Im Kino

Dane-ye anjir-e ma'abed

Die Filmkolumne. Von Carolin Weidner
24.12.2024. Die Familie eines Ermittlers am Revolutionsgericht zersetzt sich während der Proteste nach dem Tod Jin Mahsa Aminis selbst. Mohammad Rasoulofs neuer Film "Die Saat des heiligen Feigenbaums" entfaltet sich als Drama von nahezu klassischer Qualität und stellt sich der Frage, ob der durchseuchte iranische Staat noch zu retten ist.

Es gibt ein Geräusch in Mohammad Rasulofs neuem Film, das sich nur schwer vergessen lässt: Schrotkugeln, die in ein Waschbecken fallen. Die metallischen Perlen hatten sich kurz zuvor in das Gesicht einer jungen Frau gegraben, Najmeh (Soheila Golestani) konnte sie mit einem provisorischen Eingriff im Zimmer ihrer Töchter entfernen. Die Bilder des Vorgangs sind grausam: Die eine Hälfte des Gesichts zeigt blutiges, offenes Fleisch, auch ein stark geschwollenes, wahrscheinlich zerstörtes Auge. Die andere Hälfte scheint unverletzt, ermöglicht dadurch aber auch, Schmerz und Leid der Attackierten zu transportieren. Emotionen, die sich ebenfalls in den Antlitzen von Rezvan (Masha Rostami) und Sana (Setareh Maleki) spiegeln. Beide haben ihre verletzte Freundin, bedeckt von einem blutigen Schleier, in die elterliche Wohnung gebracht. Und beide müssen mit ansehen, wie ihre Mutter sie recht bald wieder aus der Wohnung schickt.

Mohammad Rasulof arrangiert "Die Saat des heiligen Feigenbaums" rund um die Tage und Wochen nach Jina Mahsa Aminins gewaltsamem Tod, welcher der iranischen Öffentlichkeit als Schlaganfall verkauft wurde und dennoch in breiten Protesten gegen das Regime mündete. Für die von Rasulof porträtierte Familie bedeuten die Geschehnisse vor allem Stress: Iman (Missagh Zareh), jüngst zum Ermittler am Revolutionsgericht befördert, sieht sich mit einer schier unerschöpflichen Menge an Fällen konfrontiert, die ihn via Unterschrift zum Henker machen. Gleichzeitig identifiziert er sich mit dem strenggläubigen Regime, verbreitet und stützt es. Iman ist zu einem Teil des Apparats geworden, bewegt sich innerlich tot, starr und gereizt. Möchte man die Parabel aufschlüsseln, die Rasoulof gleich zu Beginn seines Films mittels der Fortpflanzungsmethode von Ficus religiosa vorschlägt - die Pflanze erwürgt mit ihren Luftwurzeln den von ihr befallenen Baum -, dann ist Iman ein von der Saat des Feigenbaums durchsetztes Gewächs, in seinen Fängen ausgezehrt und verstorben. An der Stelle, wo er sich einst befand, ragt nun etwas anderes.


Für Najmeh, Rezvan und Sana bedeutet die Verwandlung beziehungsweise das Verschwinden Imans Unterschiedliches: Najmeh, selbst religiös und bereit, den Lügen des Gottesstaats zu glauben, hegt und pflegt ihren Mann. In einer nahezu sakralen Szene sieht man, wie sie ihn reinigt, rasiert und mit Creme einreibt. Nicht ganz uneigennützig hofft sie zudem auf das weltliche Glück, das der neue Posten verspricht, etwa in Form einer größeren Wohnung. Gleichzeitig spürt Najmeh die Kluft, die sich zwischen Iman und den progressiv gestimmten Töchtern auftut. Sie ist die innerlich bewegteste Figur des Films, eine selbst von der Saat Befallene, die sich jedoch irgendwann gegen die gewaltsame Besetzung wehrt. Rasoulof lässt ihre Strenge sowohl ins Bild einer verschleierten Gläubigen als auch das einer Löwenmutter mit Kurzhaarschnitt kippen. Sich zwischen diesen Polen bewegend, kontrolliert und schützt Najmeh, straft und bewahrt.

Eine Pistole, recht früh etabliert und zur Mitte verschwunden, treibt die geschürte Anspannung auf die Spitze und setzt die Familie in Bewegung. Iman flieht aus Teheran, Najmeh, Rezvan und Sana müssen mit. Das Regime gerät scheinbar ins Hintertreffen, Bilder von emanzipierten Frauen in der Öffentlichkeit wirken auf Iman wie ein Exorzismus. "Die Saat des heiligen Feigenbaums" wird zum Thriller, das sich abspielende Drama ist von nahezu klassischer Qualität: Ist der Mensch, den man einst liebte, irgendwo in den Tiefen noch am Leben? Oder hat ihn etwas Feindseliges gänzlich übernommen und muss, in letzter Konsequenz, vernichtet werden? Anders gefragt: Ist dieser durchseuchte Staat zu retten? Oder kann er nur noch gestürzt werden? Und falls ja: Zu welchem Preis? Rasoulof nutzt das Familiäre, um all dies durchzuspielen. Seine Antwort fällt eindeutig aus, aber der Weg dorthin ist brutal und tragisch. Er führt über Schüsse und Verletzungen sowie eine bittere Erkenntnis: Das als heilig Verehrte wächst auf dem Rücken seiner Opfer. In seinem Inneren ist es, wie Ficus religiosa, hohl.

Carolin Weidner

Die Saat des heiligen Feigenbaums - Iran, Deutschland 2024 - Regie: Mohammad Rasoulof - Darsteller: Missagh Zareh, Soheila Golestani, Mahsa Rostami, Setareh Makeki - Laufzeit: 168 Minuten.