Im Kino

Natülich raucht Mama nicht!

Die Filmkolumne. Von Karsten Munt
15.04.2025. Eine Tochter, die nach einer Ohrfeige telepathische Fähigkeiten entwickelt und Eltern, die sich in der Folge in ihren kleinen Geheimnissen verrennen. Frédéric Hambaleks "Was Marielle weiß" ist ein aufs Nötigste reduzierter und dabei hochkomischer Familienfilm, der von Abnabelungsprozessen handelt; aber auch davon, dass es letztlich nie leicht ist, voneinander los zu kommen.

Was weiß Marielle? Die Eltern sind sich nicht ganz sicher - auf jeden Fall aber ist es zu viel. Marielle (Laeni Geiseler) weiß, dass Mama Julia (Julia Jentsch) mit ihrem Arbeitskollegen Max (Mehmet Ateşçi) am Fenster raucht. Sie weiß, dass Max dabei heute das Wasser getestet hat, angedeutet hat, dass ihm in der eigenen Ehe die Abwechslung fehlt. Sie weiß, dass Mama auch etwas Neues probieren wollte; und dieses Neue nach der Zigarette spontan mit Max auf dem Tisch ausprobiert hat. Und Papa? Der war heute auch nicht so tough, wie er beim Abendessen erzählt. Sein Romancover-Entwurf hat sich im Abschluss-Meeting ebensowenig durchgesetzt, wie er selbst: Beide sind an Kollege Sören (Moritz von Treuenfels) gescheitert, der sich keinen dummen Spruch gespart hat und von Papa Tobias (Felix Kramer) eben nicht in die Schranken verwiesen wurde.

Die Details, mit denen Marielle ihren Eltern beim Abendessen verdeutlicht, dass sie all das tatsächlich weiß, lassen keine Zweifel. Eigentlich. Denn noch kann Papa sich selbst und der Ehefrau einreden, dass er sehr wohl den starken Mann gespielt habe. Und natürlich raucht Mama nicht! Den Rest lässt Marielle fürs Erste unerwähnt. Mit der Telepathie aber meint sie es ernst. Das müssen die Eltern schließlich auch einsehen, als die Tochter ihren abendlichen Dialog am Morgen noch einmal Wort für Wort nachspricht. Für Julia und Tobias heißt das: Die Tochter hat den Beweis, dass ihre Eltern eben doch nicht so integer und weltoffen sind, wie sie ihr, einander und sich selbst eingeredet haben. Für Marielle heißt das: Tablet-Verbot.

Frédéric Hambaleks Film hält sich nicht lange mit dem Warum der allwissenden Tochter auf. Eine Backpfeife, die Marielle gleich in der ersten Szene des Films in Superzeitlupe auf die Visage klatscht, verpasst ihr, statt der von den Eltern vermuteten Gehirnerschütterung, eine seltsame Form der Telepathie, die sie so schnell nicht mehr los wird. Der Film erkundet weniger, wie Marielle damit klarkommt, als vielmehr, wie ihre Eltern damit umzugehen versuchen. Zunächst einmal wird die Realität dem jeweiligen Narrativ angepasst. Tobias knallt dem verhassten Kollegen am nächsten Tag ein "Wieso hältst du nicht einfach mal dein Maul?" an den Kopf und erklärt seinen am Vortag bereits abgelehnten Pseudo-Magritte zum finalen Cover-Entwurf. Julia ist jetzt wieder Nichtraucherin und lässt Max, der auf eine Zigarette vorbeikommen will, abblitzen, bevor er ihr seinen Kosenamen für ihre Vulva ins Ohr raunen kann.


Bald stellt sich, brandbeschleunigt von Marielles Telepathie, die Frage, ob die Midlife-Crisis-Personae der Eltern an der Realität des Familienlebens scheitern oder das Familienleben an ihnen. Natürlich will sich weder Cringe-Daddy Tobias noch Seitensprung-Mama Julia solchen Problemen stellen. Marielle ist bereits Teenager genug, um sich den Schuh ebensowenig anziehen zu lassen. Was sonst in ihr vorgeht, erfahren wir nicht. Mehrmals wird angedeutet, dass Marielle vielleicht gar nicht so unschuldig ist an der ursprünglichen Ohrfeige. Vielleicht tut es ihr auch einfach weh, dass die Eltern sie nicht ernst nehmen, sie nicht befragen und stattdessen lieber der Freundin eine Entschuldigung abverlangen.

In jedem Fall sind die Eltern bald zu sehr damit beschäftigt, das eigene Fehlverhalten, wenn schon nicht zu korrigieren, so zumindest in einer Weise zurechtzurücken und zu kommentieren, dass es vor der Moralinstanz Marielle vertretbar bleibt. Der Film spannt dazu kein weit verästeltes Geflecht unterschiedlicher Situationen auf, in denen die Eltern die "Anwesenheit" der Tochter im Alltag navigieren müssen. Er führt lediglich die ursprünglichen Problemsituationen - Mamas Affäre und Papas Schwanzvergleich am Arbeitsplatz - konsequent zu Ende. Aufs Nötigste reduziert und staubtrocken vorgetragen. Freilich kann Hambaleks Film mehr, als den Eltern und der Ehe beim Scheitern zuzusehen. Nicht nur die Hilflosigkeit der gutbürgerlichen Eheleute ist so komisch wie faszinierend, ihre tragischen Versuche, die Beziehung zur Tochter und zueinander zu kitten, sind es ebenso.

Papa schleimt sich bei der Tochter ein und lästert so lange lachend mit ihr, bis Mamas Freundin bei Marielles Live-Übertragung ihres Gesprächs mit Mama fallen lässt, wie froh sie doch sei, den Krüppel, der ihr Ehemann war, losgeworden zu sein. Julia versucht derweil, ihre Affäre mit pädagogischem Audiokommentar wiederaufzunehmen, zum sichtlichen Frust des Liebhabers, dessen Kommentare und Vorlieben nun nicht mehr zulässig sind. Bei der eigenen, sichtbar überraschten Mutter leistet sie Abbitte, indem sie sich unter Tränen für die Gemeinheiten entschuldigt, die sie ihr in der eigenen Kindheit an den Kopf geknallt hat. Natürlich ist das Performance, aber zunehmend auch Ausdruck eines aufrichtigen Versuchs der Mutter, die eigene Beziehung zum Kind zu kitten. Das Kind ist aber, soviel wissen wir, längst kein Kind mehr. Marielle hat sich als alles sehenende Pubertierende von den Eltern, vor allem von der Mutter, entfremdet. Der elterliche Versuch, sich gegen den Abnabelungsprozess zu wehren, ist so albern und aussichtslos, wie er unabdingbar ist. Voneinander los kommt man aber eben doch nicht so leicht - das zeigen am Ende drei telepathisch übertragene Worte.

Karsten Munt

Was Marielle Weiß - Deutschland 2025 - Regie: Frédéric Hambalek - Darsteller: Julia Jentsch, Felix Kramer, Laeni Geiseler, Mehmet Ateşçi, Moritz von Treuenfels - Laufzeit: 86 Minuten.