Efeu - Die Kulturrundschau

Die Frage nach der Schildkröte

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06.01.2025. In der NZZ fragt sich der israelische Schriftsteller Ron Segal, warum das deutsche Außenministerium den Vorschlag Israels abgelehnt hat, zur Feier von 60 Jahren diplomatischer Beziehungen, einen gemeinsamen Stand an der Frankfurter Buchmesse auszurichten. Dass die Literaturbranche mit der KI "Demandsens" zukünftig Manuskripte auf ihren Marktwert hin analysieren kann, schockiert die Welt nicht besonders. Nachtkritik unternimmt mit Klaus Gehres Darmstadter Inszenierung von "Interstellar. Zwischen den Sternen" eine prächtige, aber etwas verwirrende Weltraumreise.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2025 finden Sie hier

Literatur

Irritierend findet es der israelische Schriftsteller Ron Segal in der NZZ, dass das deutsche Außenministerium den Vorschlag Israels, zur Feier von 60 Jahren diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Ländern einen gemeinsamen Stand an der Frankfurter Buchmesse auszurichten, ohne nähere Angabe von Gründen abgelehnt hat. "Es ist noch zu früh, um festzustellen, ob es sich bei der jetzigen Weigerung um ein 'stilles Embargo' gegen Israel oder einfach um die Gleichgültigkeit der Bürokratie handelt. So oder so sind die Schriftsteller, die an dem Jahrestag teilgenommen hätten, sowie ihre Leser und Zuhörer auf der Messe direkt betroffen. In Israel vergeht keine Woche ohne Demonstrationen gegen den Krieg, gegen die Regierung und für eine Vereinbarung zur Freilassung der israelischen Geiseln, die sich noch immer in der Gewalt der Hamas in Gaza befinden. Schriftsteller, unter ihnen ich, erheben ihre Stimme in allen verfügbaren Medien, um die Regierung und Netanyahu selbst zu kritisieren. Warum sollte man diese Stimmen nicht aufgreifen und ihnen auf der Frankfurter Buchmesse eine öffentliche Bühne geben?"

Dass man skeptisch darauf reagiert, wenn in der deutschen Verlagswelt künftig ein KI-Angebot namens Demandsens Manuskripte auf ihren Marktwert hin durchanalysiert, findet Adrian Lobe in der Welt zwar nachvollziehbar, die Alarmglocken schrillen ihm dann aber doch zu laut. Denn erstens, "Data-Mining-Techniken sind nicht neu". Und zweitens "kann so ein Werkzeug eine Chance sein, den hermetischen Literaturbetrieb mit seinen Gatekeepern aufzubrechen und neue Autoren zu Wort kommen lassen. Das Manuskript wird ja von der KI zumindest einmal gescannt und nicht beiseitegelegt. Vielleicht ist das literarische Urteil einer Maschine auch gerechter als das der strengen Rezensenten." Andererseits "besteht mit diesen Analysewerkzeugen auch die Gefahr, dass an den Bedürfnissen des Lesers vorbeiproduziert wird. Wer will schon die recycelten Plots der Erfolgsbücher von gestern lesen?"

"Jeder Versuch, einen lebendigen literarischen Text durch errechenbare Wortkombinationen nachzuahmen, ist eine Leugnung dessen, was Literaturübersetzen ausmacht", schreibt die auf Übertragungen vom Französischen ins Deutsche spezialisierte Übersetzerin Nicola Denis in der FAS zu KI als Übersetzungstool. "Das Übersetzen, auch und gerade das literarische, ist ein Metier, bei dem Empathie und Alterität im Vordergrund stehen. Es geht darum, die Fremdartigkeit wahrzunehmen und in der Zielsprache erfahrbar zu machen. Es gilt, genau hinzuhören, permanent Entscheidungen - semantischer, stilistischer, rhythmischer Art - zu treffen, Optionen zu verwerfen." Maschinell erstellte Übersetzungen müssen eingehend nachbearbeitet werden. Doch "versteht man das Übersetzen als Akt der Alterität, als ernst gemeinte Grenzerweiterung in einem sprachimmanenten, aber auch interkulturellen Kontext, liegt auf der Hand, dass eine empathische Beziehung zwischen Menschen und ihren geistigen Schöpfungen wünschenswerter, ja nachhaltiger ist als das zehrende Misstrauen gegenüber einer simulierenden Maschine."

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Weitere Artikel: David Hinzmann spricht für die FAS mit dem US-Schriftsteller Tommy Orange, selbst ein Cheyenne, der mit seinem Roman "Verlorene Sterne" die Gewaltgeschichte einer Cheyenne-Familie erzählt. In der FAZ-Serie "Pflichtlektüre für Demokraten" legt uns der Literaturwissenschaftler Rüdiger Görner Thomas Manns 1930 erschienene Novelle "Mario und der Zauberer" ans Herz, die "vor Radikalisierung warnt, Entlarvung manipulativer Zustände fordert" und außerdem zeigt, "dass Mehrheiten irren können, sich fehlleiten und Illusionen ausliefern". Matthias Heine (Welt) sieht die Folgen des Klimawandels nur allzu deutlich, wenn er Erich Kästners 1955 verfasstes Gedicht über den Januar mit den tatsächlichen Januaren der letzten Jahre abgleicht. Jan Wilm (NZZ) und Jan Wiele (FAZ) schreiben Nachrufe auf den Schriftsteller David Loge. Judith von Sternburg schreibt in der FR zum Tod des Verlegers Hans Dieter Beck.

