Efeu - Die Kulturrundschau

Immer ist da ein Widerstand

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07.03.2025. Ziemlich entsetzt ist der Historiker Michael Wolffsohn in der NZZ über Yuval Abrahams und Basel Adras Doku-Film "No Other Land": Zu einseitig ist ihr die propalästinensische Darstellung.  Der Tagesspiegel reist nach Amsterdam, um den 80. Geburtstag des "notorischen Ruhestörers" Anselm Kiefer zu feiern. Und alle trauern um den Musiker Roy Ayers. Der Geiger Christian Tetzlaff  erklärt im Podcast von Backstage Classical, warum Amerika künftig auf ihn verzichten muss.l
9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.03.2025 finden Sie hier

Film

"95 Minuten Propaganda": Der Historiker Michael Wolffsohn ist in der NZZ entsetzt über Yuval Abrahams und Basel Adras "No Other Land", der vor einem Jahr auf der Berlinale und nun auch mit einem Oscar ausgezeichnet wurde: "Das Darstellungsmuster ist simpel. Eine israelische Schikane folgt der anderen, dazu Bilder der Zerstörung von Häusern vorgeblich unbescholtener Palästinenser. ... Der Hauch eines Gedankens, dass es vielleicht einen politischen oder gar militärischen Grund, eine Rechtfertigung israelischen Durchgreifens geben könnte, kommt nicht auf." Zentrale Kontexte für das Elend der Palästinenser im Westjordanland lässt der Film unerwähnt - Wolffsohn reicht sie detailliert nach: Weder Arafats Starrsinnigkeit, die statt zu Frieden zur zweiten Intifada führte, noch das Osloer Abkommen, nach dem die im Film vom Militär abgerissenen Häuser illegal errichtet wurden, beleuchtet der Film. Indessen "kein Wort darüber, dass Israels Höchstes Gericht seit der Besetzung des Westjordanlandes 1967 eher oft als selten gegen Regierung und Militär und zugunsten klagender Palästinenser entscheidet. ... Dass kein Palästinenser auf Israeli schießt, versteht sich für den Zuschauer von selbst. Kein Wort von den zahlreichen terroristischen Angriffen und Morden der Palästinenser an Israeli."

Außerdem: Für Backstage Classical spricht Axel Brüggemann mit Anne Fontaine über deren Ravel-Biopic "Bolero", das Welt-Kritiker Elmar Krekeler allerdings sehr kalt gelassen hat. Christoph Hochhäusler bringt in seinem Blog Notizen zu den Filmen des japanischen Regisseurs Masaki Kobayashi.

Besprochen werden Ladj Lys Banlieue-Drama "Les Indésirables" (Zeit Online), Bong Joon-hos Weltraum-Politsatire "Mickey 17" mit Robert Pattinson (Standard, unsere Kritik), Michel Hazanavicius Animationsfilm "Das kostbarste aller Güter" nach dem gleichnamigen Jugendbuch von Jean-Claude Grimberg (Freitag), Alain Guiraudies Krimikomödie "Misericordia" (Tsp), die ARD-Serie "Ghosts" (FAZ) und die neue "Daredevil"-Staffel auf Disney+ (Presse).
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Literatur

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Elke Schmitter nennt auf unsere Kritikerumfrage nach den fünf prägendsten deutschsprachigen Büchern des letzten Vierteljahrhunderts Romane von Karen Duve, Peter Kurzeck, Jochen Schmidt, Gisela von Wysocki - und sie erinnert an "Kaiserstraße" von Judith Kuckart aus dem Jahr 2006: "Kein Wort zuviel, und alles, was da ist, nötig. Das ist Judith Kuckarts Stil, so auch in der 'Kaiserstraße', wo Rosemarie Nitribitt starb, eine Heldin dieses Romans: 'Die ersten Mieter waren Ende 1955 eingezogen. Unter ihnen eine junge, alleinstehende Frau mit Hund. Sie war zweiundzwanzig, als sie einzog, und vierundzwanzig, als ihre Leiche aus dem Haus getragen wurde.' Nicht Kuckarts Stil sind das Tremolo und die Lust am Opfer. Auch wenn ihre Figuren  mit der Armut kämpfen, dem Alter oder der Traurigkeit: Immer ist da ein Widerstand, der Lebenslust werden kann, immer ist da ein Haken, an dem man sich aufhängen könnte, doch man kann ihn auch schlagen. Äußerste Genauigkeit in jedem Satz, dabei der größte Spielraum in der Geschichte, in der Wahrnehmung des Plötzlichen, das innen wie außen die Biografien bestimmt; das ist ihre besondere Kunst." Alle Beiträge unserer Umfrage finden Sie hier.

