Im Kino
Purzelbaum ins Bett
Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
29.10.2024. Eine Geschichte, wie sie so nur in New York spielen kann, erzählt Sean Bakers "Anora". Die Romanze einer Stripperin und eines Oligarchensohns ist mal Liebesschwärmerei, mal Nachtodyssee, mal Kriminalgroteske und durchweg mit viel Kenntnis der Filmgeschichte inszeniert.
Für manche Geschichten gibt es wohl immer noch keinen besseren Raum als New York. Die Entfernung zwischen dem zentralen Manhattan und der Metropolregion Brighton Beach am südlichsten Ende von Brooklyn ließe sich mit der Bahn innerhalb einer knappen halben Stunde bewältigen, viel mehr als das Schienennetz verbindet beide Stadtteile jedoch nicht. In Sean Bakers gleichnamigen Film pendelt Anora (Mikey Madison) täglich diese Strecke zwischen ihrer Arbeit als Lapdance-Tänzerin in einem der zahlreichen Stripclubs in Midtown, die seit den 2020er-Jahren eine Tourismus-Renaissance als sogenannte "gentlemen's clubs" feiern, und einem direkt an der Bahnlinie erbauten Backsteinhaus, das sie zusammen mit ihrer Schwester bewohnt, um die Mietkosten etwas drücken zu können. Sie nennt sich lieber Ani, da sie mit der russischen Herkunft ihres Vornamens nichts verbindet. Sie spräche kein Russisch, sagt sie einem Kunden, der sich nur gebrochen in Englisch mitteilen kann, aber sie würde die Sprache verstehen. Die in die Vergangenheit deutenden Wurzeln von Namen hätten in den USA allerdings sowieso keine wirkliche Bedeutung mehr.
Kunde ist vielleicht erst mal zu viel gesagt: Eher scheint sich Vanya (Mark Eydelshteyn) in den Club verirrt zu haben, angetrunken und aufgekratzt, zwischen den Sprachen taumelnd. Aber dann ist Kunde vielleicht schon bald zu wenig gesagt, denn zwischen Anora und ihm keimt etwas, das keiner Worte bedarf und nicht verebbt, als der Alkohol wieder aus der Blutbahn entwichen ist. Er lädt sie am nächsten Tag in das Ferienhaus seiner Eltern ein, notorisch mythenumrankte russische Oligarchen, wie Anora ergoogelt, die ihrem Sohn einen verlängerten Ferienaufenthalt an der amerikanischen Ostküste ermöglichen.
Vanya hat jugendlichen Swag, der verführerisch wirkt, eine Nonchalance und Unbekümmertheit, die angeboren scheinen. In Socken schlittert er über die Steinfliesen seiner Villa und springt, wenn Anora und er schließlich Sex haben, mit einem Purzelbaum ins Bett. Er ist 21, sie 23 Jahre alt, ein Unterschied von nicht allzu vielen Monaten, der gleichwohl durch unterschiedliche Erfahrungsdichte verfestigt wird: Spricht Anora mit ihm, wiegt sie ab, schätzt seine Bedürfnisse ein, muss verhandeln. Eine ganze Woche möchte er, und darin belehnt der Film offen und mit sichtlichem Genuss Garry Marshalls "Pretty Woman", mit ihr verbringen und sie dafür bezahlen. 10.000 Dollar soll der Tauschwert sein, den Anora auf 15.000 erhöht.

Sie ist eine Figur, wie sie zuletzt auch Simon Rex in Bakers vorhergehendem Film "Red Rocket" spielte: Sexarbeiter*innen, denen Verhandlungsgeschick und Mutterwitz eine sichtbare Würde verleihen, die ihnen gesellschaftlich kaum jemand zugestehen möchte. Mit neugieriger Beobachtungsgabe und Einfühlungsvermögen erzählt Baker von diesen Figuren, zwischen Komödie und Melodram pendelnd, in technicolorartigen Farben und Widescreen-Einstellungen, ohne dabei in eine allzu artifizielle Überhöhung abzugleiten.
"Today this could be the greatest day of our lives" heißt es zu unverbrüchlich insistierenden Klavierakkorden in einem Song von Take That, der wie ein Leitmotiv immer wieder aufs Neue in "Anora" erklingt. Auf einem Trip mit dem Privatjet nach Las Vegas beschließen Vanya und Anora zu heiraten, um Vanya eine Green Card zu verschaffen, die ihn davon entbinden soll, nach Russland zurückkehren zu müssen. Wenn die Kamera nach der Trauung durch den Lichterregen von Vegas schwebt, aber stets in geradezu aufdringlicher Nähe bei den beiden Liebenden verbleibt, scheint es für einen Moment, als könnte die Anziehung zwischen zwei Menschen attraktiver sein als alle Attraktionen der am hellsten erleuchteten Stadt der Welt. So schnell, wie er auftauchte, verschwindet Vanya aber auch wieder: Als seine Eltern von der Heirat erfahren, buchen sie einen Flug nach New York, um ihn zu einer Annullierung der Ehe zu zwingen. Vanya entzieht sich und flüchtet, Anora macht sich, von seiner Familie gezwungen, auf die Suche.
Ähnlich wie "Uncut Gems" von Josh und Benny Safdie, ein Film, der seine Verve und Dynamik ebenfalls aus der genauen Kenntnis der Topografie New Yorks zog, ahmt "Anora" die Intensitätsstrategien des New-Hollywood-Kinos nach, sei es in der Schnittstruktur oder einer Vorliebe für hektische Nahaufnahmen und die ausgestellte Körnung analogen Filmmaterials. Durch seine Geschichten hindurch erweist sich Baker als überzeugter Advokat eines mittelbudgetierten Genrekinos, das seine Dringlichkeit aus einer passioniert nachempfundenen Kenntnis der Filmgeschichte zieht. Als farbenfrohe Liebesschwärmerei, als urbane Nachtodyssee und am Ende geradezu infantil alberne Kriminalgroteske ist "Anora" ein Film, dessen Impulse in entgegengesetzte Richtungen streben und bisweilen kaum noch zu einem Zentrum zurückzufinden scheinen. Es gilt für ihn möglicherweise dasselbe wie für eine Bahnfahrt durch New York: Das euphorisierende Glück liegt eher darin, eine weite Entfernung hinter sich zu legen, als darin, tatsächlich eine Verbindung zu finden.
Kamil Moll
Anora - USA 2024 - Regie: Sean Baker - Darsteller: Mikey Madison, Mark Eydelshteyn, Yura Borisov, Karren Karagulian, Vache Tovmasyan - Laufzeit: 139 Minuten.
Kommentieren



