertreter der "School of London" bekannt. Nach seinem Tod im November des vergangenen Jahres zeigt die Berliner Galerie Michael Werner zum ersten Mal überhaupt Bilder von Auerbach in Berlin. Doch taz-Kritiker Martin Conrads erfährt von Kuratorin, Auerbach-Biografin und Modell Catherine Lampert, dass dem Maler die Ausstellung zwar gefallen hätte, nach Berlin gereist wäre er hingegen nicht: "Während der stundenlangen Modellsitzungen habe Auerbach den irischen Dichter William Butler Yeats zitiert, während er mit den Pinseln jonglierte und eine Farbschicht nach der anderen auftrug, um sie dann wieder abzukratzen, bis das Bild für ihn fertig war, aber Dinnereinladungen etwa habe er eher ausgeschlagen. Seine haptischen Porträts, die er selbst mit Goyas Spätwerk verglichen hat und die andere schon an präkolumbianische Terrakottaobjekte erinnerten, wollte er für sich selbst sprechen lassen, sein Werk nicht mit seiner Biografie in Verbindung bringen lassen; einen impliziten Einfluss des Holocaust auf sein Werk habe er abgestritten."

SZ-Kritiker Peter Richter hätte nicht gedacht, dass er in einer Ausstellung mit dem Titel "Meisterzeichnungen der Renaissance auf farbigem Grund" so prächtig unterhalten wird. Aber die Wiener Albertina hat nicht nur Werke von Dürer, da Vinci und anderen Meistern der Renaissance zusammengetragen, die Schau zeigt Richter auch, dass die Zeichnung der Malerei in puncto Farbpracht in nichts nachstehen muss: "Von Pisanello gibt es da zum Beispiel eine 'Allegorie der Luxuria', die mit ihrer lasziven Pose und ihrer Afro-Frisur auch ein Pop-Album aus den Siebzigern hätte zieren können, und Baldung Griens Hexenbilder haben, mit weiß auf nachtdunklem Grund, lange vor der Erfindung der Fotografie schon die Anmutung von Fotonegativen. Es geht, zweitens, nämlich um die beträchtlichen Aha- und 3D-Effekte, die das Zeichnen mit verschiedenen Stiften auf farbigem Papier mit sich bringt."
Weitere Artikel: In der Welt nutzt Cornelius Tittel die Yoko-Ono-Doppelausstellung im Martin-Gropius-Bau und in der Neuen Nationalgalerie, um bitterböse mit Direktor Klaus Biesenbach abzurechnen: Onos Kunst hält Tittel mitunter für "Partizipationskitsch" - und wie jemand wie Biesenbach es trotz nur "durchwachsener Leistungen" zum Direktor der Neuen Nationalgalerie gebracht hat, ist Tittel ein Rätsel: "Einen Mangel an Substanz durch eine Erweiterung der Machtbasis auszugleichen, ist auch eine Strategie." Charlie-Hebdo-Zeichner Luz hat Otto Müllers Bild "Zwei Halbakte" aus dem Jahr 1919, das später in der Münchner NS-Ausstellung "Entartetete Kunst" hing, als Graphic Novel verarbeitet, meldet der Tagesspiegel mit dpa. Benno Stieber staunt in der taz, wie gut die Avatare funktionieren, die ihn in Landesausstellung "Uffruhr" in Bad Schussenried durch die Bauernkriege führen.
Besprochen werden die Ausstellung "Mama - Von Maria bis Merkel" im Kunstpalast Düsseldorf (taz) und die Ausstellung "Christa Hauer. Künstlerin. Galeristin. Aktivistin in der Landesgalerie Niederösterreich in Krems (Standard).
Film

Albert Serras Dokumentarfilm "Nachmittage der Einsamkeit" porträtiert den Stierkämpfer Andrés Roca Rey, entzieht sich selbst jeder Wertung und nimmt SZ-Kritiker Philipp Stadelmaier durch seine visuellen Qualitäten ziemlich gefangen: "Die Bilder stehen für sich und dokumentieren ein Ritual, ohne es in seiner kulturellen Logik oder traditionellen Abfolge zu sezieren. ... Die plastische Kraft des Films speist sich aus den verschiedenen Blickwinkeln, aus denen Torero und Stier gefilmt werden. Sie verleihen den Bildern eine verzerrte, fast groteske Gestalt. In ihnen bleibt der - im Kino nie direkt darstellbare - Übergang vom Leben zum Tod fließend."
