Tommy Orange

Verlorene Sterne

Roman
Cover: Verlorene Sterne
Hanser Berlin, Berlin 2024
ISBN 9783446280014
Gebunden, 304 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Hannes Meyer. Orvil Red Feather kommt nicht los von den Schmerzmitteln. Er weiß, er ist ein Klischee: verletzt ins Krankenhaus rein, geheilt und abhängig wieder raus - eine zeitgenössische Tragödie. Doch die Sucht zieht sich schon lange durch seine Familie. 1864 kämpft Jude Star, ein Vorfahre Orvils, als Kind gegen die brutale Austreibung seiner indigenen Sprache und Kultur. Am Ende ist es der Alkohol, der ihn kurzzeitig in seiner Trauer auffängt und schließlich niederstreckt. Tommy Orange verknüpft die Schicksale zweier Jungen, zwischen denen 150 Jahre Kolonialgeschichte liegen, und zeigt uns Amerika in neuem Licht: als ein Kontinuum von Vertreibung und Gewalt, das nur hin und wieder von lichten Momenten des Widerstands unterbrochen wird.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 07.11.2024

Ein tolles Buch über Herkunft und die Frage, ob man ihr entfliehen kann, hat Tommy Orange geschrieben, lobt Rezensent Jens Uthoff. In der Nachfolge von Oranges "Dort dort" gehe es wieder um Orwil, einen Amerikaner indigener Abstammung, der nach einer Verletzung medikamentenabhängig wird und sich in sein Gitarrenspiel flüchtet. Eine weitere wichtige Figur ist Sean Price, ein anderer Indigener, der sowohl Männer als auch Frauen begehrt. Außerdem spielt die Geschichte der Indigenen eine Rolle im Buch, unter anderem geht es um das Sand-Creek-Massaker aus dem 19. Jahrhundert, erzählt Uthoff. Viel, manchmal fast zu viel wird in diesem Buch verhandelt, findet er, der sich freilich an Oranges anspielungsreichem Stil erfreut und auch die sprachliche Gestaltung, wie etwa den Gebrauch von langen Ketten von Nebensätzen, lobt. Als ein wichtiges Motiv macht der Rezensent die Schleife, also die ewige Wiederkehr aus. Insgesamt scheint Orange ihm nahe zu legen, dass man seine Identität nicht beliebig frei erfinden kann.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 02.10.2024

Sechs Jahre ist es tatsächlich schon her, dass Tommy Oranges vielbeachteter Debütroman über das Leben der amerikanischen Indigenen erschienen ist, nun liegt der Nachfolger vor, der dort anknüpft, wo "Dort dort" aufhörte, klärt uns Rezensentin Sigrid Löffler auf. Sehr zitatreich, aber auch angetan bespricht sie Oranges Roman, der selbst dem Stamm der Cheyenne und Arapaho angehört und im Text nicht nur die Leidengeschichte der Natives rekapituliert, sondern auch erst einmal erklärt, weshalb er im Roman durchgehend von "Indianern" spricht. In "lässig-abgebrühtem" Ton erzählt Orange insbesondere vom Schicksal der "städtischen Indianer", die meist gegen Armut, Alkohol, Arbeitslosigkeit und Drogen und für das Bewahren indianischer Traditionen kämpfen. Löffler liest all das mit großem Interesse, einzig das Ende, in dem die Figur Orvil, ebenfalls bekannt aus dem Vorgänger, nach einer Überdosis endlich einen Entzug beginnt, erscheint ihr allzu flach.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 16.09.2024

Ein bisschen Fortsetzung des vielbeachteten Debüts und gleichzeitig eine eigene Geschichte ist der neue Roman von Tommy Orange, befindet Rezensentin Judith von Sternburg. Das Buch handelt wieder von der Geschichte der Native Americans und von der (versuchten) Vernichtung ihrer Kultur. Der Autor nimmt vom Massaker in Sand Creek 1864 ausgehend weitreichende Perspektiven bis heute ein, die beispielsweise das "Indianerinternat" von Carlisle, aber auch die fast epidemisch auftretenden Suchterkrankungen unter jungen Natives mit Zuwendung und Wut in den Blick nehmen, ohne pathetisch zu sein. Ein wichtiges Buch, das auch als "zähe Selbstbehauptung" fungiert, so Sternburg abschließend.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 20.08.2024

Tommy Orange ist ein Autor, dem es, wohl auch aufgrund eigener Betroffenheit, kontinuierlich gelingt, die traumatische Geschichte der Native Americans in seinen Romanen verständlich zu machen, so Rezensentin Marie Schoeß, die in diesem neuen Buch "zugleich Fortsetzung wie Vorgeschichte" seines Debüts liest. Im Zentrum steht Orvil Red Feather, der bei einem indigenen Fest angeschossen wird und dessen Familiengeschichte bis zu dem Massaker von Sand Creek zurück erzählt wird, erfahren wir. Die kontinuierlichen Traumata, die Indigene erfahren, spielen eine wichtige Rolle, aber dennoch entfaltet Orange seine Figuren auf komplexe Weise, betont Schoeß, und schafft in dieser Mischung ein beeindruckendes Buch.