Efeu - Die Kulturrundschau

Gleichzeitigkeiten scheinen auf

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31.01.2025.  Die NZZ taucht ein in verwunschene Biberteiche in einer Ausstellung mit nordischer Malerei in Basel. Die taz staunt, wie Calixto Bieito den Palast der Republik in seiner Pariser "Rheingold"-Inszenierung noch einmal untergehen lässt. Zeit Online und Welt sehen die ganze Geschichte der USA in einer Person in Alexander Horwaths brillantem Essayfilm "Henry Fonda for President". Und alle trauern um die große Marianne Faithfull, die "Ingeborg Bachmann der Popmusik", wie die SZ schreibt
9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.01.2025 finden Sie hier

Kunst

Anna Boberg: Nordlichter. Bild: Nationalmuseum Stockholm, Vermächtnis Ferdinand und Anna Boberg.


Um den borealen Wald zu erleben, muss man nicht mehr nach Skandinavien reisen, auch die Fondation Beyeler mit der Ausstellung "Nordlichter"" ist eine Möglichkeit, freut sich Philipp Meier in der NZZ. Auf Bildern von Künstlern wie Edvard Munch oder Hilma af Klimt bestaunt er "kristallklare Gletscherseen, verwunschene Biberteiche, vom Wind gepeitschte Küstenstriche, im Sonnenlicht funkelnde Schärenlandschaften und Fjorde - und immer wieder grellgrün glimmende Nordlichter." Dabei gehe es der Schau keineswegs um "kunsthistorische Kategorisierungen", sondern um einen naturwissenschaftlichen Ansatz", erkennt Meier: "Allen Malern der Schau gemeinsam ist die Erfahrung einer überwältigenden Natur, die sie in die Kunst zu übersetzen vermochten. (…) Das Atemberaubende vieler der panoramaartig wirkenden Ansichten rührt nicht nur vom Eindruck der unermesslichen Größe des borealen Waldes her, sondern hat auch damit zu tun, dass die Künstler ihre Landschaften oft von oben zeigen, als hätten sie beim Malen eine Drohne benutzt. Ein weiteres Merkmal der erlesenen und meisterhaft choreografierten Auswahl dieser Landschaftsbilder ist der Umstand, dass sie völlig menschenleer sind. Dies gibt der Schau eine tiefe Stille und vermittelt ein Gefühl, als ob man einer Weltgegend ansichtig würde aus einer Ära lange vor der Ankunft des Menschen."

Caspar David Friedrich ist bisher selten in den USA gezeigt worden, das ändert Max Hollein, Direktor des New Yorker Metropolitan-Museums aktuell mit der großen Retrospektive "The Soul of Nature". Im großen SZ-Interview erklärt er den indirekten Einfluss des Künstlers auf die US-amerikanische Malerei und legt den Ansatz seines Hauses dar: "Damit auch die Kunst der Vergangenheit für den Besucher zum Sprechen kommt, müssen wir zeigen, welche Agenda es gehabt hat" - und er macht Mut zum Scheitern: "Nicht jedes Kunstwerk muss den Betrachter mit Freude erfüllen. Es können genauso auch Angst oder Schrecken damit verbunden sein. Ich finde sogar: Nicht jede Ausstellung über einen Künstler muss immer nur die besten Werke beinhalten, Sie wollen auch einmal zeigen, wo der Künstler gescheitert ist."

Weiteres: Die Kunsthalle Kiel hat Bilder aus dem Nachlass der im vergangenen Herbst verstorbenen Künstlerin Anita Albus erworben, meldet die FAZ. Laut FR übernimmt das Documenta-Archiv in Kassel einen Teilnachlass des Fotografen Wilfried Bauer.

