Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.04.2025. Die FAZ berichtet von der russischsprachigen Buchmesse "Berlin Bebelplatz", die vor allem literarischen Dissidenten Gehör verschaffen will. Die SZ hängt in einer Bochumer Ausstellung auf dem "Hug Sofa" der Künstlerin Valentina Karga ab und schaut sich dabei Videos vom Klimawandel an. Die FR würde in einer Wiesbadener Inszenierung des "Barbiers von Sevilla" am liebsten mit Nikolaus Habjans Puppen über die Bühne fliegen. Und die NZZ macht in einer Zürcher Ausstellung über die frühen Techno-Jahre die Nacht zum Tag. Und Peter Handke ist sich in der NZZ sicher: Europa hat Selenski zum Krieg ermuntert...
In den ersten Apriltagen fand in Berlin die russischsprachigeBuchmesse"Berlin Bebelplatz" statt. Die Veranstalterinnen Olga Tschesnokowa und der Julia Grischtschenko wollten damit "vor Augen führen, dass die russische Wortkunst und Publizistik nicht Eigentum des repressiven russischen Staates sind", berichtet Kerstin Holm in der FAZ. Es war vor allem auch ein Treffen dissidenter russischer und russischsprachiger Stimmen. So stellte der seit den Neunzigern in der Schweiz lebende SchriftstellerMichailSchischkin den im kommenden Mai erstmals vergebenen Literaturpreis 'Dar' vor, dessen Preisträger Übersetzungen in mehrere Sprachen winken. Schischkin selbst "beklagte, dass die Landsleute seiner ersten Heimat den täglichen Gräueln in der Ukraine nur ihr kollektives Schweigen als sklavische Überlebensstrategie entgegensetzten. ... Er sieht in der Emigration eine Form von Widerstand und prophezeit, der Exodus russischer Künstler, die die Würde ihrer Kultur bewahren wollten, werde nicht versiegen. Die Würde Russlands retten könne indes nur der literarische Text eines im Land gebliebenen Kriegsveteranen, den seine Erfahrungen in der Ukraine zur Selbstbefragung und zur Umkehr bringen." Etwas schade findet es Barbara Oertel in der taz, dass Veranstaltung im Vorfeld kaum beworben und die Diskussionen kaum gedolmetscht wurden - so war man dort doch spürbar unter sich. Vor sechzig Jahren reichte PeterHandke sein erstes Manuskript bei Suhrkamp ein. NZZ-Kritiker Roman Bucheli hat den Schriftsteller aus diesem Anlass in Frankreich besucht. Dem ist die Welt mal wieder viel zu viel - und zu Kriegen in Europa hat er weiterhin sehr viel Meinung. "Ich lebe für eine andere Welt. Keine utopische, aber für die Welt, die da ist. Die topische Welt, die vorhandene Welt. Was die Politik heute macht, ist eine antitopische Welt. Eine Art der Weltzerstörung. Und das gilt nicht nur für die Russen. Ich bin sicher, dass in Europa - man darf ja nicht darüber reden - ein Frieden möglich gewesen wäre, lange vor dem Krieg wäre eine Einigung in der Ukraine möglich gewesen. Ich hasse mich selber dafür, wenn ich sage 'ich bin sicher', aber ich bin sicher, dass die Europäer Selenski zum Krieg ermuntert haben: 'Mach nur, mach nur. Wir unterstützen dich.' Und wofür? Selenski opfert sein Volk, die haben alle genug. Es ist ein furchtbares Leid, das Volk leidet. Die Nationen können mir gestohlen bleiben. Ich hasse Nationen. Die Vereinten Nationen soll man abschaffen. Die haben nichts mehr zu sagen. ImWort 'Nation' istkeineErotikmehrdrin, nur noch Gewalt." Handke hätte also zu Unterwerfung geraten? Zu wunschlosem Unglück?
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Bereits vor zwanzig Jahren, in "Verschwörung gegen Amerika", hat Philip Roth Trumps Marodieren vorhergesehen, schreibt Hannes Stein in der Welt. Die KulturwissenschaftlerinElisabethBronfenverrät der Literarischen Welt online nachgereicht, welche Bücher sie geprägt haben. Die SchriftstellerinTeresaPräauer wundert sich in ihrer SZ-Kolumne, dass in letzter Zeit insbesondere im Trash-TV alle davon reden, dass "Küssefallen". Mladen Gladic stürzt sich online nachgereicht für die Literarische Welt in die Romantasy-Serie "Flammengeküsst" von RebeccaYarros. Paul Ingendaay hat für die FAZ einen Berliner Gedenkabend für den im Januar verstorbenen Schriftsteller und ÜbersetzerMartinPollack besucht. Gerhard Stöger (Falter) und Peter Richter (SZ) schreiben Nachrufe auf den Übersetzer und Popkultur-AutorTimMohr.