Außerdem: Die Welt hat Richard Kämmerlings' Porträt der norwegischen Schriftstellerin Vigdis Hjorth online nachgereicht. Die SZ bringt eine gekürzte Version von Uwe Timms ursprünglich in der Zeitschrift Sinn und Form erschienener Würdigung seines 2018 verstorbenen Schriftstellerkollegen Günter Herburger.

Besprochen werden Chimamanda Ngozi Adichies "Dream Count" (Standard), Gabriela Wieners "Unentdeckt" (online nachgereicht von der FAZ), Meral Kureyshis "Im Meer waren wir nie" (FR) und Florentine Anders' "Die Allee" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Kunst

Nicht sehr gönnerhaft greift Patrick Bahners in der FAZ die Berichterstattung der SZ über mangelnde Restitutionen geraubter Kunstwerke der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen auf (unsere Resümees). Die SZ beachte gar nicht, das die Bayern gar kein Personal haben - als sei die Besetzung solcher Abteilungen nicht eine politische Entscheidung: "Für die Bearbeitung von 5.300 Verdachtsfällen sind zweieinhalb Personen zuständig: In der Berichterstattung der Süddeutschen wie in den Reden der Landtagspolitiker fehlt jede Abschätzung des Tempos und des Niveaus der Arbeit, das bei diesem Zahlenverhältnis realistischerweise erwartet werden kann. Mit Zahlen wird gerne die Dringlichkeit des Themas beschworen, aber Rechnungen unterbleiben, weil sie das Skandalisieren erschweren." Und überhaupt beruhe die Berichterstattung der SZ auf einer "falschen Behauptung": "'Alarmstufe Rot' - im Artikel mit dieser Überschrift steht, die rote Markierung in einer Liste, die der Zeitung zugespielt wurde, stehe für das Wissen und die Überzeugung der Zuständigen, dass 'eindeutig Raubkunst' vorliege und "sofortige Rückgabe erforderlich" sei. In Wahrheit bedeutet die höchste Stufe auf der Ampelskala... den dringlichsten Aufklärungsbedarf." Gestern hatte Jörg Häntzschel in der SZ gerade die mangelnde Priorisierung des Themas als Hinhaltetaktik thematisiert (unser Resümee).

Anselm Kiefer: Steigend, steigend, sinke nieder, 2024. Foto: Michael Floor.


Zum achtzigsten Geburtstag bekommt Anselm Kiefer eine Ausstellung, die in zwei Museen gleichzeitig gezeigt wird: Sowohl das Stedelijk als auch das Van Gogh-Museum in Amsterdam zeigen "Sag mir, wo die Blumen sind." Kiefer erkennt Tagesspiegel-Kritikerin Alexandra Wach darin einmal mehr als "notorischen Ruhestörer, der mit seiner auf stoffliche Opulenz setzenden Erinnerungsarbeit stets darauf bestanden hat, dass nicht nur die Deutschen rechtsextreme Bewegungen im Auge behalten sollten, angefangen mit den provokanten Selbstporträts mit Hitlergruß bis hin zu späteren Installationen, die an megalomanische Führerbunker denken lassen. (…) Die neue Installation 'Steigend, steigend, sinke nieder' wirkt da in ihrer Reduktion auf Schwarz-Weiß fast wie ein Fremdkörper, wenn auch einer, der direkt einem Bombenhagel entstammen könnte. Myriaden von verstaubten Fotografien und Filmspulen baumeln an Bleibändern von der Decke, motivisch dominieren Landschaften und Architektur."

Weitere Artikel: Die erste Auktion mit KI-Kunst lässt das Auktionshaus Christies und den Standard unterwältigt zurück.

