Efeu - Die Kulturrundschau
Bis in das abstrakteste Flirren
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24.01.2025. Die Feuilletons beugen sich über die Oscarnominierungen: Jacques Audiards "Emilia Perez" führt mit dreizehn Nominierungen, aber der Tagesspiegel setzt seine Hoffnung eher auf Brady Corberts Epos "The Brutalist". Das Europaparlament kritisiert die Festnahme Boualem Sansals in einer Resolution. Die SZ bekommt mit Alexander Eisenachs Palmetshofer-Inszenierung "Sankt Falstaff" in München ein Lehrstück in maskulinem Machtgebaren geboten. Yuval Raphael, Überlebende des Hamas-Massakers, wird für Israel beim ESC antreten, melden die Zeitungen. Die taz versichert, dass auch das neue Album von Punk-Urgestein EA80 gewohnt sperrig und gradlinig ist.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
24.01.2025
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Film

Die Oscarnominierungen stehen fest. Wie zu erwarten, gehen Jacques Audiards "Emilia Perez" (hier unsere Kritik) mit 13, Brady Corberts Epos "The Brutalist" (unser Festivalresümee) und Jon M. Chus Musical "Wicked" (unsere Kritik) mit jeweils zehn und Edward Bergers "Konklave" (unser Resümee) mit acht Nominierungen als große Favoriten ins Rennen. Mohammad Rasoulofs iranisches Drama "Die Saat des heiligen Feigenbaums" (unsere Kritik) ist - aus rein formal-produktionstechnischen Gründen - für Deutschland als bester internationaler Film nominiert. Moritz Binder und Tim Fehlbaum sind für die deutsche Produktion "September 5" (unsere Kritik) fürs beste Drehbuch nominiert. Edward Berger, der zwar 2023 für "Im Westen nichts Neues" den Oscar für Deutschland gewonnen hat und seinen Arbeitsschwerpunkt auch hier hat, wird von vielen Feuilletons zwar kurzerhand zum deutschen Regisseur hochgejubelt, ist allerdings ein österreichisch-schweizerischer Staatsbürger - und sein Film eine britisch-amerikanische Produktion.
In der SZ staunt David Steinitz über den Nominierungserfolg von "Emilia Perez": "So viele Nominierungen hat eine Produktion, die außerhalb der USA entstanden ist, noch nie erhalten." Entsprechend zweifelt Carolin Ströbele auf Zeit Online, dass Rasoulofs "Saat des heiligen Feigenbaums" als bester internationaler Film ausgezeichnet werden wird: "So verdient Rasoulofs Nominierung ist, so schwer wird es für den Film sein, sich gegen die bereits mit Preisen überhäufte Konkurrentin 'Emilia Pérez' durchzusetzen."
Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche setzt seine Hoffnungen ganz auf "The Brutalist": "Corbet hat mit gerade mal 38 Jahren im Grunde schon das definitive Werk seiner noch jungen Karriere vollbracht. ... Es wäre ein wichtiges Signal in Richtung der Studios, solche Großproduktionen abseits von Franchises in Zukunft weiter zu ermöglichen." Rüdiger Suchsland schwärmt auf Artechock von der Vorführung von Brady Corbets "The Brutalist" im Rahmen der Viennale im vergangenen Oktober mit nur Cinephilen im Saal, inklusive enthusiastischer Debatten in der Pause: "So muss Kino einmal gewesen sein, zur Hochzeit des Neorealismus oder der Nouvelle Vague - als man den Sinn des Lebens auf der Leinwand fand." Kevin Gensheimer von der Berliner Zeitung staunt zwar über die Monumentalität von "The Brutalist", fand den Film zum Ende hin dann aber doch "enttäuschend". Mariam Schaghaghi hat für die FAZ mit Hauptdarsteller Adrien Brody gesprochen. Der Film startet in Deutschland am 31. Januar.

