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04.03.2025. Nachlese zu einem ziemlich braven Oscar-Abend: Niemand zeigte Zähne, seufzt Zeit Online. Fürchtet die Filmszene Trumps Rache, fragt die NZZ. Kamel Daoud überlegt in Le Point, weshalb sich so wenige algerische Schriftsteller für Boualem Sansal aussprechen: "Man darf ihn nicht unterstützen, weil man riskiert, im Namen der angeblichen Befreier Palästinas gelyncht zu werden." Der Tagesspiegel blickt in Eberswalde auf Federzeichnungen von Lea Grundig auf das Wüten der Nazis. Und die Theaterkritiker bewundern, wie Jan Bosse mit Ayad Akthar in Wien KI auf die Bühne bringt.
Nachlese zu den Oscars (hier unser erstes Resümee): Es war ein angesichts der geopolitischen Weltlage und den jüngsten Trampeleien des US-Präsidenten ziemlich braver Abend, findet Dietmar Dath in der FAZ. "Wer sich von der Oscar-Gala des Weltordnungs-Sorgenjahresbeginns 2025 eine bewegte, belebende, beredte Front linksliberaler Prominenz gegen die gegenwärtige Hasardeurs-Regierung im Weißen Haus erwartet hatte, musste sich dieses Wunschbild am Gerät selbst zusammenpuzzeln." Umso politischer sind die nominierten Filme und die Auszeichnungen selbst gewesen, findet Jenni Zylka in der taz: "Selten spielten eindeutige politische Themen und Botschaften eine so tragende Rolle in der von Eskapismus und Entertainment geprägten US-Filmindustrie."
Marlene Knobloch (Zeit Online) saß zuweilen ratlos vor dem Fernseher: "War man früher fast genervt vom Aktivismus einer ihrem Naturell entsprechend doch sehr eitlen Branche, hoffte man nun ein kleines bisschen, dass nach dieser Woche ... die amerikanische Filmbranche, die sich gern als kraftvoll, progressiv, liberal feiert, Zähne zeigt. Schon die Eröffnung der Oscarverleihung aber deutet etwas anderes an: 'Somewhere Over the Rainbow' singtArianaGrande im roten Disney-Prinzessinnenkleid. Als ihr Co-Star CynthiaErivo aus 'Wicked' zum Duett beispringt, sich die beiden zweistimmig nach oben schwingen und das Orchester schmettert, funkelt eine alte, unschuldigeSchönheit auf der Bühne des Dolby Theaters. Nur irgendwie kratzt die Seide."
"Sonntagnacht in L. A. war lax", schreibt Andreas Scheiner in der NZZ. Anscheinend "ist Hollywood eingeschüchtert. Die Filmszene steht für das alte Amerika. ... Fürchtet sie TrumpsRache? Für das demokratische Hollywood sind die Oscars ein letzter 'safe space'. Neu ist das nicht. Der wichtigste Filmpreis der Welt wagt sich schon länger kaum mehr aus der Bubble heraus. Nicht nur ideologisch. Man verliert das Publikum aus dem Blick." Auch SZ-Kritikerin Kathleen Hildebrand beobachtete "eine gewisse Müdigkeit der Geschlagenen. ... Der politischste Moment der Verleihung kam dann bei der Übergabe des Oscars für den besten Dokumentarfilm: 'No Other Land' gewann, der viel besprochene Film über den Kampf palästinensischer Dorfbewohner im Westjordanland. ... Der Palästinenser BaselAdra und der Israeli YuvalAbraham haben den Film zusammen gedreht, und nun standen sie auch gemeinsam auf der denkbar größten Bühne für einen Film, der als Friedensprojekt gedacht ist. ... Die Außenpolitik der USA, sagte Abraham, helfe dabei, den politischen Weg zu blockieren, der zu einem friedlichen Miteinander in Israel und Gaza führen könnte."
Und der Siegerfilm? Ja, "Anora" hat zweifellos Wucht und die Erfolgsgeschichte dieses Indie-Films von der Goldenen Palme in Cannes (unser Resümee) bis zum Oscarsegen ist beeindruckend, doch "die Oscars wurden in diesem Jahr um ein paar gute Geschichten gebracht, die perfekt zum Selbstbild Hollywoods gepasst hätten", findet Andreas Busche im Tagesspiegel. "Um die eines Preises für DemiMoore zum Beispiel, die nach über dreißig Jahren in Hollywood, dem natürlichen Alterungsprozess beharrlich trotzend, ihr Lebenswerk mit einer Satire über den Jugendwahn der Unterhaltungsbranche hätte vergolden können. Oder um die Geschichte eines ersten Oscars für eine trans Schauspielerin, Karla Sofía Gascón. Oder um den Regiepreis für BradyCorbet mit 'Der Brutalist', der inmitten seiner Oscar-Kampagne noch Werbung in Europa drehen musste, um Geld zu verdienen. Das Kandidatenfeld war dieses Jahr so ausgeglichen wie lange nicht mehr."