Besprochen werden: Die Caspar David Friedrich-Ausstellung "Die Seele der Natur" im Metropolitan Museum of Art (Monopol), Ayoung Kims "Many World Over" im Hamburger Bahnhof (Tagesspiegel), "Leonardo - Dürer. Meisterzeichnungen der Renaissance auf farbigem Grund" in der Wiener Albertina (Standard) und Wolfgang Tillmans "Weltraum" in der Albertina Dresden (FAZ).
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Bühne

FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster schwebt nahezu, nachdem sie "A Land Within" von Ioannis Mandafounis mit der Dresden Frankfurt Dance Company im Festspielhaus Hellerau gesehen hat, so anmutig und aufwühlend findet sie das Dargebotene: "Der Tanz ist wild, durchdacht, spektakulär gut, umstandslos direkt: so nahbar und verrückt zugleich, rau und dennoch unsentimental. Das Tanzen in den Pas de deux lässt einen stellenweise regelrecht ergriffen zurück, weil es eine große Intimität zu zweit erzeugt und diese zugleich vorführt, sie uns zeigt, uns als Zuschauer mit einbezieht. Wenn man bedenkt, dass in vielen Balletten der Tanzgeschichte Pas de deux die Höhepunkte bilden, die Momentaufnahme dessen, was zwischen Menschen für wünschenswert und möglich gehalten wird, dann manifestiert sich in diesem neuen Stück eine Formel, die der Gegenwart gerecht wird und sie transzendiert."

Weiteres: Wo Krise ist, da ist auch Faust, konstatiert Jakob Hayner für die Welt anhand zweier neuer Goethe-Inszenierungen am Landestheater Eisenach unter der Regie von Lydia Bunk und am Deutschen Nationaltheater Weimar, verantwortet von Jan Neumann. Nachtkritik empfängt einen Theaterbrief aus Serbien, der die Zusammenhänge von Kulturschaffenden und Protestierenden in den Blick nimmt.

Besprochen wird: Ewald Palmetshofers "Sankt Falstaff" am Münchener Residenztheater, sehr frei nach Shakespeare (FAZ).
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Musik

"Die Parallelen zu 1933 sind unübersehbar", argumentiert der Geiger Christian Tetzlaff im Podcast von Backstage Classical seine Entscheidung, seine US-Tournee angesichts von Trumps Polit-Vandalismus abzusagen. In der Tonhalle Zürich spielte er eben unter Paavo Järvi, berichtet Christian Wildhagen in der NZZ. "Mit seinem entschlossenen Boykott steht der Geiger in der Branche zurzeit noch recht allein da, aber diese Haltung könnte zum Vorbild für weitere europäische Musiker werden. Und wie um letzte Zweifel an ihrem Standpunkt auszuräumen, stimmten die beiden Tetzlaff-Geschwister nach der leidenschaftlich aufgewühlten Wiedergabe des Brahms-Konzerts dann noch die ukrainische Nationalhymne an." Die New York Times hat mit Tetzlaff über dessen Entscheidung gesprochen.

Die Popkritiker trauern um den Jazzvibrafonisten und Sänger Roy Ayers, dessen Wohlfühl-Hits wie "Everybody loves the Sunshine" im Nu "gute Laune, wohlige Melancholie oder dampfige Balzstimmung" hervorrufen, wie Andrian Kreye in der SZ schreibt. Im Hiphop war Ayers eine Weile "der meistgesampelte Musiker", seine Stücke waren "von einem tiefen Optimismus durchzogen. Der schlug sich in Beats nieder, die nicht sofort in den Unterleib, sondern erst einmal in die Finger und die Schultern gingen."



Ayers hielt sich nie lange bei einer Spielart von Jazz, Soul und Funk auf, erfahren wir von Jan Wiele in der FAZ. "Den typischen Funk-Jazz sogenannter Blaxploitation-Filme, den heute viele in der Ableitung von Quentin Tarantinos 'Jackie Brown' kennen, prägte Ayers im Original, nämlich etwa mit dem Soundtrack zu Jack Hills Film 'Coffy' mit Pam Grier von 1973. Nachdem er, inspiriert von Miles Davis' Fusion-Ideen, das Genre des tanzbaren, auch mit Discomusik flirtenden Jazz mit revolutioniert hatte, schlug er einen weiteren Haken in der Kollaboration mit dem nigerianischen Jazzer Fela Kuti. Ayers inspirierte Popmusiker von Erykah Badu bis zu Pharrell Williams und zeigte bis ins höhere Alter auch bei diversen europäischen Auftritten seine Coolness."



Weiteres: Max Nyffeler berichtet in der FAZ von der Musikfilmmesse Avant Première in Berlin. Wilhelm von Sternburg erinnert in der FR an Maurice Ravel, der heute vor 150 Jahren geboren wurde. Besprochen werden das neue Album von Panda Bear (Standard) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Lady Gaga ("ein fulminantes Comeback", schreibt Anna Ruhland im Tagesspiegel).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Stephan Sura über "Teardrop" von Massive Attack:

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