Schnitt zum Festival Max Ophüls Preis in Saarbrücken, wo Laura Laabs' "Rote Sterne überm Feld" gerade für mächtig Aufsehen sorgt. Rüdiger Suchsland ist auf Artechock vollkommen begeistert: "Für solche Filme ist der Max-Ophüls-Preis gemacht! Für unerwartete Bilder und Bilder des Unerwarteten, des Crossover von Genre und Autorenkino. ... Eine Geisterbeschwörung, ein Zeitreisen-Film, so könnte man diesen Film beschreiben. Das deutsche 'Inception', das Porträt einer deutschen Gesellschaft kurz vor dem Kipppunkt." Die Regisseurin "wirft erstaunlich sinnvoll Einfälle aus Philosophie und Politik, Geschichte und Gegenwart, Utopie und Zeitgeist zusammen, zitiert Sixties-Agitprop und UdSSR-Kino, DDR-Musik und Heimatschnulzen. ... In dem Film kommt die Idee einer 'ästhetischen Linken' vor. Man kann durchaus darüber nachdenken, inwieweit dieser Film selbst Ausdruck oder Statement einer solchen ästhetischen Linken ist. Stilistisch erleben wir ein fragmentarisches Spiel mit Ebenen der Form, des Film-Formats, aber auch der Schrift."
Weitere Artikel: Valerie Dirk fragt sich im Standard, warum Billy Wilders Film-Noir "Sunset Boulevard" Donald Trumps Lieblingsfilm ist. Besprochen werden Benjamin Pfohls Sektendrama "Jupiter" (FAZ, Artechock), Matthew Rankins "Universal Language" (Artechock, mehr zum Film hier), Alexandre de la Patellières und Matthieu Delaportes "Der Graf von Monte Christo" (Perlentaucher, Welt, Artechock), Adam Elliots Animationsfilm "Memoir of a Snail" (Standard), Rich Peppiatts "Kneecap" (Artechock), die Netflix-Serie "Night Agent" (FAZ) und die Sky-Miniserie "Lockerbie" (taz). Außerdem werfen Tagesspiegel und Filmdienst einen Blick auf die aktuellen Kinostarts.
Literatur
Das Europaparlament hat eine Resolution zum Fall Boualem Sansal verfasst (PDF) und verurteilt darin in deutlichen Worten die Festnahme Boualem Sansals und anderer politischer Gefangener, kritisiert die Terrorparagrafen des algerischen Gesetzbuchs, die auf Meinungsdelikte angewandt werden und macht die Partnerschaft mit Algerien von Verbesserungen in Menschenrechten abhängig: Das Parlament "betont, dass die Erneuerung dieses Abkommens auf der Erzielung stetiger und substanzieller Fortschritte in den genannten Bereichen beruhen muss und dass alle künftigen Zahlungen von EU-Mitteln den Fortschritten in diesen Bereichen Rechnung tragen sollten."
Weitere Artikel: In der FAZ-Reihe "Pflichtlektüre für Demokraten" empfiehlt Sandra Kegel Ingeborg Bachmanns "Malina". Besprochen werden unter anderem József Debreczenis "Kaltes Krematorium. Bericht aus dem Land namens Auschwitz" (Welt, FAZ), Ursula Krechels "Sehr geehrte Frau Ministerin" (FR), Monika Rincks Gedichtband "Höllenfahrt & Entenstaat" (Tsp), Carys Davies' "Ein klarer Tag" (FR) sowie Martin Beckers und Tabea Soergels historischer Krimi "Die Schatten von Prag" (Presse). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Weitere Artikel: In der FAZ-Reihe "Pflichtlektüre für Demokraten" empfiehlt Sandra Kegel Ingeborg Bachmanns "Malina". Besprochen werden unter anderem József Debreczenis "Kaltes Krematorium. Bericht aus dem Land namens Auschwitz" (Welt, FAZ), Ursula Krechels "Sehr geehrte Frau Ministerin" (FR), Monika Rincks Gedichtband "Höllenfahrt & Entenstaat" (Tsp), Carys Davies' "Ein klarer Tag" (FR) sowie Martin Beckers und Tabea Soergels historischer Krimi "Die Schatten von Prag" (Presse). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst

Eine Art postmoderne, "hedonistisch getriebene" Realität lernt taz-Kritiker Ulf Ziegler in der Franz Gertsch-Retrospektive "Blow up" in den Hamburger Deichtorhallen kennen, bei der der 2022 verstorbene Künstler zunächst Fotografiertes in nachgerade überwältigende Gemälde übersetzt: "Die Beziehung seiner Malerei - oft nur mit gewöhnlicher Wandfarbe auf unpräparierter Leinwand - zur Fotografie ist vampirhaft. Sie saugt das Fotografische auf und nährt sich davon. Von der Alltagsfotografie nimmt sie: die Kadrierung, den Moment, die Zeugenschaft und die Zärtlichkeit. Zugegeben, die Zärtlichkeit gehört nicht zu einer Theorie der Fotografie. In der Ergründung von Details bleibt der Maler nur vage in der fotografischen Logik, er folgt der Vermutung, was wohl mit einer Linse bei diesem Licht auf Kodachrome gebannt hätte werden können, stilistisch bis in das abstrakteste Flirren. Das Malerische daran ist die komplette Camouflage."
