Im Kino
Das große Aufwallen
Die Filmkolumne. Von Karsten Munt
22.01.2025. Kolportage, aber was für eine: Die neue, epische, dreistündige Adaption des Alexandre-Dumas-Romans "Der Graf von Monte Christo" ist eine Wucht. Die Regisseure Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte lieben die Mode, das Mysterium, die Intrige und die Genugtuung, also alles, was diesen Klassiker der Abenteuerliteratur ausmacht.
Es gibt unzählige Fassungen von "Der Graf von Monte Christo". Selbst wenn man von den vielen Kinder- und Bilderbuch-Versionen absieht, lässt sich Alexandre Dumas' Roman als kaum 200-seitiges Abenteuer, als 1500-Seiten Epos und so ziemlich alles dazwischen lesen. Bei Film- und Serienadaptionen sieht es ähnlich aus. Der auf 150 Folgen ausgebreitete Zeitungsroman ist modular genug gebaut, seine Wucht verflüchtigt sich auch bei großzügigen Kürzungen nie ganz. Was in der Literatur Frevel sein mag, hat im Kino immer gut funktioniert. Das Kino darf Kolportage in allen Formen und Fassungen sein. Die Fassung als epochale Rachegeschichte, die Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte in drei Stunden Laufzeit auf die Leinwand bringen, ist eine der besten.
Die Geschichte um die Rache des Edmond Dantès ist modernisiert und sichtbar auf Dynamik getrimmt, im Wissen, dass jede Dumas-Adaption, egal wie sehr sie entschlackt wird, im Kern an das Epochale der Rachefabel gebunden bleibt. Und für ein Epos darf groß aufgefahren werden. Die knapp 43 Millionen Euro Budget können sich, nicht nur gemessen an den bescheidenen europäischen Blockbusterverhältnissen, sehen lassen: "Der Graf von Monte Christo" ist Ausstattungskino, das noch im tiefsten Kerker strahlt, in den opulentesten Farben glänzt, die schönsten Kleider und schneidigsten Uniformen trägt.
Pierre Niney ist Edmond Dantès, der klassische Heros, der gleich zu Beginn des Films die schneidige Uniform abstreift, als einziger den Mut hat, sich ins Meer zu stürzen und eine Fremde aus den Fluten zu retten. Und er ist der Graf von Monte Christo, der gestürzte Heros, der eine Narbe genau dort unter dem Auge trägt, wo sonst Tränen ihren Platz haben; der verbitterte Wiedergänger, der so unnachahmlich das Kinn hebt und sich in seinen Hochstatus verbeißt.

Vor dem Traualtar wird Dantès verhaftet, bevor er zum jüngsten Kapitän Marseilles ernannt werden und seine große Liebe Mercédès (Anaïs Demoustier) heiraten kann. Im Château d'If, im tiefsten und romantischsten Kerker der Mittelmeerregion, findet er sich wieder. Genau hier kommt der Film endgültig im Modus des epochalen Abenteuers an. Bald klopft der Pater Faria (Pierfrancesco Favino) an die Felswand, holt Dantès ins Menschsein zurück, gräbt mit ihm über Jahre den Tunnel in Richtung Freiheit und lehrt ihn nebenbei noch Philosophie, Juristerei und die Geschichte der Templer. Ihr folgend, flieht Dantès wenige Zwischentitel - sprich: mehr als ein Jahrzehnt - später von der Verliesinsel und spürt den verschollenen Schatz des Ritterordens auf. Die Welt hat ihn inzwischen vergessen. Der Vater ist vor Kummer gestorben, Mercédès hat den Nebenbuhler Fernand (Bastien Bouillon) geheiratet und überhaupt haben es all jene in Frankreich zu Macht und Geld gebracht, die den unschuldigen Dantès mit einer Intrige aus dem Leben verbannt hatten. An der Spitze der neue Pariser Elite stehen, neben dem zur Generalität aufgestiegenen Fernand, der ehemalige Kapitän und heutige Bankier Danglars (Patrick Mille) und der korrupte Staatsanwalt Gérard de Villefort (Laurent Lafitte).
Allein für die Rache, oder, wie er es nennt: Gerechtigkeit, kehrt der Graf von Monte Christo zurück. Worin der Unterschied zwischen beidem besteht, was diesen Unterschied ausmacht und ob ein darauf gebauter Lebensentwurf in irgendeiner Form sinnstiftend sein kann - das alles sind für den Grafen keine Fragen mehr. Sie drängen sich erst dort auf, wo seine Verbündeten seinen Plan auf die eine oder andere Weise moralisch in Frage stellen. Haydée (Anamaria Vartolomei), die ihren Vater durch die Hand Fernands sterben sah, hat eine leichte Tendenz zur Vergebung, Andrea (Julien De Saint Jean), der Sohn, den Staatsanwalt Villefort tot glaubte, nachdem er ihn lebendig begraben hatte, tendiert eher Richtung blutige Vergeltung.
Während der Graf seine Rache weiterhin kalt zu servieren sucht, kocht der Film um ihn herum geradezu über: Die Musik dreht mit den Schmerzensschreien der Rächer auf, stampft zur Treibjagd und unterstreicht bei jeder Gelegenheit die Idee des Epos. Der Film liebt die Mode, lässt die Figuren in ständig neuen Kostümen, in den edelsten Herrenhäusern auftreten; er liebt das Mysterium, das sich in den tiefsten Verließen und den ältesten Gräbern auf den verlassenen Inseln des Mittelmeers allein dem Grafen offenbart; er liebt die Intrige, ihre überkomplizierten Schachzüge, die wie bei John le Carré geprobte Manipulation sind; und er liebt die Genugtuung, die es nur dort gibt, wo Feinde einen schrecklichen Preis für ihre Verdorbenheit zahlen. "Der Graf von Monte Christo" gibt sich so erhaben wie pulpig dem großen Aufwallen hin; ist Epos und Trivialliteratur, oder schlicht: tolles Abenteuer-Kino.
Karsten Munt
Der Graf von Monte-Christo - Frankreich 2024 - OT: Le Comte de Monte-Cristo - Regie: Alexandre de La Patellière, Matthieu Delaporte - Darsteller: Pierre Niney, Bastien Bouillon, Anaïs Demoustier, Anamaria Vartolomei, Laurent Lafitte - Laufzeit: 178 Minuten.
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