Besprochen werden: Die Ausstellung "Friedrich Nerly: Von Erfurt in die Welt" im Angermuseum Erfurt (Tagesspiegel) und Anne Imhofs Performance "Doom: House of Hope" im New Yorker Park Avenue Armory (Monopol).
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Film

Alexander Horwaths dreistündiger Essayfilm "Henry Fonda for President" kommt nun, nachdem Arte eine lächerlich gekürzte Rumpfversion des Films zeigte, regulär in die deutschen Kinos (hier unser Resümee zum österreichischen Filmstart). Der Filmhistoriker verbindet darin die Familiengeschichte und Biografie Henry Fondas, die Geschichte der USA und die Filmografie des Schauspielers in einem beeindruckend dichten Gesamtbild der Staaten - und dies "auf so umfassende, immer wieder überraschende und hochspannende Weise, dass in diesen drei Stunden das Zeitgefühl ein anderes wird", schwärmt Cosima Lutz in der Welt. "Gleichzeitigkeiten scheinen auf, mit Linien bis ins Heute, und die Sedimente amerikanischer Geschichte(n) werden wie ein offenes Buch lesbar, gespiegelt nur an einer einzigen Person. ... Dass das so gut funktioniert und nie ins geschwätzige Biopic abrutscht, liegt an Horwaths umfassender Kenntnis, seinem hellwachen Forscherinteresse und archivalischen Findeglück, an dem auch Regina Schlagnitweit mit ihren Recherchen entscheidenden Anteil hat."

Dieser Film ist "brillant, im besten Sinne ausufernd", jubelt Daniel Moersener auf Zeit Online. "Fonda verkörperte ein Amerika, das im besten Sinne heldenhaft war. Ein Mann mit feinen Zügen, aber eben nicht aristokratisch oder bürgerlich. Kein Gesicht der Herrschenden, sondern derer, die sich nicht mehr beherrschen lassen wollen. In Momenten des Schmerzes oder Verlusts bedeckt seine Hand die Augenpartie, im Grunde eine Strategie der Nichtkommunikation, die alles kommuniziert: 'Ein Schrei, den er nie geschrien hat, ein Lachen, das er nie gelacht hat', heißt es an einer Stelle im Film."

Außerdem: Josef Nagel hat für den Filmdienst aufgeschrieben, welche Film-Ausstellungen 2025 auf uns zukommen. Kathleen Hildebrand fragt sich in der SZ, warum in Film und Literatur - aktuelles Beispiel Kino-Beispiel: "Nightbitch" von Marielle Heller mit Amy Adams - Frauen den Weg in die Waldeinsamkeit antreten oder gar vollends zu Pflanzen metamorphisieren. Besprochen werden Yasemin Şamderelis Sportdrama "Samia" (Standard), Dougal Wilsons Kinderfilm "Paddington in Peru" (Presse) sowie die Netflix-Serien "Außer Kontrolle" (Freitag), "American Primeval" (FR) und "Mo" (FAZ).
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Literatur

Maximilian Mengeringhaus stellt im Tagesspiegel die neue Berliner Online-Literaturzeitschrift zæsur. poesiekritik vor. Nachrufe auf den in den letzten zwei Jahren über Social Media bekannt gewordenen Antiquar Klaus Willbrand schreiben Simone Steiner (TA), Sandra Kagel (FAZ) Ronja Wirts (Zeit Online). Besprochen werden unter anderem Zach Williams' "Es werden schöne Tage kommen" (Perlentaucher), Adolf Muschgs Erzählung "Nicht mein Leben" (NZZ) und Isabel Langkabels "Karl Kraus und seine späte 'Sprachlehre'" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur
Stichwörter: Social Media, Kraus, Karl

Bühne

"Rheingold" an der Opéra Bastille. Foto: Herwig Prammer.