Weiteres: Andreas Busche verabschiedet im Tagesspiegel Rainer Rother, den langjährigen Leiter der Deutschen Kinemathek in Berlin, in den Ruhestand. Dlf Kultur hat ein großes Gespräch mit Rother geführt. Valerie Dirk wirft für den Standard einen Blick ins Progamm des Linzer Festivals Crossing Europe. Besprochen werden Jan Henrik Stahlbergs Moralisten-Satire "Muxmäuschenstill X" (Tsp) und Frédéric Hambaleks "Was Marielle weiß" (Presse, unsere Kritik).
Literatur
Dass beim Literaturhaus Hamburg auf den langjährigen Leiter Rainer Moritz nun Antje Flemming folgt, die bereits von 2002 bis 2016 im Haus für die Kommunikation zuständig war, bevor sie für ein paar Jahre in die Senatsbehörde für Kultur und Medien wechselte, ist für FAZler Andreas Platthaus ein Glücksfall: "So ist die Kontinuität der Programmpflege im Literaturhaus garantiert." Besprochen werden unter anderem Graham Swifts Erzählungsband "Nach dem Krieg" (NZZ), Leon de Winters "Stadt der Hunde" (NZZ) und Craig Thompsons Comic "Ginsengwurzeln" (Jungle World). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Bühne

Recht erschlagen, wenn auch zu neuen Fragestellungen angeregt, kommt SZ-Kritiker Helmut Mauró aus dem Stück "Wagner weltweit" auf Kampnagel in Hamburg, wo ihm das Theaterkollektiv Sounding Situations nicht nur die Beziehung zwischen der russischen Söldnertruppe "Gruppe Wagner" und Richard Wagner darlegt, sondern auch den Krieg in der Ukraine auf der Bühne verhandelt. Während Theaterberichte und Tagesjournalismus verlesen werden, "singt und schreit und klagt Katsia Kaya zu Texten und Melodien aus Richard Wagners 'Ring des Nibelungen'. Eines wird klar: Eine neue oder objektive Wahrheit wird auf der Kampnagel-Bühne zum Thema Ukraine nicht geboren, aber man kommt auf dem Weg dorthin ein bisschen weiter."
Kirill Serebrennikow zeichnet in seiner Inszenierung von Mozarts "Don Giovanni" an der Komischen Oper Berlin gleich für Regie, Bühnenbild und Kostüme verantwortlich - und auch dem Publikum mutet er einiges zu, nicht nur, wenn er das heitere Ende der Oper streicht und sie mit dem "Lacrimosa-Satz" aus Mozarts Requiem enden lässt, stöhnt ein angestrengter Wolfgang Schneider in der SZ. Dass der russische Regisseur die Handlung bis zur Unkenntlichkeit mit Mystik auflädt, macht es für Schneider nicht besser: "Serebrennikow gliedert die Abschnitte der Oper jeweils als Schritte im Sinn des 'Bardo', das sind, im Tibetischen Buddhismus, die möglichen Bewusstseinszustände im Diesseits oder Jenseits. Er verfügt den Aufbau der Oper durch drei jeweils dreigeteilte 'Bardos' des Lebens, der Träume und der Visionen. Fließend der Übergang zu den sechs Teilen des Requiems, gegliedert als 'Bardos' des Todes und der Erkenntnis. Und doch erklingt Mozarts Partitur, die Folge der Rezitative und Arien, partiturgetreu - mit Fragezeichen versehen, ob die Musik und die Bühnenhandlung irgendwie ineinandergreifen."
In der NZZ porträtiert Ueli Bernays den deutschen Theaterregisseur Sebastian Hartmann, der aktuell am Schauspielhaus Zürich im Schiffbau Nietzsches "Also sprach Zarathustra" inszeniert.