Weiteres von den Oscars: Bert Rebhandl schreibt für den Standard ein Kurzporträt über SeanBaker, dem als unabhängiger Filmemacher mit "Anora" das Kunststück gelungen ist, dass bei diesen Academy Awards erstmals an einem Abend ein Künstler mit insgesamt vier Oscars ausgezeichnet wurde. Marian Wilhelm hofft im Standard, dass Hollywood mit dem Oscarregen für einen Film über Sexarbeiterinnen sich "auch endlich eines Teils seiner Prüderie entledigt". Daniel Gerhardt hat für Zeit OnlineMohammadRasoulof, TimFehlbaum und EdwardBerger zu den Oscars nach Los Angeles begleitet. Ane Hebeisen berichtet im Tages-Anzeiger von der Partylaune in Brasilien über den Oscar für den besten internationalen Film. Robin Detje ärgert sich in der taz grün und blau, dass die Tagesschau den Oscar für den Dokumentarfilm "No Man's Land" nicht schnell und breit genug gewürdigt hat.
Abseits der Oscars: Teresa Wirth informiert in der Presse über den Stand der Dinge beim Filmstandort Wien. Besprochen werden PetraBiondinaVolpes Krankenhaus-Drama "Heldin" (NZZ, unsere Kritik) und die zweite Staffel von TaylorSheridans auf Paramount+ gezeigter Westernserie "1923" mit HarrisonFord (FAZ).
Weitere Artikel: In der FRschreibt Ingeborg Ruthe den Nachruf auf den im Alter von 93 Jahren verstorbenen Berliner Maler Konrad Knebel. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) hat zwei Werke von Max Slevogt an die Erben von Bruno Cassirer restituiert, meldet die FR mit EPD. Derweil meldet Marcus Woeller in der Welt, dass die Erben von Fritz Grünbaum das an sie restituierte Schiele-Bildnis "Knabe im Matrosenanzug" für einen guten Zweck in die Auktion gegeben haben. Der Kunsthistoriker Bernd Ebert wird neuer Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und folgt damit auf Marion Ackermann, meldet der Tagesspiegel. Besprochen wird die Ausstellung "Neuköllner Kunstpreis 2025" in der Berliner Galerie im Saalbau (taz).
Sich für Boualem Sansal auszusprechen, ist in Frankreich nicht ohne - vor allem nicht für algerische Schriftsteller, selbst wenn sie in Frankreich leben. Sie haben Angst. Aber es gibt noch andere Motive, schreibtKamel Daoud in seiner Kolumne für Le Point. Unter anderem diesen: "Sansal? Das ist das Foto von seiner Reise nach Israel, das von islamistischen Medien immer wieder verbreitet wird. Es dient als Urteil. Man darf ihn nicht unterstützen, weil man riskiert, im Namen der angeblichen Befreier Palästinas gelyncht zu werden. Von denen, die glauben, sie würden die Palästinenser lieben, indem sie den Rest der Welt hassen. Sansal steht für Israel, die Juden, den Westen, Verrat, den 'Weg der Normalisierung', Komplize eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit. Indem man durch sein Schweigen die Inhaftierung von Sansal unterstützt, glaubt man, Palästina zu befreien, während man nur dasitzt und die Inhaftierung eines 80-jährigen Mannes begrüßt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!StefanKisterantwortet auf unsere Kritikerumfrage anlässlich unseres 25-jährigen Jubiläums, welche Bücher deutscher Sprache in diesem Zeitraum am prägendsten waren. Er nennt Romane von UweTellkamp, WolfgangHerrndorf, ClemensJ. Setz, NatschaWodin und TeréziaMora: "Die besten deutschen Romane schreiben Autorinnen und Autoren, die aus anderen Sprachen eingewandert sind wie Saša Stanišić, Katja Petrowskaja oder Terézia Mora: 2018 hat das auch die Akademie für Sprache und Dichtung gemerkt und der 1971 in Ungarn geborenen Autorin als erster aus diesem Einzugsgebiet den Büchner-Preis verliehen. Mit dem Roman 'Der einzige Mann auf dem Kontinent' beginnt Terzia Mora ihre Trilogie um den Informatiker Darius Kopp, ein durchschnittlicher, mäßig attraktiver Mittvierziger. Während ihm beruflich und privat die Felle davonschwimmen, birgt Mora diese Geschichte einer Selbstauflösung in einem komplexen Netz aus erzählerischen Verknüpfungen und Rückblenden. Es spannt sich über zwei weitere Romane und die wichtigsten Buchpreise, die in Deutschland vergeben werden - zurecht." Alle weiteren Beiträge zu unserer Kritikerumfrage finden Sie hier.