Auch in Frankreich gibt es gute Wagner-Aufführungen, sieht tazler Joachim Lange in der Pariser Opéra Bastille, wo der Katalane Calixto Bieito vor 2800 Zuschauern "Rheingold", den Auftakt des "Rings", inszeniert. Für deutsche Zuschauer ist das aus besonderen Gründen interessant: "Zunächst irritiert, dass sich Bieito bei seiner Götterburg (um deren Bezahlung es ja im 'Rheingold' geht) auf eine wuchtige Wand aus Dutzenden Lochblechelementen beschränkt. Ein wallendes Tuch davor steht für den Rhein und gleich noch für das Gold. Diffuse Videos imaginieren einen Blick ins Innere. Am Ende bietet das eine Pointe, die man in Paris kaum so wahrnehmen dürfte. Wenn hinter der Fassade die Lichter angehen, dann erinnern die Lampen an den (auch wie Walhall untergegangenen) Palast der Republik in Berlin. In Paris gibt's jetzt also nicht Erichs, sondern Wotans Lampenladen. (…) Für die Zeichnung von Wotans Gewaltproblem oder Frickas hysterischem Aktionismus kommt Bieitos Fähigkeit für packende Personenregie voll zur Geltung. Gesungen wird in Wagner-Spitzenstandard - ohne Kraftmeierei."

Judith von Sternburg interviewt für die FR die französische Dirigentin Marie Jacquot, die in der Oper Frankfurt "Guercœur" dirigiert, die zweite Oper von Albéric Magnard, am Sonntag ist die Premiere. Der Komponist ist in der Frühphase des Ersten Weltkriegs von deutschen Soldaten getötet worden und bis heute kaum aufgeführt, ihre Faszination erklärt Jacquot so: "Er war eigen, und ich mag Komponisten, die ihre Sprache verteidigen. Wie Sibelius zum Beispiel. Er hat versucht, sich von den Harmonien zu lösen, er interessierte sich für Schönbergs Arbeit, aber er musste feststellen, dass es nicht seine Sprache war. Magnards Sprache kommt aus der französischen Musik, dazu kam der Einfluss von Richard Wagner. Eine deutsch-französische Freundschaft, was natürlich mit Blick auf sein Ende tragisch ist. Wenn man Musik von Magnard im Radio hören würde und nicht wüsste, von wem das ist, wäre man ratlos. Es ist sehr besonders, es ist seine Sprache. Vielleicht kann man sagen, ja, ein bisschen Wagner, ein bisschen Duparc, Chausson, aber das trifft es alles nicht. Es ist Magnard."

Weiteres: Dorion Weickmann stellt in der SZ den Choreografen Kyle Hanagami vor.

Besprochen werden: Durs Grünbeins Roman "Komet" in der Inszenierung von Tilman Köhler im Schauspiel Dresden (FAZ), "Die Frau ohne Schatten" von Richard Strauss in der Regie von Tobias Kratzer in der Deutschen Oper (Neue Musikzeitung) und "Echo 72 - Israel in München" von Michael Wertmüller und Roland Schimmelpfennig an der Niedersächsischen Staatsoper in Hannover (Welt).
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Musik

Marianne Faithfull ist tot. Mit ihren Abstürzen, Krisen und Comebacks war sie, die in den Sechzigern an Mick Jaggers Seite die Yellow Press mit grellen Überschriften versorgte, "eine Ingeborg Bachmann der Popmusik", schreibt Willi Winkler in der SZ. Auf ihren Schmachtpop in den Sechzigern folgten Post-Punk Ende der Siebziger und eine Kurt-Weill-Interpretation Ende der Achtziger: "Die Stimme war längst gebrochen, also genau richtig. ... Früh hatte Marianne Faithfull den warmen Wind in den Haaren gespürt, in London, in Paris, in New York, sie ist aber nicht gesprungen. Wenn sie jetzt 'As Tears Go By' sang, war das tatsächlich ein Lied von Marianne Faithfull. Die Stimme hatte dylaneske Tiefen erreicht, aber es war endlich ihre geworden." Hier die Version aus den Sechzigern, die sie berühmt machte:



In der "Londoner Pop-Bohème" der Sechziger "war sie das blonde Mädchen mit dem blauen Blut", schreibt Michael Pilz in der Welt, bevor sie sich in den Siebzigern, nach einer langen Heroin-Phase in der Obdachlosigkeit, im Pop emanzipierte mit ihrer "sehr besonderen, eigenen, schönen Stimme. 'Broken English' hieß das Album ihrer Auferstehung, 'The Ballad of Lucy Jordan' ihre Hymne für die Ewigkeit." Auch Hanspeter Künzler kommt in der NZZ auf das Album zu sprechen: Darauf sang sie sich "den Zorn und die Verzweiflung vom Leib. Es wurde zu einem Standardwerk, an dem künftige Generationen von Sängerinnen und auch Sängern gemessen wurden. Der Raubbau am eigenen Körper aber hat Spuren hinterlassen. Auch in der Stimme, die unterdessen nicht nur um eine Oktave gesunken war, sondern jetzt auch rauchig und brüchig klang. Gerade die Verbindung von Verletzlichkeit, Lebenserfahrung und Durchhaltewillen aber verlieh ihrem Gesang ... eine eigentümliche Expressivität." Unten das Titelstück, weitere Nachrufe in der Presse und in der FAZ.



Die GEMA mag musik-generative KI-Plattformen noch so sehr verklagen, aber mit der Eindämmung wird das alles nichts mehr, glaubt Tobi Müller auf Zeit Online nachdem er sich auf Partys umgesehen hat, bei denen Prompt-Jockeys die Dancefloor-Banger live per Prompting generieren und sofort auf die Tanzfläche jagen (hier eine Kurz-Doku auf Youtube zu dem Phänomen). "Man muss - bei aller berechtigten Begeisterung für die neue Technologie und bei allem Respekt für die Euphorie unter Hackern - über das Ende der Popmusik reden, wie wir sie bisher gekannt haben. Unter den knapp 100.000 Songs, die laut Schätzungen allein 2024 jeden Tag auf Streamingplattformen hochgeladen wurden, ist der Anteil von KI-generiertem Pop dramatisch gestiegen." Denn KI "kann Popmusik so gut imitieren, weil diese zumindest formal und harmonisch einfachen Regeln gehorcht. ... Wie viele Popsongs klangen schon vor KI nach unzähligen anderen Popsongs, wie viele Prozesse wurden darüber schon geführt und meistens von den Klägern verloren?" Solche "Klagen können den Lauf der Dinge höchstens verlangsamen, nicht aber die Flut an KI-generierter Musik bei den Streamingdiensten aufhalten. Viele Pop- und Funktionsmusiker wird diese Flut arbeitslos machen."

Weitere Artikel: Joachim Hentschel porträtiert für die SZ Bonnie "Prince" Billy, der ein neues (im Standard besprochenes) Album veröffentlicht hat. Die in Berlin lebende, österreichische Band Ja, Panik protestiert gegen die FPÖ, meldet Johanna Schmidt in der taz. Judith von Sternburg spricht für die FR mit der Dirigentin Marie Jacquot. Lara Marmsoler porträtiert für die SZ die österreichische Sängerin Anna Buchegger, die mit ihrer "politischen Dialektmusik" den Rechten den Heimatbegriff nehmen will. Ilo Toerkell spricht für die taz mit Dua Saleh. Das vor 30 Jahren erschienene zweite Soloalbum des Pixies-Sängers Frank Black floppte seinerzeit, entpuppt sich heute aber als zeitlos, schreibt Karl Fluch im Standard. Jan Brachmann gratuliert in der FAZ dem Pianisten Peter Rösel zum 80. Geburtstag und meldet außerdem, dass die Sammlung "Pommersches Volksliedarchiv" mit einer Online-Datenbank ans Netz gegangen ist.

Besprochen werden das von Vladimir Jurowski dirigierte Auschwitz-Gedenkkonzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin mit dem Rias Kammerchor mit aus der Shoah geretteten Streichinstrumenten (ND), das neue Album von Joan Armatrading (taz), Wiener Konzerte von Evgeny Kissin (Standard) und Tord Gustavsen (Standard) sowie neue Popveröffentlichungen, darunter "List of Demands" von Damon Locks (Tsp).

Archiv: Musik