Besprochen werden unter anderem Noëlle Krögers Comic "Meute" (taz), die deutsche Neuausgabe von George R. Stewarts "Sturm" (online nahcgereicht von der FAS), Giulia Caminitos "Das große A" (Standard), Felix K. Nesis "Die Leute von Oetimu" (FR), Hasnain Kazims "Deutschlandtour" (FR), Giacomo Leopardis "Zibaldone" (Standard), Bücher von Lothar Müller und Jan Mohnhaupt über Spinnen (online nachgereicht von der FAZ) und neue Krimis, darunter Tim O'Briens "America Fantastica" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Hans Christoph Buch über Jean de Bourgois' "Icke":

"Ick sitze da un esse Klops.
Uff eemal klopp's ..."
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Film

Carolin Ströbele unterhält sich für Zeit Online mit Mohammad Rasoulof über dessen Film "Die Saat des Heiligen Feigenbaums" (unsere Kritik). Claus Löser empfiehlt in der Berliner Zeitung das aufs US-Independentkino spezialisierte Filmfestival "Unknown Pleasures" im Berliner Kino Wolf. In der FAZ gratuliert Patrick Bahners Rowan Atkinson zum 70. Geburtstag. Und: Bei den Golden Globes wurde das Biopic "The Brutalist" über den Architekten László Tóth als "bester Film" ausgezeichnet - weitere Auszeichnungen für den Film gingen an Brady Corbet (beste Regie) und Adrien Brody (bester Hauptdarsteller). Hier alle Preisträger im Überblick.

Besprochen werden Luca Guadagninos Burroughs-Verfilmung "Queer" mit Daniel Craig (Jungle World, unsere Kritik), Robert Eggers' "Nosferatu"-Remake (Jungle World, unsere Kritik) und die zweite Staffel der ZDF-Serie "Der Palast" (taz, Tsp).
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Kunst

"Les Baigneuses à la tortue", Henri Matisse 1906/1907, gemeinfrei.

Die kleinen Dinge sind es, die die große Matisse-Retrospektive in der Fondation Beyeler bei Basel spannend machen, verrät Monopol-Kritikerin Alicja Schindler. Am besten gefällt ihr der Teil der Ausstellung, "in dem sich die Auswirkungen von Matisses Italien-Reise im Sommer 1907 nachvollziehen lassen." Denn hier sind nicht die hinreichend bekannten Klassiker zu sehen, sondern Bilder, die der Kritikerin "ungewöhnlich, rätselhaft und irgendwie eigenartig" erscheinen. Wie zum Beispiel das 1907/1908 entstandene "Baigneuses à la tortue": "Die Szene ruft Paul Cézannes Badende wach, die Einteilung des Hintergrunds in eine ultramarinblaue obere und eine grüne untere Fläche erinnert an Giottos Darstellung der Taufe Christi in der Scrovegni-Kapelle in Padua. Die holzschnitthafte Körperlichkeit der drei Frauen ist imposant, im Gegensatz zu ihrer prähistorisch wirkenden Massigkeit sieht die Schildkröte am unteren Bildrand winzig aus, trotzdem zieht das kleine Tier meine Aufmerksamkeit auf sich wie sonst kaum etwas in der Ausstellung. Ein Detail, das hier keinen Sinn ergibt - und doch wichtiger sein könnte als es scheint. ... Welche Ausstellungsnarration würde sich wohl ergeben, würde man alle Bilder nochmal ausgehend von der Frage nach der Schildkröte umhängen?"

Außerdem: In der FAZ schreibt Stefan Trinks den Nachruf auf den österreichischen Kunsthistoriker Rudolf Preimesberger. Besprochen werden die Ausstellung "Böse Blumen" in der Berliner Sammlung Scharf-Gerstenberg (FR) und die Erwin Wurm-Retrospektive in der Albertina Modern in Wien (NZZ).
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Musik

Besprochen wird das Boxsext "Hear My Song" mit Alben und Raritäten von Laura Nyro (FR, mehr dazu bereits hier).
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Bühne

Szene aus "Interstellar. Zwischen den Sternen" am Staatstheater Darmstadt. © Sinah Osner

Eine optisch umwerfende, allerdings etwas verwirrende "Weltraum-Fantasie" bekommt Nachtkritiker Michael Laages am Staatstheater Darmstadt zu sehen: Wer den gleichnamigen Film von Christopher Nolan nicht kennt, kommt bei Klaus Gehres Inszenierung von "Interstellar. Zwischen den Sternen" nicht so richtig mit, meint der Kritiker. Es geht jedenfalls um den Weltraum und ums Zeitreisen: "Selten allerdings sehen wir die Spielerin und die drei Spieler (in sehr abstrakten Kostümen von Mai Ogishvili) einfach nur so und in der Darstellung der eigenen Figur; fast immer agieren sie mit der Kamera und vor extrem fantasievollen Hintergründen. Die sind so etwas wie zusätzliche Hauptfiguren; und das ist zuweilen wörtlich zu verstehen - Gehre hat ein furioses Faible für Kinderspielzeug wie etwa handelsübliche Gliederpuppen, die er vor improvisierte Horizonte stellt und filmen lässt, oft mit den realen Bühnenmenschen mit im Bild. Das schafft immer neue Fremdheiten, die zugleich aber sonderbar vertraut wirken - denn wer hat denn nicht (vor mehr oder weniger langer Zeit) derlei Kinderspielzeugwelten gebaut für sich selbst?"

In der taz findet Björn Hayer, dass sich Gehre mit dem Nachbauen der "astralen Bildgewalt" des Films etwas viel vorgenommen hat. "Mutig" ist dieses Theaterexperiment dennoch: "Und was überdies besticht, ist der Gesang. Immer wieder stimmen die Schauspieler eine berührende Version des Songs 'Always on My Mind' an, um dadurch die Liebe als über alle physikalischen Barrieren hinweg verbindendes Element zu feiern - keine schlechte Idee in dieser dunklen Gegenwart!"
Archiv: Bühne