In der Ausstellung "Tedious and Brief" der Israelis Gili Avissar und Tamar Harpaz im Kunstverein Dresden betritt Marcus Boxler für Monopol ein "sensibel kuratiertes Refugium, das durch das große, der Straße zugewandte Schaufenster einlädt. Im Raum levitieren die farbenprächtigen Stoffarbeiten von Gili Avissar in der Nähe des Schaufensters, die Glasarbeiten und Objekte von Tamar Harpaz brauchen die Dunkelheit der abgelegenen Seite. Dort fügen sich ihre installativen Anordnungen von Glasplatten, Spielzeugen, Möbeln und anderen Objekten zu cineastischen Bildern zusammen." Boxler umtänzelt am Anfang die Frage, wie er über eine Ausstellung israelischer Künstler schreiben soll, die heute viele "provozieren" würde und lässt lieber die Künstler und Kuratorin Maja Gratzfeld sprechen. Sie "empfindet die 'Werke wie Waffen, aber weiche Waffen' und betont die 'Leichtigkeit - trotz allem.' Eben diese vermittelt die Ausstellung emotional, sobald sie betreten wird. Wie kleine Gesten, die wir praktizieren, um gegen das alltägliche Grauen zu protestieren. Niemand leugnet hier irgendetwas. Elefanten stehen im Raum, sie sind anwesend. Allerdings verwüsten diese Rüsseltiere den metaphorischen Porzellanladen in Form flatternder Stoffe und fragiler Glasobjekte nur, wenn sie aufgeschreckt werden. Und manchmal kann der Elefant im Raum stehen, ohne zu stören."
Weiteres: Monopol vermeldet den Tod der US-Künstlerin Jo Baer im Alter von 95 Jahren.
Besprochen wird: Die Ausstellung "Von Odesa nach Berlin. Europäische Malerei vom 16. bis zum 19. Jahrhundert" in der Berliner Gemäldegalerie (Berliner Zeitung).
Bühne

"Beeindruckend hoffnungslos" findet SZ-Kritikerin Christiane Lutz Alexander Eisenachs Inszenierung von Ewald Palmetshofers "Sankt Falstaff" am Münchner Residenztheater, es passt aber als "Lehrstück in maskulinem Machtgebaren" perfekt in diese Woche von Trumps Amtsantritt. Palmetshofer hat sich an Shakespeares "Henry IV." und dessen ständig besoffenen "Lebemann" Falstaff orientiert: "Man darf sich daher keinesfalls täuschen lassen vom arg überstrapazierten Fäkalhumor, der doch vor allem die Lächerlichkeit solcher Dominanzgesten illustriert. Männliches Machtgebaren ist nun mal plump, doch Eisenach gibt sein Bestes, dieses nicht auch noch zu plump wirken zu lassen, was über große Strecken auch klappt. Gesten bleiben auf der Bühne halb ausgeführt, Kack-Witze wirken wie Störkörper in Palmetshofers Wortpalästen. 'Sankt Falstaff' ist ein oft prolliger, hitziger und gleichzeitig eiskalter Abend, bei dem man das Menschliche nur in einer Figur findet: im titelgebenden Falstaff. Dass das nicht anstrengend ist, hat niemand behauptet, aber das darf ja ruhig mal so sein im Theater." Vor der Kulisse aktuellen Männlichkeitsgebarens auf der Weltbühne wirkt das Stück vielleicht so auch besser, als wenn es von denjenigen Akteurinnen und Akteuren erzählen würde, die diese Strukturen durchbrechen, überlegt Lutz noch. Weitere Besprechungen: nachtkritik und Standard.
