Im Kino
Alltäglich und revolutionär
Die Filmkolumne. Von Alice Fischer
09.07.2024. Alles ist verboten an der Nacht, die Mahin und Faramarz in "Ein kleines Stück vom Kuchen" von Maryam Moghadam und Behtash Sanaeeha miteinander verbringen. Die Liebesgeschichte zweier älterer Menschen im Iran fordert nicht nur das repressive Regime des Entstehungslandes heraus, sondern auch die nicht umzubringenden Schönheitsideale Hollywoods.
Mahin ist Siebzig, lebt in Teheran, mag romantische Serien und ist ziemlich allein. Nicht fürchterlich allein, sie hat immerhin ihre Freundinnen, die zum Brunch kommen, manchmal ruft ihre Tochter über Skype an oder sie wird von einer Bekannten aus dem Schlaf gerissen, die ihr von ihren unzähligen Krankheiten berichten will. Aber eben doch einsam: Ihr Mann ist vor Jahren gestorben, die Kinder sind aus dem Iran ausgewandert und kommen selten zu Besuch. Eines Tages hat Mahin die Nase voll davon, immer allein vor dem Fernseher zu sitzen. Sie wirft sich in eines der schönen Kleider, die sie von ihrer Tochter geschenkt bekommen hat und die sonst unnütz im Schrank hängen, schminkt sich und fährt in die Stadt. Hier hat sich vieles verändert: Die Hotelbar, in der sie in jungen Jahren die Nächte durchfeierte, serviert keinen Eiskaffee mehr, nur noch "Affogato" und für die Karte muss man einen QR-Code scannen. Da trinkt Mahin doch lieber Tee.
Ihre ersten schüchternen Flirt-Versuche beim Bäcker sind nicht besonders erfolgreich ("Ist das hier die Schlange für zwei Brote?" - "Nein, das ist die Schlange für ein Brot."). Wo könnte man denn sonst Männer kennen lernen? Mahin stapft trotz Knieproblemen in den Park und versucht herauszubekommen, ob es hier Männer gibt, die Sport treiben - gibt es nicht, dafür rettet sie ein junges Mädchen vor der Sittenpolizei. "Die spinnt", sagt der Beamte, als sich Mahin vor das Mädchen stellt - "Nein, Sie sind der Verrückte", erwidert die mutige Frau. Schließlich gibt er auf und zieht mit seinen düsteren Begleitfrauen im Tschador ab.
"Ein kleines Stück vom Kuchen" wurde von Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha gedreht. Viele Szenen, wie die beschriebene zum Beispiel, mussten schnell und heimlich gedreht werden, was ihrer Authentizität keinen Abbruch tut, im Gegenteil. Kein Wunder, dass sich das Team vor den Fanatikern in der Regierung in Acht nehmen musste, denn der Film kommt zwar ganz alltäglich daher, ist aber revolutionär. In einem Land, in dem der Alltag so überwacht wird, wie im Iran, wird die kleinste Handlung zur Geste des Widerstands. Das wird in der Folge des Films klar, denn Mahin ist doch noch erfolgreich: Zufällig begegnet sie dem Taxifahrer Faramarz, der es, als Mahin ihn fragt, ob er mit zu ihr nach Hause kommen will, kaum glauben kann, dass sein Leben eine solch glückliche Wendung nimmt: "Jetzt?", fragt er. "Wann passt es dir denn?", erwidert Mahin - "Jetzt". Die Nacht, die dann folgt, ist perfekt: romantisch, einfühlsam, schön und alles an ihr ist verboten: Es ist verboten, einen Mann mit nach Hause zu nehmen, mit dem man nicht verheiratet ist, verboten sowieso, sich ohne Hijab vor ihm zu zeigen, Musik ist verboten, Tanzen erst recht. Man vergisst das schnell beim Zuschauen, weil sich die beiden Blitz-Verliebten einen Dreck darum scheren, sie sind zu alt, um sich vom Regime dieses nächtliche Wunder verderben zu lassen. Am verbotensten ist vielleicht der Wein, den Mahin aus einer großen Flasche eingießt. Den hat ihr mal jemand geschenkt, sie hat auf den richtigen Moment gewartet, um ihn zu öffnen.

Lily Farhadpour als sensible, runde Mahin und Esmail Mehrabi als schüchterner Faramarz mit riesigem Schnauzer sind ein bezauberndes Paar, das Regie-Duo beschert dem Publikum viele Momente voller Wärme und subtiler Situationskomik. Die Themen, die Moghaddam und Sanaeeha mit so viel Fingerspitzengefühl aufgreifen, beschränken sich nicht auf die politische Situation im Iran. Es geht auch um das Alter, die Einsamkeit, die Frage: Wie kann ich mich schön fühlen, obwohl mir die Gesellschaft sagt, ich wäre es schon lange nicht mehr? Wie begegnet man sich sexuell, wenn man sich seit dreißig Jahren nicht mehr vor irgendjemandem nackt gezeigt hat?
Gleich zu Beginn werden unsere Sehgewohnheiten durch die Hauptdarstellerin, die auch Schriftstellerin und Journalistin ist, schön durcheinander gebracht. Denn eine dickliche, siebzigjährige Frau, noch dazu in so intimer Nähe, sieht man selten in Film und Serie. Sollte man aber. Wieder einmal zeigt sich, dass es an der Zeit ist, die dämlichen Hollywood-Schönheitsideale, die den Zuschauern seit dem Anbeginn der Filmgeschichte serviert werden, hinter sich zu lassen. Mahin und Faramarz sind schön, wenn sie zu iranischen Schlagern durch die Wohnung tanzen, da braucht es keine durchtrainierten Körper und kein Botox.
Es ist fast ein wenig wie im Märchen, denkt man sich zwischendurch, wenn man dabei zuschaut, wie die beiden ihre Liebe füreinander entdecken und die Einsamkeit scheinbar ein Ende hat. Aber tatsächlich zeigt sich: Es ist doch alles ein bisschen zu schön, um wahr zu sein. Die beiden wissen nicht, dass ihnen nur sehr wenig Zeit zusammen vergönnt sein wird.
Am Ende der Dreharbeiten bekam das Regime Wind vom heimlichen Filmdreh. Als Moghaddam und Sanaeeha im September 2023 nach Paris ausreisen wollten, wurden ihre Pässe beschlagnahmt. Jetzt warten die beiden auf ihren Prozess. Im Dezember 2023 schlossen sich Filmorganisationen, Festivals und Filmschaffende zusammen und forderten die iranischen Behörden in einem offenen Brief dazu auf, die Anklage gegen die beiden fallen zu lassen, bisher ohne Erfolg. Bei der Berlinale wurde "Ein kleines Stück vom Kuchen" zu Recht gefeiert: Ein mutiger Film von mutigen Menschen.
Alice Fischer
Ein kleines Stück vom Kuchen - Iran 2024 - OT: Keyke mahboobe man - Regie: Maryam Moghadam, Behtash Sanaeeha - Laufzeit: 97 Minuten.
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