Besprochen werden unter anderem Titiou Lecoqs Biografie über Balzac (taz), WenkeSeemanns "Utopie auf Platte" (taz), ThomasWagners "Abenteuer der Moderne" (online nachgereicht von der Zeit), LorettaWürtenbergers und HubertusGrafZedtwitz' "Eine Sprache der Liebe" (FAZ) und JosephVogls "Meteor - Versuch über das Schwebende" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Besprochen werden die Ausstellung "Prachtstücke. Paul Kleinschmidt. Malerei 1922-1939" im Ernst Barlach Haus in Hamburg (FAZ) und eine Ausstellung mit dem Spätwerk Egon Schieles im Leopold-Museum in Wien (NZZ).
Der deutsche Holzpavillon, den das Stuttgarter Architekturbüro LAVA für die Weltausstellung in Osaka entworfen hat, kann FAZ-Kritiker Ulf Meyer nicht beeindrucken. Besonders ökologisch will der Pavillon sein, so der Kritiker, "das Holz, das im Pavillon verbaut wurde, ist 'rezyklierbar', wie die Architekten betonen, aber eben nicht rezykliert". Wie "man das Thema Holzbau und Kreisformen souverän bewältigt, zeigt der japanische Star-Architekt Sou Fujimoto, der den Masterplan für die Expo 2025 entworfen hat. Sein kreisrunder Arkadengang aus Holz rahmt das Ausstellungsgelände und schafft Orientierung auf der aufgeschütteten Yumeshima ('Traum-Insel'). Fujimotos hoher Holzring mit einem Durchmesser von 700 Metern kennt nur Steckverbindungen und soll nach der Weltausstellung leicht rückbaubar sein. Raffinierte Zapfverbindungen hat das traditionelle japanische Zimmermannshandwerk schon im achten Jahrhundert beim Bau des Todaiji-Tempels im nahen Nara entwickelt."
Szene aus "Der Barbier von Sevilla" am Staatstheater Wiesbaden. Foto: Maximilian Borchardt FR-Kritikerin Judith von Sternburg kann sich gar nicht entscheiden, welche Szene ihr in Nikolaus Habjans Puppen-Version der Rossini-Oper "Der Barbier von Sevilla" am Staatstheater Wiesbaden am besten gefällt. Klar, Habjan ist sowieso der "König" unter den Puppenspielern, schwärmt sie, aber hier hat er sich noch einmal selbst übertroffen. Ist der Höhepunkt, wenn die Puppe von Don Basilio über die Bühne fliegt, "während Young Doo Park zutiefst beschwingt die Arie vom Gerücht singt (eine völlig folgenlose Arie und doch eine der schönsten)"? Oder "ist am allerbesten, wenn der Figaro, der Schlingel, auf die Bühne hüpft, oder wenn der freche Almaviva auf die Bühne schleicht, und nie mehr will man ganz normal durch die Gegend gehen? Es dauert insgesamt einen Moment, bis man begriffen hat, dass die Puppen keine Beine haben und diese immer zu den Spielern oder Sängern oder Sängerinnen gehören."
Besprochen werden außerdem Simon Solbergs Inszenierung von Brechts "Dreigroschenoper" am Theater Bonn (nachtkritik) und Robert Gerloffs "Blindekuh mit dem Tod" nach einer Graphic Novel von Anna Yamchuk, Mykola Kuschnir, Natalya Herasym und Anna Tarnowezka am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik).