Besprochen werden außerdem Katharina Mayrhofers Inszenierung von Martin Schäubles "Endland" an der Schauburg München (nachtkritik), Ruth Mensahs Adaption von Tarjei Vesaas' Roman "Der Keim" am Theater Bremen (taz), B.K. Tragelehns Inszenierung von Heiner Müllers "Die Umsiedlerin" an der Ausweichspielstätte des Schauspiels Leipzig (Welt), Frank Castorfs siebenstündige Inszenierung von Büchners "Dantons Tod" am Staatsschauspiel Dresden (Welt), Philip Venables' Kammeroper "4.48 Psychosis" nach Sarah Kane am Staatstheater Mainz (FR), Francesco Filideis Adaption von Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose" an der Mailänder Scala (FAZ) und Anne Lenks Inszenierung von Ernst Tollers "Hinkemann" am Deutschen Theater in Berlin (FAZ).
Architektur
Im historischen Berliner Stadtteil Alt-Britz lässt die landeseigene Wohnbaugesellschaft "Stadt und Land" von ZRS Architekten und Bruno Fioretti Marquez "zwei im Grundriss identische fünfgeschossige Wohnbauten mit je 18 Mietwohnungen" bauen, eine aus Holz, die andere aus Ziegeln. Es ist ein Experiment um festzustellen, "wie viel CO2 durch die Verwendung von ökologischen Baustoffen im Vergleich zu konventionellen Materialien" wie Stahl und Beton eingespart werden kann, weiß Alan Posener in der Welt. Fest steht schon mal, dass die künftigen Mieter auf einiges verzichten müssen: "Auf eine abgetrennte Küche etwa und auch auf große Möbel, denn die Dreizimmerwohnungen sind 66,4 Quadratmeter klein, womit auf jeden Bewohner 21 Quadratmeter kommen, etwa die Hälfte des in Berlin üblichen Raums. Dafür sind sie so geplant, dass Wohngemeinschaften oder große Familien zwei Wohnungen mittels eines Mauerdurchbruchs leicht zusammenlegen können. Aus ökologischen Gründen wurde außerdem auf Keller und Tiefgarage verzichtet - hier hätte, um Feuchtigkeit zu verhindern, massiv Beton zum Einsatz kommen müssen." Auf der Website von ZRS gibt es viele Fotos.
Musik
Steven Walter, Leiter des Bonner Beethovenfestes, erzählt auf Backstage Classical von seiner Reise durch die USA. Dass dort in der Kultur- und Musikszene eine große Depression angesichts von Trump II herrscht, wäre vielleicht noch sachte untertrieben. Dennoch stößt Walter auf überraschende Oasen: Mitten im Bible Belt, wo MAGA politisch hegemonial ist, findet das hochgradig eklektische BIG EARS Festival statt: "Der Vibe ist faszinierend", schwärmt Walter. "Prallgefüllte Säle mit der sperrigsten neuen Musik, vielleicht war es auch Free-Jazz, wer weiß? Tanzen zu Avantgarde-Postrock, das aber irgendwie auch Minimal Music war. Spröden Klängen in einer Western-Bar lauschen, Noise in einer Kirche, Folkjazz oder Jazzfolk (ich weiß es nicht) im Theater. Passend zu Big Ears lautet das Motto hier einfach nur: listen. Und noch nie habe ich ein so aufgeschlossenes Programm und Publikum erlebt."
Weitere Artikel: Diedrich Diederichsen schreibt in der taz zum Tod des Pere-Ubu-Sängers David Thomas (mehr zu dessen Tod bereits hier). Binnen kurzer Zeit hat sich die baschkirische Ethno-Band Ay Yola in weiten Teilen Osteuropas und Russlands zum Phänomen entwickelt, berichtet Artur Weigandt in der FAZ. Sead Husic porträtiert für die taz den Sänger Nezir Rahmanović, der in seiner bosnischen Heimat ein Star war, in Berlin aber durch die Bars tingelt. In der FAZ gratuliert Kerstin Holm dem russischen Komponisten Wladimir Tarnopolski zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden die von Jordi Savall dirigierten, audiovisuell unterstützten Konzerte bei den Migros-Classics in der Tonhalle Zürich (NZZ), das Berliner Comeback-Konzert der Sugababes in der Originalbesetzung (Tsp), Billy Idols Comeback-Album "Dream Into It" (manche Songs klingen so, "als ob man deutschen Schlager etwas rockiger gestalten wollte", stöhnt Christian Schachinger im Standard), Jim McNeelys Album "Primal Colors" (FR), neue Bücher über Bruce Springsteen (FAZ) und Masha Qrellas neues Album "Songbook" (taz).
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