Weitere Artikel: Kerstin Holm berichtet für die FAZ vom Internationalen Literaturfestival Odessa, das in diesem Jahr kriegsbedingt erneut im Exil in Krakau stattfand (hier unser erstes Resümee). Paul Jandl findet es in der NZZ durchaus nachahmenswert, dass der US-Verlag Simon & Schuster sich von den Blurbs - also meist überschwänglichem, aber rein gefälligkeitsdienstlichem Lob unter Schriftstellerkollegen auf Büchern - verabschieden will: "Man könnte auf so etwas gerne verzichten." Für das CrimeMagspricht Alf Mayer mit GarryDisher über dessen neuen Krimi "Desolation Hill".
Besprochen werden unter anderem UlfErdmannZieglers "Es gibt kein Zurück" (FR), RicardaMessners "Wo der Name wohnt" (NZZ), OliverLovrenskis "bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann" (Welt), RičardasGavelis' "Vilnius Poker" (FAZ) und ChristinaHenríquez' "Der große Riss" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Szene aus "Der Fall McNeal". Foto: Tommy Hetzel Große Namen am Wiener Burgtheater: Jan Bosse hat Ayad Aktharsneues Stück "Der Fall McNeal" in Übersetzung von Daniel Kehlmann auf die Bühne gebracht, und dafür nach fünfjähriger Burg-Abstinenz Joachim Meyerhoff in der Hauptrolle als mit Künstlicher Intelligenz tricksender, soziopathischer Großschriftsteller besetzen können. In der Welt staunt Jakob Hayner: "Akhtar gelingt es meisterhaft, mit Schein und Sein zu spielen und so mit jeder Szene das Rätsel weiter zu entfalten. McNeal, ob mit seiner Agentin (Dorothee Hartinger), seiner ehemaligen Affäre (Zeynep Buyraҫ) oder einer jungen, schwarzen Journalistin von der New York Times (Safira Robens), bleibt dabei so widersprüchlich, wie es auch Virginie Despentes mit 'Liebes Arschloch' gelungen ist. Es ist weder ein Abgesang noch eine Eloge auf die alten, weißen Männer. Auch, weil es gar nicht so sehr um diese Männer geht, sondern um die epochale Frage, was wir eigentlich unter Kreativität verstehen. Den genialischen, aber abgründigen Einzelnen? Den mechanischen Apparat, der digitalen Maschine gleich? Oder gibt es ein Drittes zwischen Romantik und Determinismus?"
Fragen nach dem Verhältnis von Kunst, KI und Urheberschaftsiehtnachtkritikerin Andrea Heinz hier zwar nicht beantwortet, dennoch bewundert sie, wie Bosse die KI auf die Bühne bringt: "Schon zu Beginn sieht das Publikum sich selbst, von einer Live-Kamera (Andreas Deinert, Andrea Gabriel, Mariano Margarit) auf der Bühne gefilmt, auf die dortige Leinwand projiziert. McNeal fotografiert, um noch eine Ebene hinzuzufügen, mit seinem Handy in den Zuschauerraum. Videotechnik und Deep Fake werden den ganzen, zweistündigen Abend hindurch den Bühnenraum bestimmen, der ansonsten nur aus glänzender lackschwarzer Oberfläche und wenigen Requisiten besteht, einer Krankenhaus-Liege etwa, die ab und zu aus der Unterbühne auftauchen. FAZ-Kritiker Martin Lhotzky sieht indes mehr ein "Kammerspiel".
Besprochen werden Hans Walter Richters Inszenierung von Adolphe Adams "Postillon von Lonjumeau" an der Oper Frankfurt (FAZ, FR) und Christian Stückls Inszenierung von Schillers "Don Karlos" am Münchner Volkstheater (SZ, nachtkritik) und Jetske Mijnssens Inszenierung der Händel-Oper "Agrippina" an der Oper Zürich (NZZ).
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