Die Agenturen melden, dass Iran die Filmemacher Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha, die 2024 auf der Berlinale ihren von Kritik und Publikum gefeierten Film "Ein kleines Stück vom Kuchen" (unsere Kritik) zeigten, für eben diesen Film zu Haftstrafen verurteilt hat, die allerdings erst in fünf Jahren angetreten werden müssen. Silvia Hallensleben berichtet in der taz vom Internationalen Frauen Film Festival in Dortmund, wo der Schwerpunkt in diesem Jahr auf dem Thema "Dekolonisation" lag. Quirin Hacker spricht für die FR mit dem Regisseur NoazDeshe über dessen Film "Xoftex", der von der Lage in griechischen Asylbewerberlagern handelt. David Steinitz spricht für die SZ mit der Schauspielerin JuliaJentsch, die ab 17. April in dem Film "Was Marielle weiß" im Kino zu sehen ist. Mariam Schaghaghi spricht online nachgereicht für die FAS mit den Schauspielern MaximilianMundt und DaniloKamperidis über die vierte Staffel von "How to sell drugs online (fast)".
Besprochen werden die große Ausstellung "Entfesselte Bilder" im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt (FD), FleurFortunés "The Assessment" (Standard, mehr dazu bereits hier) und PaoloSorrentinos "Parthenope" (FAZ, mehr dazu bereits hier).
Der erste Techno-Umzug 1992 in der Zürcher Innenstadt.(Landesmuseum Zürich/Thomas Eugster) Die erstenTechnojahre waren ephemer, stellt Ueli Bernays in der NZZ nach dem Besuch einer Ausstellung im Landesmuseum Zürich zur Frühgeschichte von Techno fest. Kein Wunder: "In den harten Beats, die ohne Anfang und Ende durch die Zeit pulsen, vergisst das tanzende Ego das Gestern ebenso wie das Morgen. Und wenn der Sound verstummt und ein Klub schließt, wandern Plakate und Mobiliar entweder in den Müll oder allenfalls in Schubladen, Kästen und Keller. Abgesehen von ein paar privaten Foto- oder Flyer-Beständen, die dem Landesmuseum zur Verfügung gestellt wurden, musste das Material für die Zürcher Ausstellung deshalb detektivischzusammengesucht werden." Sie "nimmt sich aus wie ein Filtrat aus dem zeitlichen Kontinuum, das nun im stillen Museum abgelegt werden konnte. ... Die Schau erweist sich geradezu als Vermächtnis der ersten Techno-Generation, die stets den Individualismus kultivierte und sich deshalb selten in bleibenden Institutionen verewigt hat."
Weitere Artikel: Joachim Hentschel schaut sich für die SZ in der deutschenPunkszene um, die aktuell - mit TeamScheisse als populärstem Aushängeschild - von Charts bis Hallenkonzerte ziemlich von sich reden macht. Jakob Thaller plaudert für den Standard mit JJ, dem österreichischen ESC-Kandidaten in diesem Jahr. "Nicht alle haben es verdient, seine Musik zu kennen", schreibt Yann Cherix im Tages-Anzeiger über den hitlosen Indiemusiker Skinshape. Die Leser des Perlentaucher aber schon, finden wir:
Besprochen werden das neue Album von Bon Iver (Tsp), ein Brahms-Abend mit den WienerPhilharmonikern unter ChristianThielemann (Standard), das gemeinsame Album von EltonJohn und BrandiCarlile (Standard) und neue Klassik- und Jazzveröffentlichungen, darunter das Album "Roots & Skies" des VictoriaKirilovaQuartetts ("eine Überraschung, eine Entdeckung", jauchzt Ljubiša Tošić im Standard).
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Pascal Mercier: Der Fluss der Zeit Pascal Mercier ist nun in fünf bisher unveröffentlichten Erzählungen auch als Meister der kurzen Form zu entdecken: Kann ein Mann auf dem Höhepunkt seiner Jahre noch einmal…
Abbas Khider: Der letzte Sommer der Tauben Wie totalitäre Herrschaft in den Alltag dringt. Noah ist vierzehn Jahre alt und Taubenzüchter. Eines Tages flattern seine geliebten Tiere unruhig durch die Lüfte, über der…
Barbara Honigmann: Mischka Eigentlich war es kein Kreis, eher ein Kosmos, ein Universum, das mich in meiner Kindheit und Jugend umstrahlte." Barbara Honigmann erzählt vom Leben und Überleben der Freunde…
Claudia Gatzka (Hg.), Sonja Levsen (Hg.): Neue Wege zu einer Geschichte der Bundesrepublik Lange erzählten Historiker der Bundesrepublik Geschichten von wachsendem Wohlstand, Modernisierung, erlernter Liberalität und stabiler Demokratie. Deutschland schien "im…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier