25 Jahre Perlentaucher

Weltkugel im Kirschkern

Von Elke Schmitter
07.03.2025. "Man kann den Schwachsinn nur beiseite drängen, in dem man sich auf sein Gegenteil besinnt; in diesem Fall: das Schöne & das Wahre, das Kleine im Großen wie, vor allem, umgekehrt."Elke Schmitter antwortet auf die Kritikerumfrage des Perlentaucher.
25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" (Editorial). Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? Das Archiv der bisherigen Beiträge finden Sie hier. D.Red.

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Judith Kuckart, Kaiserstraße (2006)
Karen Duve, Taxi (2008)
Peter Kurzeck, Vorabend (2011)
Jochen Schmidt, Schmidt liest Proust (2008), Phlox (2014)
Gisela von Wysocki, Wiesengrund (2016)

Das Lamentieren hat ja gar keinen Sinn. Ich könnte jetzt, mitten in der Nacht, während die Sterne schlafen, eine Reihe mit Namen bilden, die ich vermisse und, natürlich, vermissen lasse. Del Buono, Edschmid (U.), Erpenbeck. Herrndorf, Lange-Müller, Lewitscharoff, Maier (A.), Melle, Menasse (E.). Rowohlt (H.), Rühmkorf, Seiler, Sulzer. Lauter Namen, die mir z.B. bescherten, durch trübe Morgenstunden zu kommen, den Tag gebührend zu verachten und also durchzulesen. Aber Fünf ist Trümpf, hieß das schwachsinnige Motto der deutschen Post, als 1991 die Postleitzahlen angeglichen wurden, und den Schwachsinn vergißt man noch weniger als all das, was man behalten will. Man kann ihn nicht tilgen, nur beiseite drängen, in dem man sich auf sein Gegenteil besinnt; in diesem Fall: das Schöne & das Wahre, das Kleine im Großen wie, vor allem, umgekehrt.

Kein Wort zuviel, und alles, was da ist, nötig. Das ist Judith Kuckarts Stil, so auch in der "Kaiserstraße", wo Rosemarie Nitribitt starb, eine Heldin dieses Romans: "Die ersten Mieter waren Ende 1955 eingezogen. Unter ihnen eine junge, alleinstehende Frau mit Hund. Sie war zweiundzwanzig, als sie einzog, und vierundzwanzig, als ihre Leiche aus dem Haus getragen wurde." Nicht Kuckarts Stil sind das Tremolo und die Lust am Opfer. Auch wenn ihre Figuren  mit der Armut kämpfen, dem Alter oder der Traurigkeit: Immer ist da ein Widerstand, der Lebenslust werden kann, immer ist da ein Haken, an dem man sich aufhängen könnte, doch man kann ihn auch schlagen. Äußerste Genauigkeit in jedem Satz, dabei der größte Spielraum in der Geschichte, in der Wahrnehmung des Plötzlichen, das innen wie außen die Biographien bestimmt; das ist ihre besondere Kunst.
 
"1984 war es in Stellenanzeigen noch nicht üblich, jedem Beruf auch noch eine weibliche Endung anzufügen. Man tat es nur, wenn man andeuten wollte, dass man praktisch jeden nahm." Es ist das reale 1984, in dem Karen Duves "Taxi" startet, ein Jahr in Hamburg, in dem eine junge Frau nicht mal den ersten Gang ins Leben einlegen will und stattdessen einen Job nimmt, den sogar eine wie sie bekommt: verzweifelt, mutlos, aber attraktiv. So dass der Alltag sie nicht nur in den Nacken schlägt. Drei Jahrzehnte vor MeToo ein perfekter Roman über den Kaptalismus im Kleinen und den großen Frauenhaß, voller Wut & Witz.
 
Deutschland hat seinen Proust, das kann man so nüchtern sagen von diesem Mann: "Noch aus meinem vorigen Leben als Trinker daran gewöhnt, mir jeden Tag wieder zu sagen, wo wir sind und was gestern war. Wer ich bin und wie es dazu gekommen ist." Doch ist das, was Peter Kurzeck sich in seinem Großroman "Vorabend" vergegenwärtigt, nicht nur sein Leben (als Mann, als Vater, als Freund, als Schriftsteller), sondern die Weltkugel im Kirschkern. Die westdeutsche Modernisierung seit den fünfziger Jahren, in jedem Einzelnen mit Ziel, im Gesamten ein Prozess, der sich längst verselbständigt hat im Verbrauch der Natur, im Triumph der Arbeitsteilung, im Ideal des fleißigen Konsumenten. Das 20. Jahrhundert als Verlustgeschichte, niemals sentimental oder bitter (denn der Fortschritt heißt ja auch, dass die Leute nicht mehr taub werden in der Fabrik), aber doch die Liturgie einer Vergangenheit, in der es mehr zu schmecken, zu hören, zu riechen und zu fühlen gab und die Welt einen Zauber hatte, den Kurzeck wie keiner heraufbeschwört.
 
Gleich zwei Meisterwerke: "Schmidt liest Proust", in dem der Erzähler in seinem Tagebuch, u.a., verschiedene Arten der Langeweile (in Frankreich vor langer Zeit, in DDR und Deutschland nach 89) vergleicht und uns mit der Kategorie "Verlorene Praxis" beschenkt (" - Der Frau einen Wagen schicken. - Auf die Nachricht vom Brand im Louvre einen Freund aufsuchen und mit ihm weinen.") Und "Phlox", ein Roman der großen Ferien, in dem die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert blüht und wuchert, in Schrecken und Schönheit, subtil, gelehrt und zärtlich, wie nur Jochen Schmidt es kann.
 
Wie Faszination erklären, wie Verehrung, Anziehung als Phänomen des Intellekts? Gisela von Wysocki beschreibt sie atmosphärisch zwingend und zugleich selbstironisch, in dieser Selbsterkundung einer Frau - im Paarlauf mit Theodor "Wiesengrund"-Adorno - , die zu schlau war für ihre bundesrepublikanische Gesellschaft, aber Kopf und Seele zu retten wußte. Der Einzelfall, auch hier, der, ernst genommen und virtuos erzählt, das Ganze aufscheinen läßt.