Besprochen wird: Tonio Schachingers "Echtzeitalter", inszeniert von Gerald Maria Bauer im Wiener Theater der Jugend (Standard).
Architektur
Welt-Redakteur Marcus Woeller trifft die drei Architekten Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit, die ihr heute in Berlin sitzendes Büro GRAFT 1998 in Los Angeles gegründet haben, um mit ihnen über die Feuer zu sprechen, die die Stadt heimgesucht haben. Für Putz ist die Stadt "architektonischer Sehnsuchtsort" und "Experimentierfeld der Moderne, auch weil kaum Geschichte vor Ort war." Sein Kollege Willemeit erklärt, wieso die Bauten so brandanfällig sind: "Betonbau war in L.A. immer doppelt so teuer wie woanders. Deswegen hat man immer versucht, möglichst wenig Beton zu verwenden. Holz wurde standardisiert und industriell in großem Maßstab verfügbar gemacht. Es brennt zwar leicht, aber Holzbau ist resilient gegen die andere drohende Katastrophe in Kalifornien: Erdbeben. Biegsames, leichtes Holz bietet eine viel höhere Widerstandsfähigkeit, wenn die Erde wackelt." Auch einen Lösungsvorschlag hat er parat: "Eine Baumethode, die erdbebenresistent und feuerresistenter ist, wäre zum Beispiel sehr leichter Stahlbau. Der steht auf jeden Fall viel länger. Eine höhere Widerstandskraft könnte man auch erreichen, indem man ein Haus mit mehreren Wandschichten aufbaut."
Musik
Yuval Raphael wird beim ESC in der Schweiz für Israel antreten. Die Sängerin zählt zu den Überlebenden des Hamas-Massakers vom 7. Oktober - nach ihren Angaben gelang ihr das nur, weil sie sich unter den Leichen ihrer Freunde versteckte. Musikalisch ist sie ein unbeschriebenes Blatt - Gerrit Bartels vom Tagesspiegel und Jakob Biazza in der SZ werten Interviews mit ihr aus. Hier erzählt sie ihre Geschichte:
Wenn das deutsche Punk-Urgestein EA80 alle paar Jahre ein neues Album veröffentlicht, dann geschieht dies ohne großes Tamtam, schmucklos und lakonisch - und die eingeschworene Fangemeinde reagiert stets euphorisch auf die Meister der Verweigerung, deren Website seit über 20 Jahren aus nichts als einem Schriftzug besteht. Heute erscheint "Stecker" und EA80 "unterstreicht, dass auf die Band Verlass ist", schreibt Du Pham in der taz. "Der Sound in seiner Beständigkeit melodisch melancholisch, die Texte infantil lädiert. Aufs Wesentliche reduziert, ist der Zugang dennoch immer etwas sperrig - und die gequälte Tristesse stellenweise schwer zu ertragen. Dessen ungeachtet ist die Musik weder ausgetüftelt noch originell konstruiert - und will es auch gar nicht sein: EA80 klingen widerstandsfähig und langlebig. Sie machen sich nicht aus Marketingzwecken rar, sie sind einfach so, prunklos und narrensicher. ... Vielleicht ist es genau diese Kontinuität, mit der EA80 einen reinen, verdichteten Punk fabriziert. Während Deutschpunkgroßwesire wie Jens Rachut oder Schorsch Kamerun irgendwann zur Hochkultur finden und vom Feuilleton besprochen werden, WIZO auf Dauer zu albern und Mutter zu artsyfartsy sind, bleibt EA80 unbeirrt dabei, geradlinige Songs zu komponieren."
Detlef Diederichsen singt in der taz ein Loblied auf die musikarchäologischen Bergungsarbeiten des britischen Labels Soundway, das sich auf Grabungen in den Archiven der populären Tanzmusik aus den Siebzigern im Globalen Süden spezialisiert hat. Aktuell liegt die Compilation "Nigeria Special Volume 3 - Electronic Innovation Meets Culture & Tradition 1978-93" vor, die "insofern spannend ist, als in dieser Zeit die Elektrifizierung, Digitalisierung und Synthetisierung des Musikmachens mit großen Schritten vorankam. ... Die beglückende Diversität dieser Triple-Compilation liegt aber auch an der kulturellen Diversität Nigerias, einem Land, in dem über 500 Sprachen gesprochen werden und es unüberschaubar viele musikalische Traditionen, Stile, Spielweisen und daraus immer wieder neu entstehende Hybride gibt. Kommt eine starke musikalische Vorgabe aus dem mächtigen Globalen Norden, soll sie bloß nicht glauben, dass sie das Land im Handstreich nehmen kann. Im Gegenteil, sie wird freundlich hereingebeten, überall willkommen geheißen, aber wenn sie nach einer mehrjährigen Reise durchs Land in den Spiegel schaut, erkennt sie sich selbst nicht wieder." Wir hören rein:
Besprochen werden Paavo Järvis und Víkingur Ólafssons Schweizer Erstaufführung von John Adams' Klavierkonzert "Vertreibung aus dem Paradies" (NZZ), Anja Lechners Album "Bach Abel Hume" (FR) und Ringo Starrs Country-Album "Look Up" (FR).
Wenn das deutsche Punk-Urgestein EA80 alle paar Jahre ein neues Album veröffentlicht, dann geschieht dies ohne großes Tamtam, schmucklos und lakonisch - und die eingeschworene Fangemeinde reagiert stets euphorisch auf die Meister der Verweigerung, deren Website seit über 20 Jahren aus nichts als einem Schriftzug besteht. Heute erscheint "Stecker" und EA80 "unterstreicht, dass auf die Band Verlass ist", schreibt Du Pham in der taz. "Der Sound in seiner Beständigkeit melodisch melancholisch, die Texte infantil lädiert. Aufs Wesentliche reduziert, ist der Zugang dennoch immer etwas sperrig - und die gequälte Tristesse stellenweise schwer zu ertragen. Dessen ungeachtet ist die Musik weder ausgetüftelt noch originell konstruiert - und will es auch gar nicht sein: EA80 klingen widerstandsfähig und langlebig. Sie machen sich nicht aus Marketingzwecken rar, sie sind einfach so, prunklos und narrensicher. ... Vielleicht ist es genau diese Kontinuität, mit der EA80 einen reinen, verdichteten Punk fabriziert. Während Deutschpunkgroßwesire wie Jens Rachut oder Schorsch Kamerun irgendwann zur Hochkultur finden und vom Feuilleton besprochen werden, WIZO auf Dauer zu albern und Mutter zu artsyfartsy sind, bleibt EA80 unbeirrt dabei, geradlinige Songs zu komponieren."
Detlef Diederichsen singt in der taz ein Loblied auf die musikarchäologischen Bergungsarbeiten des britischen Labels Soundway, das sich auf Grabungen in den Archiven der populären Tanzmusik aus den Siebzigern im Globalen Süden spezialisiert hat. Aktuell liegt die Compilation "Nigeria Special Volume 3 - Electronic Innovation Meets Culture & Tradition 1978-93" vor, die "insofern spannend ist, als in dieser Zeit die Elektrifizierung, Digitalisierung und Synthetisierung des Musikmachens mit großen Schritten vorankam. ... Die beglückende Diversität dieser Triple-Compilation liegt aber auch an der kulturellen Diversität Nigerias, einem Land, in dem über 500 Sprachen gesprochen werden und es unüberschaubar viele musikalische Traditionen, Stile, Spielweisen und daraus immer wieder neu entstehende Hybride gibt. Kommt eine starke musikalische Vorgabe aus dem mächtigen Globalen Norden, soll sie bloß nicht glauben, dass sie das Land im Handstreich nehmen kann. Im Gegenteil, sie wird freundlich hereingebeten, überall willkommen geheißen, aber wenn sie nach einer mehrjährigen Reise durchs Land in den Spiegel schaut, erkennt sie sich selbst nicht wieder." Wir hören rein:
Besprochen werden Paavo Järvis und Víkingur Ólafssons Schweizer Erstaufführung von John Adams' Klavierkonzert "Vertreibung aus dem Paradies" (NZZ), Anja Lechners Album "Bach Abel Hume" (FR) und Ringo Starrs Country-Album "Look Up" (FR).
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